Arbeitskreis Ordensgeschichte 19./20. Jahrhundert (7. wissenschaftliche Fachtagung)

Ort
Vallendar
Veranstalter
Arbeitskreis Ordensgeschichte 19./20. Jahrhundert
Datum
02.02.2007 - 04.02.2007
Von
Gisela Fleckenstein, Personenstandsarchiv Brühl, Landesarchiv NRW

Am 2. Februar 2007 jährte sich zum sechzigsten Mal die Unterzeichnung der Konstitution „Provida Mater Ecclesia“, in der Papst Pius XII. die Säkularinstitute (Weltgemeinschaften) kirchenrechtlich bestätigt hat. An diesem Tag versammelten sich in Vallendar 30 Teilnehmer und Teilnehmerinnen aus Deutschland und Österreich, um vielfältige Themengebiete aus der neueren Ordensgeschichte zu diskutieren. Die Referenten und Referentinnen erhielten in der Diskussion vielfach Anregungen und Hinweise zur Fortsetzung ihrer Arbeit.

Dr. Relinde Meiwes (Berlin) stellte in einem Werkstattbericht ihr neuestes Forschungsprojekt zur Geschichte der Katharinenschwestern zwischen 1772 und 1914 vor. Die 1571 durch Regina Protmann (1552-1613) gegründete und 1620 päpstliche anerkannte Frauenkongregation verbreitete sich vom ostpreußischen Braunsberg aus in die Welt (heute Deutschland, Litauen, Polen, Weißrussland, Russland, Brasilien und Togo). Die zunächst im Bildungsbereich tätigen Schwestern erweiterten nach 1820 ihr Tätigkeitsprofil um den sozial-caritativen Bereich. Meiwes will eine geschlechtergeschichtliche Analyse dieses Wandels durchführen. Dabei wird auch die soziale und ökonomische Lage miteinbezogen. Sie will auch ergründen, warum sich diese Gemeinschaft, die ursprünglich nur in Ostpreußen existierte, weltweit verbreitete. Nach 1875 konzentrierte sich die Gemeinschaft – da die Schultätigkeit untersagt war – auf die Krankenpflege. Meiwes will auch den bisherigen Blickwinkel der Forschung erweitern und ihn gezielt nach Osten lenken. Ihre Aufgabe ist es, gemäß dem Beschluss des Generalkapitels der Katharinenschwestern, welches diese Studie in Auftrag gab -, die Geschichte der Gemeinschaft über nationale Grenzen hinweg zusammenzuführen.

Dr. Clemens Brodkorb (München) beschäftigte sich mit dem Leben und Wirken des Jesuiten Bernhard Duhr (1852-1930), dessen vierbändige zwischen 1907-1928 erschienene „Geschichte der Jesuiten in den Ländern deutscher Zunge“ heute noch zu den Standardwerken der Ordensgeschichte gehört. Duhr beschreibt die alte Gesellschaft Jesu bis 1773. Neben diesem Lebenswerk veröffentlichte Duhr zahlreiche weitere Studien und begründete 1897 auch die „Mitteilungen aus der deutschen Provinz“, deren Schriftleiter er über 30 Jahre war. Diese bilden heute eine wichtige Quelle für die Ordensgeschichtsschreibung der Gesellschaft Jesu. Bisher gibt es keine wissenschaftliche Biographie zu Bernhard Duhr, doch Clemens Brodkorb ist es gelungen, den Nachlass Duhrs, der bisher als verschollen galt, wieder ausfindig zu machen. Die sogenannte Duhr-Bibliothek befindet sich heute im Archiv der deutschen Jesuiten in München.

Dr. Gisela Fleckenstein (Brühl) gab einen Überblick über die Situation der Orden in den deutschsprachigen Ländern von der Säkularisation bis zur Gegenwart und analysierte den Umgang der Orden mit verschiedenen Krisensituationen, die ihre Existenz bedrohten bzw. zu Neuansätzen und zur Umorientierung führten. Im Fokus standen dabei die im 19. Jahrhundert gegründeten sozial-caritativen Kongregationen, die im 21. Jahrhundert kaum noch neue Mitglieder gewinnen können und daher immer mehr Häuser, Einrichtungen und Tätigkeitsbereiche aufgeben mussten. Veränderungen im Management und in der Rechtsform sollten irgendwie das Überleben sichern. Auch die alten Orden haben die durch das Zweite Vatikanische Konzil ausgelöste letzte große Krise noch nicht überwunden.

Daran anschließend berichtete Prof. Dr. Joachim Schmiedl (Vallendar) vom Zukunftsgespräch zwischen Bischöfen und Gemeinschaften des geweihten Lebens am 1. Februar 2007 in Würzburg. Er leitete aus den Diskussionen um die Orden in der deutschen Kirche Fragen und Anregungen für die Ordensgeschichtsschreibung ab. Ein Untersuchungsfeld könnte das Verhältnis zwischen Orden und der Ortskirche sein. Welche Haltung haben Bistümer zu den Orden? Gibt es Informationsdefizite zwischen Bischöfen und Orden? Wie wurde in den vergangenen Jahrzehnten und Jahrhunderten theologisch über Ordensberufungen reflektiert? Wie sichern die Orden heute ihre Werke?

Prof. Dr. Karl Markus Kreis (Dortmund) beschäftigte sich mit Bildpostkarten in der Missionswerbung seit 1900. Seit 1870 diente die Bildpostkarte als Kommunikationsmittel. Sie wurde von Missionsorden als Werbung für die Mission und zur Spendengewinnung eingesetzt. Bildpostkarten waren immer auch ein Sammelobjekt. Die großen Missionsgesellschaften nutzten die Karten mit vielfältigen Motiven für die Werbung in der Heimat. Kreis untersuchte die Motive der Karten, die auch Missionare, aber überwiegend Menschen aus den Missionsgebieten darstellten. Die Missionspostkarten, die bis 1919 ihre Blütezeit hatten, vermittelten in nicht diskriminierender Weise Kenntnisse über fremde Länder und Völker. Die Missionare und Missionarinnen wurden oft als „Abenteuer Gottes“ in ihren Einsatzgebieten vorgestellt, so auf Bildern von Nonnen zu Pferde.

Dr. Peter van Meijl SDS (Wien) führte in seine biografische Arbeit über Leben und Wirken des Salvatorianergenerals Pancratius Pfeiffer (1872-1945) ein, der während der deutschen Besatzung in Rom zwischen 1943 und 1944 zwischen den Besatzern und kirchlichen Behörden vermittelte. Pfeiffer rettete vielen Juden und Widerstandskämpfern das Leben, indem er sie versteckte oder ihnen zur Flucht verhalf. 470 Personen verdanken Pfeiffer ihr Leben. Van Meijl sammelt – auch mit Metholden der Oral history - seit Jahren akribisch Zeugnisse zum Leben Pfeiffers, der zeitlebens sparsam mit Notizen war. Die Dokumentation „Pfeiffers Liste“ des Bayerischen Fernsehens aus der Reihe Stationen fasste bisherige Ergebnisse zusammen.

Dr. Hinrich Bues (Hamburg) stellte die 1947 durch Basilea (Klara) Schlink (1904-2001) und Martyria (Erika) Madauss (1904-1999) gegründeten Darmstädter Marienschwestern vor. Es handelt sich dabei um die erste Gründung eines evangelischen kontemplativen Klosters seit der Reformation. Sie entstand aus einem Darmstädter Mädchenbibelkreis. Die Schwestern leben nach den evangelischen Räten, die sie innerhalb der evangelischen Kirche neu entdeckten. Die Gemeinschaft hat zurzeit zehn Niederlassungen in aller Welt. Das Haus in Jerusalem, gegr. 1961, kümmerte sich um Holocaust-Opfer. Die Gründung vollzog sich ähnlich der von katholischen Kongregationen aus dem 19. Jahrhundert. Nach dem Tod ihrer Gründerinnen befindet sich die theologisch stark auf Maria ausgerichtete Gemeinschaft gegenwärtig in einer Umbruchsituation.

Dr. des. Andreas Henkelmann und Dr. Uwe Kaminsky (beide Bochum) referierten zum Thema „Konfessionelle Wohlfahrtspflege und moderner Wohlfahrtsstaat: Überlegungen zu einem schwierigen Verhältnis am Beispiel der Heimerziehung in den fünfziger und sechziger Jahren“. Angeregt wurde diese Studie durch die im Februar 2006 erfolgte Veröffentlichung „Schläge im Namen des Herrn“ des Journalisten Peter Wensierski, der den Opfern dieser Erziehung erstmals eine Stimme in der Öffentlichkeit verlieh. Dieses Buch arbeitete nur mit Interviews von Betroffenen. Henkelmann und Kaminsky benutzen für ihre wissenschaftliche Studie schriftliche Quellen. Sie beschäftigten sich ausführlich mit dem rechtlichen Rahmen der damaligen Heimerziehung und der Ausbildung des meist schlecht bezahlten Personals, zu dem auch Ordensleute gehörten. Die Heime waren lange Zeit resistent gegen pädagogische Reformen, die erst Anfang der 1970er Jahre griffen. Man fand zu neuen Formen der Fürsorge wie etwa in Kinder- und Jugenddörfern.

Prof. Dr. Reimund Haas (Köln/Münster) und Dr. Eric Steinhauer (Ilmenau) stellten ein virtuelles Institut vor, welches zukünftig auch eine Plattform für die Ordensgeschichte sein soll. Die virtuelle Initiative Religiöse Volkskunde (www.initiative-religioese-volkskunde.de) führt das von Georg Schreiber gegründete und von Bernhard Kötting und Alois Schröer geleitete „Institut für religiöse Volkskunde e.V.“ in Münster in anderer Form fort. Das Institut fördert und koordiniert Forschungen und Publikationen und geht damit neue Wege. Die Projektpartner des Instituts geben vier Schriftenreihen heraus, die sowohl online als auch in gedruckter Form zur Verfügung stehen. Ziel ist es, wissenschaftliche Ergebnisse mit geringem finanziellem Aufwand schnell sichtbar zu machen. Dafür bietet sich – auch für die Ordens- und Frömmigkeitsgeschichte – eine webbasierte Publikation an. Die vorgestellten Zugriffszahlen auf Inhaltsangaben und Volltext bestätigen die Herausgeber in ihrer Tätigkeit.

Die nächste Tagung des Arbeitskreises findet vom 8. bis 10. Februar 2008 in Vallendar statt. Auch diese Tagung wird sich breitgefächerten Themen der Ordensgeschichte widmen.

Kontakt

Dr. Gisela Fleckenstein, E-Mail: gfl@wtal.de, oder:
Philosophisch-Theologische Hochschule Vallendar
Arbeitskreis Ordensgeschichte 19./20. Jahrhunderts
Prof. Dr. Joachim Schmiedl
Pallottistr. 3
56174 Vallendar
E-Mail: jschmiedl@pthv.de

Zitation
Tagungsbericht: Arbeitskreis Ordensgeschichte 19./20. Jahrhundert (7. wissenschaftliche Fachtagung), 02.02.2007 – 04.02.2007 Vallendar, in: H-Soz-Kult, 15.02.2007, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-1490>.
Redaktion
Veröffentlicht am
15.02.2007
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