Der Siebenjährige Krieg – Ein europäischer Weltkrieg im Zeitalter der Aufklärung

Ort
Potsdam
Veranstalter
Forschungszentrum für Europäische Aufklärung
Datum
06.09.2007 - 08.09.2007
Von
Sven Externbrink, Philipps-Universität Marburg

Die Themenkomplexe Internationale Beziehungen und Staatensystem / Globale Dimensionen – Akteure und Interessen – Kriegswahrnehmungen und Nachwirkungen – Der Siebenjährige Krieg und die Wirklichkeit des Krieges im Zeitalter der Aufklärung waren Gegenstand der vom 6. bis 8. September von der DFG geförderten, von Sven Externbrink konzipierten und am Forschungszentrum Europäische Aufklärung (FEA) veranstalteten internationalen Tagung über den Siebenjährigen Krieg. Einleitend konstatierte Sven Externbrink (Philipps-Universität Marburg/ FEA) ein Desinteresse an der Geschichte des Siebenjährigen Krieges vor allem in der deutschen und französischen Geschichtsforschung. Die Ursachen dafür liegen neben der fehlenden Konjunktur von Politik- und Militärgeschichte in den letzten Jahrzehnten nicht zuletzt im Thema begründet: In Frankreich mochte man sich nicht mit einer Niederlage beschäftigen, und in Deutschland galt nicht zuletzt die Erforschung des preußischen Militärstaates als wenig „chic“. Ganz anders hingegen die Forschungssituation im anglo-amerikanischen Sprachraum, wo der Siebenjährige Krieg Gegenstand innovativer Forschungen ist.

Im Eröffnungsvortrag von OLAF ASBACH (Universität Augsburg) erfolgte eine historisch-systematische Einordnung des Siebenjährigen Krieges („Internationale Beziehungen im Zeitalter der Aufklärung. Der Siebenjährige Krieg im Prozess der Globalisierung der europäischen Konkurrenz- und Machtprinzipien“). Asbach deutete den Krieg als einen „Knotenpunkt“, in dem „langfristige und tiefgreifende Umbruchsprozesse zur Geltung“ gebracht, „neu angetrieben werden“, sich „kreuzen und in spezifischer Weise fortgebildet und gebrochen werden“. Mitte des 18. Jahrhunderts war die Epoche der Herausbildung des modernen Staates und der sie begleitenden Staatsbildungskriege zu einem vorläufigen Abschluss gekommen. Ein System von „Staaten als Einheiten der Organisation politischer und sozioökonomischer Integrations- und Konkurrenzprozesse auf gesellschaftlicher und internationaler Ebene“ hatte sich herausgebildet, das sich nicht mehr nur auf Europa, sondern auf die ganze Welt bezog. Dies zeigt sich in der Betrachtung der Konfliktebenen des Siebenjährigen Krieges, etwa, wenn Pitt behauptet, man habe Kanada in Deutschland erobert. Andererseits wirken die außereuropäischen Entwicklungen auf Europa zurück, etwa wenn lokale Konflikte in Übersee (Streit um Grenzen im Ohiotal, Konkurrenz englischer und französischer Ostindienkompagnien) eine eigene, Europa mitreißende Dynamik entwickeln. Auch für die Entwicklung spezifisch-neuzeitlicher Kategorien der Welterfahrung und -deutung (Säkularisierung, Rationalität, Vernunft als Maßstab von Entscheidungen) wirkt der Siebenjährige Krieg, der in die Blüte der europäischen Aufklärung fällt, als Knotenpunkt. Die rationalen und auf Vernunftprinzipien gründenden Handlungsweisen der Akteure wie auch die säkulare Ordnung des Staatensystems nach dem Prinzip des Gleichgewichts, das Statik und Dynamik zugleich erlaubt, begründeten keine Friedensordnung. Auf die strukturelle Konfliktanfälligkeit des Gleichgewichts, die durch die Konkurrenzen innerhalb des sich parallel dazu entwickelnden und mit dem Staatensystem vielfach verflochtenen „Welthandelssystem“ verstärkt wurde, wiesen bereits Rousseau und Mably hin. An dieser Ausgangslage, die im Siebenjährigen Krieg erstmals zur Ausbildung kommt, hat sich – so das desillusionierende Fazit Asbachs – bis in unsere Gegenwart nichts wesentlich geändert.

BRENDAN SIMMS (Peterhouse College, Cambridge) eröffnete mit einem Vortrag über „A Tale of two Empires. Britain and the Origins of the Seven Years War“ die Sektion über Internationale Beziehungen und Staatensystem. Simms widersprach Forschungsmeinungen, dass die britische Außenpolitik bereits in der Mitte des 18. Jahrhunderts ihr Hauptaugenmerk auf die Kolonien gerichtet habe. Vielmehr habe Europa bis über den Siebenjährigen Krieg hinaus im Mittelpunkt britischer Politik gestanden. Mit dem Begriff „Empire“ sei bis weit nach 1763 das Alte Reich und nicht das Kolonialreich gemeint. Die Sicherung der Stabilität des Reiches und der Niederlande habe in London höchste Priorität genossen. Nicht erst seit 1750 habe die englische Politik der Neutralisierung und Sicherung Hannovers und der Österreichischen Niederlande mitsamt den Kanalhäfen gegolten. Schon 1748 hatte man auf den Erwerb Louisbourgs in Neu-Schottland verzichtet, um die von Frankreich 1745 eroberten Österreichischen Niederlande für Wien zurückzuerlangen. Für die Engländer und nicht nur für die leitenden Politiker habe der „Primat Europas“ gegolten, nicht der „Primat der Kolonien“.

Im Anschluß daran skizzierte LUCIEN BÉLY (Université Paris-IV Sorbonne) die Grundlinien der Französischen Außenpolitik (La Politique extérieure de la France au milieu du XVIIIe siècle). Diese löste sich im 18. Jahrhundert von „liebgewonnenen“ Feindbildern wie der einer Umzingelung durch die Habsburger. Dies und der Wechsel der Dynastie zu Gunsten der Bourbonen in Spanien und Italien (Neapel-Sizilien, Parma) reduzierten die Fixierung auf die Feindschaft zu den österreichischen Habsburgern. Die maßgeblich von Ludwig XV. geleitete und überwachte Außenpolitik war in großem Maße von dynastischem Denken geprägt, dem Wunsch, eine Allianz der großen bourbonischen Linien zu begründen, was 1761 mit dem Familienpakt (pacte de famille) gelang. Dieser brachte kurzfristig – im Siebenjährigen Krieg – keine Ergebnisse, auch Spanien mußte eine Reihe von Niederlagen hinnehmen, erbrachte langfristig aber Erfolge: Im Verbund mit Spanien gelang der Sieg über England im Amerikanischen Unabhängigkeits¬krieg. Komplementär entwickelte sich dazu die ungeliebte, aber von Ludwig XV. betriebene Allianz mit Wien: im Siebenjährigen Krieg ohne Erfolg, sicherte sie seit 1763 die Neutralisierung des Kontinents.

Auch für Indien stellt der Siebenjährige Krieg, so MICHAEL MANN (FernUni Hagen, „Der ungeliebte Krieg. Compagnie des Indes und East India Company 1742–1761“) einen Knotenpunkt verschiedener Entwicklungen dar. Zum einen ist in der Auseinandersetzung der beiden europäische Handelskompagnien, die in großer Autonomie vom Mutterland agierten, eine Entgrenzung der Gewalt zu beobachten, insofern als vor allem die Engländer dazu übergingen, ihren Konkurrenten und Gegner vollständig zu besiegen und aus Indien zu vertreiben. Dies gelang ihnen 1761 mit der Eroberung und Zerstörung Pondicherrys. Der Kampf der europäischen Handelskompagnien fiel mit dem Transformationsprozess, nicht mit dem Zerfall des Mogulreiches zusammen. Sowohl Franzosen als auch Engländer engagierten sich auf der Suche nach Verbündeten immer stärker in der innerindischen Politik. Parallel zum siegreichen Kampf erwarben insbesondere die Engländer von lokalen Machthabern Rechte, die es ihnen langfristig ermöglichten, ihre Handelskontore in territoriale Herrschaft zu verwandeln. Somit gründet die englische Herrschaft des 19. Jahrhundert auf Entwicklungen, die ihren Ausgang während des Siebenjährigen Krieges hatten.

ULRIKE KIRCHBERGER (Universität Bamberg) untersuchte in ihrem Referat („‚Our country bleeds again under the savage knife’. Europäische Kolonisten und nordamerikanische Indianer während des Siebenjährigen Krieges“) die Frage, inwieweit der Siebenjährige Krieg für die Beziehungen zwischen Indianern und Kolonisten eine Zäsur darstellt. Durch die Eroberung Kanadas verloren erstere Spielraum für eine eigenständige Politik. Denn seit 1763 war es nicht mehr möglich, die Europäer gegeneinander auszuspielen bzw. Bündnisse mit ihnen einzugehen. Obwohl die Stämme mit den Europäern immer wieder Bündnisse eingingen, verfolgten sie dabei immer ihre eigenen Interessen: die Sicherung und Verteidigung ihres Lebensraumes. Dies war nach 1763 erheblich schwerer als zuvor und führte daher unmittelbar im Anschluss an den Frieden zu „Pontiac’s War“, in dem eine große Allianz der Stämme versuchte, die Europäer aus den Stützpunkten westlich des Ohio zu vertreiben. In einem blutigen Kampf konnten die Indianer der Krone das Zugeständnis einer festen Grenzziehung zwischen Indianerland und Kolonien abtrotzen. Die Siedler ignorierten diese Linie – und schürten damit sowohl den Konflikt mit den Indianern als auch mit London. Dort war man nicht mehr bereit, kostspielige Kriege in Amerika zu führen. Der lange Prozess der Entfremdung hatte begonnen. Über eine qualitative Veränderung in der Wahrnehmung der Indianer durch die Kolonisten streiten die Gelehrten: Setzte sich jetzt endgültig ein negatives Indianerbild durch, jenes von den grausamen unzivilisierten Wilden, oder schlug die Perzeption der Indianer fallweise, im Wechsel von Krieg und Frieden, um in das Bild vom bösen oder guten Wilden?

BEATRICE HEUSER (University of Reading) eröffnete die Sektion zur Kriegswahrnehmung und den Nachwirkungen des Siebenjährigen Krieges: „Friedrichs Siebenjähriger Krieg in den Strategiedebatten der darauf folgenden Jahrhunderte“. Sie fragte nach den Ursachen der Mythenbildung um das angebliche militärische Genie Friedrich und nannte zwei Antworten. Erstens die Tatsache, dass Friedrich als „roi-connétable“ die Armeen persönlich in die Schlacht führte. Zweitens durch seine Verherrlichung in der militärtheoretischen Publizistik der Epoche, von Heuser exemplarisch am Beispiel der Wirkung der Schriften des Militärtheoretikers Guibert dargestellt, der als halbwüchsiger Kadett die Schlacht von Rosbach erlebt hatte. Guibert erhob das Vorgehen Friedrichs zum Maßstab aller Dinge, ungeachtet der Tatsache, dass in den zeitgenössischen Strategiedebatten durchaus Alternativen der Kriegführung diskutiert wurden, die nicht auf der auf der ständigen Suche nach der Entscheidungsschlacht gründeten. Guibert wirkte stilbildend, sowohl in der Kriegstheorie als auch in der Kriegsgeschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts, wobei zwei Aspekte friderizianischer Kriegführung herauszuheben sind, sein „Elan“ und die „Moral“ der preußischen Armee. Die „Niederwerfungsstrategie“ blieb im strategischen Denken der preußischen Armee bis zum Ersten Weltkrieg präsent.

SVEN EXTERNBRINK (Philipps-Universität Marburg/FEA) untersuchte die Stellungnahmen Voltaires zum Siebenjährigen Krieg. Der Philosoph beklagte die Grausamkeit des Krieges, einer von Menschen geschaffenen Geißel, sowohl in seiner Korrespondenz als auch in seinen Werken, im philosophischen Roman Candide 1759 und im Philosophischen Wörterbuch. Darüber hinaus analysierte Voltaire scharfsinnig die Hintergründe und Konsequenzen des Krieges, sowohl was die Verschiebungen in der europäischen Bündnislandschaft als auch in den Kolonien betraf. Sein Versuch, selbst als Diplomat und Vermittler zwischen Friedrich dem Großen und dem französischen Außenminister Choiseul zu agieren, scheiterte. Seine historische Darstellung des Krieges im „Précis du Siècle de Louis XV“ besticht durch ihren globalen Ansatz.

Zwei kurzfristige krankheitsbedingte Absagen führten zu einer Umstellung des Nachmittagsprogramms. HANS SCHUMACHER (FU Berlin) referierte über unbekannte Schriften Algarottis, der zu den Mitgliedern von Friedrichs philosophischer Tafelrunde zählte, über den Siebenjährigen Krieg: die „Militärischen Briefe“ von 1770 und die „Militärischen Abhandlungen“ von 1780.

PETER-MICHAEL HAHN (Universität Potsdam) erläuterte den weitgehenden Zusammenbruch der historischen Forschung über Friedrich den Großen und den Siebenjährigen Krieg in Deutschland seit 1945. Verantwortlich dafür zeichne die Dominanz sowohl der borussischen kleindeutschen Geschichtsschreibung des 19. und 20. Jahrhunderts als auch die mythische Überhöhung des Preußenkönigs. Kritische Fragen zu Friedrich seien nicht möglich gewesen, oder nur verbunden mit dem Risiko, seine Karriere als Historiker aufs Spiel zu setzen (Max Lehmann). Nach 1945 habe man sich gerade unter dem Eindruck der Toten der beiden Weltkriege und der Instrumentalisierung Preußens und Friedrichs durch die Nationalsozialisten von diesem Thema abgewandt. Preußische Geschichte wurde Gegenstand der Regionalgeschichte, die Militärgeschichte kaum noch thematisiert, bislang vernachlässigte Themen der deutschen Frühneuzeitgeschichte – das Alte Reich – füllten die Lücke.

Die letzte Sektion über die Wirklichkeit des Krieges im Zeitalter der Aufklärung eröffnete JÖRG ULBERT (Université de Bretagne-Sud, Lorient), mit einem Referat über die „Wirkungsgeschichte der diplomatischen Revolution: Das Renversement des alliances in der internen Beurteilung des französischen Außenministeriums“. Nachdem das neue Bündnis anfangs auch in der Öffentlichkeit, d.h. in Paris, auf Zustimmung gestoßen war und Friedrichs Vorgehen in Sachsen Vergleiche mit dem wenige Jahre zuvor hingerichteten „Räuberkönig“ Mandrin hervorgerufen hatte, wandten sich sowohl die Öffentlichkeit als auch einflussreiche Kreise von Hof und Regierung vom Bündnis ab. Für die Stabilität der Allianz mit Österreich sorgte in erster Linie Ludwig XV., der bis zu seinem Lebensende an dieser Entscheidung festhielt und diese Entschlossenheit an seinen Nachfolger vererbte. In der Öffentlichkeit und sogar im Umfeld des Außenministeriums, Ulbert zitierte die Schrift des ehemaligen Konsuls Peyssonnel, distanzierte man sich von der offiziellen Außenpolitik. Das österreichische Bündnis wurde als „widernatürlich“ betrachtet und so verwundert es nicht, dass die Entmachtung der Monarchie 1792 mit dem Bruch der österreichischen Allianz verbunden war.

SYLVIANE LLINARES (Université de Bretagne-Sud, Lorient) führte anschließend in die Hintergründe des Seekrieges der Epoche am Beispiel der französischen Marine ein („Les Aspects humains de la mobilisation navale française au temps de la guerre de Sept Ans“). Neben den hohen Kosten für Schiffbau und Unterhalt der Flotte bestand das drängendste Problem aller Seemächte in der Bemannung ihrer Schiffe. Der Bedarf der Marine an Menschen war immens, wobei die wenigsten für die Führung des Schiffes benötigt wurden. Zur Deckung des Bedarfs hatte Colbert im 17. Jahrhundert für die französischen Küstenregionen ein Konskriptionssystem eingeführt, dem preußischen Kantonsystem nicht unähnlich. Im Wechsel dienten die Seeleute auf den Schiffen. Doch was im Frieden funktionierte, stieß im Krieg an seine Grenzen. So erwies sich das englische, weniger auf Bürokratie denn auf Zwang beruhende System des „Pressen“ als das effektivere, zumal die Royal Navy im Gegensatz zur französischen Marine zur Bedienung der Kanonen auf ausgebildete Seeleute verzichtete. Die Lebenserwartung der Seeleute während des Krieges war äußerst gering, die Lebensverhältnisse an Bord und in Gefangenschaft miserabel. Meutereien aber gab es auf französischen Schiffen – im Gegensatz zur Royal Navy – nicht.

JÜRGEN KLOOSTERHUIS (Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz, Berlin-Dahlem) präsentierte als „Mikroanalyse“ („Führen durch Vorbild: Friedrich der Große und sein Offizierskorps in der Schlacht. Stärken und Grenzen eines taktischen Erfolgsrezepts“) das Scheitern eines Frontalangriffes zweier preußischer Infanterieregimenter in der Schlacht bei Prag am 6. Mai 1757, in dessen Verlauf einer der wichtigsten Ratgeber und Generäle Friedrichs, Feldmarschall Graf Schwerin, fiel. Kloosterhuis rekonstruierte die Ursachen und Hintergründe der Panik, die die preußischen Truppen befiel, als diese ohne eigene Artillerieunterstützung und in schwierigem Gelände ins feindliche Feuer marschierten. Von ihren Kommandeuren (Schwerin und Winterfeld, die zugleich für die Feldzugsplanung verantwortlich zeichneten und deren Pläne an diesem Tag auf dem Spiel standen) überhastet in die Schlacht geworfen, vor allem ohne Absicherung durch eine zweite Linie, die auch immer die Funktion eines Bollwerks bei Zurückweichen der eigenen Truppen hatte, ging zuerst die taktische Disziplin der Truppe verloren und schließlich wandten sich die Soldaten zur ungeordneten Flucht. Die Offiziere versuchten vergeblich, diese Panik aufzuhalten und die Soldaten zum Anhalten und zur Rückwendung gegen den Feind zu bewegen. Schwerins Tod, der später zu einem der großen Opfer für den preußischen Staat stilisiert wurde, ist logische Folge der von Friedrich befohlenen Maxime des „Führen durch Vorbild“, d.h. der Erzeugung eines Zusammenhalt der Truppe, der nicht nur auf Drill, Disziplin und Furcht vor Sanktionen beruhte, sondern auf der Loyalität zu den Offizieren, die mit ihren Soldaten gemeinsam ins Feuer marschierten. Die Offiziere hatten in der Schlacht bei ihren Truppen zu sein, und nicht hinter ihnen. Nach der Schlacht wurde untersucht, ob es zu einem Versagen der Offiziere gekommen sei – entsprechende Vorwürfe kursierten – doch Friedrich statuierte kein Exempel, wohl aus der Einsicht, dass taktische Fehler die Hauptursache des Debakels waren. Zudem hatte man die Schlacht ja noch gewonnen. Ähnliche Vorkommnisse gab es im weiteren Verlauf des Krieges, auf die Friedrich dann auch anders reagierte.

Die Tagung beschloß RALF PRÖVE (Universität Potsdam) mit einem Ausblick auf die wechselseitige „Konstruktion“ von Feindbildern in Deutschland. Er unterschied mehrere Kategorien der Delegitimierung der Feinde, die mit einer Kritik der Praxis der Kriegführung verbunden war. So wurden „ausländische“ Truppen der Kriegsparteien wie die Kosaken, Kroaten und Panduren „ethnisch“ diffamiert und auch außerhalb des geltenden Kriegsrechts gestellt. Übergriffe auf die Bevölkerung wurden sehr genau beobachtet und in legitime (z. B. Einquartierungen) oder illegitime (Plünderungen, Mißhandlungen) eingeordnet. Letztere wurden insbesondere von den im Siebenjährigen Krieg in großem Maße auftretenden Freitruppen begangen. Abschließend wies Pröve noch auf einen Grund der so intensiv von allen Kriegsparteien betriebenen Propaganda hin: Es war das Wissen der Höfe um die Macht der „öffentlichen Meinung“. Die jeweiligen Delegitimationsstrategien sollten das sich von der Politik distanzierende Bürgertum in den Städten für eine Seite gewinnen. Ein Spiegel dieser Facette des Krieges bietet Goethes Dichtung und Wahrheit, in der er von der Spaltung des Frankfurter Bürgertums in „fritzisch“ und „österreichisch“ gesonnene Parteien berichtet.

Die Vorträge wurden begleitet von intensiven Diskussionen, in denen immer wieder Querverbindungen zwischen den in den Referaten vorgetragenen Inhalten gezogen wurden. Herausgestellt hat sich dabei u.a., dass sich die von Olaf Asbach vorgeschlagene Betrachtung des Krieges als Knotenpunkt zu Ende gehender und einsetzender Entwicklungen auf fast alle Beiträge anwenden ließ, beispielsweise für die Entwicklung des europäischen Staatensystems, in dem von nun an traditionelle, eurozentristische mit den durch globale Interessen entstehenden Handlungslogiken verbunden werden mußten. Intensiv wurde diskutiert, ob im Siebenjährigen Krieg eine Entgrenzung von Gewalt zu beobachten sei, wie etwa in der Vertreibung der Acadiens aus Neu-Braunschweig/Acadie und in der Brutalität und Grausamkeit der Schlachten zwischen Preußen und Russen. Inwieweit diese Beobachtungen der „Normalität“ frühneuzeitlicher Kriege entsprachen, darüber konnte keine Einigkeit erzielt werden. Auch der Friedrich-Mythos stand zur Debatte – die Konzentration auf seine Person und den österreichisch-preußischen Dualismus verhinderte bis in die Gegenwart eine Wahrnehmung der globalen Perspektiven des Krieges, die den Zeitgenossen – z.B. Voltaire – sehr wohl bewußt war. Eine Publikation der Referate ist vorgesehen.

Konferenzübersicht:

Der Siebenjährige Krieg (1756–1763). Ein europäischer Weltkrieg im Zeitalter der Aufklärung

PD Dr. Sven Externbrink, FEA/Philipps-Universität Marburg, Einführung.

Prof. Dr. OLAF ASBACH, Universität Augsburg: Internationale Beziehungen, Völkerrecht und Krieg in der Aufklärung.

Sektion I: Internationale Beziehungen und Staatensystem / Globale Dimensionen – Akteure und Interessen

Dr. BRENDAN SIMMS, Peterhouse College, Cambridge: A Tale of two Empires. Britain and the Origins of the Seven Years War.

Prof. LUCIEN BÉLY, Université de Paris IV-Sorbonne: La Politique extérieure de la France au milieu du XVIIIe siècle.

PD. Dr. MICHAEL G. MANN, FernUni Hagen: Der ungeliebte Krieg: Compagnie des Indes und East India Company 1744-1761.

PD Dr. ULRIKE KIRCHBERGER, Universität Bamberg: Our country bleeds again under the Savage knife: Europäische Kolonisten und nordamerikanische Indianer während des Siebenjährigen Krieges.

Sektion II: Kriegswahrnehmungen und Nachwirkungen

Prof. Dr. BEATRICE HEUSER, Universität der Bundeswehr, München: Friedrichs Siebenjähriger Krieg in den Strategiedebatten der darauf folgenden Jahrhunderte.

PD Dr. SVEN EXTERNBRINK, FEA/Philipps-Universität Marburg: Voltaire zwischen Candide und Roi philosophe.

Prof. Dr. GÜNTHER LOTTES, FEA: Der Kriegsherr als Historiker: Krieg und Politik in den historischen Schriften Friedrich des Großen (wg. Erkrankung entfallen).

PD Dr. JOACHIM REES, FU Berlin: Krieg und Querelle. Die Kontroverse um das zeitgenössische Ereignisbild in England, Frankreich und Deutschland (1756–1763) (wg. Erkrankung entfallen).

Sektion III: Der Siebenjährige Krieg und die Wirklichkeit des Krieges im Zeitalter der Aufklärung

Dr. JÖRG ULBERT, Université de Bretagne-Sud, Lorient: Zur Wirkungsgeschichte der diplomatischen Revolution: Das Renversement des alliances in der internen Beurteilung des französischen Aussenministeriums.

Prof. SYLVIANE LLINARES, Université de Bretagne-Sud, Lorient: Les Aspects humains de la mobilisation navale française au temps de la guerre de Sept Ans.

Prof. Dr. JÜRGEN KLOOSTERHUIS, Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz, Berlin-Dahlem: Führen durch Vorbild: Friedrich der Große und sein Offizierskorps in der Schlacht. Stärken und Grenzen eines taktischen Erfolgrezepts.

Prof. Dr. RALF PRÖVE, Universität Potsdam: Der delegitimierte Gegner. Kriegführung als Argument im Siebenjährigen Krieg.

Zitation
Tagungsbericht: Der Siebenjährige Krieg – Ein europäischer Weltkrieg im Zeitalter der Aufklärung, 06.09.2007 – 08.09.2007 Potsdam, in: H-Soz-Kult, 31.10.2007, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-1761>.