Verwandte Gegner? Der Stalinismus und der Nationalsozialismus im Spiegel des Romans Leben und Schicksal von Wassilij Grossman

Ort
Eichstätt
Veranstalter
Zentralinstituts für Mittel- und Osteuropastudien an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt und Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung an der TU Dresden
Datum
02.12.2005
Von
Wiebke Bachmann

Vor hundert Jahren wurde Wasilij Grossman geboren. Vor 25 Jahren ist im Westen sein Werk Leben und Schicksal erstmals veröffentlicht worden. Dennoch sind der Autor und sein Werk vergleichsweise unbekannt, ein Umstand, der vor allem auf die Entstehungs- bzw. Publikationsgeschichte des Buches zurückzuführen ist. Ein Buch, welches, wäre es zu seiner Zeit 1961 veröffentlicht worden, wohl eine viel größere Aufmerksamkeit erregt hätte als ihm tatsächlich beschieden war.

Anlässlich des 100. Geburtstags des Autors (1905-1964) organisierte Leonid Luks vom Zentralinstitut für Mittel- und Osteuropastudien (ZIMOS) in Eichstätt, zusammen mit dem Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung an der TU Dresden am 2. Dezember 2005 in Eichstätt die Konferenz „Verwandte Gegner? Der Stalinismus und der Nationalsozialismus im Spiegel des Romans Leben und Schicksal von Wassilij Grossman“. Die Konferenz beleuchtete die Biographie des Autors und bot eine umfassende Einführung und Analyse des Werkes, sowie eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Totalitarismustheorie Grossmans. Sie hatte aber nicht zuletzt auch das Ziel, ein breiteres Publikum auf dieses grundlegende Werk kritischer sowjetischer Literatur aufmerksam zu machen und zu seiner weiteren Verbreitung beizutragen.

Wassilij Grossman war ein von Maxim Gorki geförderter parteikonformer Schriftsteller, der in seinen Werken den sozialistischen Realismus perfektionierte. Nachdem er im Zweiten Weltkrieg als Kriegsberichterstatter für die Zeitschrift Krasnaja Zvezda gearbeitet hatte, wandelte sich seine literarische Arbeit langsam in eine scharfe Systemkritik. Zunächst setzte Grossman sich nach dem Krieg mit dem Holocaust in der Ukraine auseinander, doch wohl nicht zuletzt aufgrund eigener Erfahrungen, die Grossman als Jude nach dem Zweiten Weltkrieg mit der antisemitischen Politik in der Sowjetunion machte, manifestiert sich der innere Zweifel am Stalinismus in ihm. Leben und Schicksal war gleichzeitig der Höhepunkt im Schaffen Grossmans als auch das Ergebnis seiner Transformation vom parteikonformen kommunistischen Schriftsteller hin zum Systemkritiker. Der Roman ist ein Mosaik an Figuren und Situationen aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges. Die Schilderung aber des nationalsozialistischen Deutschlands und der stalinistischen Sowjetunion in ihrer Gegenüberstellung im deutsch-sowjetischen Krieg – der seinen Höhepunkt mit der Schlacht von Stalingrad erreicht – läuft auf einen direkten Vergleich der beiden Systeme hinaus.

Nach der Begrüßung durch Leonid Luks wurde die Konferenz mit Lesungen aus dem Buch Leben und Schicksal eingeleitet. Anschließend bot Jürgen Zarusky, vom Institut für Zeitgeschichte in München, einen tieferen Einblick in die Entstehungsgeschichte, die Umstände der Veröffentlichung und die historische Konzeption des Werkes. Grossman hatte den Roman Leben und Schicksal bereits Ende der 1940er-Jahre begonnen. 1961 schloss er den Roman ab und reichte ihn bei einer russischen Zeitschrift ein. Er war überzeugt, diesen Roman nun im Tauwetter der Chruschtschow-Ära veröffentlichen zu können. Doch das Buch wurde sofort vom KGB „festgenommen“: eine außerordentliche Maßnahme, die keine Parallelen in der sowjetischen Literaturgeschichte hat. Grossman starb drei Jahre später, 1964 an einem Krebsleiden. Der Roman konnte erst 16 Jahre später veröffentlicht werden. Im Westen. In Russland selbst wurde der Roman erstmals in Teilen 1988 in der russischen Zeitschrift Oktjabr´ veröffentlicht.

Zarusky stellte den Roman Leben und Schicksal in seinem Vortrag in den gleichen Kontext mit dem ersten Stalingrad-Roman Grossmans. Er erläuterte, dass der Roman Za pravoe delo (Für die gerechte Sache) in Deutschland unter dem Titel Die Wende an der Wolga erschienen, inhaltlich die direkte Vorbereitung von Leben und Schicksal sei. Hier werden die Figuren mit ihren Biographien bereits eingeführt und Zarusky sieht in diesem Buch einen ersten Bruch mit Grossmans Frühwerk. Der Roman mache schon entscheidende Aussagen, die auf Grossmans spätere Verurteilung des nationalsozialistischen und vor allem auch des stalinistischen Regimes hindeuten. Der Roman Leben und Schicksal sei jedoch aufgrund der Erfahrung mit der Publikation des ersten Romans über Stalingrad und die damit verbundenen antisemitischen Anschuldigungen nicht zuletzt der endgültige „Durchbruch zum Widerstand“ gewesen, so Zarusky.

Zarusky stellte anschaulich dar, warum Leben und Schicksal mit den vorherrschenden Tabus brach: Zum einen vergleicht Grossman in seinem Buch die beiden totalitären Systeme Nationalsozialismus und Stalinismus, indem er den Leser mit Assoziationsmitteln dazu zwingt, selbst Parallelen vom Nationalsozialismus zum Stalinismus zu ziehen. Zum anderen hebt Zarusky hervor, dass hier eine der ersten Schilderung des Holocausts in der sowjetischen Literatur zu finden ist. In der Sowjetunion war der rassenbiologisch motivierte Massenmord der Nationalsozialisten als Vernichtung „friedlicher sowjetischer Bürger“ dargestellt worden. Grossman aber, dessen eigene Mutter im Holocaust in der Ukraine umgekommen war, konnte sich mit dem auch in der Sowjetunion aufkommenden Antisemitismus nicht abfinden. Er thematisierte diese Entwicklung entgegen den Parteivorschriften.

Für Zarusky ist es ein Skandal, dass das Buch Leben und Schicksal in Deutschland vom Buchmarkt verschwunden ist. Der historische Wert ist seiner Meinung nach für die Forschung nicht zu unterschätzen. Die Themenvielfalt und die tiefe historische Reflexion eröffnen bis heute für die Wissenschaft neue Fragen. Grossman sei es gelungen, „die Berechtigung und Bedeutung des Sieges der Sowjetunion im Krieg gegen NS-Deutschland“ zu beschreiben, „ohne den Totalitarismus zu verschweigen“. Grossman hat damit in seinem Werk eine eigene Geschichtskonzeption entwickelt. Er stellt das Bild des gesellschaftlichen Freiheitskampfes gegen die offizielle Vision des Großen Vaterländischen Krieges Stalins. Und dieses Bild beinhaltete auch, dass der Sieg der Sowjetunion nicht der Sieg der sowjetischen Bevölkerung war. Der Kampf des Volkes für die eigene Freiheit setzte sich auch nach Kriegsende weiter fort.

Aber für Zarusky ist Leben und Schicksal nicht nur wegen seiner historischen Konzeption ein Jahrhundertroman. Seiner Meinung nach könnte es zudem einen Ansatz zu einer gemeinsamen Vergangenheitsbewältigung und einer neuen gemeinsamen freiheitlichen Erinnerung an den deutsch-sowjetischen Krieg bieten. Gerade der Freiheitsgedanke, der diesem Werk als Philosophie zugrunde liegt, könnte eine Kriegserinnerung manifestieren, die keine Leistung marginalisiert oder Beteiligte von der gemeinsamen Erinnerung ausschließt, wie das beispielsweise bei der erneuten Heroisierung von Stalin der Fall sei.

Nach einer kurzen Diskussion über das Leben des Autors und die Veröffentlichung des Romans wurden im Gespräch insbesondere zwei Aspekte des Vortrages aufgegriffen. Leonid Luks hob noch einmal die Leistung Grossmans hervor, bereits 1960 eine so tiefgründige Analyse der totalitären Systeme erarbeitet zu haben. Das sei umso erstaunlicher als Grossman von einem westlichen Totalitarismusdiskurs völlig abgeschnitten gewesen sei.

Im Weiteren stellte sich die Frage nach Grossmans Freiheitsverständnis. Dass es sich hierbei um einen ganz individuellen Freiheitsbegriff handeln musste und nicht um einen gesellschaftsübergreifenden, erläuterte Jürgen Zarusky anhand von Textbeispielen, in denen Grossman die Gleichförmigkeit der Lager schildert. Nach Zarusky ermöglicht nur die persönliche Freiheit Individualität und genau hierin würde das Freiheitsverständnis Grossmans liegen. Luks bestätigte diese Interpretation und wies darauf hin, dass nicht zuletzt auch bei Grossman geschildert würde, dass das nationalsozialistische Regime nicht an einem anderen Regime, der Sowjetunion, zerbrochen ist, sondern vor allem vom Freiheitswillen der sowjetischen Menschen besiegt wurde.

Anschließend an den Vortrag Zaruskys berichteten Zeitzeugen aus ihrer Perspektive über das Leben Grossmans und sein Werk. Fedor Gouber, Sohn des Autors Wassilij Grossman, war anlässlich der Konferenz zu Gast in Eichstätt und konnte aus eigener Erinnerung und mit Fotos und Dokumenten die Biographie Grossmans und die Publikationsgeschichte weiter ergänzen.

Peter Krupnikow, von der Universität der Bundeswehr in München, schilderte aus ganz anderer Perspektive die Zeit des Zweiten Weltkrieges. Zunächst beschrieb Krupnikow wie die Motivation in der Roten Armee, in der er selbst im Zweiten Weltkrieg gedient hat, durch die anfänglichen Kriegsniederlagen beeinflusst wurde. Ein Hauptgrund hierfür war die Irreführung der Bevölkerung mit falschen Informationen von Stalin, der die Kriegsgefahr nicht erkannt hatte. Der Sieg bei Moskau habe allerdings wieder zum Erwachen der Hoffnung geführt. Die Bedeutung Stalingrads in diesem Kontext sei für alle Soldaten präsent gewesen. Krupnikow erzählte anschaulich wie sein Regiment 400 km östlich von Moskau die Nachrichten über die Schlacht von Stalingrad las. Da im Kollektiv gelesen werden musste, wurde abgestimmt, welcher Berichterstatter vorgelesen werden sollte. Fast alle hätten damals für Grossman gestimmt, der für die Zeitung Krasnaja Zvezda Kriegkorrespondent in Stalingrad war. Die Gründe für diese Entscheidung lagen nach Krupnikow darin, dass Grossman am besten das Kriegsgeschehen wiedergab. Ohne die sonst üblichen Phrasen zu benutzen, habe er sehr sachlich und realitätsnah berichtet. Die Frontnähe wäre spürbar gewesen. Grossman habe die Kämpfe nicht verherrlicht, sondern auch den schweren Verlauf und die Versorgungsprobleme beschrieben. Und dennoch hätte er gleichzeitig immer vermocht, Hoffnung mit seinen Artikeln zu vermitteln, so Krupnikow.

Eitan Finkelstein, Historiker und Publizist aus München, berichtete wie Ilja Ehrenburg und Grossman nach dem Krieg beschlossen, zusammen mit dem Jüdischen Antifaschistischen Komitee zwei Bücher zu veröffentlichen. Anlass dafür war, dass der Holocaust der Nationalsozialisten an den europäischen Juden in der Sowjetunion verschwiegen wurde und Ehrenburg und Grossman dem entgegenwirken wollten. Demzufolge sollte im Schwarzbuch das Schicksal der sowjetischen Juden im Zweiten Weltkrieg beschrieben werden. Das Rote Buch dagegen sollte sich mit einer Kriegslegende auseinandersetzen, die in der sowjetischen Öffentlichkeit verbreitet war: Die sowjetischen Juden hätten sich nicht an der Verteidigung der Sowjetunion beteiligt, sondern hätten sich statt an die Front ins Hinterland versetzen lassen. Finkelstein nannte Zahlen, die diese Legende widerlegen: 20% der jüdischen Bevölkerung hätten als Soldaten an der Front für die Sowjetunion gekämpft. Von drei Millionen Juden, die in der Sowjetunion lebten, wären im Krieg allein 200 000 gefallen. Doch, die Legende würde noch heute von den russischen Medien verbreitet. Das Rote Buch sollte sich daher mit dem Kriegsbeitrag der Juden am Zweiten Weltkrieg in der Roten Armee und den alliierten Armeen auseinandersetzen. Die Herausgabe eines solchen Buches aber wurde sofort verboten. Finkelstein erklärt dies damit, dass Stalin eine Rechtfertigung für die Kriegsanfangsverluste brauchte und diese antisemitische Legende hierfür benutzte.

Das Verfassen des geplanten Schwarzbuches wurde zunächst erlaubt und Grossman war wesentlich an der Erstellung beteiligt. Es entwickelte sich eine faktenreiche Sammlung von Zeitzeugenberichten und Dokumenten. Doch aufgrund der zunehmenden antisemitischen Agitation durfte das Buch schließlich doch nicht publiziert werden. Das Jüdische Antifaschistische Komitee war unter starken Druck geraten und auch die Autoren selbst waren gefährdet. Das Buch wurde letztlich im Westen und in Israel herausgegeben, konnte das eigentlich intendierte Ziel, die sowjetische Öffentlichkeit zu sensibilisieren, jedoch nicht erreichen.

Am Nachmittag wurde die Konferenz mit einer Podiumsdiskussion fortgesetzt. In kürzeren Vorträgen wurden dabei noch einige Aspekte vertieft aufgegriffen, bevor es zu einer freien Diskussion kam. Uwe Backes, Stellvertretender Direktor des Hannah-Arendt-Instituts für Totalitarismusforschung in Dresden, setzte sich in seinem Vortrag mit der Totalitarismusdarstellung Grossmans auseinander. Grossman habe die Schlacht von Stalingrad als Ausgangspunkt für die Gegenüberstellung zweier totalitärer Regime genutzt: des Nationalsozialismus und des Stalinismus. Die Darstellung des Totalitären, die er sich dabei erarbeitete, sei am ehesten mit Hannah Arendt zu vergleichen: „Massenliquidierung, Lager und Terror sind für Grossman wie für Hannah Arendt offenbar notwendige Bestandteile des Totalitarismus.“, stellte Backes fest.

Weiter setzte sich Backes mit der Frage auseinander, inwieweit Grossman in seinem Vergleich auch die Unterschiede der beiden Systeme berücksichtigt hätte. Er kam dabei zu dem Schluss, dass nach Grossman der Hauptunterschied in der Funktion der Lager zu finden sei. Die Inhumanität der Massenvernichtung von Menschen und eine rassenbiologische Ideologie wie im nationalsozialistischen Deutschland habe es in diesem Ausmaß unter Stalin nicht gegeben. Backes allerdings stellt fest, dass „diese theoretische Differenz (…) nicht über die ideologische Strukturähnlichkeit hinwegtäuschen (kann), auf denen beide Verfolgungssysteme beruhen. Die unerbittliche Logik der Gesellschafts- und Rassentheorien ermöglicht die Extreme der Inhumanität, lässt die Methode der industriellen Menschenvernichtung eher als akzidentiellen denn als substantiellen Gipfelpunkt erscheinen.“ Der Massenmord sei dem Stalinismus nicht generell systemfremd gewesen und der Terror habe sich hier unter anderem über Nahrungsmittelentzug und Hungersnöte gegen die eigene Bevölkerung gerichtet. So sei „der umfassende Einsatz dieses Mittels gegen die eigene Bevölkerung (…) in ähnlicher Weise ein stalinistisches Spezifikum wie die rassenbiologisch begründete Repression, Verfolgung und Vernichtung als ein nationalsozialistisches Spezifikum gelten können.“ Auch Grossman selbst ging davon aus, dass Stalin während des Zweiten Weltkrieges eine zunehmend nationalistische Orientierung verfolgt hat und die beiden Regime sich somit annäherten. Backes konstatiert für beide Regime: „Das Leben von Hunderttausenden kann geopfert werden, wenn dies zur Erreichung der totalitären Visionen notwendig erscheint.“

Nicht angesprochen habe Grossman dagegen andere Unterschiede wie beispielsweise die wirtschaftspolitischen Differenzen der beiden Regime. Die Nationalsozialisten haben eine Umgestaltung der Wirtschaft im sowjetischen Ausmaß nie geplant. Hierin jedoch sei ein wichtiger Grund für die hohe Popularität des nationalsozialistischen Regimes bei der deutschen Bevölkerung zu erkennen. Mit der durch Gewalt erzwungenen Wandlung der Wirtschaft hat der Stalinismus sich die Popularitätsbasis bei der eigenen Bevölkerung zerstört.

An den Vortrag von Uwe Backes schloss sich der Beitrag von Leonid Luks an. Luks untersuchte die Bedeutung von Stalingrad als Wendepunkt des Krieges. Er arbeitete die beiden Paradoxien, die Grossman in seinem Roman schildert, heraus: Die Niederlage der Deutschen in Stalingrad sei gleichzeitig der Anfang für eine Bewusstmachung der Inhumanität und eine erneute freiheitliche Entwicklung gewesen. Dagegen war in der Sowjetunion das Gegenteil der Fall. Luks führte aus: “Der Sieg über das Dritte Reich schien der stalinschen Tyrannei eine zusätzliche Legitimierung zu verschaffen. Zugleich hat er aber der siegreichen Nation zu einem neuen Selbstbewusstsein verholfen, was ihre Lenkung durch das Regime zu erschweren schien.“ Dass gerade der Sieg im Kampf um die Freiheit zu einer weiteren Festigung des Totalitarismus in der Sowjetunion führte, wäre das größte Paradox des Zweiten Weltkrieges gewesen. Weiter erläuterte Luks, dass die sowjetische Bevölkerung, die im Zweiten Weltkrieg kämpfte, neben den beiden Regimen als weiterer Akteur gerechnet werden müsse. Sie kämpfte um die eigene Freiheit. Vor allem seit dem Terror der 1930er-Jahre bildete die Bevölkerung mit dem Regime keine Einheit mehr. Im Krieg, so schilderte Luks anschaulich, musste Stalin der Bevölkerung daher mit weitgreifenden Lockerungen entgegenkommen und so eine Art stillschweigende Übereinkunft treffen: Zensur, Beschränkungen und Terror wurden vermindert, so dass die Kriegszeit später oft als Atempause beschrieben wurde. Hierin sieht Luks die eigentliche Erklärung dafür, dass der Krieg gegen Deutschland gewonnen werden konnte. Er betonte, dass nicht nur „messbare Faktoren allein (…) für diesen Sieg (...) ausreichend gewesen“ wären. „Die moralische Komponente spielte hier eine vielleicht noch gewichtigere Rolle“. Der Verlust der Freiheit nach dem Krieg trotz des Sieges, die erneute Festigung des totalitären Regimes war die große Enttäuschung für die sowjetische Bevölkerung.

Alexei Rybakov, Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt, leitete die Diskussion mit einigen kritischen Überlegungen ein. Er argumentierte, dass es sich bei Leben und Schicksal zwar um ein historisch wichtiges Werk handeln würde, welches insbesondere durch seine Veröffentlichungsgeschichte ein Licht auf die sowjetische Literaturgeschichte werfen würde. Die literarische Qualität jedoch sei bei diesem Roman nicht überzeugend, da er wie Grossmans frühere Werke im Stil des sozialistischen Realismus geschrieben sei. Dieser Stil aber würde weder der Schilderung tiefgründiger lebendiger Charaktere noch der der größten Katastrophe des 20. Jahrhunderts gerecht werden. Gerade das Ausmaß der Unmenschlichkeit könne nicht mit einer realistischen Darstellung erfasst werden. Der Anspruch Grossmans, eine Tolstois Krieg und Frieden vergleichbare Epopöe zu schreiben, sei gescheitert, so Rybakov.

Leonid Luks setzte dem entgegen, dass Grossman in der Sowjetunion von den ästhetischen Entwicklungen im Westen abgeschnitten gewesen wäre und somit sich selbst aus dem vorgeschriebenen Stil lösen musste, was ihm zumindest zum Teil auch gelungen sei. Gerade diese selbstinitiierte Loslösung von vorgeschriebenen Modellen aber sei besonders wertvoll. Bei Grossmans Werk würde zudem vor allem die Erkenntnis der Wahrheit als Leistung im Vordergrund stehen. Eine losgelöste Betrachtung der Ästhetik würde dem nicht gerecht werden. Auch Uwe Backes und Ansgar Tombrink betonten, dass die Leistung einer eigenen Totalitarismusthese, wie sie Grossman entworfen hat, wesentlich höher zu werten sei als die Ästhetik des Buches.

In der Diskussion wurden mehrere Themen aufgegriffen. Zum einen wurde die Philosophie der Freiheit Grossmans ausführlich diskutiert. Weiterhin wurden aber auch Gründe erörtert, die zur unterschiedlichen Popularität der beiden Regime geführt hatten. Zum anderen wurden die historischen Bedingungen diskutiert, die den Erfolg der totalitären Regime überhaupt ermöglicht hatten.

Die Konferenz fand ihren Abschluss mit einem Dokumentarfilm, der sich mit der Veröffentlichungsgeschichte des Romans auseinandersetzt. Hier wurde den Teilnehmern der Konferenz noch einmal vor Augen geführt, wie der Roman in den Westen geschmuggelt und dort publiziert wurde.

Die Konferenz hat einen umfangreichen Einblick in das wichtigste Werk Wassilij Grossmans vermittelt. Dabei bleibt unverständlich, dass dieser Autor und sein Roman Leben und Schicksal vergleichsweise unbekannt sind. Es handelt sich um ein Schlüsselwerk der sowjetischen Nachkriegskriegsliteratur, das einen wichtigen Beitrag zu einer differenzierten Auseinandersetzung mit dem Zweiten Weltkrieg und den deutsch-sowjetischen Beziehungen leistet. Sein Wert für die Aufarbeitung von der jeweils eigenen, aber auch der gemeinsamen Geschichte ist bis heute hoch zu veranschlagen. Demzufolge, da waren sich alle einig, wäre eine Neuauflage mehr als wünschenswert.

Zitation
Tagungsbericht: Verwandte Gegner? Der Stalinismus und der Nationalsozialismus im Spiegel des Romans Leben und Schicksal von Wassilij Grossman, 02.12.2005 Eichstätt, in: H-Soz-Kult, 19.01.2006, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-1023>.
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19.01.2006
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