Arbeitskreis Ordensgeschichte 19./20. Jahrhundert

Ort
Vallendar
Veranstalter
Arbeitskreis Ordensgeschichte 19./20. Jahrhundert
Datum
03.02.2006 - 05.02.2006
Von
Gisela Fleckenstein, Landesarchiv NRW, Personenstandsarchiv Brühl

Der Arbeitskreis ist ein Diskussionsforum für Themen aus dem Bereich der neueren Ordensgeschichte. In Vallendar versammelten sich 30 Teilnehmer und Teilnehmerinnen aus Deutschland und Österreich. Die Teilnehmenden gedachten in besonderer Weise der im vergangenen Jahr verstorbenen Sr. Maria Raphaelita Böckmann SND (Sisters of Notre Dame - Schwestern Unserer Lieben Frau), die den Arbeitskreis von Anfang an aktiv begleitete.

P. Dr. Albert Sieger OSB (Ordo Sancti Benedicti - Benediktiner)(Maria Laach) setzte mit seinem Vortrag zum historischen Ansatz in der Führung eines Heiligsprechungsverfahrens einen Themenkomplex der beiden vorangegangenen Tagungen fort. Er erläuterte den Wandel der Heiligsprechung vom CIC (Codex iuris canonici) 1917 zur aktuellen Gesetzgebung von 1983. Dabei knüpfte er an das bei der Trauerfeier für Papst Johannes Paul II. in Sprechchören und Transparenten geforderte "Santo Subito" auf dem Petersplatz an, da für eine Heiligsprechung nach wie vor die Verehrung einer Person wichtig ist. Das Verfahren wird zwar nach dem regulären kirchlichen Prozessrecht geführt, doch kann der Papst für jeden Verfahrensschritt Dispens erteilen. Geld ist wichtig, aber kein garantierter Weg zur Heiligkeit. Kurz gesagt, der Hauptunterschied zwischen CIC 1917 und 1983 ist der Wechsel von einem juristischen Verfahren zu einem historischen Ansatz. Die jüngsten Änderungen durch Papst Benedikt XVI. bedeuten eine Verstärkung der Ortskirche.

Paula Kienzle (Rottenburg) stellte eine biographische Skizze der 3. Generaloberin der Schwestern der Christlichen Liebe (Mutterhaus Paderborn) vor. Sr. Philomena (Gertrud) Schmittdiel (1837-1917), Tochter eines Elementarschullehrers, wurde Lehrerin und trat 1858 bei den Schwestern der Christlichen Liebe ein. Noch unter der Gründerin der Kongregation, Pauline von Mallinckrodt, übernahm sie nach der ordensinternen Formation Leitungsämter und transponierte - bedingt durch den Kulturkampf - Elemente des deutschen Schulwesens in die unter ihrer Ägide eingerichteten 50 Schulen in den Vereinigten Staaten. Sie erreichte dort auch ein hohes Niveau in der Lehrerinnenausbildung. Nach der gesundheitlich bedingten Rückkehr nach Preußen war sie zwischen 1893 und 1917 Generaloberin ihrer Gemeinschaft. Im Vortrag wurde das Bild einer Managerin deutlich, welche sich geschickt im globalen Netzwerk ihrer Gemeinschaft bewegte.

Dr. Ute Küppers-Braun (Essen) beschäftigte sich mit dem Schicksal losgekaufter "Negermädchen" zwischen 1855 und 1870. Im südlichen Sudan wurden Mitte des 19. Jahrhunderts von Arabern Raubzüge unternommen, um Kinder zu kidnappen. Vor allem Mädchen wurden auf Sklavenmärkten verkauft. Missionaren war dies bekannt, wie aus zeitgenössischen Presseberichten hervorgeht. Viele Missionare kauften Mädchen frei und schickten sie nach Europa. Missionsvereine nahmen sich der Rettung der Kinder an und institutionalisierten deren Unterbringung. Ein Promotor für den Loskauf von "Heidenkindern" war P. Nicolo Giovanni Battista Olivieri (1792-1864) aus Genua, der über 1000 Kinder in sein Institut della Palma nach Neapel brachte und von dort nach Italien, Frankreich und Deutschland schickte. Finanziert wurde der Loskauf der Kinder vor allem über die Missionsvereine, so z.B. über den "Verein zur Unterstützung der armen Negerkinder in Köln" (1852-1936). Die losgekauften Kinder wurden in Klöstern untergebracht, um dort erzogen und ausgebildet zu werden. Im deutschen Sprachraum nahmen Klöster in Österreich, Südtirol und Bayern "Negerkinder" auf. Die Kinder wurden oft in spektakulären Aktionen getauft und erhielten prominente Paten. Die Mehrzahl der Kinder war den Anforderungen des europäischen Klimas und den neuen Lebensumständen nicht gewachsen. Viele starben in den ersten Jahren oder schon bei der Überfahrt. Insgesamt ein Kapitel gescheiterter Caritas- und Bekehrungsgeschichte.

Dr. Clemens Brodkorb (München) stellte die Genese des "Jahrbuchs für mitteldeutsche Kirchen- und Ordensgeschichte" vor, dessen 1. Band 2005 erschien. Die Idee für das Jahrbuch resultiert aus der 1994 erfolgten Neugliederung der deutschen Teilkirchen und Kirchenprovinzen nach der politisch-staatlichen Wiedervereinigung der Bundesrepublik Deutschland. Zu dieser "Mitteldeutschen Kirchenprovinz" existierte bisher nur eine monographische Reihe. Beteiligt sind die kirchenhistorischen Lehrstühle der Universitäten Paderborn und Erfurt sowie für die Ordensgeschichte die Hochschule der Jesuiten St. Georgen in Frankfurt. Das Jahrbuch enthält Aufsätze, Beiträge, Miszellen, Rezensionen und eine Jahreschronik der beteiligten Fakultäten.

Dr. Antonia Leugers (München) berichtete über den Fortschritt des interdisziplinären DFG-Projektes der TU Dresden über "Katholische Missionsschulen in Deutschland 1887-1940". Diese nach dem Kulturkampf zugelassene Schulsonderform zur Ausbildung von Missionszöglingen verschiedener religiöser Gemeinschaften fand bisher in der Bildungsgeschichte keine Beachtung. Vorgestellt wurde die Datenbankstruktur, welche die Grundlage für die schulstatistische und kollektiv-biographische Auswertung der Missionsschüler und Lehrer bildet. Darin sollen von den ausgewählten Missionsschulen, so der Pallottiner und der Missionsbenediktiner von St. Ottilien, ca. 8500 Schüler- und Lehrerdatensätze erfasst werden. Die schulstatistischen und Personen-Datensätze stehen später für weitere Forschungszwecke in den jeweiligen Archiven zur Verfügung.

P. Dr. Alois Greiler SM (Societas Mariae - Marist)(Lähden) behandelte die Maristenmission in West-Ozeanien. Jean Claude Colin (1790-1875), der Gründer der Maristen, hatte für seinen Orden ab 1837 als erstes Missionsgebiet den südpazifischen Raum nordöstlich Australiens übernommen. Dort begann die Evangelisierung der eingeborenen Bevölkerung. Die Maristen planen für 2007 ein Kolloquium in West-Ozeanien, welches die Anfänge dieser Mission kritisch beleuchten soll. Dabei geht es um Konflikte zwischen Bischöfen und Generaloberen sowie um ordensinterne Konflikte. Es wird auch der Frage nachgegangen, inwieweit die Maristen im Dienste der französischen Kolonialherren standen: Sie erreichten die Inseln mit den Kriegsschiffen der Franzosen.

P. Damian Bieger OFM (Ordo Fratrum Minorum - Franziskaner) (Großkrotzenburg) untersuchte einen Teilaspekt seiner Dissertation über die Ordenshochschule der Franziskaner in Mönchengladbach und deren Schwierigkeiten in der Zeit des Nationalsozialismus. Die Hochschule der Kölnischen Franziskanerprovinz hatte von ihrer Gründung 1929 bis 1945 insgesamt 16 Lektoren (Professoren) und 140 Studenten. Sie geriet ab 1937 in den Blick der Gestapo, die ihre Gleichstellung als kirchliche Lehranstalt im Sinne des Konkordats in Frage stellte. Damit verbunden war das Problem der allgemeinen Wehrpflicht für die Priesteramtskandidaten. Die Franziskaner studierten deshalb ab 1938 an der Bonner Theologischen Fakultät und belegten - bis zur Schließung ihrer Hochschule 1941 - Teilveranstaltungen im Hausstudium. Bieger setzte sich auch mit Positionen einiger Lektoren kritisch auseinander, die der NS-Weltanschauung bis hin zu antisemitischen Einstellungen weit entgegenkamen.

Dr. Gisela Fleckenstein (Brühl) stellte im Rahmen einer "Orden(tlichen) Einkaufstour" Produkte vor, für die mit der Abbildung von Ordensleuten oder Klostermotiven geworben wird. Die Werbung mit Orden gestaltet sich sehr vielfältig. Motive finden sich z.B. auf Käse, Bierflaschen, Puddingpulver und hochprozentigen medizinischen Produkten. Auch die Spielwarenindustrie hat die Ordensleute entdeckt. Für den Konsum wird mit Mönchen und Nonnen geworben, die sich eigentlich durch ihre Lebensentscheidung dem Konsum entziehen wollen. Offensichtlich funktioniert dieses Paradox in der Werbung. Es garantiert Aufmerksamkeit und steht gleichzeitig für Tradition und Qualität.

Prof. Dr. Reimund Haas (Köln) beschäftigte sich mit der Rolle der Ordensgeschichte in der nachkonziliaren Priesterausbildung. Nach einer ersten Teilauswertung von Quellen konnte er feststellen, dass die Ordensgeschichte auch an Ordenshochschulen kein eigenes Lehrfach war. Ordensgeschichte hatte immer den Rang eines Orchideenfaches und befand sich im Lehrplan in der Gesellschaft von Hebräisch, Bibelgriechisch, Kunst- und Religionsgeschichte. In der Rahmenordnung für die Priesterausbildung spielt das Fach eine untergeordnete Rolle. Die Geschichte der Orden und ihrer Gründer ist integrativer Teil der allgemeinen Kirchengeschichte. In der gegenwärtigen Umstrukturierung im "Bologna-Prozess" hat die Ordensgeschichte in der Theologie innerhalb der "Modelle christlichen Lebens" eine Aufwertung erfahren.

Die nächste Tagung des Arbeitskreises findet vom 2.-4. Februar 2007 in Vallendar statt. Weitere Informationen beim Leitungsteam des AKO: Dr. Gisela Fleckenstein (Brühl), Dr. Antonia Leugers (München) und Prof. Dr. Joachim Schmiedl (Vallendar)

Kontakt

Philosophisch-Theologische Hochschule Vallendar
Arbeitskreis Ordensgeschichte 19./20. Jahrhundert
Prof. Dr. Joachim Schmiedl
Pallottistr. 3
56174 Vallendar

E-Mail: jschmiedl@pthv.de

Zitation
Tagungsbericht: Arbeitskreis Ordensgeschichte 19./20. Jahrhundert, 03.02.2006 – 05.02.2006 Vallendar, in: H-Soz-Kult, 23.02.2006, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-1058>.