Alterstopoi. Neues im alten Wissen von den Lebensaltern

Ort
Freiburg
Veranstalter
Dorothee Elm, Thorsten Fitzon, Kathrin Liess, Sandra Linden; WINKolleg. Akademiekolleg für den wissenschaftlichen Nachwuchs der Heidelberger Akademie der Wissenschaften
Datum
13.03.2008 - 14.03.2008
Von
Miriam Seidler, Germanistisches Seminar, Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf

"Das 20. Jahrhundert hat etliche Klischees der vorhergegangenen Jahrhunderte übernommen. Im Laufe der Zeit ist die Vorstellung vom Altern auf sozialem, psychologischem, biologischem Gebiet bereichert worden, aber trotzdem halten sich weiterhin alte Schablonen. Es spielt keine Rolle, daß sie sich widersprechen; sie sind derart abgenutzt, daß man sie bei der allgemeinen Gleichgültigkeit wiederholt. Das Alter ist ein Herbst, reich an reifen Früchten; es ist auch ein unfruchtbarer Winter, dessen Kälte, Schnee, Reif man beschwört. Es hat die Milde schöner Abende, doch man schreibt ihm auch die süßere Traurigkeit der Abenddämmerung zu."[1] Simone de Beauvoir entwickelt in ihrem 1970 veröffentlichten Essay La Vieillesse ein Bild der Darstellung des hohen Alters in der Literatur, das von Klischees und Stereotypen geprägt ist. Dabei stellt sie die wenig innovative Verwendung traditionellen Bildinventars heraus. Arsenale von für die Argumentation tauglichen Mitteln wurden in der antiken Rhetorik als Topoi bezeichnet. Simone de Beauvoirs Kritik zielt also darauf, dass sich einerseits die Argumentationsmittel zur Beschreibung des Alters nicht verändert haben und diese Topoi andererseits aufgrund ihrer häufigen Verwendung an Überzeugungskraft verloren haben. Handelt es sich aber bei Topoi zur Beschreibung von Lebensaltern tatsächlich nur um zum Klischee erstarrtes Wortmaterial oder haben die Topoi ihr innovatives Potential erhalten? Diese Fragestellung stand im Fokus der Tagung "Alterstopoi. Neues im alten Wissen von den Lebensaltern". Das interdisziplinäre Kolloquium bildete den Auftakt einer im Rahmen des WINKollegs von der Heidelberger Akademie geforderten Nachwuchsgruppe, die sich zum Ziel gesetzt hat, die "Religiöse und poetische Konstruktion der Lebensalter" zu analysieren. Zum Forscherteam gehören DOROTHEE ELM (Klassische Philologie), THORSTEN FITZON (Neuere deutsche Literaturwissenschaft), KATHRIN LIESS (Evangelische Theologie) und SANDRA LINDEN (Germanistische Mediävistik).

Kindheit und Jugend
Am Beispiel von Gottfried von Straßburgs Epos "Tristan" ging ANETTE GEROK-REITER der Frage nach, welche Funktion den Kindheitstopoi im mittelhochdeutschen Text zukommt. Wird mit der Darstellung der Kindheit im mittelhochdeutschen Epos in der Regel die Geburt des Helden geliefert – die Kindheitstopoi sind also gleichsam Topoi des werdenden Helden – so findet sich im Text Straßburgs eine erstaunliche Abweichung vom Erzählmuster. Nachdem der von Piraten entführte kindliche Held an einer ihm unbekannten Küste ausgesetzt wird, wird Tristan als weinendes, verängstigtes Kind gezeigt. Die mit dem Topos des defizitären Kindes verbundene Angsterfahrung ermöglicht es dem Helden Tristan ganz bei sich selbst zu sein und ist daher – so die These von Gerok-Reiter – das zentrale Moment für Tristans Entwicklung. Dieser ist fortan in der Lage sich selbst zu inszenieren und verschiedenste Rollen und Funktionen anzunehmen.

Der Etablierung der Lebensphase Jugend widmete sich der Vortrag "Erziehung und Strafe. Zur Entdeckung der Jugend in der strafrechtlichen Reformdebatte des 19. Jahrhunderts" von STEFAN RUPPERT. Anhand der Einführung des Jugendstrafrechtes und des Fabrikschutzgesetzes, das den Einsatz von Kindern als Arbeitskräfte in Fabriken verhindern oder zumindest zeitlich beschränken sollte, erläuterte der Rechtshistoriker die enge Verbindung von rechtlichen Diskursen und zeitgenössischen Annahmen über die körperliche und geistige Entwicklung von Kindern und Jugendlichen. Dabei konnte er nachweisen, dass Altersgrenzen selbst wie Topoi behandelt werden, da mit ihnen die Vorstellung verbunden ist, dass mit dem Erreichen eines bestimmten Lebensalters gewisse erwartbare Leistungen verbunden sind, die aufgrund ihrer Allgemeingültigkeit nicht mehr hinterfragt werden.

Lebensphase Alter
Ein weitaus größerer Teil der Beiträge befasst sich mit der bislang nur rudimentär untersuchten Lebensphase Alter. Bildbereiche wie der Baum als Zeichen für ein langes Leben oder das graue Haar für Langlebigkeit finden sich bereits im Alten Testament. In ihrem Vortrag zu "Alterstopoi im Alten Testament" ging KATHRIN LIESS der Frage nach, wie in den Texten des Alten Testaments mit der Vergänglichkeit des Menschen umgegangen wird und welche Elemente zur Illustration des Alters genutzt werden. Dabei konnte sie belegen, dass die Darstellung des Alters zunehmend metaphorische Funktion gewinnt. Liegt den im 4./5. Jahrhundert vor Christus entstandenen Psalmen noch die Vorstellung zugrunde, dass ein langes Leben eine Belohnung Gottes für ein gerecht geführtes Leben anzeigt, so findet sich in dem im 1. Jahrhundert vor Christus entstandenen "Buch der Weisheit" eine Neubewertung des Topos: Alt ist nun eine Bezeichnung für eine Qualität des Lebens. Das unbefleckte Leben wird zum Maßstab für Alter. Hintergrund für die Neubewertung des Topos ist die sich herausbildende Vorstellung, dass der Tod nicht das Ende des Lebens darstellt, sondern gottgefälliges Leben im Jenseits belohnt wird.

Der Einsatz von altersspezifischen Topoi zur Versinnbildlichung von Konzepten eines gerechten und gottgefälligen Lebens findet sich auch in antiken Texten. So zeigte DOROTHEE ELM nach einem kurzen Überblick über die Verwendung des Topos-Begriffs in der Antike am Beispiel von Lukians um 180 n.Chr. entstandener Schrift "Alexander oder der Lügenprophet", wie ein selbst ernannter Prophet durch den Einsatz von Topoi argumentativ entlarvt wird. Hatte sich der Prophet Alexander selbst ein langes Leben prophezeit, das erst im Alter von 150 Jahren durch einen Blitzschlag beendet werden sollte, so demaskiert ihn sein Kritiker Lukian indem er den Topos der Langlebigkeit von Philosophen durch die Beschreibung der körperlichen Beschaffenheit Alexanders kurz vor seinem Tod – der bereits vor dem 70. Geburtstag eintritt – beschreibt. Zentral für die Argumentation Lukians ist die Täuschung der Anhänger durch das Tragen einer Perücke. Stand das Haar stellvertretend für ewige Jugend und war schönes, lockiges Haar Erkennungszeichen der Propheten, so dient die Entlarvung des falschen Propheten dazu, die Diskrepanz zwischen Erwartung und Erfüllung auf unterschiedlichen diskursiven Ebenen herzustellen und zur Anklage zu nutzen.

Weibliches Altern
Einen konträren Blick auf die lateinische Literatur warf THERESE FUHRER mit der Untersuchung der vetula-Skoptik in den "Carmina" und "Epoden" des Horaz. Mit dem Begriff vetula-Skoptik werden in der klassischen Philologie Darstellungen hässlicher alter Frauen betitelt. Therese Fuhrer interessierte aber weniger die detaillierte Beschreibung des weiblichen Körpers, sondern mit der Untersuchung der Perspektive aus der dieser beschrieben wird, zeigte sie auf, dass der jambischen Dichtung ein genderspezifischer Machtdiskurs eingeschrieben ist. Ausgangsüberlegung für diesen ist die Zurückweisung des Mannes durch eine junge, sexuell attraktive Frau. Der verschmähte Liebhaber evoziert daraufhin das Bild der hässlichen Alten, um der Geliebten die Umkehrung der Machtverhältnisse im Alter zu versinnbildlichen. Am Beispiel von "Carmen 1,25" zeigte Therese Fuhrer auf, wie Horaz dieses Ablaufmuster aufbricht, indem er durch einen Sprecherwechsel der Frau die Klage über das Alter in den Mund legt. Damit wird das lyrische Ich selbst in den Alterungsprozess einbezogen und dieser somit als geschlechtsunabhängig dargestellt. Auf ähnliche Weise – so zeigt "Epode XII" – hat Horaz bereits in seinem Frühwerk durch die Neukontextualisierung und Verbindung mit anderen Topoi einen Beitrag zur Neubewertung alter Topoi geleistet.

Die Verbindung von Liebe und Alter griff auch SANDRA LINDEN in ihrem Beitrag "Die liebeslustige Alte. Ein Topos und seine Narrativierung im Minnesang" auf. Am Beispiel von Liedern Heinrich von Morungens, Walthers von der Vogelweide und Neidhards zeigte sie auf, wie das Alter Eingang in den per definitionem zeitlosen Minnediskurs gefunden hat. Wird in Morungens Lied MF 124,32 das Vergehen der Zeit insofern angesprochen, als die Rache für die unerhörte Liebe an den Sohn delegiert wird, so wird im Lied Walthers (L. 57,23) durch die Personifikation der Minne als alte Frau, die sich unschicklich verhält, weil sie auch im Alter noch mit jungen Männern tanzt, der Alterungsprozess versinnbildlicht. Durch die produktive Aufnahme des Topos in der Personifikation zeigt sich auf der einen Seite ein Wandel des Minnekonzepts, darüber hinaus wird mit der Darstellung der "tanzlustigen Alten" auch eine poetologische Diskussion angesprochen: die des richtigen Singens. Diese poetologische Komponente wird in den Sommerliedern Neidhards durch die Narrativierung des Topos verstärkt, indem der Topos der tanzlustigen Alten im Streitgespräch zwischen Mutter und Tochter aufgegriffen wird. Möchte die Mutter, bei der sich auch Frühlingsgefühle bemerkbar machen, die Tochter zum Tanz begleiten, so weist die Tochter das Ansinnen der Mutter als unschicklich zurück. Indem einerseits durch die Naturmetaphorik die Minne selbst als naturalistisches Konzept neu entworfen wird, dient das Alter als störendes, aber kreatives Element andererseits dazu, eine Diskussion der Gattung selbst in Gang zu setzten.

Wie ist es zu erklären, so fragte die Kunsthistorikerin STEFANIE KNÖLL, dass in der bildenden Kunst der Frühen Neuzeit das Alter ab dem 16. Jahrhundert zunehmend durch weibliche Figuren symbolisiert wird und dass diese im Gegensatz zu männlichen Figuren oft nackt dargestellt werden? Die Antwort, so zeigte Stefanie Knöll überzeugend, ist in einer Kombination verschiedener Ursachen zu suchen. Ist zum einen im 16. Jahrhundert ein verstärktes Interesse an mimetischen Aktzeichnungen zu erkennen, so wird demgegenüber mit der Entkleidung des weiblichen Körpers auf die Naturhaftigkeit der Frau angespielt. Zudem kann – zum Beispiel an der um 1500 am Oberrhein entstandenen Figur der "Garstigen Alten" oder an Behams "Der Tod und die drei nackten Weiber"[2] – gezeigt werden, dass mit der Darstellung der nackten Alten auch ein moralisch-didaktischer Diskurs angesprochen ist. Durch die Dekonstruktion der Schönheit wird die erotische Macht der Frau gebrochen, damit erlangt der männliche Betrachter eine Bewusstheit der Gefahr, die von der schönen Frau ausgeht, womit sie ihre Macht über ihn verlieren soll. Dass es aber nicht nur in der Hochkultur differente Konzepte des Alterns von Männern und Frauen gab, veranschaulichte Stefanie Knöll am Beispiel der populären Gattung der Lebensaltersstufen. Diese Bildgattung bildete in zehn Jahresschritten einen standardisierten Lebenslauf entweder einer männlichen oder einer weiblichen Figur ab. Diese Darstellungen dienten in erster Linie der Disziplinierung des Lebenslaufes. Die moralische Dimension, mit der die Nacktheit der Frau verbunden war, zeigt sich in der Populärkultur in anderen Strategien, zum Beispiel indem den Frauen der verschiedenen Lebensaltersstufen charakteristische Tiere beigegeben wurden oder dass durch Pflanzensymbole das frühere Altern der Frau angezeigt wurde.

Poetologische Strategien
Altersdarstellungen, so hat bereits der Vortrag von Sandra Linden für die Lieder Neidhards herausgearbeitete, können neben einer mimetischen auch eine poetologische Funktion haben. Dies lässt sich auch für andere Epochen zeigen. THORSTEN FITZON zeigte auf, dass der Topos nicht nur als unveränderbares Bild gebraucht wird, sondern dass Topoi variable Muster darstellen, durch deren Variation Innovation erst möglich wird. In diesem Sinne definierte er mit August Obermayer Topoi als anerkannte Vorstellungsmodelle und betonte mit Wilhelm Schmidt-Biggemann die Fähigkeit der Topoi, neues Wissen differenziert zur Anschauung zu bringen. Ausgehend von barocken Formelbüchern, die den Autoren Beispiele an die Hand geben sollten, belegte Fitzon diese These anhand des Topos "Der Greis im Frühling". An fast zeitgleich entstandenen Gedichten der Empfindsamkeit lässt sich zeigen, dass der Topos vom Alter als Winter des Lebens aus den barocken Formelbüchern nicht einfach übernommen, sondern vielmehr in seiner "gebrochenen Analogie" fortgeschrieben wurde. Indem der Frühling in die paradoxe Denkfigur eingeführt wird, kommt es zur Ausweitung der Perspektive. Es rückt nicht nur retrospektiv die Jugend als unerreichbares Ideal ins Blickfeld, sondern zugleich auch prospektiv die Erfüllung des Lebens im Jenseits. Mit der Anknüpfung an das Bild des ewigen Frühlings wird die Brisanz des Wintertopos entschärft. Alter wird nicht mehr "nur" als unnötige Restzeit gesehen, sondern durch eine zyklische Vorstellung des menschlichen Lebens aufgewertet. Gegen diese harmonisierende Darstellung – so machte Fitzon plausibel – wehrten sich die Autoren seit der Mitte des 19. Jahrhunderts. Titel wie "Frühling im Alter" (Ernst Moritz Arndt) und "Ewiger Frühling" (Friedrich Rückert) deuten bereits auf die Entwicklung eines neuen Altersbildes hin, das die Erfüllung nicht im Jenseits sucht, sondern sich ganz auf das Hier und Jetzt konzentriert.

An die Überlegungen Fitzons schloss der Vortrag von THOMAS KÜPPER zu Altersdarstellungen im poetischen Realismus an. In Anlehnung an die in seiner Dissertation „Das inszenierte Alter“ [3] entwickelten Thesen ging Küpper der Frage nach, inwieweit Alterstopoi poetologische Funktionen haben. Dazu nahm er eine Erweiterung des Topos-Begriffs vor. Ausgehend von der griechischen Bedeutung des Begriffes "Ort" wies er dem Topos drei Bedeutungsfelder zu: 1. Topos als Gemeinplatz, 2. Topos im Sinne einer Topographie als typischer mit dem Alter verbundenen Ort und 3. eine Ordnung, die Literatur für sich beansprucht. Die These, dass Literatur Gemeinplätze aufsucht um sie so zu verorten, dass sie sich selbst verortet, verifiziert er anhand von Erzählungen Theodor Storms.

MIRIAM HALLER ging in ihrem Vortrag zu "Die Neuen Alten? Strategien der Resignifikation von Alterstopoi in der zeitgenössischen Literatur" von der Beobachtung aus, dass Alterdarstellungen in Romanen der Gegenwartsliteratur in der Regel immer den gleichen Entwicklungsprozess nachzeichnen. Die Ablösungsphase von Lebenskonzepten des mittleren Alters, so Haller, dominiert die Altersklage. In der Schwellenphase reflektiert die alternde Figur über das Alter. Ihre Ängste vor dem Eintritt in die neue Lebensphase zeigen sich im Rückgriff auf die traditionellen Topoi des Altersspotts. Die Reintegration in den Alltag und das Anerkennen der neuen Lebenssituation wird durch das Alterslob angezeigt. Wenn dieses Muster in einem großen Teil der aktuellen Romane umgesetzt wird, ist Alter dann nicht ein langweiliges Thema? Diese Frage verneinte Miriam Haller im Hinblick auf die Strategien, mit denen die Romane diese Topoi unterlaufen. Das subversive Potential literarischer Texte erläuterte Haller unter Rückgriff auf Judith Butlers Konzept der Performativität. Indem kulturelle Einschreibungen des Alters wiederholt und gleichzeitig unterlaufen werden, wird die inszenatorische Qualität des Alters aufgedeckt. Anhand der Romane "Endmoränen" von Monika Maron und "Slow Man" von J.M. Coetzee zeigte sie in einer überzeugenden Analyse der Darstellungsweise, des discours der Romane, dass durch das Experimentieren mit der Autorfunktion, dem Wechsel der Perspektive und intertextuellen Zitaten eine Resignifikation des Alters vorgenommen werden kann. Die traditionelle Topik, so Miriam Haller, wird im Altersroman der Gegenwart aufgenommen, um mit den Strategien Ironie und Pathos Ähnlichkeiten aufzeigen und damit auch Neues betonen zu können.

Zusammenfassung
Im Rahmen der Tagung hat sich gezeigt, dass die topische Beschreibung des Alters und der Jugend im Gegensatz zu Simone de Beauvoirs eingangs zitiertem Diktum durch Strategien der Narrativierung, der Kombination mit anderen Topoi und durch Performanz durchaus innovativ verwandt wurde und wird. Die einzelnen Beiträge nutzten auf unterschiedliche Art und Weise den aus der antiken Rhetorik stammenden Begriff des Topos als heuristisches Werkzeug für die Untersuchung der Lebensalter. Er ermöglichte einen neuen Zugriff auf Lebensaltersdarstellungen in unterschiedlichen Medien und Textsorten. Erwies sich für alle Beiträger der Toposbegriff als fruchtbar, so konnte lediglich der Medizinhistoriker FLORIAN STEGER zwar alterstypische Überlegungen in medizinischen Texten der Antike nachweisen, sah darin aber keine spezifische Verwendung von Topoi gegeben. Dieser Mangel – so ist zu vermuten – ist weniger in der Textsorte zu suchen, als im Toposbegriff selbst. Am Beispiel der medizinischen Texte lässt sich zeigen, dass die Stärke des Toposbegriffs gleichzeitig seine größte Schwäche ist. Der Toposbegriff wurde nicht einheitlich verwandt. Er hat einen sehr weiten Begriffsumfang, der von den antiken Schlussfolgerungen über anerkannte Vorstellungsmodelle bis hin zu Diskursstrategien wie Alterslob und Altersspott [4] reicht. Dies scheint für einen Forschungsansatz, der weniger den Inhalt, sondern vielmehr die Wirkungsweise von Texten im Blick hat, kein Problem darzustellen. Dagegen ist der Toposbegriff weniger brauchbar, wenn inhaltliche Fragestellungen geklärt werden sollen. Inwieweit eine Neukonzeption des Toposbegriffs auch hier einen neuen Zugriff auf wissenschaftliche Textsorten ermöglicht, müssen weitere Forschungen ergeben. Zudem scheint eine differenziertere Begriffserklärung von Nöten, um die Vergleichbarkeit der fruchtbaren Einzelanalysen zu gewährleisten.

Konferenzübersicht

Kathrin Liess (Tübingen): Alterstopoi im Alten Testament
Therese Fuhrer (Freiburg): Alterstopoi in den Carmina und Epoden des Horaz
Dorothee Elm (Freiburg): Wird auch kahl mein Haupt. Alterstopoi in den Schriften des Apuleius und Lukian
Florian Steger (Erlangen/München): Altern im Leben. Perspektiven der antiken Medizin
Annette Gerok-Reiter (Berlin): Angst als Signum der Jugend? Überlegungen zum ‚Tristan‘ Gottfrieds von Straßburg
Sandra Linden (Tübingen): Die liebeslustige Alte. Ein Topos und seine Narrativierung im Minnesang
Stefanie Knöll (Düsseldorf): Der weibliche Körper als Sinnbild des Alters in der Kunst des 15. bis 17. Jahrhunderts
Thorsten Fitzon (Freiburg): Der Greis im Frühling. Toposvariationen
Stefan Ruppert (Frankfurt): Erziehung und Strafe. Zur Entdeckung der Jugend in der strafrechtlichen Reformdebatte des 19. Jahrhunderts
Thomas Küpper (Frankfurt): Nachsinnen im Alter. Topoi und Selbstverortungen der Literatur um 1850
Miriam Haller (Köln): Die Neuen Alten? Strategien der Resignifikation von Alterstopoi in der zeitgenössischen Literatur

Anmerkungen:
[1] Beauvoir, Simone de, Das Alter. Essay. Deutsch von Anjuta Aigner-Dünnwald und Ruth Henry, Reinbek bei Hamburg 1977 [Original: La Vieillesse, Paris 1970].
[2] Hülsen-Esch, Andrea von; Westermann-Angerhausen, Hiltrud; Knöll, Stefanie (Hrsg.), Zum Sterben schön. Alter, Totentanz und Sterbekunst von 1500 bis heute, Ausstellungskatalog 2006, Band 2, Regensburg 2006, S. 190 und S. 198.
[3] Thomas Küpper, Das inszenierte Alter. Seniorität als literarisches Programm von 1750 bis 1850, Würzburg 2004.
[4] Vergleiche zu den Diskursstrategien: Gerd Göckenjan, Das Alter würdigen. Altersbilder und Bedeutungswandel des Alters, Frankfurt am Main 2000.

Zitation
Tagungsbericht: Alterstopoi. Neues im alten Wissen von den Lebensaltern, 13.03.2008 – 14.03.2008 Freiburg, in: H-Soz-Kult, 05.04.2008, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-2052>.