Arbeitskreis Ordensgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. 3. wissenschaftliche Fachtagung

Ort
Vallendar
Veranstalter
Arbeitskreis Ordensgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts
Datum
07.02.2003 - 09.02.2003
Von
Gisela Fleckenstein, Nordrhein-Westfälisches Staatsarchiv Detmold, Brühl

Der Arbeitskreis ist ein Diskussionsforum für aktuelle Arbeiten zur Geschichte von Orden und Kongregationen und widmete sich bei dieser Tagung überwiegend Themen des 19. Jahrhunderts.

Joachim Schmiedl (Vallendar) betrachtete die 200. Wiederkehr des Reichsdeputationshauptschlusses aus der Perspektive der Ordensgeschichtsschreibung. Die Säkularisation war die notwendige Folge eines Mentalitätswandels, der sich aus den Denkmustern der Aufklärung ergab. Die öffentliche Meinung stellte die Nützlichkeit der Orden und Klöster auf mehreren Ebenen in Frage: wirtschaftlich waren Klöster nicht mehr zeitgemäß, man sprach den Ordensleuten pädagogische Kompetenzen weitgehend ab und sah im traditionellen christlichen Ordensleben eine überholte Lebensform. Gleichzeitig verlor die Theologie im ausgehenden 18. Jahrhundert an Bedeutung gegenüber den Naturwissenschaften. Die Beschlüsse des Wiener Kongresses sahen einen finanziellen Ausgleich für die Geschädigten vor. Doch hier konstatierte Schmiedl eine ekklesiologische Schieflage: Die Kirche sah sich in apostolischer Sukzession und unter dem Primat des römischen Papstes stehend, als in sich autarke "societas perfecta". Den Gegenpart bildete der Staat, der auch die Führung der Kirche beanspruchte. Beide Positionen standen sich in den Konkordatsverhandlungen nach 1815 gegenüber. In diesem Staat-Kirchen-Antagonismus kamen die Orden nicht mehr vor, weil diese sich nicht in staatliche Grenzen einbinden ließen. D.h. die Folgen der Säkularisation waren eine Chance für die diözesan strukturierte Kirche. In dieser neuen Verbindung zwischen Staat und Kirche konnte sich ein katholisches Milieu - ohne die Konkurrenz durch die Orden - entfalten. Als Reaktion auf diese Entwicklung ordneten sich neugegründete Kongregationen in die Diözesanstrukturen ein und besonders die Männerorden akzentuierten ihre internationale Ausrichtung. Erst durch das II. Vaticanum wurden die Orden neu in die Pastoral der Diözesen miteinbezogen.

Christoph Schweickardt (Bochum) beschäftigte sich mit der zunehmenden Professionalisierung der Krankenpflege in Preußen vor dem I. Weltkrieg. Bis vor dem Kulturkampf fehlten jedwede staatlichen Regelungen und jede und jeder durfte Kranke pflegen. Pfleger und Pflegerinnen aus Orden und Diakonie verfügten - wie nichtorganisierte Krankenwärter - über unterschiedlich qualifizierte Ausbildungen. Eine Krisensituation in der Krankenpflege wurde durch die Choleraepidemie von 1873 und durch die Restriktionen des Kulturkampfes ausgelöst. Der Staat versuchte mit geringem Erfolg eine Ausbildungs- und Prüfungsordnung durchzusetzen. Die krankenpflegenden Orden hatten einen hohen Nutzen für den Staat und blieben daher von einer Auflösung bzw. Ausweisung verschont. Noch sah Preußen in der Pflegerausbildung - im Gegensatz zur Ärzteausbildung - keine staatliche Aufgabe. Ein Umdenken erfolgte nach der Einführung neuer medizinischer Erkenntnisse, wie der Asepsis (Keimfreiheit). Die Anforderungen an Pfleger und Pflegerinnen stiegen. 1907 wurde mit der Krankenpflegereform ein staatliches Examen eingeführt. Das Examen war zunächst freiwillig und musste von den Orden nicht angenommen werden. Doch der Episkopat stimmte 1907 dem Examen zu und legte dies auch den Orden nahe, welche die einjährige Ausbildung mit Abschlussprüfung akzeptierten und diese auch als Chance für ihre Mitglieder begriffen. Das preußische "Kultusministerium" reagierte immer nur kurzfristig auf Krisensituationen und zeigte in seinen Handlungen keine Präferenz für eine weltanschauliche Richtung. Die neuen Standards in der Krankenpflege griffen massiv in den Tagesablauf der Ordensleute - es waren überwiegend Frauen - ein. Die Frauen gerieten in eine Konfliktsituation. Sie konnten entweder gute Krankenschwestern oder gute Ordensschwestern sein.

Andreas Henkelmann (Münster/Bochum) untersucht das, aus einer Initiative des weltlichen Dritten Franziskanischen Ordens hervorgegangene, Seraphische Liebeswerk. Das in Koblenz ansässige Seraphische Liebeswerk war zunächst ein reiner Sammelverein, der die Kollekten zur "Lösung der sozialen Frage" verwandte. Der Kapuziner P. Cyprian Fröhlich, der zum Motor des Werkes wurde, regte eine Umwandlung des Werkes in einen Erziehungsverein an, was 1901 realisiert werden konnte. Hauptaufgabe des Vereins war die Rettung gefährdeter Kinder vor sittlicher Verwahrlosung und Glaubensverlust sowie die Unterstützung von katholischen Anstalten und Einrichtungen in der Diaspora. Henkelmann untersucht den Zeitraum zwischen 1889 und 1920/21 und richtet sein besonderes Augenmerk auf das Agieren der Kapuziner, die die Vereinsarbeit maßgeblich koordinierten. Er sieht die Ordensleute als "Grenzgänger", denn die Kapuziner kamen durch diese Tätigkeit zwischen Kloster und Kinderheim in zahlreiche Konflikte mit ihrer franziskanischen Ordensregel wie z.B. dem Umgang mit Geld, dem Abschluss von Verträgen und der notwendigen Dispens von geistlichen Übungen zu Gunsten der Vereinsarbeit. Gleichzeitig bot dieses Engagement in der Seelsorge eine neue Herausforderung für das Selbstverständnis des Kapuzinerordens, so eine These Henkelmanns.

Gertrud Hüwelmeier (Berlin) erforscht mit einem ethnologischen Ansatz die transnationalen Aktivitäten von Ordensfrauen am Beispiel der 1850 durch Katharina Kasper gegründeten Armen Dienstmägde Jesu Christi, die auch als "Dernbacher Schwestern" bekannt sind. Die Anfänge dieser Kongregation, die sich zunächst überwiegend der Krankenpflege und Armenhilfe widmete, liegen im Westerwald, wo sich noch heute das Generalmutterhaus befindet. Aus dem lokalen Wirkungskreis der Gründung heraus überschritt die Gemeinschaft ihre Grenzen und fand 1868 den Weg in die USA und im Kulturkampf nach Holland. Dort begegnete sie verschiedenen Kulturen und Religionen. Die Ordensfrauen überschritten nicht nur Ländergrenzen, sondern sie übernahmen auch andere Tätigkeitsgebiete im sozial-caritativen und im erzieherischen Bereich. Die Frauen waren im 19. Jahrhundert spontan disponibel. Davon zeugen viele Kleinstniederlassungen wie Näh-, Bewahr- und Handarbeitsschulen. Hüwelmeier sieht die Ordensfrauen als Transmigrantinnen, die zwischen mehren Orten pendeln, aber immer Kontakt zu ihrer Herkunftsgesellschaft (Mutterhaus, Provinz) pflegen. Dieser Aspekt der globalen Vernetzung wird durch die neuen Verkehrs- und Kommunikationsmittel der Gegenwart beschleunigt. Im Mittelpunkt der Arbeit steht die Frage des Heimatkontakts, der auf vielfältige Art und Weise gepflegt wurde wie z. B. durch Briefe und Visitationen.

Gisela Fleckenstein (Brühl) zeigte und kommentierte Ausschnitte aus den beiden Fernsehfilmen "Abenteurer Gottes". Diese Dokumentation wurde im Jahre 2002 von Marcel Bauer erstellt. Dokumente aus der Frühzeit des Filmes geben Einblicke in die Missionsarbeit verschiedener Orden auf verschiedenen Kontinenten. Ordensleute gehörten zu den Pionieren des Dokumentarfilms; sie drehten auch - nicht selten in deutlicher propagandistischer Absicht - Spielfilme mit missionarischen Themen.

Sofie Leplae (Rom/Leuven) eröffnete einen Einblick in die ordensgeschichtlichen Quellen in römischen Archiven und ihre Bedeutung für die Geschichtsschreibung römischer Institute. Sie erstellt im Auftrag des KADOC ein Inventar über Akten von Orden und Kongregationen auf dem Gebiet des ehemaligen Königreichs Belgiens zwischen 1892-1914. Neben den Vatikanischen Archiven und den Archiven der Kongregationen sind vor allem die Archive der in Rom ansässigen Institute relevant. Doch von 60 Instituten gewährten bisher nur 36 Zutritt zu ihren Archiven. Viele Institute kennen ihre Archive nicht oder haben Ressentiments gegenüber der Geschichtsschreibung.

Antonia Leugers (München) zeigte am Beispiel der nach dem Kulturkampf in Preußen eingeführten Personalbestandsnachweisungen der Ordensniederlassungen Auswertungsmöglichkeiten für die Ordensgeschichtsschreibung auf. Der Vorteil der Quellen in staatlichen Archiven ist deren relative Geschlossenheit und leichte Zugänglichkeit. Mit den Nachweisungen, die erst vor Beginn des I. Weltkrieges eingestellt wurden, lässt sich eine zuverlässige und flächendeckende Ordensstatistik erarbeiten.

Heinz Boberach (Koblenz) gab einen kurzen Einblick in ordensrelevante Akten in den Beständen des Bundesarchivs. Aufschlussreich für die weitere Forschung zum Verhältnis Orden und Nationalsozialismus ist ein Aktenbestand des ehemaligen Reichssicherheitshauptamts der zur Zeit archivisch erschlossen wird.

Die nächste Tagung des Arbeitskreises findet vom 6.-8. Februar 2004 in Vallendar statt. Weitere Informationen beim Leitungsteam des AKO: Antonia Leugers (München), Gisela Fleckenstein (Brühl) und Joachim Schmiedl (Vallendar).

Kontakt

Philosophisch-Theologische Hochschule Vallendar
Arbeitskreis Ordensgeschichte 19./20. Jahrhundert
Prof. Dr. Joachim Schmiedl
Pallottistr. 3
56174 Vallendar
Tel.: 0261-6402128
E-Mail: jschmiedl@pthv.de

Zitation
Tagungsbericht: Arbeitskreis Ordensgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. 3. wissenschaftliche Fachtagung, 07.02.2003 – 09.02.2003 Vallendar, in: H-Soz-Kult, 20.02.2003, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-175>.