Adel und Umwelt. Horizonte, Erfahrungen und Wahrnehmungen adeliger Existenz in der Frühen Neuzeit

Ort
Börstel
Veranstalter
Forschungsprojekt "Kultur und Herrschaft des Adels in Nordwestdeutschland in der Frühen Neuzeit“; Niedersächsisches Freilichtmuseum-Museumsdorf Cloppenburg; Universität Osnabrück
Datum
08.03.2007 - 10.03.2007
Von
Volker Arnke, Interdisziplinäres Institut für Kulturgeschichte der Frühen Neuzeit (IKFN), Universität Osnabrück

Die Adelsforschung erlebt seit einigen Jahren in der Vielfalt methodischer Ansätze und Fragestellungen eine deutliche Konjunktur. Auch die Tagung „Adel und Umwelt“, die vom 8. bis 10. März 2007 in dem nahe Osnabrück gelegenen Stift Börstel stattfand[1], verfolgte das Ziel, die Erträge der seit einiger Zeit in der Geschichtswissenschaft präsenten Umweltgeschichte für die Adelsforschung nutzbar zu machen. Initiiert und durchgeführt wurde die Tagung im Rahmen des Forschungsprojektes "Kultur und Herrschaft des Adels in Nordwestdeutschland in der Frühen Neuzeit“, das in enger Kooperation mit dem Niedersächsischen Freilichtmuseum-Museumsdorf Cloppenburg an der Universität Osnabrück bearbeitet wird.

Der Adel spielte in der Frühen Neuzeit für seine Umwelt eine maßgebliche Rolle, war doch das Adelshaus politisches, wirtschaftliches und kulturelles Zentrum eines Herrschaftsgebietes. Anliegen der Tagung waren daher, das Verhältnis des Adels zu seiner natürlichen und sozialen Umwelt zu untersuchen und seine gesellschaftliche Relevanz in verschiedenen Räumen und Kulturlandschaften zu erfassen.

Mit dem Fokus auf der natürlichen und sozialen Umwelt sollten einerseits die engen Verflechtungen der Lebensweise des Adels mit der Natur beleuchtet und andererseits die wechselseitigen Beziehungen des Adels zu den Menschen in seiner Umgebung untersucht werden. Das zugrunde liegende Umweltkonzept beruhte hierbei auf den Überlegungen des Soziologen Alfred Schütz, der sich sozialen und kommunikativen Prozessen handelnder Personen gewidmet und damit die Sozialwissenschaft nachhaltig geprägt hat. Die vielfältige Schützsche Definition von Umwelt ist weiter gefasst als der von Rudolf Vierhaus formulierte Begriff der Lebenswelt und ermöglicht, die vielschichtigen Verbindungen und Beziehungen, die zwischen verschiedenen Lebenswelten bestehen, differenzierter zu untersuchen.

Rund zwanzig Referentinnen und Referenten – darunter sowohl Nachwuchswissen-schaftlerinnen und -wissenschaftler als auch etablierte Adelsforscherinnen und -forscher – sowie etwa sechzig Gäste widmeten sich in drei Tagen einem intensiven wissenschaftlichen Austausch. Im Zentrum standen die Begriffe Adeligkeit, Natur, Umwelt und Herrschaft. Die Inhalte der Tagungsbeiträge beschäftigten sich mit verschiedenen geografischen Räumen, so dass ein breites Spektrum adeliger Lebensweisen und Herrschaftspraktiken abgebildet wurde. Dies erlaubte nicht nur einen Überblick über aktuelle Forschungsvorhaben zum frühneuzeitlichen Adel und zu einzelnen Adelslandschaften, sondern bot wegen der Interdisziplinarität der Tagung auch eine Reihe von Verknüpfungsmöglichkeiten und neue Perspektiven auf Bekanntes und Vertrautes.

Die Konferenz gliederte sich in vier Sektionen: Die Vorträge des ersten Tages führten in das grundlegende Thema ein und rückten die Tagungsstätte in den Blick. Während die zweite Sektion sich der natürlichen Umwelt widmete, untersuchte die dritte den Adel in seiner sozialen Umwelt. Die vierte Sektion behandelte die Wahrnehmung der Umwelt durch den Adel. Nicht alle Beiträge ließen sich thematisch eindeutig einem dieser Themen zuordnen. Dies zeigte sich allerdings keineswegs als nachteilig für die Tagung, sondern förderte vielmehr das zugrunde liegende Konzept, nach dem die wechselseitigen Beziehungen zwischen natürlicher und sozialer Umwelt aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet werden sollten.

Die erste Sektion wurde durch den Vortrag Heike Düselders (Osnabrück) eingeleitet. Sie thematisierte die beiden Schwerpunkte der Tagung: Zum einen ging es um die Affinität des Adels zur Natur und deren Gestaltung. Letztere erstreckte sich nicht nur auf repräsentative Zwecke, sondern auch auf sinnvolle und gewinnbringende Nutzung von Naturressourcen. In diesem Zusammenhang betonte sie besonders die Rezeption des aufklärerischen Gedankenguts bei den Bemühungen des Adels zur Kultivierung des Landes. Zum anderen stellte sie den Begriff der sozialen Umwelt vor und erörterte seine Bedeutung für die Adelsforschung. Olga Sommerfeld (Osnabrück) fragte nach Verschiebungen innerhalb der Wahrnehmung der sozialen Umwelt im Adel um 1800. Am Beispiel der Korrespondenz zwischen Vater und Sohn aus der Osnabrücker Adelsfamilie von Vincke argumentierte sie, dass die individuelle Lebensführung, beeinflusst durch die dynamische Entwicklung der Aufklärungszeit, auch im Adel zunehmend an Bedeutung gewann und zum Verlust einer bis dahin gemeinsam geteilten Sinnkonstruktion adeliger Lebenswelt führte. Mit dem Stift und der Grundherrschaft Börstel befasste sich der darauffolgende Vortrag von Renate Oldermann (Bremen). Im Zentrum stand die adelige Herrschaft im Kontext von Forst und Jagd am Beispiel der Börsteler Grundherrschaft. Oldermann beschrieb, dass der herrschaftliche Nutzungsanspruch des Waldes durch das Stift gegenüber den Interessen der Untertanen durchgesetzt werden musste. Dies beschwor Konflikte herauf; denn bäuerliche Existenzsicherung und adeliges Jagdinteresse standen stets im Spannungsverhältnis. Außerdem ging die Referentin auf Waldschutzmaßnahmen ein, die aus der herrschaftlichen Perspektive beleuchtet wurden.

In der anschließenden Diskussion wurde betont, dass die mit der natürlichen Umwelt verbundene Sinnstiftung nicht per se mit der Kategorie Adeligkeit in Verbindung gebracht werden könne. Die Frage richte sich vielmehr nach der spezifischen Wahrnehmung der Umwelt, also auch danach, inwieweit Umwelt für den Adel eine gruppenspezifische Relevanz besaß. Bezüglich der divergierenden Nutzungsansprüche des Waldes durch den Adel und die Bauern wurde hervorgehoben, dass die unterschiedlichen Perspektiven im vormodernen Umgang mit Ressourcen zu beachten seien.

Um die Frage nach einer Gruppenspezifik des europäischen Adels in der Frühen Neuzeit ging es auch dem Freiburger Historiker Ronald G. Asch. In seinem öffentlichen Abendvortrag „Was bedeutet adlig sein in der Frühen Neuzeit? Der zweite Stand zwischen sozialer Konvention und juristischer Norm“ befasste er sich mit dem Selbstverständnis und der Selbstbehauptung des Adels in Europa. Dabei beschrieb Asch den tiefgreifenden Wandel in der Definition des Adelsstatus für unterschiedliche Epochen und Länder. Als Ausgangspunkt seines Vortrags formulierte er die Frage, ob die erfolgreiche Selbstbehauptung des Adels in der Frühen Neuzeit nur eine „optische Illusion“ gewesen sei und gelangte zu folgenden Feststellungen: Den traditionellen adeligen Lebensformen traten in der Frühen Neuzeit immer stärker konkurrierende Lebensentwürfe an die Seite, wie etwa die des Hofmannes, des juristisch gebildeten Amtsträgers, des professionellen Militärs, oder des nobilitierten Finanziers. Im Zuge der Staatenbildungsprozesse erwiesen sich diese Lebensentwürfe als erfolgreich und bedeuteten für den Adel zumindest auf dem Kontinent eine stärkere Abhängigkeit vom Staatsdienst und von sozialen Hierarchisierungstendenzen. In Deutschland hielten weite Teile des Adels diesen Tendenzen das Konzept eines exklusiven „Uradels“ entgegen und konstruierten damit ein neues Selbstverständnis, das auf dem Prinzip der Erinnerungsgemeinschaft beruhte. Dieses ermöglichte ihm, sich auch über die Revolution hinaus in Krisenzeiten stets neu zu definieren.

Mit dem Vortrag von Jens Beck (Hannover) begann die zweite Sektion „Natürliche Umwelt“. Beck befasste sich aus der Perspektive eines Gartendenkmalpflegers mit den historischen Gutsgärten im Elbe-Weser-Dreieck. In drei Schritten – Gestaltung der Gärten als Vorbild, Gutsgärten als Orte der Schulung, Gutsgärten als Teil der Kulturlandschaft – behandelte er die Gestaltung der Gärten sowie ihre Vorbild- und Lehrfunktion für die bäuerliche Bevölkerung der jeweiligen Umgebung vom 17. bis zum 19. Jahrhundert. Der Vortrag des Kunsthistorikers Sascha Winter (Heidelberg) über das Grab im Landschaftsgarten um 1800 behandelte das speziell dem Adel vorbehaltene Privileg der Bestattung auf privatem Grundbesitz. Die Beisetzung im Garten bedeutete einen markanten Bruch sowohl für die tradierte adelige als auch für die traditionelle christliche Funeral- und Memorialkultur. Das vermehrte Auftreten von Gartengräbern ging einher mit einem Bedeutungsverlust der repräsentativen Bestattung in Kirchen und lässt sich vor allem für den protestantischen Adel nachweisen.

Befassten sich die beiden ersten Vorträge mit der künstlerischen und gestalterischen Dimension der Naturnutzung, widmeten sich die drei anschließenden wirtschaftlichen Aspekten und dem adeligen Unternehmertum. Den Anfang machte die Kunsthistorikerin Uta Hengelhaupt (Frankfurt/O.), die über die geistlichen Herrschaften im fränkischen Raum referierte. Ihre Frage richtete sich nach den Ursachen der Entfaltung von Kunst und Kultur im geistlichen Kontext nach dem Dreißigjährigen Krieg. In drei „Untersuchungskreisen“ verdeutlichte sie den Zusammenhang zwischen der individuellen Herrschaftsauffassung und den damit einhergehenden Wirtschaftsunternehmungen des jeweiligen Herrschers, den Formen der Herrschaftspropaganda sowie der Kunstblüte. Michael Hecht (Münster) beschäftigte sich mit den adeligen Sälzern und Pfännern aus mittel- und norddeutschen Salzstädten. Im Zentrum des Vortrags standen die Strategien der Sälzer und Pfänner für die Fundierung ihrer adeligen Qualität sowie die Durchsetzung ihres Anspruchs gegenüber ihrer Umwelt. Das Verständnis vom Salz als edelstem Mineral schuf eine Verbindung zwischen einzelnen Familien und unterstützte die Herausbildung eines adeligen Gruppenbewusstseins sowie gemeinsamer Strategien der Statussicherung. Einen biographischen Zugriff wählte Angela Behrens (Ammersbek). Sie analysierte zum einen die Intentionen und Wertvorstellungen des bürgerlichen Heinrich Carl Schimmelmann bei seinen Gutsreformen auf dem um 1760 von ihm erworbenen Adelsgut Ahrensburg. Zum anderen zeigte sie auf, wie er die Anforderungen für den gesellschaftlichen Aufstieg in den Adel mit seinen kaufmännischen Fähigkeiten kombinierte.

Mit dem Vortrag von Elizabeth Harding (Münster) begann am Freitag Nachmittag die dritte Sektion „Soziale Umwelt“. Harding nahm die Kommunikationsnetze zwischen verschiedenen Ritterschaften Westfalens in den Blick und untersuchte das Verhältnis von korporativer Zugehörigkeit und Familienbeziehungen. Die Möglichkeit der Mitgliedschaft eines adeligen Familienangehörigen in verschiedenen Domkapiteln führte dazu, dass zwischen Korporationen trotz räumlicher Distanz soziale Nähe bestehen konnte. Bastian Gillner (Münster) befasste sich in seinem Vortrag mit dem Wechselverhältnis zwischen dem Adelshaus und der Dorfkirche als Bestandteil der adeligen Lebenswelt. Gillner sah die Dorfkirche als soziale und artifizielle Umwelt des Adels und betonte in diesem Zusammenhang nicht nur die religiöse Bedeutung der Kirche, sondern auch die im Lauf der Frühen Neuzeit zunehmende Repräsentationsfunktion des sakralen Baus. Im Hinblick auf die Gemeinde bildete die Kirche einen Ort der sozialen Abgrenzung. So habe der Adel auch bei gemeinsamer Nutzung des Kirchenraumes keine Nivellierungstendenzen gezeigt. Anschließend berichtete die Volkskundlerin Sonja Michaels (Quakenbrück) aus ihrer kürzlich abgeschlossenen Dissertation zur Herrschaft Dinklage im ehemaligen Niederstift Münster. Sie thematisierte das Beziehungsgeflecht zwischen Herrschaft und Dienerschaft auf der Burg Dinklage auf der Grundlage von Renteikorrespondenzen.

Im Mittelpunkt der vierten Sektion stand die Wahrnehmung der Umwelt durch den Adel. Sie wurde mit dem Vortrag von Gerd van den Heuvel (Hannover) über die Umbrucherfahrungen des niedersächsischen Adels im Zeitalter der Französischen Revolution eingeleitet. Er untersuchte die Reaktionen einzelner Adeliger auf die Kritik ihrer Vorrangstellung und schilderte die Wahrnehmung der Revolutionsereignisse sowie deren Folgen und Auswirkungen auf die lokalen Verhältnisse. Der Verzicht auf Herrschaftsrechte, so seine These, habe zur „Versöhnung“ mit der sozialen Umwelt und dadurch letztlich zur Konsolidierung von Herrschaft geführt. Am Beispiel der Tagebuchaufzeichnungen des Friedrich August von Watzdorf erläuterte Josef Matzerath (Dresden) die Wahrnehmung und Sinnstiftung der sozialen und natürlichen Umwelt des sächsischen Adeligen auf dessen Reise nach England am Beginn des 18. Jahrhunderts. Dabei fokussierte Matzerath seinen Vortrag auf die spezifisch adeligen Wahrnehmungsmuster und fragte danach, welche Inhalte des Selbstzeugnisses adelige Identität ausdrückten. Er stellte in diesem Zusammenhang fest, dass Adeligkeit erst durch die umweltgebundene Sinnstiftung generiert werde und dass durch die individuelle Verwertung von Wahrnehmung eine gruppenspezifische Relevanz hergestellt werden könne. Auch der Vortrag von Silke Marburg (Dresden) befasste sich mit den Tagebuchaufzeichnungen eines sächsischen Adeligen, Robert Freiherr von Welck, und dessen Reise von Dresden nach Paris im Jahr 1820. Marburg fragte nach erkennbaren Handlungs- und Wahrnehmungsmustern im Rahmen der Besuche verschiedener Höfe und nach der spezifisch adeligen Rezeption der jeweils vorgefundenen sozialen Umwelt.

Die vierte Tagungssektion wurde am letzten Tag der Konferenz fortgesetzt: Den Beginn machte Inken Schmidt-Voges (Osnabrück), die vergleichend zwei Klassiker der adeligen Hausväterliteratur – die 'Georgica Curiosa' des Helmhard von Hohberg von 1682 und den 'Hausvater' des Otto von Münchhausen aus den 1760er Jahren – gegenüber stellte. Grundlage ihrer Überlegungen bildete ein breites Verständnis des 'oikos'-Begriffs, der in seiner ursprünglichen Bedeutung als 'bewohnte Welt' erprobt wurde. Während sich Hohberg vor allem auf seine Güter und Untertanen konzentrierte, zeichnete Münchhausen das Bild eines gelehrten Hausvaters, der die landwirtschaftlichen Produktionsabläufe zu durchdringen und optimieren suchte. Letzteres sei als eine grundsätzlich veränderte Umweltwahrnehmung zu deuten, da Münchhausen den Nutzen der Natur in den Vordergrund stellte. Daraufhin widmete sich Martin Knoll (Regensburg) der Umwelt- und Selbstwahrnehmung kurbayerischer Hofmarksherren in Michael Wenings "Historico Topographica Descriptio", einer historisch-topographischen Landesbeschreibung Bayerns. Dieses in den Jahren zwischen 1701 und 1726 erschienene vierbändige Werk beruhte auf einer vom Kurfürsten und den Landständen initiierten Umfrage, im Rahmen derer adelige und kirchliche Herrschaftsträger Auskunft über ihren Besitz und den Zustand ihres Herrschaftsbereiches geben sollten. Anhand der schriftlichen Antworten der adeligen Hofmarksherren fragte Knoll nach deren Positionierung in der ländlichen Gesellschaft und in der natürlichen Umwelt. In den Diskussionen der beiden Vorträge ging es zum einen um die Fragen nach dem Nutzen und der Verwertbarkeit der Hausväterliteratur sowie nach der Bedeutung der Geschlechterproblematik. In diesem Zusammenhang wies Heide Wunder darauf hin, dass die Hausmutter ihre Rolle im 18. Jh. immer stärker einbüßte. Um diesen Wandel erforschen zu können, lohne sich daher ein geschlechterbezogener Zugriff auf die Thematik. Zum anderen wurde über die Rolle und die Intention der historisch-topographischen Landeserfassung diskutiert.

Die beiden letzten Vorträge rückten noch einmal die Wahrnehmung der sozialen Umwelt in den Vordergrund. Karl-Heinz Ziessow (Cloppenburg) thematisierte das Verhältnis adeliger Funktionsträger zu ihrer Herrschaft am Oldenburger Hof im Dienste des Herzogs Peter Friedrich Ludwig. Anne Kuhlmann-Smirnow (Bremen) berichtete aus ihrem laufenden Dissertationsvorhaben, das sich mit den Lebensbedingungen der sogenannten 'Hofmohren' an Fürstenhöfen der Frühen Neuzeit beschäftigt. Am Beispiel der ostfriesischen Residenz der Cirksena in Aurich richtete sie ihren Blick auf die Beziehungen der afrikanischen Pagen zu deren sozialer Umwelt, insbesondere zu den Angehörigen der fürstlichen Familie.

Das abschließende Round-Table-Gespräch leitete Siegrid Westphal (Osnabrück). Sie fasste Intentionen und Ausgangspunkte der Tagung zusammen. Die darauf folgenden Kommentare einzelner Wissenschaftler reflektierten die Möglichkeiten des Umweltansatzes aus ihrer jeweiligen Perspektive und hoben Forschungsdesiderate hervor. Werner Freitag (Münster) fragte danach, wie die Tagungsergebnisse in die Schwerpunkte der Landesgeschichte eingegliedert werden können. Er hielt fest, dass die Mechanismen der Bewahrung des Herrschaftsstandes (z.B. Aufschwörungen) für verfassungs- und strukturgeschichtliche Fragestellungen von Interesse seien. Schließlich stellte er fest, dass ein sozial- und agrargeschichtlicher Ansatz mit einem engen, auf die natürliche Umwelt bezogenen Umweltbegriff neue Perspektiven biete – etwa im Hinblick auf den Übergang von der Markenwirtschaft zur Privatwirtschaft.

Ronald G. Asch (Freiburg) entwickelte aus den Ergebnissen der Tagung weitere Fragen, darunter die nach der Urbanisierung des Adels – etwa des westfälischen Adels, der zahlreiche Stadthöfe in Münster unterhielt – und nach den Auswirkungen dieses Prozesses auf die Verwaltung und Bewirtschaftung der Landgüter. Auch sei in diesem Kontext zu fragen, inwiefern der Landsitz als Außenposten urbaner Kultur gefasst werden könne. Asch regte zudem an, die wachsende kulturelle Distanz des Adels zum dörflich-bäuerlichen Leben in den Blick zu nehmen und nach ihrer Bedeutung zu fragen.

Gerd van den Heuvel (Hannover) betonte die offenkundig ungebrochene Attraktivität des Adels, die sich in der starken Aneignung adeliger Lebensformen durch das aufsteigende Bürgertum manifestierte, und forderte eine stärkere Berücksichtigung und Erforschung dieser Aspekte. Außerdem erschien es ihm wichtig, das Verhältnis des Adels zur Landesherrschaft und zum Hof intensiver zu untersuchen sowie nach dem politischen Handeln der Adeligen im Hinblick auf die Ausrichtung auf den jeweiligen Landesherrn zu fragen.

Heide Wunder (Bad Nauheim) argumentierte aus der Perspektive der Agrarhistorikerin und konstatierte für die Agrargeschichte einen neuen Zugriff, indem sie auf die personengebundene Besetzung des Landes mit adeligen Herrschaftssymbolen hinwies. Sie stellte eine zunehmende Markierung der Landschaft durch "Achsen des Adels" wie Alleen, Umgestaltung der Weiden und weitere landschaftsgestaltende Maßnahmen in einen Zusammenhang mit politischem und herrschaftlichem Machtverlust, den der Adel durch kulturelle Präsenz zu kompensieren suchte. Wunder hob zudem die kulturelle Dichte durch die vielen kleinen Adelssitze auf dem Land und die weiterhin adelig geprägte Kirchenkultur hervor. Große Defizite sah sie noch immer in der Erforschung der sozialen Umwelt und im Mangel an geschlechterspezifischen Fragestellungen.

Martin Knoll (Regensburg) wies in seinem Beitrag darauf hin, dass die Umweltgeschichte viele unterschiedliche Betrachtungsweisen und Schwerpunke zulasse. In diesem Zusammenhang bemerkte er kritisch, dass vielfach der Mensch zu stark aus dem Fokus herausgelöst werde. Besonders fruchtbar schien ihm daher die "soziale Ökologie" der Wiener Schule, da hier der Mensch als prägender Bestandteil von Natur wahrgenommen werde. Sein Einfluss bestehe in der Codierung des Naturbildes und dem daraus abgeleiteten Umgang mit der Umwelt. Als besonders wichtig erachtete Knoll den Faktor Herrschaft für die Umweltgeschichte der Frühen Neuzeit, da der Adel nachhaltig Arbeitsprozesse in der Natur beeinflusst habe. Gerade die Regulierungsfunktion stelle eine zentrale Herrschaftslegitimierung dar, so dass sich im Umkehrschluss der Verlust bzw. der Wandel dieses Regulierungsmonopols an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert stark auf die Herrschaftslegitimation ausgewirkt habe.

Josef Matzerath (Dresden) sah eine wesentliche Bereicherung der Adelsforschung durch die Tagungsergebnisse vor allem in der Einbindung anderer Forschungsrichtungen. Inhaltlich wies er auf die Heterogenität des Adels und die Dynamik dieses Standes hin, die die nach wie vor wirkmächtige These der 'adeligen Kernmentalitäten' abermals in Frage stellte. Er merkte weiterhin an, dass die gruppenbildenden Mechanismen und der Prozess der Generierung von Adel stärker zu berücksichtigen seien.

In der abschließenden Plenumsdiskussion konstatierte Christine van den Heuvel (Hannover), dass Quellen zur Adelsgeschichte unter dem Aspekt der Umweltgeschichte noch einmal völlig neu strukturiert werden müssen. Dieter Wunder (Bad Nauheim) forderte eine stärkere Einbeziehung der sozialen Umwelt in die Adelsforschung und sah insbesondere in der Thematisierung der familiären Umwelt des Landadels sowie der darin bestehenden Kohäsionskräfte und Konflikte ein immer noch defizitäres Untersuchungsfeld. Auch die professionelle Umwelt des Adels – Militär, Landes- und Gutsverwaltung – sowie die ökonomisch-soziale Umwelt der Untertanen bedürfe intensiverer Erforschung. In der Schlussanmerkung unterstrich Jens Beck (Hannover) die Notwendigkeit, das Verhältnis von Ästhetik und Kulturgeschichte im weitesten Sinn genau zu reflektieren. Nicht jede Landschaftsgestaltung, jede angelegte Allee sei als Herrschaftssymbolik zu deuten. Solche Maßnahmen des Adels könnten lediglich Ausdruck eines ausgeprägten ästhetischen Bewusstseins sein.

Die Grundidee der Tagung, die Adelsforschung durch umweltgeschichtliche Ansätze zu erweitern, stieß auf breite Resonanz der Teilnehmer. Neben der bereits bestehenden Kontroverse um eine Generalisierbarkeit des europäischen Adels wurden weitere Desiderate bei der Untersuchung der wechselseitigen Beziehungen zwischen Adel und Umwelt aufgezeigt. Zum einen sind die wirtschaftliche Bedeutung der Natur und deren Repräsentationsfunktion für adelige Herrschaft zu untersuchen. Zum anderen fehlen weiterhin Erkenntnisse in der genderbezogenen Adelsforschung sowie für das anhaltende Interesse des frühneuzeitlichen Bürgertums an Nobilitierungen als Mittel des sozialen Aufstiegs. Die Vorträge der Tagung werden im kommenden Jahr in einem Sammelband publiziert.

Anmerkung:
[1] Siehe Tagungsprogramm: <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/termine/id=6790> (07.06.2007)

Zitation
Tagungsbericht: Adel und Umwelt. Horizonte, Erfahrungen und Wahrnehmungen adeliger Existenz in der Frühen Neuzeit, 08.03.2007 – 10.03.2007 Börstel, in: H-Soz-Kult, 11.06.2007, <http://www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-1603>.