Entspannung und KSZE in Europa 1966-1975

Ort
Sofia
Veranstalter
Das von der VolkswagenStiftung geförderte internationale Forschungsprojekt "Entspannung und KSZE in Europa 1966-1975"
Datum
10.11.2006 - 11.11.2006
Von
Oliver Bange, Historisches Seminar, Universität Mannheim; Gottfried Niedhart, Universität Mannheim

Im Rahmen des von der VolkswagenStiftung geförderten internationalen Forschungsprojektes (www.CSCE-1975.net) trafen sich Historiker aus allen ehemaligen Warschauer Pakt Staaten und der Bundesrepublik Deutschland zu einem Work-Shop in Sofia, um die sehr unterschiedlichen Benutzungsbedingungen in den jeweiligen Archiven zu diskutieren und erste Ergebnisse vorzustellen.
Das Projekt untersucht den Prozess der Entspannung, der zunächst auf bilateraler Ebene erfolgte, bevor der KSZE-Prozess Ende 1972 einsetzen konnte. Im Vordergrund standen die territoriale Ordnung in Europa mit der deutschen Frage im Mittelpunkt sowie die Zivilisierung und Erweiterung der Beziehungen zwischen dem westlichen und dem östlichen Europa. Die 1975 unterzeichnete Schlussakte von Helsinki schuf für Europa die Aussicht auf Überwindung der aus dem Kalten Krieg herrührenden Teilung des Kontinents. Das Interesse daran entsprang allerdings unterschiedlichen Motiven und war nicht überall gleichmäßig ausgebildet. Aus der Sicht der Bundesrepublik verband sich damit die Möglichkeit einer größeren Durchlässigkeit der innerdeutschen Grenze mit dem Fernziel, die Teilung des Landes beenden zu können, und darüber hinaus die Perspektive einer Liberalisierung in Osteuropa mit dem zweiten Fernziel, das sowjetische Imperium für den Westen zu öffnen und damit die Rolle der sowjetischen Hegemonialmacht zu schwächen. Die Staaten des Warschauer Pakts reagierten je nach Interessenlage und Selbstwahrnehmung auf einer Skala von Annäherungswunsch bis Bedrohungsperzeption recht unterschiedlich.

Durch einen multiarchivalischen Ansatz und die Verknüpfung unterschiedlicher nationaler Perspektiven soll das Projekt Erkenntnisse einerseits über die wechselseitigen Wahrnehmungen dieser teilweise sich überlappenden, insgesamt aber nicht identischen Interessenlagen und andererseits über die Stufen der Annäherung liefern, die an der europäischen Nahtstelle des Ost-West-Konflikts zu verzeichnen waren. Der Projektgruppe gehören Jordan Baev (Sofia), Csaba Bekes (Budapest), Costadin Grozev (Sofia), Wanda Jarzabek (Warschaau), Carmen Rijnoveanu (Bukarest), Svetlana Savranskaya (Washington/Moskau), Oldrich Tuma (Prag) sowie Gottfried Niedhart und Oliver Bange von der Universität Mannheim an, die das Projekt koordinieren.
Das erste Arbeitstreffen diente der Sichtung der von den Projektteilnehmern zusammengetragenen Archivalien. Die Bandbreite der Probleme, denen die einzelnen Forscher dabei begegneten, könnte größer wohl kaum sein: Vom Selektions- und Verarbeitungsdruck angesichts meist überwältigender Bestände in westlichen Archiven bis hin zu restriktiven Zugangsmöglichkeiten in manchen zentral- und osteuropäischen Archiven. Viele Archivalien sind, selbst wo sie prinzipiell freigegeben sind, aufgrund mangelnder Findmittel nur schwer zugänglich. Auch manche Archive in den „alten“ NATO-Ländern sind davon nicht ausgenommen. Um die Forschungsbedingungen in Bulgarien näher in den Blick nehmen zu können, wurden die bulgarische Militärakademie und der Editionsstab des Außenministeriums besucht. Ausführlich wurden die nationalen Zugangsmodalitäten zu Geheimdienstarchiven des ehemaligen Warschauer Paktes mit der bulgarischen „Staatskommission für Informationssicherheit“, einer Art Pendant zur Birthler-Behörde, verglichen. Die derzeitige Aufbruchstimmung in Bulgarien scheint auch für die Historiker-Zunft positive Perspektiven zu eröffnen. „Europa“, „Transparenz“, aber auch „Kontinuität“ sind die Schlüsselbegriffe der derzeitigen Diskussion über Bulgariens sozialistische Vergangenheit und Zukunft in der Europäischen Union. Zu den positiven Einflüssen in diesem Umfeld gehören sicherlich auch die Öffnung des polnischen Militärarchivs und die rumänische Ankündigung zur Freigabe der Securitate-Akten.

Wie fruchtbar die multiperspektivische Methode des Projekts zum Tragen gebracht werden kann, zeigte sich bei der Diskussion über die Folgen der CSSR-Krise von 1968 für die Entwicklung der Ost-West Beziehungen. Die Verzahnung der Dokumentenfunde führte zu einem Wechselspiel der gegenseitigen Wahrnehmungen, die – richtig oder falsch – das jeweilige Kalkül während des Prager Frühlings, in der Krise und danach bestimmten. Oliver Bange eröffnete die Diskussion mit einer Analyse der Neuausrichtung der Ostpolitik von Brandt und Bahr, die nun in Moskau den Schlüssel für weitere Kommunikationsfreigaben im gesamten Warschauer Pakt suchte. Svetlana Savranskaya argumentierte, dass Breschnew den Einmarsch sowjetischer Truppen zwar zunächst nicht gewollt, dann aber aufgrund der Erfahrungen von 1953 und 1956 in der DDR und in Ungarn möglichst frühzeitig angeordnet habe. Dabei habe Breschnew gleichzeitig das eigene Politbüro und die Verbündeten unter Kontrolle gebracht und so den Weg zu seiner Variante der „friedlichen Koexistenz“ geebnet. Csaba Bekes argumentierte, dass genau diese Konstellation erst das Tor für die ökonomische Westinitiative Ungarns geöffnet habe – bei gleichzeitig unbedingter politischer und militärischer Pakttreue. Die gesellschaftlichen Auswirkungen auf Polen und die DDR wurden erörtert und die Konsequenzen des Budapester Appells vom März 1969 auf die jeweilige West- und insbesondere Deutschlandpolitik. Währenddessen schien die zeitgleich initiierte Balkaninitiative von Bulgariens Kommunisten unter Todor Schiwkov von der Krise in der Mitte des Kontinents nachhaltig behindert worden zu sein. Allein die CSSR blieb von der nun rings um sie herum stattfindenden Intensivierung von politischen und wirtschaftlichen Kontakten zwischen West und Ost tentativ abgekoppelt.
Das nächste Arbeitstreffen der Projektgruppe wird 2007 in Budapest stattfinden. Dort soll über das Thema „Transformation durch Kommunikation: Der Wandel des Ost-West-Konflikts in der Entspannungsära“ konferiert werden.

Zitation
Tagungsbericht: Entspannung und KSZE in Europa 1966-1975, 10.11.2006 – 11.11.2006 Sofia, in: H-Soz-Kult, 30.01.2007, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-1463>.
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Veröffentlicht am
30.01.2007
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