Diktaturüberwindung in Europa: Neue nationale und transnationale Perspektiven

Ort
Heidelberg
Veranstalter
Graduiertenkolleg zur Zeitgeschichte "Diktaturüberwindung und Zivilgesellschaft" der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg; Akademie der Wissenschaften Heidelberg
Datum
21.11.2007 - 23.11.2007
Von
Stephan Ruderer, Universität Heidelberg

Die Nachwuchstagung der Heidelberger Akademie der Wissenschaften „Diktaturüberwindung in Europa: Neue nationale und transnationale Perspektiven“, die vom Graduiertenkolleg der Heinrich-Böll-Stiftung an der Universität Heidelberg „Diktaturüberwindung und Zivilgesellschaft in Europa“ organisiert wurde, verdeutlichte wieder einmal die Aktualität und Bandbreite der Themen Diktaturüberwindung und Vergangenheitsaufarbeitung. Auf der Tagung, die vom 21. bis 23. November 2007 in Heidelberg stattfand, wurden größtenteils Projekte von Nachwuchswissenschaftlern vorgestellt, die aufzeigten, in welcher Weise sich die akademischen Ansätze zur Analyse von Umbruchprozessen erweitert haben.

In seinen Einleitungsworten benannte EDGAR WOLFRUM (Heidelberg) einige der zentralen Fragestellungen der Tagung: Gibt es Tendenzen zur Transnationalisierung oder Europäisierung der Erinnerung? Lässt sich eine Normierung der Diktaturüberwindung oder gar ein gemeinsames europäisches Gedächtnis feststellen? Welche Rolle spielt die Rückkehr der Totalitarismustheorie? Kann man Diktaturen vergleichen? Gibt es eine Konkurrenz der Opfer? Die meisten Fragen betrafen den „richtigen“ Umgang mit der Vergangenheit und viele dieser Fragen standen auch im Mittelpunkt der Vorträge der Tagung, die sowohl in der analytischen Dichte als auch in der Bandbreite der Einzelthemen die Bedeutung des Forschungsfeldes Diktaturüberwindung unterstrich.

In seinem Auftaktvortrag fokussierte KLAUS ZIEMER (Warschau) eines der virulentesten Themen in der europäischen Debatte um Diktaturüberwindung: die deutsch-polnischen Konflikte um die Interpretation der Vergangenheit. In seinem Beitrag zeigte Ziemer, dass sich die Situation erst im Jahr 2000 mit der Debatte um das Zentrum gegen Vertreibungen und den Forderungen der preußischen Treuhand zuspitzte. Während in Deutschland diese Themen lange Zeit nur marginal beachtet wurden, standen sie in Polen im Zentrum der medialen Debatte und dienten der politischen Instrumentalisierung. Neben der Darstellung der immer noch sehr konfliktgeladenen und sensiblen politischen Auseinandersetzung wies Ziemer jedoch auf eine positive Tendenz zur gemeinsamen Zusammenarbeit auf zivilgesellschaftlicher Ebene hin. In der Bevölkerung scheint die Bereitschaft zur Anerkennung des Leids des Anderen ohne Relativierung der Täterschaft größer als auf politischer und medialer Ebene.

Im Anschluss daran gab WOLFGANG BENZ (Berlin) einen Überblick über die Rechts- und Begriffsgeschichte des Tatbestands Völkermord. Dabei wurde die problematische Definition des Völkermords, die die Eliminierung von politischen und sozialen Gruppen nicht enthält, thematisiert und Verweise auf die aktuelle Situation in Kambodscha gezogen, wo der Tatbestand zur Verurteilung von ehemaligen Größen des Regimes der Roten Khmer dient. Bezüglich der Etablierung des Internationalen Strafgerichtshofes, der Völkermord auf der ganzen Welt verfolgen soll, sieht Benz Probleme vor allem wegen der fehlenden Macht der Vereinten Nationen, der Ablehnung durch die USA und der politischen Instrumentalisierung der Definition von Völkermord. Während der anschließenden Diskussion wurde deutlich, welch zentrale Rolle die Frage der nationalen Souveränität bei der Durchsetzung internationaler Rechtstatbestände spielt.

Der zweite Tag wurde eingeleitet von HOPE HARRISON (Washington), die sich mit den Erinnerungsdebatten um die Berliner Mauer beschäftigte. Im Mittelpunkt stand der 2006 vom Berliner Senat verabschiedete Plan zur Erinnerung an die Mauer. Danach soll die Mauer als Trennsymbol der Deutschen, als Symbol für die Diktatur der DDR und als Symbol für deren friedliches Ende erinnert werden. Es geht sowohl um eine Thematisierung der Opfer als auch um die Konzeption des Mauerfalls als glückliches Ereignis (wie in dem aktuell beschlossenen Freiheits- und Einheitsdenkmal), wobei Harrisons Kritik an diesem Konzept auf die Auslassung der politischen Fragen (warum gab es die Mauer überhaupt so lange?) und auf die problematische Erinnerung an den 9. November als glückliches Ereignis, die dann die anderen deutschen „9. November“ überdecken könnte, abzielte.

KATRIN HAMMERSTEIN (Heidelberg) nahm sich der These von der geteilten Erinnerung an die Verbrechen der Nationalsozialisten in der BRD, der DDR und Österreich an. Sie konnte aufzeigen, dass es trotz unterschiedlicher Erinnerungpolitik (wie die viel zitierte These der Internalisierung, Externalisierung und Universalisierung darlegt), auch eine Verzahnung der Erinnerung gibt. Am Beispiel der Fernsehserie „Holocaust“ und der „Waldheim-Affäre“ zeigte Hammerstein, in welcher Weise Erinnerungstransfers zwischen den drei Staaten stattfanden und wie die Wechselwirkungen der Erinnerungsprozesse zwischen Ignorierung und Aneignung pendelten. Es gibt, so die These Hammersteins, nicht nur eine geteilte, sondern vielmehr auch eine vereinende Erinnerung in den drei Staaten.

Daran anschließend zeigte CORNELIUS LEHNGUTH (Leipzig) die Sprengkraft der „Waldheim-Affäre“ für den österreichischen Erinnerungsdiskurs auf. Die Affäre führte zu einer Pluralisierung der Erinnerung, so dass sich heute vier große – auch parteipolitisch zuzuordnende – Erinnerungsnarrative ausmachen lassen. Neben der immer noch existierenden These der Externalisierung der Schuld ist mittlerweile die Idee der eigenen Mitverantwortung am Holocaust zur offiziellen Staatsmeinung geworden. Gleichzeitig existieren in national-konservativen Kreisen ein Pflichterfüllungspathos, welches jede Verantwortung ablehnt, und, vor allem bei den Grünen, ein „kritisches Tätergedächtnis“, welches die Kollaboration der Österreicher am Holocaust thematisiert.

Im zweiten Panel des Tages wurde der Blick auf Osteuropa gerichtet. VLADIMIR HANDL (Prag) berichtete über die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit innerhalb der kommunistischen Partei Tschechiens im Rahmen des europäischen Einigungsprozesses. Während sich die Partei weiterhin nur als „halbreformiert“ präsentiert, wobei eine dominante konservative Strömung der europäischen Einigung und einer kritischen Aufarbeitung der Vergangenheit entgegensteht, sieht Handl im Einfluss Europas eine Chance für eine weitergehende Vergangenheitsaufarbeitung innerhalb der kommunistischen Partei Tschechiens. Die Schwierigkeiten bestünden darin, die unterschiedlichen Positionen zur Vergangenheit innerhalb der Partei zu vereinen und den Einfluss der konservativen Kommunisten, für die der Zusammenbruch des Kommunismus 1989 immer noch als Putsch und Konterrevolution gilt, zurückzudrängen.

LJILJANA RADONIC (Wien) machte in ihrem Vortrag über Kroatien auf weitere Elemente des komplexen Feldes der Diktaturüberwindung aufmerksam. In Kroatien verortet sich die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit innerhalb ethnischer Konflikte. Der Bezugspunkt ist dabei nicht die kommunistische Epoche, sondern die Zeit des Faschismus von 1941 bis 1944. Seit 1990 dominierte eine von den Nationalisten forcierte Verharmlosung des Faschismus, so dass der Vergangenheitsaufarbeitung bis zum Regierungswechsel im Jahr 2000 keine demokratisierende Wirkung zukam. Auch heute wird im Spannungsverhältnis zwischen Serben und Kroaten eine täterbezogene Vergangenheitsaufarbeitung nur für die jeweils andere Seite geleistet: Die Kroaten sehen sich als Opfer der Serben, die Verbrechen der faschistischen Zeit werden nicht thematisiert.

OLEKSANDR SVYETLOV (Kiew) stellte ein in Deutschland relativ unbekanntes Ereignis in den Mittelpunkt seiner Ausführungen: Der Krieg zwischen Polen und der Ukraine (1943-1947) beeinflusst bis heute das Verhältnis der beiden Länder. Der von den deutschen Besatzern geförderte polnisch-ukrainische Krieg führte dazu, dass die Ukrainer die Polen auch nach dem Zeiten Weltkrieg als ihre schlimmsten Feinde ansahen. Während der kommunistischen Zeit wurden die eigenen Verbrechen jeweils ausgeklammert und nur die Täterschaft der anderen Seite thematisiert. Erst seit 1990 entwickelten sich Annäherungs- und Versöhnungsversuche, die für eine selbstreflektiertere Vergangenheitsbetrachtung stehen. Deutlich wurde im Vortrag Svyetlovs das Spannungsverhältnis der Erinnerung, die sich zwischen der Bewertung der Verbrechen der deutschen Besatzer, der kommunistischen Epoche und der polnisch-ukrainischen Differenzen abspielt.

IMKE HANSEN (Hamburg) sprach einen problematischen Aspekt der Diktaturüberwindung an: Was passiert, wenn die Bevölkerung die Diktatur gar nicht überwinden will? Belarus als letzte Diktatur Europas wird bis heute vom „präemptiven Autoritarismus“ Lukaschenkos geführt. Der Pakt mit der Gesellschaft beruht dabei – so Hansen – auf wirtschaftlicher und politischer Stabilität, jegliche Proteste werden im Vorhinein gewaltsam unterbunden. Lukaschenko kommt eine Einstellung der Bevölkerung zu Gute, die Stabilität der demokratischen Freiheit vorzuziehen scheint und aufgrund ihrer prosowjetischen Haltung eine Aufarbeitung der kommunistischen Vergangenheit ablehnt.

Im letzten Panel des Tages stand die Totalitarismustheorie auf dem Prüfstand. In DOMINIK TRUTKOWSKIS (Dresden) Überblick über deren Geschichte wurden die Probleme der Theorie als analytisches Modell zur Beschreibung von politischen Systemen deutlich. Der Begriff bleibe trotz neuerer Ansätze, z. B. der Abgrenzung zwischen totalitären Diktaturen und defekten Demokratien, weiterhin unscharf. Trutkowski plädierte somit auch für eine Berücksichtigung der Dynamik von Diktaturen. Letztlich wurde jedoch klar, dass die politische Instrumentalisierung der Totalitarismustheorien auch heute noch deren analytischen Nutzen überwiegt. Trotz der positiv bewerteten Fokussierung auf die Opfer von Diktaturen bleibt der Gehalt der Theorien als Vergleichsinstrument – das wurde auch in der Diskussion klar – problematisch.

Die politischen Debatten um die Totalitarismustheorie wurden von BIRGIT HOFMANN (Heidelberg) am Beispiel des „Schwarzbuch des Kommunismus“ und der Resolution des Europarates zur „Verurteilung der Verbrechen totalitärer kommunistischer Regime“ dargelegt. In der Untersuchung der öffentlichen Debatten, die hierdurch in Deutschland und Frankreich ausgelöst worden waren, kam sie zu dem Schluss, dass in Deutschland sofort die Bezüge zum Historikerstreit hergestellt worden seien, während in Frankreich die politische Legitimität der kommunistischen Partei im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses gestanden habe. Politisch instrumentalisiert erschienen die Debatten in beiden Fällen.

Die eigentlichen Gründe für die Renaissance der Totalitarismustheorie wurden im Vortrag von JULIE TRAPPE (Heidelberg) deutlich. Trappe konnte zeigen, wie in Rumänien der Vergleich mit dem Naziterror zur Rechtfertigung einer Aufarbeitung der kommunistischen Verbrechen herangezogen wurde. Von der Idee der „Zwillingsideologien“ über die Forderung, den „roten Holocaust“ auch vor Gericht aufzuarbeiten, bis hin zu Rehabilitierungsversuchen für rumänische Faschisten aus der Zeit von 1940 bis 1944 führten die Maßnahmen, die – so Trappe – dem Bedürfnis nach Anerkennung des Leids im Gulag (besonders durch den Westen) entsprangen. Es zeigte sich, dass die vergleichende Bewertung immer von der eigenen historischen Erfahrung abhängt.

Diese Standpunktabhängigkeit wurde auch in der anschließenden Podiumsdiskussion deutlich. Dabei konstatierte ULRIKE ACKERMANN (Frankfurt am Main) für den Westen keine Renaissance der Totalitarismustheorie, sondern ein Tabu der Vergleichs und forderte neben einem „Nie wieder Auschwitz“ auch ein „Nie wieder Gulag“. MARIO KEßLER (Potsdam) argumentierte dagegen, dass im Westen den inneren Wandlungen des Kommunismus zu wenig Platz eingeräumt werde und wandte sich gegen eine Form der Totalabrechnung mit den sozialistischen Regimen. Distanzierter betrachtend, plädierte GERT-JOACHIM GLAESSNER (Berlin) für einen vorsichtigen Gebrauch der Totalitarismustheorie, da die Konzepte meist politisch kontaminiert seien und die empirisch-analytische Vorgehensweise den Großtheorien vorzuziehen sei. EDWARD KANTERIAN (Oxford) forderte die Einbeziehung einer moralischen Ebene, die sich der globalen Erinnerung an die Verbrechen und die Opfer verschreiben muss. Insgesamt wurde deutlich, dass der Vergleich der Verbrechen des Nationalsozialismus und des Kommunismus immer noch heftige Diskussionen auslöst, diese sich aber weiterhin größtenteils auf der ideologischen Ebene abspielen. Eine reine Verwendung der Totalitarismustheorien als wissenschaftliches Analyseinstrument ist weiterhin nicht abzusehen.

Am nächsten Tag standen die Transnationalisierungstendenzen der Vergangenheitsaufarbeitung im Vordergrund. NORA KARSTEN (Den Haag), Associate Legal Officer am Internationalen Tribunal für Jugoslawien, gab eine fundierte Innenansicht der Arbeit des Jugoslawien-Tribunals. Sie verdeutlichte, dass das Tribunal durchaus zur Festigung des Völkerstrafrechts, zur Wahrheitsfindung und zum Aufbau des Rechtssystems in der betroffenen Region beigetragen habe. Eine endgültige Prognose über den Erfolg des Tribunals komme aber noch zu früh, da besonders der Beitrag des Tribunals zur Diktaturüberwindung im ehemaligen Jugoslawien noch genau zu analysieren sei.

Auf die Rechtsprechung als Instrument der Diktaturüberwindung ging CSILLA KISS (Budapest) ein, die der transitional justice das Potential zur Formierung von demokratischen Institutionen zusprach. Vor diesem Ansatz kam sie zu einer kritischen Analyse der post-sowjetischen Vergangenheitsaufarbeitung, in der der Kommunismus – eher undifferenziert –abgelehnt wird, ohne die Vergangenheit tatsächlich strafrechtlich aufarbeiten zu wollen. So erhält die Vergangenheitsaufarbeitung letztlich keine Gedächtnisfunktion in den post-sowjetischen Staaten, die neuen Mitglieder Europas seien von einem „europäischen Konsens“ über die Vergangenheit also noch weit entfernt.

Mit der Vorstellung der Arbeit der Jewish Cultury Reconstruction, einer Organisation, die unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg dafür sorgte, dass enteigneter jüdischer Kulturbesitz wieder an Juden zurückgegeben wurde, schnitt ELISABETH GALLAS (Leipzig) ein weiteres Feld von Diktaturüberwindungsprozessen an: das der Restitution. Gallas betonte sowohl die unmittelbaren Probleme, auf die die Rückgabeversuche im Nachkriegsdeutschland getroffen sind, als auch die langfristigen Auswirkungen dieses Themas. Auch heute noch brechen Differenzen zwischen Gemeinden in Israel und in anderen Staaten über die Rückgabe von jüdischem Kulturbesitz aus. Restitutionsprozesse entwickeln eine Eigendynamik, die auch 60 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg die Vergangenheit wieder aufleben lässt.

REGINA FRITZ (Wien) zeigte in ihrem Vortrag über die Aufarbeitung des Holocaust in Ungarn, wie diese von außenpolitischen Motiven getragen war. In den ersten Nachkriegsmonaten gründete sich die große Bereitschaft der Ungarn, faschistische Kollaborateure zu verurteilen, darauf, den Demokratisierungswillen des Landes aufzuzeigen. Diese Haltung stand jedoch im Kontrast zu anderen osteuropäischen Staaten, die durch eine Relativierung der eigenen Schuld und eine Heroisierung des Widerstands eine bessere Position im osteuropäischen Nachkriegsszenario erhalten konnten. Aufgrund dieser Erkenntnis schwenkte auch Ungarn ab 1946 auf die Linie der Tabuisierung der eigenen Verbrechen ein, so dass zwar einzelne Täter verurteilt wurden, insgesamt aber eine Aufarbeitung der eigenen Rolle beim Holocaust bis 1990 weitestgehend unterblieb.

BENNO NIETZEL (Berlin) behandelte in seinem Beitrag die langfristige Dynamik von Wiedergutmachungsprozessen, indem er am Beispiel des Stiftungsfonds der deutschen Wirtschaft (2000) Tendenzen zu einer verstärkten Verfolgung der Verbrechen, zu einer Monetarisierung der Ansprüche und zu einer Privatisierung der Erinnerung ausmachte. Die Wiedergutmachungsansprüche gegen Deutschland wurden nicht mehr – wie noch bis Anfang der 1990er-Jahre – in zwischenstaatlichen Austauschprozessen ausgehandelt. Die Entschädigungen für die Zwangsarbeiter kamen stattdessen über eine private Sammelklage US-amerikanischer Anwälte zu Stande und wirkten letztlich transnational auch in Staaten, deren Opfer sich nicht organisiert an der Klage beteiligt hatten (z. B. die Ukraine). Ein Ende des Themas Wiedergutmachung scheint – so Nietzel – noch nicht abzusehen.

CAROLA SACHSE (Wien) zeigte am Beispiel der Beziehungen zwischen der Rockefeller Foundation und der Max-Planck-Gesellschaft, wie die Vergangenheitsaufarbeitung im Bereich der Wissenschaft mehr vom beginnenden Kalten Krieg als von tatsächlichen Aufarbeitungsbestrebungen geleitet war. Der Max-Planck-Gesellschaft gelang es, sich als Institut für Grundlagenforschung neu zu platzieren, und so einen Gründungsmythos zu erschaffen, in dem die Verzahnung mit dem nationalsozialistischen Regime ausgeklammert blieb. Die Rockefeller Foundation unterstützte dieses neue Konzept nach anfänglichen moralischen Skrupeln, da ihr so eine Legitimation für die finanziellen Zuwendungen an eine westdeutsche Wissenschaftsinstitution gegeben schien. Eine umfangreiche Vergangenheitsaufarbeitung hätte in der durch den Kalten Krieg als notwendig erachteten Beziehung zwischen westdeutscher und US-amerikanischer Wissenschaft nur gestört.

Ein weiteres Beispiel für die Ausblendung „störender Elemente“ der Vergangenheitspolitik schilderte CHRISTINE GUNDERMANN (Berlin), die die zivilgesellschaftlichen Kontakte zwischen Deutschen und Holländern hinsichtlich der Thematisierung der nationalsozialistischen Verbrechen untersuchte. Sie konnte zeigen, dass man beiderseits der Grenze zwar das Leid der Opfer anerkannte, die Frage nach den Tätern aber ausgeblendet wurde. Auch die Holländer akzeptierten die Gleichsetzung des Leids durch die Deutschen (so wurden z.B. Rotterdam und Köln als „Schwestern im Bombenterror“ dargestellt) ohne der Schuldfrage weiter nachzugehen. Die zivilgesellschaftliche Kommunikation funktionierte demnach einerseits unabhängig vom nationalen Diskurs, andererseits aber auch nur durch das Verschweigen sensibler Punkte, so dass das Verhältnis – auch das konnte Gundemann zeigen – auf einem zerbrechlichen Fundament steht.

Ein weiterer wichtiger Aspekt der transnationalen Diktaturüberwindung wurde von MAREN RÖGER (Gießen) mit ihrem Blick auf die Thematisierung von Flucht und Vertreibung in deutschen und polnischen Medien aufgegriffen. Die unterschiedliche Darstellung des Problems in der polnischen Zeitschrift Wprost und im deutschen SPIEGEL verweist auf die maßgebliche Akteursrolle von Medien im „Streit der Erinnerungen“. Dabei steht häufig keine objektive Darstellung der Ereignisse im Vordergrund, sondern eine – politisch wie marktwirtschaftlich determinierte – Interpretation der Vergangenheit, die Aussöhnungs- oder Aufarbeitungsversuchen nicht immer förderlich sein muss.

Zum Abschluss der Tagung führte KARSTEN BRÜGGEMANN (Hamburg) anhand zweier jüngster Auseinandersetzungen um estnische Denkmäler hinein in die Konfliktlinien der osteuropäischen Vergangenheitsaufarbeitung zwischen Abgrenzung von sowjetischem Kommunismus und Neubewertung der faschistischen Kollaboration mit den Nationalsozialisten. Zur unterschiedlichen Bewertung der Vergangenheit kommen hier Spannungen zwischen Esten und der russischen Minderheit aufgrund verschiedener Geschichtsbilder hinzu. Der Streit um das Denkmal des Bronzesoldaten fungiert so gleichsam als „semantisches Schlachtfeld“ der Geschichte, auf dem die russische, die estnische und die westeuropäische Geschichtsauffassung in ein komplexes Wechselspiel treten.

In ähnlicher Weise gilt dies auch für Lettland, für das KATJA WEZEL (Heidelberg) die Existenz zweier paralleler Gesellschaften – lettische und russischsprachige Bevölkerung – konstatierte, die eine jeweils sehr unterschiedliche Interpretation der Vergangenheit aufweisen: Während sich für die Letten der Umbruch von 1990/91 als positive Renaissance Lettlands und Befreiung von der sowjetischen Okkupation darstellt, das Ende des Zweiten Weltkriegs hingegen eher negativ als Beginn einer erneuten Besetzung angesehen wird, ist die Interpretation der Umbrüche durch die russische Minderheit dem genau entgegengesetzt. Diese divergierenden Erinnerungen erschweren die Integration der russischen Minderheit in Lettland und erscheinen zentral für die Existenz von Parallelgesellschaften in den baltischen Staaten.

Ein einheitliches Fazit lässt sich schon aufgrund der Bandbreite und Vielzahl der auf der Tagung vorgestellten Themen nicht ziehen. Dies ist auch nicht nötig. EBERHARD JÄCKEL (Stuttgart) wies in seinem Schlusswort darauf hin, dass die neuen Ansätze den Begriff der Diktaturüberwindung sehr weit fassen, so dass heute eben auch Transnationalisierungs- und Internationalisierungstendenzen in den Blick genommen werden können. Deutlich wurde an einem Großteil der Vorträge, dass die empirische Beschäftigung mit dem Einzelfall auch vor dem Hintergrund neuer Perspektiven notwendig bleibt, um dann in einem nächsten Schritt zu gewinnbringenden Vergleichen zu kommen. Interessant wäre dabei sicherlich der Blick über den europäischen Tellerrand hinaus gewesen, da besonders die lateinamerikanischen Diktaturüberwindungsprozesse eine Vielzahl von Phänomenen aufweisen, die eine Europa-zentrierte Debatte erweitern können. Auch eine noch stärkere Berücksichtigung des Mediendiskurses, dem gerade auf dem Feld der Geschichts- und Erinnerungspolitik eine Schlüsselrolle zukommt, ist wünschenswert.

Insgesamt ist den Organisatorinnen aber mit der Konzeption des Themas eine sehr interessante Tagung gelungen, die neue Impulse im Forschungsfeld der Diktaturüberwindung und Vergangenheitsaufarbeitung aufzeigen konnte. Darüber hinaus wurde ein weiteres Ziel der Tagung – die Vernetzung von NachwuchswissenschafterInnen – erreicht, so dass die Fortsetzung der Diskussionen und ein weiterer Erfahrungsaustausch, gegebenenfalls in neuen Projekten, umgesetzt werden können. Die Publikation der Tagungsergebnisse in einem Sammelband ist geplant.

Konferenzübersicht:

Klaus Ziemer (Warschau): Deutsch-polnische Konflikte um Vergangenheitsaufarbeitung im neuen Europa
Wolfgang Benz (Berlin): Europäisierung der Aufarbeitung von Verbrechen? Europas Umgang mit den Völkermorden des 20. Jahrhunderts

Panel I: Aufarbeitung der deutschen Vergangenheit im europäischen Kontext
Chair: Eberhard Jäckel (Stuttgart)
Hope Harrison (Washington D.C.): The Past, Present and Future of the Berlin Wall: Depictions and Remnants of the Berlin Wall and the East German Regime in Berlin
Katrin Hammerstein (Heidelberg): Geteilte Erinnerung? Der Umgang mit der NS-Vergangenheit in Bundesrepublik, DDR und Österreich
Cornelius Lehnguth (Leipzig): Ende der Externalisierung? Die parteipolitische Auseinandersetzung um die NS-Vergangenheit in Österreich seit der Waldheim-Affäre

Panel II: Überwindung zentral- und osteuropäischer Diktaturen zwischen Konsolidierung und defekter Demokratie
Chair: Burkhard Olschowsky (Oldenburg)
Vladimir Handl (Prag): Coming to terms with the Czech Communist Party in an European Context
Ljiljana Radonic (Wien): Nationalismus und/oder Demokratie in Kroatien - Vom Geschichtsrevisionismus zur Aufarbeitung der Vergangenheit?

Panel III: Geschichte als Polarisierungsobjekt in autoritären Systemen und Transformationsstaaten
Chair: Marianne Zepp (Berlin)
Oleksandr Svyetlov (Kiew): The “war in the war” in Poland and Ukraine: Coming to terms with historical interpretations
Imke Hansen (Hamburg): Regierung versus Opposition: Diktaturüberwindung in Belarus

Panel IV: Neue theoretische Perspektiven der Diktaturüberwindung: Totalitarismustheorien im europäischen Kontext
Chair: Raphael Utz (Jena)
Dominik Trutkowski (Dresden): Neue Perspektiven der Totalitarismustheorie
Julie Trappe (Heidelberg): Holocaust und GULag - Totalitarismustheorie im postkommunistischen Rumänien
Birgit Hofmann (Heidelberg): Europäisierung der Totalitarismustheorie? Die Debatten um das „Schwarzbuch des Kommunismus“ und um die Resolution „Verurteilung der Verbrechen totalitärer kommunistischer Regime“

Podiumsdiskussion: Forschung zur Diktaturüberwindung als politische Intervention: Renaissance der Totalitarismustheorie in Europa?
Moderation: Edgar Wolfrum (Heidelberg)
Gert-Joachim Glaeßner (Berlin), Edward Kanterian (Oxford), Mario Keßler (Potsdam), Ulrike Ackermann (Frankfurt am Main)

Panel I: Nationale und transnationale Rechtssprechung als Instrument von Diktaturüberwindung
Chair: Cord Arendes (Heidelberg)
Nora Karsten (Den Haag): Transnationalisierung strafrechtlicher Diktaturüberwindung: Jugoslawische Kriegsverbrechen vor dem Internationalen Jugoslawien-Tribunal in Den Haag
Csilla Kiss (Budapest): Transitional Justice and the Reconstruction of History

Panel II: Restitutionsprozesse und Unrechtsaufarbeitung nach historischen Umbrüchen
Chair: Prof. Dr. Eike Wolgast (Heidelberg)
Elisabeth Gallas (Leipzig): Reconstructing European Jewry. Restitution jüdischer Kulturgüter als transnationales Projekt
Regina Fritz (Wien): Zwischen Thematisierung und Tabuisierung. Die Aufarbeitung des Holocaust in Ungarn nach 1945
Benno Nietzel (Berlin): Transnationale Debatten um Wiedergutmachung historischen Unrechts in Osteuropa nach 1989

Panel III: Transnationale Kommunikation und mediale Inszenierung von Vergangenheitsaufarbeitung
Chair: Burkhard Olschowsky (Oldenburg)
Carola Sachse (Wien): Schmutzige Wissenschaft. Die Rockefeller Foundation und die Max-Planck-Gesellschaft im Kalten Krieg
Christine Gundermann (Berlin): Leiden ohne Täter? Deutsch-niederländische Kommunikation über die national-sozialistischen Verbrechen
Maren Röger (Gießen): Transnationale Medienerinnerung? - Deutsche und polnische Berichterstattung über Flucht und Vertreibung im Vergleich

Panel IV: Zweiter Weltkrieg und Spanischer Bürgerkrieg im Spiegel transnationaler Erinnerungsdebatten
Chair: Heinz-Dietrich Löwe (Heidelberg)
Karsten Brüggemann (Hamburg/Lüneburg): Geteilte Geschichte als transnationales Schlachtfeld: Der estnische Denkmalstreit und das sowjetische Erbe in der Geschichtspolitik Russlands und der baltischen Staaten
Katja Wezel (Heidelberg/Riga): Unterschiedliche Erinnerungen, parallele Gesellschaften? Zusammenleben von Letten und Russen in Lettland nach 1991

Kontakt

Birgit Hofmann und Katja Wezel
Universität Heidelberg
Graduiertenkolleg zur Zeitgeschichte
"Diktaturüberwindung und Zivilgesellschaft in Europa"
PF 10 57 60
D-69047 Heidelberg
E-Mail: birgit.hofmann@politik.uni-freiburg.de; katja.wezel@uni-hd.de

Zitation
Tagungsbericht: Diktaturüberwindung in Europa: Neue nationale und transnationale Perspektiven, 21.11.2007 – 23.11.2007 Heidelberg, in: H-Soz-Kult, 11.02.2008, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-1897>.
Redaktion
Veröffentlicht am
11.02.2008
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