Gendering Historiography

Ort
Hamburg
Veranstalter
Angelika Schaser (Hamburg) und Angelika Epple (Freiburg)
Datum
07.11.2007 - 09.11.2007
Von
Christine Krüger, Carl von Ossietzky Universität Oldenburg

Historiographiegeschichte ist immer auch Reflexion der eigenen wissenschaftlichen Praxis. Davon profitierte die von ANGELIKA SCHASER (Hamburg) und ANGELIKA EPPLE (Freiburg) organisierte und von der Deutschen Forschungsgemeinschaft sowie der Universität Hamburg geförderte Tagung „Gendering Historiography“ im Hamburger Warburghaus. Sie bot einerseits eine Rückschau auf gut zweihundert Jahre Historiographiegeschichte und entwickelte sich andererseits zu einem lebhaften Diskussionsforum methodischer Fragen und zukünftiger Forschungsstrategien.

Ausgangspunkt der Tagungsorganisatorinnen war die Beobachtung, dass sich die Geschichte der Geschichtsschreibung oft wenig innovativ zeige: Sie betrachte vor allem die in der Zunft etablierten „großen Männer“ und mitunter auch „große Frauen“. Auf Außenseiter jedoch richte sich der Blick nur selten, Rekrutierungspraktiken innerhalb der Disziplin blieben unbeachtet, nach Trennungslinien zwischen professioneller und nicht-professioneller Geschichtsschreibung werde nicht gefragt. Die Frauen- und Geschlechtergeschichte, die seit ihren Anfängen für Fragen nach In- und Exklusionsmechanismen sensiblisiert ist, erscheint prädestiniert, um hier innovative Impulse zu geben, so der die Tagung inspirierende Gedanke. Was lässt sich aus der Genderperspektive über den Verlauf von Kanonisierungsprozessen in der Geschichtswissenschaft lernen? Auf welche Weise etabliert sich ein Kanon, wie ist er aufzubrechen? Wer wird in ihn aufgenommen, wer ausgeschlossen? Welchen Einfluss nahmen hierbei Nationalisierung und Professionalisierung der Geschichtsschreibung?

Diesen Fragen widmete sich die Tagung in einer bewusst transnationalen Herangehensweise, die durch Beiträgerinnen und Beiträger aus zahlreichen europäischen Ländern und den USA gewährleistet werden konnte. Gleichzeitig wurde der Trend zur Transnationalisierung und Globalisierung der Geschichtswissenschaft auch zum Thema gemacht. Zum Auftakt der Tagung problematisierte BONNIE SMITH (New Brunswick/N.J.) in einem anregenden Abendvortrag das Verhältnis von Global History und Gendergeschichte. Die neue Weltgeschichtsschreibung, so argumentierte Smith, tendiere dazu, das Augenmerk verstärkt auf männliche Akteure zu richten. Denn die Global History sei bei der Betrachtung vieler Weltregionen auf Handbücher, Synthesen und Überblicksdarstellungen angewiesen, und diese konzentrierten sich oft noch stark auf „bedeutende Männer“. Hinzu komme, dass auch die verbreitete Vorstellung: „Wer Weltgeschichte schreiben möchte, muss reisen“, eine Scheidelinie ziehe, die in die Tradition einer Sphärentrennung zwischen männlich konnotierter Öffentlichkeit und weiblich konnotierter Häuslichkeit trete. Smith hielt die Remaskulinisierung der Geschichtsschreibung durch die globalgeschichtliche Mode zwar für stark, nicht aber für unüberwindbar. Beispielhaft stellte sie einige Arbeiten vor, in denen in ihren Augen eine Verknüpfung von Global History und Geschlechtergeschichte gelungen sei. Sie warb für Forschungsfelder und -themen, die sich für eine solche Verbindung besonders eignen. In der Diskussion des Vortrags wurde indes die Frage aufgeworfen, ob weltgeschichtliche Ansätze tatsächlich zur Vermännlichung der Geschichtsschreibung führten oder ob eine allgemeine Abnahme des Interesses an Genderfragen der Global History-Mode nicht vielmehr vorausgegangen sei.

Auch wenn sich die erste Tagungssektion der Nationalgeschichte zuwandte, blieben die Globalisierung und ihr Einfluss auf Historiographie und Geschichtskultur zunächst weiterhin Thema. Wie Smith sah auch MARIA GREVER (Rotterdam) durch die Globalisierung eine Entwicklung in Gang gesetzt, die Frauen aus der Geschichtsschreibung herausdränge. In ihrem Vortrag deutete sie den Aufschwung, den die Nationalgeschichte in vielen europäischen Ländern derzeit erlebt, als Abwehrreaktion gegen den als bedrohlich wahrgenommenen Globalisierungsprozess. Diese Rückbesinnung auf nationale Narrative verleihe auch der männlich dominierten Politikgeschichte wieder verstärkt Gewicht. Die damit einhergehende Marginalisierung von Frauen verdeutlichte Grever am Beispiel der Niederlande. In der dort von der Politik durch Lehrpläne und Museumsprojekte geförderten Nationalgeschichte werde Frauen nur ein bescheidener Raum zugedacht. Bezeichnend sei es überdies, dass die wenigen Frauen, die in den nationalen Kanon aufgenommen wurden, wie etwa Anne Frank oft eine passive Opferrolle repräsentierten.

Ein weiterer Beitrag widmete sich dem Hoch-Zeitalter der Nationalgeschichte: Am Beispiel des deutsch-jüdischen Historikers Heinrich Graetz zeichnete MARCUS PYKA (Lugano) nach, welche Rolle Genderkategorien für die Geschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts spielen konnten. Männlichkeit und Heterosexualität, so Pykas These, hätten Graetz bei der Konzeption seiner historischen Helden als konstitutive Kategorien gedient. Dekonstruierte Pyka auf diese Weise zwar das Graetzsche Werk, so doch nicht den Mythos Graetz: Jedenfalls schrieb er dem Historiker prägenden Einfluss auf die Geschlechtervorstellungen im deutschen Judentum des Kaiserreichs zu.

In seinem Sektionskommentar arbeitete BENEDIKT STUCHTEY (London) nochmals heraus, mit welcher Wirkmacht der Nationalismus im 19. Jahrhundert einen Pluralismus der Geschichtsschreibung verhinderte und Frauen aus dieser herausdrängte. Hieran knüpfte das zweite Panel an: Es widmete sich den durch Nationalgeschichtsschreibung in Gang gesetzten In- und Exklusionsprozessen, die im Zuge von Professionalisierung und Kanonisierung der Historiographie wirksam wurden. ULRIKE GLEIXNER (Wolfenbüttel) legte in einem spannenden Beitrag dar, wie Frauen, die in der pietistischen Erinnerungskultur des 18. Jahrhunderts durchaus noch oft in einer aktiven Rolle gezeigt wurden, im frühen 19. Jahrhundert allmählich auf eine passive Rolle festgeschrieben wurden. Gleixner führte dies auf die zunehmende Professionalisierung der Geschichtswissenschaft zurück, die in dieser Zeit auch die pietistische Geschichtsschreibung erfasste.

Wie sehr und wie schnell nationales politisches Geschehen den Stellenwert von Frauen in der Geschichtsschreibung verändern kann, zeigte RUTH BARZILAI-LUMBROSO (Ranana/Los Angeles) für das Beispiel der Türkei. Sie analysierte die auffällige Konjunktur populärhistorischer Arbeiten über ottomanische Frauen, die in den 1950er- und 1960er-Jahren in türkischen Zeitschriften zu verzeichnen ist und in starkem Gegensatz zur türkischen Geschichtsschreibung früherer Zeit stand. Barzilai-Lumbroso deutete dieses Phänomen vor dem Hintergrund der politischen Entwicklungen in der post-kemalistischen Türkei, die auch einen Wandel im Frauenbild mit sich brachten, nämlich eine Abkehr von einem westlich ausgerichteten säkularisierten Modell hin zu einem eher ottomanisch-muslimisch geprägten Ideal.

Die Rolle der professionellen Geschichtsschreibung im Kontrast zu anderen Berufswegen war das Thema des dritten und letzten Tagungpanels. HEIKE BERGER (Bielefeld) beleuchtete die beruflichen Spielräume für Historikerinnen in der Zeit des Nationalsozialismus. Sie stellte einige Osteuropaexpertinnen vor, denen es in den 1930er- und 1940er-Jahren gelang, aufgrund spezieller Kompetenzen, etwa ihrer Sprachkenntnisse, in historischen Forschungseinrichtungen Anstellung zu finden. Allerdings waren die Wirkungsgebiete dieser Historikerinnen auf Bereiche beschränkt, die eher als wissenschaftliche Randdisziplinen galten. Politik- und Militärgeschichte, die sich bei den Zeitgenossen der höchsten Wertschätzung erfreuten, blieben hingegen Männerdomäne.

Ein Feld, das Frauen auch außerhalb der professionellen Zunft Möglichkeiten eröffnete, Geschichte zu schreiben, war im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert das Genre der Biographie. Dies zeigten TIINA KINNUNEN (Joensuu) und MAARIT LESKELÄ-KÄRKI (Turku) in ihren Vorträgen über Leben und Werk dreier skandinavischer Biographinnen. Zumal in einer Zeit, in der Geschlechterrollen neu bestimmt wurden, nutzten Frauen das Verfassen von Biographien zur Identitätsfindung und zur Profilierung konkurrierender Weiblichkeitskonzepte.

Das Anliegen von KRISTA COWMAN (Lincoln) war es, in ihrem Vortrag auszuloten, welchen Einfluss die Amateur-Geschichtsschreibung britischer Feministinnen in den vergangenen hundert Jahren auf die etablierte Zunft ausüben konnte. Die feministische Geschichtsschreibung habe im historiographischen Kanon nie mehr als eine randständige Position einnehmen können, was nicht zuletzt auf ihre politische Motiviertheit zurückzuführen sei. Dennoch warnte Cowman davor, den Zusammenhang zwischen politischer Zielsetzung und Marginalisierung als Zwangsläufigkeit zu betrachten, und beendete ihren Beitrag mit einem Plädoyer für eine weitere Zusammenarbeit von Feminismus und Geschichtsschreibung.

Auch viele der anderen Beiträge widmeten sich explizit methodischen Fragen. So suchte etwa RAJAH SCHEEPERS (Berlin) nach Wegen und Feldern, um den Genderansatz in die Kirchengeschichte zu integrieren. IRMA SULKUNEN (Tampere) problematisierte unter anderem den für viele Themen herrschenden Quellenmangel, der es erschwere die Genderperspektive einzunehmen. Oft werde die Wertehierarchie der Sammler und Archivare, wie sie sich in der Quellenlage widerspiegele, mehr oder weniger zwangsläufig in der Geschichtsschreibung reproduziert. In einem autobiographisch gehaltenen Abendvortrag zeichnete GISELA BOCK (Berlin) die Entwicklung der Gendergeschichtsschreibung seit den 1970er-Jahren nach. Als aktuelle Stationen dieser Entwicklung würdigte sie neben transnationalen Ansätzen, welche sie als „most promising challenge“ beschrieb, die Kategorie „agency“, die ihren Fokus auf Handlungsspielräume lege.

Auch in anderen Vorträgen und in den Diskussionen ging es immer wieder um eine Positionsbestimmung der Genderforschung. Inwieweit ist eine Kanonisierung der Geschlechtergeschichte erstrebenswert? Auf welche Weise lässt sich der Genderansatz im Kanon der Geschichtswissenschaft verankern? In welchem Maße und an welchen Punkten ist dies bereits gelungen? Konstatiert wurde, dass sich die Genderperspektive in einigen geschichtswissenschaftlichen Feldern und Epochen nur schwerfällig etabliere, etwa in der deutschen Politik- oder der Zeitgeschichte. Vielfach, so stellte MARTINA KESSEL (Bielefeld) im Kommentar zum dritten Panel fest, bleibe der Gendergeschichte die Anerkennung als theoretischer Ansatz versagt. Überdies werde den Kategorien Ethnie und Religion oft mehr Gewicht zuerkannt als der Kategorie Gender.

Vielfältig waren die in den Sektionskommentaren und Diskussionen aufgebrachten Vorschläge für weitere Forschungsprojekte. Im Kommentar zum zweiten Panel regte SYLVIA PALETSCHEK (Freiburg) an, ein stärkeres Augenmerk auf Karrierestrategien zu legen. Als lohnenswerten Untersuchungsgegenstand empfahl sie überdies das Verhältnis von Forschung und Lehre. Einigkeit herrschte in den Diskussionsrunden überdies darüber, dass es weiterer Forschung zu den Grenzen zwischen professioneller und „populärer“ Geschichtsschreibung bedürfe. Da Amateurhistoriker und -historikerinnen oft erfolg- und einflussreicher als die professionelle Geschichtsschreibung seien, dürfe die Historiographiegeschichte sie nicht unbeachtet lassen. Maria Grever plädierte außerdem für eine verstärkte Auseinandersetzung mit dem breiter abgesteckten Feld der Geschichtskultur, die nicht nur die Geschichtsschreibung, sondern auch die in Museen, Statuen und Mythen vermittelten Geschichtsbilder umfasst. Vielleicht können einige dieser Ideen bereits in dem geplanten Tagungsband umgesetzt werden. Man darf gespannt sein.

Konferenzübersicht:

Evening Lecture: Bonnie Smith: Gendering Historiography in the Global Age

Panel 1: Gendering the (National) Canon of Historiography
Chair: Stefanie Schüler-Springorum, Hamburg
Introduction: Angelika Schaser, Hamburg
Maria Grever, Rotterdam: Fear of plurality? Academic Historiography and the National Canon
Irma Sulkunen, Tampere: Biography, Gender and Deconstruction of a National Canon
Marcus Pyka, Dublin, Heinrich Graetz and the Creation of a "Muscular Jewry" as the Essence of Judaism
Commentary: Benedikt Stuchtey, London

Panel 2: Dividing Lines between the Traditional Canon and Excluded Histories
Chair: Jürgen Martschukat, Erfurt
Introduction: Angelika Epple, Hamburg
Ulrike Gleixner, Wolfenbüttel: Gendering Tradition. Rewriting the History of Pietism, 1780-1880
Rajah Scheepers, Berlin: Gendering Church Historiography – a Roundabout Way
Evening Lecture: Gisela Bock, Multiple Histories: Changing Perspectives on Women and Gender since the 1970s

Panel 3: The Gender-coded Profession of the Historian and Alternative Professional Careers
Chair: Sylvia Schraut, München
Heike Berger, Bielefeld: Tapping Resources - Setting Boundaries. Female and Male Historians during National Socialism
Tiina Kinnunen, Joensuu: Feminist Uses of History: Ellen Key and Alexandra Gripenberg as Historical Writers
Maarit Leskelä-Kärki, Turku: Constructing Women’s History in Biographical Writing: Helena Westermarck (1854-1938) as a Biographer
Krista Cowman, Lincoln: There is such a Lot, and it will all be History. Feminist Activists as Historians. The Case of British Suffrage Historiography 1908-2007
Commentary: Martina Kessel, Bielefeld
Panel Discussion/Final Discussion, Chair: Ilaria Porciani, Bologna

Zitation
Tagungsbericht: Gendering Historiography, 07.11.2007 – 09.11.2007 Hamburg, in: H-Soz-Kult, 02.01.2008, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-1805>.
Redaktion
Veröffentlicht am
02.01.2008
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