Neue Tradition – Konzepte einer antimodernen Moderne in Deutschland von 1920 bis 1960

Ort
Dresden
Veranstalter
Prof. Dr. Hans-Georg Lippert; Dr.-Ing. Kai Krauskopf; Dipl.-Ing. Kerstin Zaschke, Institut für Baugeschichte, Architekturtheorie und Denkmalpflege (IBAD) an der TU Dresden
Datum
05.10.2007
Von
Sylvia Necker

Die Tagung zur „Neuen Tradition“, abgeleitet von einem Stilbegriff des Architekturhistorikers Henry-Russell Hitchcock, war die Nachfolgeveranstaltung eines Workshops, der im vergangenen Jahr am Institut für Baugeschichte an der TU Dresden initiiert wurde und dieses Jahr durch die Förderung der Fritz Thyssen Stiftung in größerem Rahmen stattfinden konnte. Ziel der drei Veranstalter und Initiatoren ist es, ein Forum für die Forschung im Umkreis des so genannten traditionalistischen Bauens zu schaffen und die „Stuttgarter Schule“[1] und ihre Rezeption anhand der Protagonisten wie Paul Schmitthenner, Paul Bonatz und Heinz Wetzel, und deren Schüler wie Gerhard Graubner, Rudolf Rogler, Julius Schulte-Frohlinde und Konstanty Gutschow zu untersuchen. Im vergangenen Jahr wurden unter anderem die Spuren der Stuttgarter Schule in Dresden untersucht; es zeigte sich jedoch sehr schnell, dass sich sehr unterschiedliche Architekturkonzeptionen im Umkreis der Stuttgarter bildeten, die bisher kaum übergreifend erforscht wurden.

Die Tagung wurde von HANS-GEORG LIPPERT eröffnet, der auf die gerade ein Jahr andauernde Geschichte des Forums „Neue Tradition“ zurückblickte. Anlass einen Forscherkreis in Dresden zu versammeln, waren baugeschichtliche Untersuchungen zu Dresdner Hochschulbauten, die in der Tradition der „Stuttgarter Schule“ stehen. Die Tagung soll jährlich wiederholt werden, um einen Austausch zwischen den Forschern zu unterstützen. Anders als die Protagonisten der Moderne wie Walter Gropius und Ludwig Mies van der Rohe sind die „traditionalistischen“ Architekten weniger untersucht bzw. bisher nur in einzelnen Forschungszusammenhängen präsent. Das Forum lenkt deshalb die Aufmerksamkeit auf diese Architekten und möchte den Kontext weit über die „Stuttgarter Schule“ hinaus erweitern. Um das Forum in einen theoretischen Rahmen einzuordnen, bemühte sich Roland May von der TU Darmstadt, den Begriff der „Neuen Tradition“ von Henry-Russell Hitchcock aufzugreifen und ihn als Überbegriff für die Tagung und das Forum nutzbar zu machen. Die Herleitung der „Neuen Tradition“ nach Hitchcock, der diesen Begriff zum ersten Mal 1929 in seiner Monographie „Modern Architecture“[2] einführte, scheint jedoch nicht vollkommen zu überzeugen, bezieht Hitchcock doch diesen Begriff auf die Zeit von 1890 bis 1920. Damit fällt zwar die erste Phase der „Stuttgarter Schule“, die sich seit Anfang des 20. Jahrhunderts um Theodor Fischer an der TH Stuttgart formierte, in die Periodisierung Hitchcocks; die zweite, wichtige Phase jedoch, als Paul Schmitthenner, Paul Bonatz und Heinz Wetzel Mitte der 1920er-Jahre in Stuttgart lehrten, und in der die meisten Schüler der Architekturschule in Stuttgart eingeschrieben waren, findet keine Beachtung bei Henry-Russell Hitchcock. Die Hauptmerkmale des Hitchcockschen Begriffs, erstens die Wiedereinbeziehung des Ingenieursanteils, zweitens der freie Umgang mit Formen und drittens die Steigerung des handwerklichen Details bleiben dennoch sehr übergeordnete und eher nicht ausreichend differenzierte Merkmale, um die „Stuttgarter Schule“ als Richtung zu beschreiben, wenngleich sicherlich besonders das dritte Merkmal für die „Stuttgarter Schule“ zentral war. „Stuttgarter Schule“ also als „Neue Tradition“? Bezüglich dieser Einordnung bleibt doch viel Skepsis zurück, ob die Architekturschule Stuttgarts und ihre Rezeption so adäquat in ihrem (architektur-) historischen, kunsthistorischen und gesellschaftlichen Zusammenhang erforscht werden kann, zudem Hitchcock schon 1932 von dem Begriff „New Tradition“ abrückt und in seinen Werken der 1960er-Jahre durch andere Begriffe ersetzt. Insgesamt bleibt zu bemerken, dass die ideengeschichtliche Einordnung der „Stuttgarter Schule“ – auch im Vergleich zu den parallel entstehenden Schulen in Deutschland und in Europa – zu wenig diskutiert wurde. Und so wirkt auch der Titel der Tagung „Konzepte einer antimodernen Moderne“ etwas unglücklich gewählt, da er sich zu sehr an Stilkategorien abarbeitet, statt einen (ideen-) geschichtlichen Zusammenhang von Modernisierung und Traditionalisierung in der Architektur zu fokussieren.

Der Beitrag „Territorien traditionalistischen Bauens“ von ULRICH MAXIMILIAN SCHUMANN teilte sich in zwei Teile. Zunächst umriss Schumann, den Umkreis des „traditionalistischen Bauens“, zu dem bisher kein eigenes Forschungsfeld entstanden ist; im zweiten Teil widmete sich sein Beitrag der „Karlsruher Schule“ im Umfeld des Architekten Friedrich Ostendorf. Im ersten Teil warf Schumann den Blick auf die ambivalente Entwicklung der Modernisierung und Traditionalisierung und führte die Thesen von S.N. Eisenstadt an, der beschrieb, wie die Modernisierung durch Mechanismen der Traditionalisierung gebremst wird, welche sie selbst in Gang setzt. Diese These übertrug Schumann auf die Baugeschichte, in der sich seit Anfang des 20. Jahrhunderts zahlreiche Strömungen nachweisen lassen, die zwischen Modernisierung und Traditionalisierung operieren. Exemplarisch führte Schumann Paul Mebes mit seiner Rückschau auf Wohnformen „Um 1800“ (1908) und das Buch „Die Architektur der Großstadt“ von Karl Scheffler (1913) an. Ein Architekt, der im Spannungsfeld zwischen Tradition und Moderne agierte, war Friedrich Ostendorf, der 1907 bis 1915 an der TH Karlsruhe lehrte. In seinen „Sechs Büchern vom Bauen“ (1913ff.) suchte Ostendorf nicht nach Stilen, sondern nach Bautraditionen, die er analog zu Paul Mebes Werk in einer Gegenüberstellung von „gutem“ und „schlechtem“ Beispiel aufzeigen wollte; das „gute“ Beispiel war die „traditionalistische Architektur“, die deswegen aber nicht zwangsläufig ein traditionalistisches Menschbild transportierte, wie Schumann in seinem Beitrag betonte.

HANS-GEORG LIPPERT untersuchte in seinem Beitrag „Woher nehmen? die Herleitung der Nationalen Traditionen“ die Schriften der „Deutschen Bauakademie“, die 1951 in Ost-Berlin gegründet wurde und bis 1991 Bestand hatte. Die Zielsetzung war schon 1947 formuliert worden: die Bauakademie sollte bauwissenschaftliche und baukünstlerische Stellungnahmen zum Aufbau hervorbringen. Die Stellungnahmen wurden für propagandistische und erzieherische Zwecke genutzt, während ihres vierzig-jährigen Bestehens entstanden zahllose Broschüren und Gutachten, die in zum Teil sehr hoher Auflage in der DDR verbreitet wurden. Eine der zentralen Rollen hatte Kurt Liebknecht, der erste Präsident der Bauakademie, inne, der in den anfänglichen Jahren die Akademie mit 60 Mitarbeitern betrieb, Ende der 1980er-Jahre hatte die Bauakademie circa 5.000 assoziierte Mitarbeiter. Die Bauakademie fungierte als Herausgeberin der wichtigsten Bauzeitschrift in der DDR, der Zeitschrift „Deutsche Architektur“, die später in „Architektur in der DDR“ umbenannt wurde. Lippert arbeitete anhand der Publikationen der Bauakademie drei Merkmale für die nationale Bautradition heraus. Erstens hatte die Sowjetunion den wichtigsten Einfluss auf die Bautradition in der DDR. Beispielhaft nachzuvollziehen in der 1952 erschienen Publikation „Deutsche Architekten sahen die Sowjetunion“, die den Klassizismus der Sowjetarchitektur und den Turm als wichtigstes Symbol der Tradition vorführt. Ein zweites Merkmal zeigte sich in der historischen Herleitung der Bautradition aus den mittelalterlichen Stadtbildern, die vor allem in der Publikation „Deutsche Baukunst in zehn Jahrhunderten“ ihr Beispiel findet und Parallelen zu Karl Grubers „Gestalt der deutschen Stadt“ – seit 1937 in vielen Auflagen erschienen – in der Bundesrepublik Deutschland aufweist. Letztes Merkmal der nationalen Bautradition, die die Deutsche Bauakademie verwaltete, waren programmatische Schriften wie „Die nationale Aufgabe der deutschen Architektur“, die 1952 erschien und die die Einheit der deutschen Architektur verteidigen sollte. Als leuchtendes Beispiel wurde Schmitthenners historisierender Wiederaufbau in Freudenstadt gelobt, der als Widerstand gegen die Amerikanisierung der Baukultur in der Bundesrepublik zu werten sei.

ELKE SOHN, die jüngst ihre Dissertation zu „organischen Stadtbaukonzepten“ bei Hans Bernhard Reichow, Walter Schwagenscheidt und Hans Scharouns vorgelegt hat, stellte ihr von der DFG gefördertes Projekt zu Heinz Wetzel und seiner Rezeption bei Wetzels Schülern vor. In ihrem Beitrag „Städtebau der Stuttgarter Schule – Heinz Wetzel“ näherte sie sich der traditionalistischen Architektur, zu der Sohn die Architekturauffassung Wetzels zählte, über seine Vorstellung von der „Stadtbaukunst“ als bildhafte Komposition. Wetzel untersuchte die Gesetzlichkeit der im Mittelalter gewachsenen Stadt und nahm diesen Typ als Ausgangspunkt für seine Lehre vom Städtebau. Wichtig ist bei Wetzel vor allem die Unterscheidung von „Stadtbaukunst“, der die (Bild-) Komposition zu eigen ist, und des „Städtebaus“, der sich durch Konstruktion auszeichnet. Wetzel macht in seiner Lehre bipolare Typen aus, die er der Stadtbaukunst und dem Städtebau zuordnete. Sohn überprüft anhand von circa ein Dutzend Beispielen Wetzels spezifische Vorstellungen von Städtebau bei Stuttgarter Schülern. Als wichtiges und neues Element macht Sohn den Einfluss naturwissenschaftlicher Gedankengebäude auf die Planer und Architekten aus, wie sich beispielsweise an der Rezeption der Lehre der Monisten durch Wetzel und seine Schüler zeige. Nach der Auffassung der Monisten ist die Natur bestimmender Faktor für die Gestalt der Dinge. Nicht zuletzt in Wetzels Vorstellung vom „organischen Wachstum“ der Städte findet diese Lehre Widerhall. Durch die Entdeckung naturwissenschaftlicher Studien für die Stadtplanung und den Städtebau sieht Elke Sohn die Stuttgarter Schule – zurecht! – als Teil in der Moderne des 20. Jahrhunderts verankert.

Karl Neupert wird derzeit im Rahmen eines Promotionsvorhabens von ARNE KEILMANN untersucht. In Dresden stellte Keilmann den 1935 mit dem Diplom als Architekten ausgestatteten Neupert als „verhinderten Stuttgarter Schüler“ – so der Titel seines Vortrags – vor, wobei dem Beitrag leider nicht zu entnehmen war, was und wer Neupert verhinderte und was ihn als „Stuttgarter Schüler“ auszeichnete. Der junge Architekt ging gleich nach dem Ende seines Studiums zur „Sächsischen Heimstatt“ und stieg schnell in das „Reichsheimstättenamt“ der DAF mit Sitz in Berlin auf. Anhand verschiedener Organigramme stellte Keilmann die Organisationsstruktur und wichtige Protagonisten – unter ihnen Karl Neupert – des Reichsheimstättenamts vor, wobei ein Rückbezug auf die strukturellen Verbindungen und Verwicklungen von NSDAP, der Verbände der Bauwirtschaft und der Wirtschafts- und Baupolitik während des Nationalsozialismus ausblieben. Aus der Perspektive einer verwaltungstechnischen Analyse ließen sich die komplizierte Struktur und die inhaltlichen Handlungsebenen der NS-Siedlungspolitik jedoch gut zeigen. Zur Annäherung an die Neupertsche Vorstellung zur Landschaftspflege stellte Keilmann Auszüge aus dem 1939 erschienenen Band „Städtebild und Landschaft“ vor. Für einen Einblick in den Siedlungsbau von Neupert wurde die Reihe „Siedlungsgestaltung aus Volk, Raum und Landschaft herangezogen, die seit 1940 im Verlag der DAF erschienen war. Dabei blieb auch hier der (ideen-) geschichtliche Zusammenhang zwischen Siedlungsplanung, Landschaftsplanung, Bevölkerungspolitik, Ostplanungen, Rassismus und der Vernichtungspolitik der Nationalsozialisten vollkommen unkommentiert. Interessant wäre bei Karl Neupert auch – ebenso wie bei Heinrich Rettig – den Übergang des Siedlungsplaners vom Dritten Reich in die DDR zu verfolgen, in der Karl Neupert bis zu seiner „Republikflucht“ in die Bundesrepublik Deutschland 1957, gelebt und gearbeitet hat.

VERENA HEINEMANN, Architektin und Denkmalpflegerin, stellte ihre Dissertation zu „Katholischen Kirchenneubauten der DDR der 1950er-Jahre“ vor. Kirchenbauten trafen gerade in der Konstitutionsphase der DDR auf starken politischen Widerstand. Daher stellt die Untersuchung Heinemanns ein außergewöhnliches Kapitel der Baugeschichte der DDR vor. Zwei große Hindernisse waren zu überwinden: Zum einen war die Baumaterialbeschaffung äußerst schwierig und zum anderen war das Verhältnis zwischen Kirche und Staat angespannt: Wohnraum- und Kulturbauten hatten in der Anfangszeit der DDR Vorrang. Wie in dieser Zeit dennoch Kirchenbauten entstanden zeigt Heinmann anhand des Umbaus eines Oßlinger Lokschuppens, der in einen Sakralbau überführt wurde. Andere Beispiele frühen Kirchenbaus sind vor allem von dem Architekten Johannes Reuter zu finden, der sich an romanischen Kirchen Mitteldeutschlands orientierte und einige traditionelle Kirchenbauten verwirklichen konnte. Moderne Kirchenbauten indessen wie in Bad Schmiedeberg, blieben eher selten. Ein ganz besondere Fall bildete der Kirchenbau in Stalinstadt (später: Eisenhüttenstadt), eine Stadt die erstmals ohne Kirchenbauten geplant wurde. Nach Protesten durfte eine Kirche dennoch gebaut werden; sie wurde allerdings sehr bald wieder zerstört und etwas später wieder aufgebaut. Erst in den Diskussionen für eine Stadterweiterung in den späten 1950er-Jahren wurden Kirchenbauten in die Stadtplanung miteinbezogen und letztendlich auch in Eisenhüttenstadt gebaut.

BERNHARD STERRA arbeitet für das Denkmalschutzamt Dresden an einem Inventar zur „Stuttgarter Schule“ in Dresden in den Jahren 1930 bis 1950. Sterra beschränkte sich auf die Vorstellung einiger Architekten wie Wilhelm Jost, Heinz-Arnold Götze, Wolfgang Rauda, Heinrich Rettig und Bernhard Klemm. Letzterer arbeitete in der Nachkriegszeit Sanierungs- und Wiederaufbaupläne unter anderem für Dresden aus. Außerdem erstellte Klemm 1961 die bekannte Studie „Altstadtsanierung“ für den damaligen hannoverschen Oberbaudirektor Rudolf Hillebrecht. Leider wurden weder die deutsch-deutschen Arbeitsbiographien zum Thema gemacht (was am Beispiel Klemms leicht hätte gelingen können), noch wurde die Zäsur 1930 bis 1950 problematisiert. Auch von der Biographie des wichtigsten Protagonisten Wilhelm Jost wurde die SA-Mitgliedschaft und die Tätigkeit in den Gremien für die Reichskulturkammer nur kurz erwähnt, der Bezug zur Architektur – unabhängig vom tatsächlichen Einfluss – aber nicht hergestellt. Was kann also ein Inventar von Bauten und biographischen Daten zur Stuttgarter Schule in Dresden helfen, wenn die Kontextualisierung zur Zeitgeschichte und (Architektur-) Theorie fehlt?

In ihrem Beitrag „Zwischen Form und Norm“ untersuchte SYLVIA NECKER den Typ des „deutschen Wohnhauses“ von Paul Schmitthenner – festgehalten in dem 1932 veröffentlichten gleichnamigen Band – und setzte diesen in Beziehung zu einem für diesen Vortrag fiktiv angenommenen Typ des „norddeutschen Hauses“ von Konstanty Gutschow. Diese Konstruktion konnte am Ende den Einwänden der Diskutanten zurecht nicht standhalten, warf aber dennoch einen Blick auf den bisher wenig untersuchten Architekten und Stadtplaner Konstanty Gutschow, der als Schmitthenner-Schüler, die Architekturauffassung seines Lehrers erkennbar in seinen Häusern in Norddeutschland transportierte. Gutschow hatte sich nach einem Referendariat bei Fritz Schumacher, der neben Schmitthenner großen Einfluss auf Gutschow ausübte, 1929 in Hamburg selbständig gemacht. Wenngleich Gutschow keine eigene Entwurfsauffassung entwickelte, die er wie Schmitthenner in einer programmatischen Schrift festhielt, so zeigt sich aber gerade in Gutschow der Typ des Systematikers und Technokraten, der für deutsche Architekten, die im 20. Jahrhundert prägend waren und oft der Generation der 1900 bis 1910 geborenen angehörten, symptomatisch war. In seinen Baustoffsammlungen, Typenbüchern, Regularien und seiner Sammlung von Zeitschriften und Büchern zu Architektur und Städtebau manifestiert sich der Wunsch eine eindeutige Form (nicht nur) des Haustyps zu finden. Damit verbunden war die Suche nach der Eindeutigkeit, die – wie Zygmunt Baumann treffend analysiert hat – ein zentrales Merkmal der Moderne bildete. Trotz der äußerlich traditionellen Form seiner Architektur, kann Gutschows Arbeit darin eingeordnet werden.

CARSTEN LIESENBERG betonte gleich im ersten Satz seines Beitrags zu den „Winkelhöfen“ (die Hofgebäude sind im Grundriss im rechten Winkel angeordnet) in Mecklenburg-Vorpommern, dass er keinen Bezug zur politischen Geschichte – wieso blieb offen – herstellen wollte. Sein Vortrag „Zu den Architekturauffassungen im ländlichen Siedlungswesen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts“ untersuchte bestimmte Hoftypen im Zeitraum von 1928 bis 1935. Zentrales Organ für die Entwicklung war die Mecklenburgische Landgesellschaft m.b.H., die von 1922 bis 1947 bestand. Spätestens seit 1927, als die Landgesellschaft in Eigenregie der Vermessungstätigkeit nachgehen konnte, nahm die Bautätigkeit der Gesellschaft zu. Zwei Hauptprotagonisten bestimmten die Bildung von Grundrissen und Hoftypen bei der Gesellschaft: Emil Witt war ab 1928 Bauleiter und Max Krüger stieß ab 1930 dazu. Beide entwickelten neben dem Winkelhof, mit einem sehr funktionell und deshalb modern gestalteten Grundriss, auch eine andere Innovation: das Häusler-Doppelhaus. Dieser Typ wurde besonders für die Besiedlung in Posen/Westpreußen rezipiert. Liesenberg hat auf Forschungsreisen in Polen zahlreiche Parallelbeispiele zu Mecklenburg-Vorpommern finden können. Ebenfalls in Deutschland und Polen verbreitet war ab 1938 der Typ der „Neubauern-Höfe“, deren Rezeption sich beispielsweise 1939 in der Bauwelt verfolgen lässt. Nach 1945 gab es verschiedene Adaptionen im südlichen Teil der DDR, und zum Teil auch in BRD. Liesenberg zeigte als Beispiel Aussiedlerhöfe in Hessen.

Die Tagung wurde mit einem Vortrag von WOLFGANG VOIGT zu Paul Schmitthenner beendet, in dem er Paul Schmitthenner unter dem Titel „Im Kern modern?“ einer Neubewertung unterzog. Voigt schlug einen weiten Bogen von der reformieren Architekturausbildung der Stuttgarter Schule, an der Schmitthenner einen großen Anteil hatte, zur Schmitthennerschen Architekturauffassung, die sich in den Hausbauten zeigen lässt. Am Ende des Vortrags wurde erneut um die Frage gestritten, wie modern traditionalistische Architektur sein kann – und leider konzentrierte sich die Debatte zeitweise wieder nur auf stilistische Kategorisierung der Architektur in Moderne und Tradition.

Den Initiatoren ist zu danken, dass sie den Versuch unternehmen, Forscher zusammenzubringen, die sich dem schwierigen Verhältnis von Moderne und Tradition in der Architektur widmen. Die Netzwerk-Bildung soll durch eine Internet-Plattform unterstützt werden, die als Datenbank und Forum zur Initiative „Neue Tradition“ dienen soll; zusätzlich wird eine erste Zwischenbilanz in Form eines Sammelbands im Herbst 2008 erscheinen. Nach den vielen Impulsen der Tagung wäre es für die Zukunft wünschenswert, würde sich der Forscherkreis – wie in den Diskussionen zu den einzelnen Beiträgen immer wieder zu hören war und von den Veranstaltern durchaus intendiert – von der rein kunsthistorischen Betrachtung von Stilen lösen. Damit wäre der Blick für den breiten Kontext „traditionalistischer Architektur“ noch weiter geöffnet, um die Qualität der einzelnen Architektur(en) stärker fokussieren zu können, sich eventuell auch von dem Begriff der „Neuen Tradition“ zu entfernen, eine noch stärker interdisziplinäre Richtung einzuschlagen und die Frage des Verhältnisses von Moderne und Tradition in der Architektur im Kontext architekturhistorischer, zeitgeschichtlicher und ideengeschichtlicher Rahmenbedingungen zu diskutieren.

Konferenzübersicht:

Roland May: Kurze Darstellung des Tagungsbegriffs „Neue Tradition“
Ulrich Maximilian Schumann: Territorien traditionalistischen Bauens
Hans-Georg Lippert, Woher nehmen? Die Herleitung der Nationalen Tradition in den Publikationen der Deutschen Bauakademie in den 1950er Jahren
Elke Sohn: Städtebau der Stuttgarter Schule – Heinz Wetzel
Arne Keilmann, Karl Neupert – der verhinderte Stuttgarter Schüler
Verena Heinemann: Katholische Kirchenneubauten der DDR der 1950er Jahre
Bernhard Serra, Die „Stuttgarter Schule“ in Dresden – eine Annäherung
Sylvia Necker: Zwischen Form und Norm. „Das deutsche Wohnhaus“ von Paul Schmitthenner und „Das norddeutsche Haus“ von Konstanty Gutschow. Eine Vergleichsstudie
Carsten Liesenberg: Zu den Architekturauffassungen im ländlichen Siedlungswesen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts
Wolfgang Voigt: Im Kern modern? Eine Neubewertung Paul Schmitthenners

Anmerkungen:
[1] Zur Stuttgarter Schule ist bisher nur die Dissertation von Matthias Freytag erschienen, deren Forschungsstand mittlerweile zehn Jahre alt ist. Vgl. Freytag, Matthias, Stuttgarter Schule für Architektur 1919 bis 1933. Versuch einer Bestandsaufnahme in Wort und Bild, Diss. Universität Stuttgart 1996, Stuttgart 1996.
[2] Hitchcock, Henry-Russell, Modern Architecture. Romanticism and Reintegration, New York 1929.

Zitation
Tagungsbericht: Neue Tradition – Konzepte einer antimodernen Moderne in Deutschland von 1920 bis 1960, 05.10.2007 Dresden, in: H-Soz-Kult, 15.11.2007, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-1754>.
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Veröffentlicht am
15.11.2007
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