Kollektive Identitäten im Tod. Möglichkeiten und Grenzen der Analyse von Grabbefunden

Ort
Rom
Veranstalter
Schwerpunktprogramm „Italische Kulturen vom 7. bis 3. Jh. v. Chr.“, Deutsche Akademie Villa Massimo
Datum
06.06.2008 - 07.06.2008
Von
Nadin Burkhardt, Landesamt für Denkmalpflege, Referat 115 DFG-SPP 1171, Regierungspräsidium Stuttgart

Im Rahmen des durch die Gerda Henkel Stiftung geförderten Schwerpunktprogramms „Italische Kulturen vom 7. bis 3. Jh. v. Chr.“ [1] fand am 6. und 7. Juni 2008 an der Deutschen Akademie Villa Massimo das Symposium „Kollektive Identitäten im Tod. Möglichkeiten und Grenzen der Analyse von Grabbefunden im vorrömischen Unteritalien und Sizilien“ mit Gästen und Vortragenden aus Italien, Irland, Deutschland und den Niederlanden statt.

Die ethnische Interpretation archäologischer Quellen erfreut sich einer langen Tradition – dennoch gilt es, gerade hier nach den Möglichkeiten zu forschen, ob und wie sich ethnische Identitäten aus dem Sachgut erschließen lassen. Im Mittelpunkt stand die Frage, inwiefern Ausbildung, Konstituierung und auch Verlust kollektiver Identitäten und die Formulierung bzw. Betonung ethnischer Zugehörigkeit in der Analyse der materiellen Kultur im Allgemeinen und der Bestattungssitten und Grabbeigaben im Speziellen zu fassen sind. Gräber spielen eine zentrale Rolle in der archäologischen Forschung, da sie als personen- und gruppenbezogene Quellen einen sehr guten Ansatzpunkt für sozial- und kulturhistorische Untersuchungen bilden. Gerade die Grabbeigaben dienten in Verknüpfung mit antiken schriftlichen Überlieferungen oft der Identifizierung ethnischer Gruppen. Im Rahmen des Kolloquiums wurde nun nach methodischen Alternativen gesucht, die kontextuell dem komplexen Sachverhalt ethnischer Identitäten besser gerecht werden.

Durch die Verknüpfung mit für die Archäologie relevanten Nachbardisziplinen wie der Historiographie, der Anthropologie und mit den Methoden der Prähistorischen Forschung sollten die eigenen Methoden und Interpretationswege hinterfragt und neue Fragestellungen angeregt werden.

Nach der Begrüßung durch den Direktor des Deutschen Archäologischen Institutes, Henner von Hesberg, erfolgte die Einleitung durch RICHARD NEUDECKER (Rom), in der er unter anderem betonte, dass den oftmals willkürlichen herangezogenen Schriftquellen für die Analyse der ethnische Zuweisung eine unabhängige Befund- und Fundanalyse vorausgehen müsse. Er machte auf die Vielschichtigkeit der Identitäten eines Individuums innerhalb der Familie und der Gesellschaft aufmerksam, die ebenfalls Eingang in die kollektive Identität finden und in unterschiedlichen Zusammenhängen auf verschiedenem Wege relevant sind. So müsse auch die Instrumentalisierung ethnischer Zugehörigkeit, die sich bis in die heutige Zeit beobachten lasse, auch für die Antike vorausgesetzt werden (vgl. Beitrag Thein).

MARIJKE GNADE (Amsterdam), „Volsci fra Latini e Romani. L’identificazione etnica delle tombe del quinto secolo a.C. a Satricum“, konnte anhand der Auswertung zweier Nekropolen des 5. Jh. v. Chr. in Satricum mit gegenüber dem Umfeld abweichenden Bestattungssitten und Grabbeigaben (Doppelstabhenkelamphoren, Miniaturbleiwaffen, Bleiamulette), langlebigen Grabgruppen und über Veränderungen in der Stadtraumnutzung die allmähliche Einwanderung und Integration einer Volksgruppe nachweisen, in der möglicherweise die literarisch überlieferten Volsker zu fassen sind (vgl. Frosinone). Dabei spiegelt sich im Befund eine friedliche schrittweise Infiltration, die im Widerspruch zu der für 488 v. Chr. überlieferten Einnahme latinischer Städte und auch Satricums durch die Volsker steht.

Daran anschließend stellte KERSTIN HOFMANN (Rom), „Zur Konstituierung kollektiver Identitäten im Totenritual. Eine thanatoarchäologische Untersuchung südostsizilischer Grabbefunde“, anhand der Befunde und Funde in Morgantina im südostsizilischen Kulturraum die Möglichkeiten und Grenzen der Analyse von Grabbefunden mit dem von ihr entwickelten Konzept zur Analyse von Akkulturationsprozessen vor: Die Gleichung „fremde Grabformen oder Fremdgüter = fremde Personen“ könne nicht aufrechterhalten werden. Vielmehr scheint man in Morgantina mit den zusätzlich kennengelernten Grabinventaren Alters- und Statusunterschiede ausgedrückt zu haben. Unabhängig davon, welcher Kultur die einzelnen Bestatteten angehörten, könne von einem hohen Grad an Akkulturation ausgegangen werden.

ALEXANDER THEIN (Dublin) setzte sich in „Ethnizität und Identität in Italien. Eine kritische Auseinandersetzung mit der Forschung seit Jonathan Hall“ mit den Argumenten Halls [2] und Smith’ [3] auseinander und überprüfte die antiken Schriftquellen auf ethnische Zuschreibung über Halls und Smith’ Kriterien: den Kollektivnamen, den Abstammungsmythos, die gemeinsame Geschichte und Kultur, das gemeinsame Territorium und den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Im Ergebnis zeigten sich die starke Heterogenität derselben und ihre Abhängigkeit von eigenem Zeitbezug, Kontext und Situation. Auch in der Selbstzuweisung werden ethnische Aspekte je nach politisch-gesellschaftlicher Situation hervorgekehrt und betont, wie Thein anhand der sich wandelnden Abstammungsmythen der Sabiner, Samniten und Lukaner darlegte.

ULRICH VEIT (Tübingen), „Kulturelle Identität und sozialer Wandel in eisenzeitlichen Gesellschaften. Anmerkungen zur Prunkgrab-Debatte in der Ur- und Frühgeschichtsforschung“, trug aus der bestehenden Begriffsdebatte über Prunk-, Adels- und Fürstengrab vor [4] und sprach sich für den beschreibenden neutralen Begriff des „Prunkgrabes“ aus, ohne diesen auf die von Kossack formulierte Bedeutung zu reduzieren. Veit sprach sich für eine stärker das Totenritual einbeziehende Analyse der Gräber und für eine kulturelle Identität der Bestattungsgemeinschaft auf Basis eines kulturellen Gedächtnisses aus, da die „Prunkgräber“ auch als „Wiedergebrauchstext“ für das Selbstbild der Gruppe dienen konnten.

ELLEN THIERMANN (Rom) präsentierte mit „Nuovi dati dalla necropoli Fornaci di Capua. Riflessioni su una comunità del VI e V secolo a.C.“ die neusten Ergebnisse aus ihrer durch das Projekt „Italische Kulturen“ geförderten Dissertation zu den Grabbefunden und -funden aus der località Fornaci in Capua, anhand derer sie ein deutlich lokal geprägtes Beigabenspektrum von einer gewissen Kontinuität vorführte. Importe wie schwarzfigurige Keramik werden in die eigene materielle Kultur integriert, imitiert und zügig in eigenem Stil umgesetzt. Zu den wichtigsten Ergebnissen zählt für Thiermann auch, dass die für Capua aufgrund der schriftlichen Überlieferung eingeschliffene Definition als etruskische Stadt zumindest durch die Grabbefunde nicht bewiesen werden kann.

SEBASTIAN BRATHER (Freiburg) kritisierte die Methoden der „Ethnischen Interpretationen in der frühgeschichtlichen Archäologie“. So entsprächen die über Klassifizierung, Kategorisierung, Beschreibung und dem Ansetzen an einem gedachten Ausgangspunkt in einem konstruierten homogenen Kulturmodel erzielten Ergebnisse kaum den oft diffusen mobilen Grenzen und unterschiedlichen Merkmalsverdichtungen und seien letztlich ein unsicheres Mittel zur Erfassung ethnischer Zugehörigkeit. Das identitätssichernde Wissen als Teil der kollektiven Identität, gebildet aus kulturellem und kommunikativem Gedächtnis, sei nur in Ausschnitten erfassbar. Für eine ethnische Interpretation mangele es an außerfachlichen Kontrolldaten.

CHRISTIANE NOWAK (Rom) legte mit „Ethnische Interpretationen als Erklärungsmodell von Wandlungsprozessen im Bestattungsritual. Zum Fall der griechischen Polis Poseidonia“ eine neue These zu den Veränderungen in den Bestattungssitten vor allem in der 2. H. 5. Jh. v. Chr. in und um Poseidonia (Paestum) an der tyrrhenischen Küste vor, denn bisher wurden diese Veränderungen in der italienischen Forschung unter Verweis auf die durch Strabon überlieferte Einnahme der Stadt durch die Lukaner ethnisch gedeutet; ebenso wie bestimmte Fundgattungen wie die so genannten samnitischen Bronzegürtel als Indikatoren für die ethnische Zugehörigkeit der Träger gesehen wurden. Nowak kann jedoch über chronologisch differenzierte Verbreitungskarten und Kontextanalysen offen legen, dass sich in den Gräbern Poseidonias keine homogene samnitisch-lukanische Kultur spiegelt, sondern eine spezifisch poseidoniatische, die sich anfangs an griechischen Sitten vor Ort und später zunehmend an italischen Bräuchen orientiert.

NILS MÜLLER-SCHEEßEL (Frankfurt am Main), „Die räumliche Dimension von Identität. Gruppen und Grenzen in der Hallstattzeit Mitteleuropas“, stellte Vorteile und Schwächen der Barriere- und der Netzwerkanalyse zur Ermittlung der Ausdehnung und der Grenzen einer Kulturgruppe gegenüber anderen vor. Mittels ersterer werden unter den Identitätsmarkern (codes), materiell fassbare ausgewählt und über die anschließend ermittelte Merkmalshäufungen Konzentrationen und Grenzräume ermittelt. Bei den so ermittelten Kommunikationsgrenzen könnte es sich nach Müller-Scheeßel um ethnische Grenzen handeln, sofern sie nicht naturgeographisch bedingt sind. Während beispielsweise hallstattzeitliche Ritzverzierung in Süddeutschland klare Ergebnisse bringen, kann die Methode im mediterranen italischen Raum, in dem materielle Kulturgruppen stärker Importe und Imitationen einbeziehen, kaum weiterhelfen.

NADIN BURKHARDT (Stuttgart) stellte mit „Crocevia delle culture. Zu den Veränderungen innerhalb der Bestattungssitten in Süditalien vom 8. bis 5. Jh. v. Chr.“ eine Studie zu den Entwicklungen der unteritalischen Bestattungssitten vor, wo über die regional unterschiedliche Auswirkung griechischer Bräuche (Kolonien) auf die lokalen Sitten und deren Kombination mit italischen Elementen eine heterogene Hinterlandbevölkerung zu fassen ist. So findet man die Ausprägung bestimmter Beigabenspektren und einer sich dadurch hervorhebenden Gesellschaftsgruppe gleichermaßen in der Basilicata und in Apulien, doch nur in Apulien und der Area Melfese erfährt diese mit der Einführung des Steinplattengrab und der Kammer- und Halbkammergräber eine weitere Steigerung.

ANTONIA DAVIDOVIC (Frankfurt am Main) stellte mit „Ethnische Gruppenzugehörigkeit aus kulturanthropologischer Perspektive“ einen Bezug zwischen Archäologie und Kulturanthropologie her. Sie ging auf die Konsequenzen und Probleme der Begriffsdefinitionen ‚Ethnos‘, ‚Kultur‘ und ‚Identität‘ ein. Da kollektive Identität prozesshaft und situationsbezogen ist und kein starres Gebilde darstellt, bleibt ihre Formulierung ein Konstrukt. Handlung und verbale Selbstzuschreibung sind kaum archäologisch fassbar. Die Suche danach in der modernen Forschung basiert unter anderem auf den Einflüssen der Nationalstaatenidee, die ethnische Zugehörigkeit, Geschichte und in diesem Zusammenhang auch Archäologie für die Versicherung der eigenen Realitätsmächtigkeit einsetzte.

In den Diskussionen wurde der Wunsch nach einer weniger heterogenen Begrifflichkeit, einer stärker befund- und kontextbezogenen Grabanalyse und einem kritischeren Umgang mit den antiken Schriftquellen wiederholt formuliert. Statt der Dominanz der Sachkultur müssten die Aussagekraft der Befunde und der Kontexte stärker berücksichtigt werden. Kritik wurde an der Fassbarkeit und dem Mehrwert einer kulturgeographischen Identität gestellt, da diese bei Migrationsbewegungen auch ohne direkten Raumbezug fortbestehen kann und sich nicht notwendigerweise auf die Grabsitten auswirkt.

Fragen richteten sich auf die mögliche Berücksichtigung und Integrationsmöglichkeit späterer Störungen und fragmentarischer Befunde in methodische Konzepte. Deutlich wurden auch die Grenzen des Fassbaren: So musste z.B. offen bleiben, ob es sich bei beobachteten Entwicklungen in den Grabsitten einer Gruppe um die Ausbildung einer Hybridkultur, einer Mischkultur oder einer lediglich stark fremdbeeinflussten Kultur handelt. Mit ausgewählten einzelnen oder gruppierten Kulturelemente lassen sich keine komplexen Kulturen erfassen; ideelle Verhältnisse und Mentalitäten, die für die ethnische Zuordnung entscheidend sind, entziehen sich wie der Einsatz und die Bedeutung von Symbolen zumeist der archäologischen Erfassung, so dass eine ethnische Identität nicht allein aus archäologisch gewonnen Informationen erschließbar ist.

Insgesamt wurde deutlich, dass die engere transdisziplinärer Zusammenarbeit für alle Seiten fruchtbar sein, neue Fragen aufwerfen oder weiterführende Kritik formulieren kann. Die Verbindung mit der Kulturanthropologie öffnete den Blick für die notwendige Rückversicherung und die Problematik, wenn innerhalb der Archäologie an rezenten Kulturen erforschte Modelle und Methoden auf antike Befunde angewendet werden. Die interdisziplinäre Ausrichtung führte zu einer kritischen Reflektion alterhergebrachter Deutungs-ansätze und erschloss über nationale Grenzen hinweg Perspektiven für die Analyse kollektiver Identitäten anhand archäologischer Quellen.

Kurzübersicht:

HENNER VON HESBERG (Rom), Begrüßung
RICHARD NEUDECKER (Rom), Einleitung
MARIJKE GNADE (Amsterdam), „Volsci fra Latini e Romani. L’identificazione etnica delle tombe del quinto secolo a.C. a Satricum“
KERSTIN HOFMANN (Rom), „Zur Konstituierung kollektiver Identitäten im Totenritual. Eine thanatoarchäologische Untersuchung südostsizilischer Grabbefunde“
ALEXANDER THEIN (Dublin), „Ethnizität und Identität in Italien. Eine kritische Aus-einandersetzung mit der Forschung seit Jonathan Hall“
ULRICH VEIT (Tübingen), „Kulturelle Identität und sozialer Wandel in eisenzeitlichen Gesellschaften. Anmerkungen zur Prunkgrab-Debatte in der Ur- und Frühgeschichtsforschung“
ELLEN THIERMANN (Rom), „Nuovi dati dalla necropoli Fornaci di Capua. Riflessioni su una comunità del VI e V secolo a.C.“
SEBASTIAN BRATHER (Freiburg), „Ethnischen Interpretationen in der frühgeschichtlichen Archäologie“
CHRISTIANE NOWAK (Rom), „Ethnische Interpretationen als Erklärungsmodell von Wandlungsprozessen im Bestattungsritual. Zum Fall der griechischen Polis Poseidonia“
NILS MÜLLER-SCHEEßEL (Frankfurt am Main), „Die räumliche Dimension von Identität. Gruppen und Grenzen in der Hallstattzeit Mitteleuropas“
NADIN BURKHARDT (Stuttgart), „Crocevia delle culture. Zu den Veränderungen innerhalb der Bestattungssitten in Süditalien vom 8. bis 5. Jh. v. Chr.“
ANTONIA DAVIDOVIC (Frankfurt am Main), „Ethnische Gruppenzugehörigkeit aus kulturanthropologischer Perspektive“

Anmerkungen:
[1] Vgl. <http://www.dainst.de/index_6768_de.html>; <http://www.gerda-henkel-stif-tung.de/pa¬no¬rama_projekt.php?language=en&nav_id=315=315>.
[2] Hall, J.: Ethnic identy in Greek antiquity (Cambridge 1997).
[3] Smith, A. D.: The ethnic origins of nation (Oxford 1986).
[4] Eggert, M. K. H.: Le concept de Fürstensitz et autres problèmes d’interprétation. Anno-tations sur le phénomène princier du Hallstatt final, in: Vix et les éphémères principautés celtiques. Les VIe et Ve siècles avant J. C. en Europe centre-occidentale. Actes du colloque de Châtillon-sur-Seine, 27 - 29 octobre 1993 (Paris 1997) 287-294; Kossack, G.: Prunkgräber, in: Studien zur vor- und frühgeschichtlichen Archäologie. Festschrift für Joachim Werner zum 65. Geburtstag (München 1974) 3-33.

Zitation
Tagungsbericht: Kollektive Identitäten im Tod. Möglichkeiten und Grenzen der Analyse von Grabbefunden, 06.06.2008 – 07.06.2008 Rom, in: H-Soz-Kult, 24.07.2008, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-2179>.
Redaktion
Veröffentlicht am
24.07.2008
Klassifikation
Region
Weitere Informationen
Sprache Beitrag
Land Veranstaltung
Sprache Veranstaltung