Militärsiedlungen und Territorialherrschaft in der Antike

Ort
Berlin
Veranstalter
Exzellenzcluster TOPOI. The Formation and Transformation of Space and Knowledge in Ancient Civilisations, Organisation: Dr. Frank Daubner
Datum
20.06.2008 - 21.06.2008
Von
Nadin Burkhardt, DAI Abt. Rom

Vom 20. bis 21. Juni 2008 fand unter der Federführung der Forschergruppe B-I-2 „Limiting and surveying of space. ,Fuzzy‘ borders/Unscharfe Grenzen“ des Exzellenzclusters „TOPOI. The Formation and Transformation of Space and Knowledge in Ancient Civilisations“ an der Freien Universität Berlin der durch Frank Daubner organisierte interdisziplinäre Workshop „Militärsiedlungen und Territorialherrschaft in der Antike“ statt. Altertumsforscher aus Dänemark, Irland und Deutschland gingen anhand hellenistischer bis spätrömischer Beispiele aus verschiedenen Gegenden des Mittelmeerraumes dem Phänomen der sogenannten Militärkolonien nach: Die als solche angesprochenen Siedlungen wurden in Hinblick auf Bedeutung, Gestalt, Vorkommen und Ausprägung analysiert, althergebrachte und pauschale Einstufungen derselben kritisch hinterfragt und neue Thesen zur Diskussion gestellt.

FRIEDERIKE FLESS sprach in der Begrüßung die Problematik der Erfassung eines Siedlungstyps oder der einstigen Organisation von Räumen an: Um sich diesen zu nähern, müssen zum einen die konkrete Be- und Abgrenzung eines politischen Raumes (wie Stadtmauern, Grenz-steine oder anderes) erfasst werden und zum anderen die dazu im Kontrast stehenden unscharfen Grenzen, in denen beispielsweise die verschiedenen Formen extraterritorialer Präsenz oder transethnischer Kontakte in den Randzonen eines Herrschafts¬gebietes in den Fokus gerückt werden.

In der Einleitung durch FRANK DAUBNER konnte dieser anhand vierer antiker Überlieferungen (die Angst der Gefährten Xenophons vor einer Stadtgründung in abgelegenem Gebiet, die Verbundenheit der makedonischen Garnison auf Andros mit ihrer neuen Heimat, die über die politischen Veränderungen nicht informierte seleukidische Besatzung Perges und verlassene römische Neugründungen in Süditalien) zur Ansiedlungsproblematik zeigen, dass eine Gründung nicht immer von Erfolg gekrönt war. Daubner umriss die im Rahmen der Tagung zu stellenden Fragen nach dem Verhältnis von Herrschaft und Territorium, nach der Funktion einer Militärkolonie, nach der Verknüpfung räumlicher Bedingungen mit historischen Ereignissen, nach dem Verhältnis zwischen Kolonisten und Einheimischen, nach dem Typ und der Struktur der Siedlung und nach der Verfahrensweise der Kolonisten.

Den ersten Vortrag hielt ALEXANDER NUSS (Göttingen): „Dionysios I. von Syrakus und die strategischen Siedlungsgründungen des frühen 4. Jhs. v. Chr. auf Sizilien“, in dem er die These aufstellte, dass die im Titel genannten Gründungen zwar keinen Territorialstaat bildeten, aber in ihrer Lage und Funktion eine gezielte Besiedlung des Landes darstellten und somit raumstrukturierend wirkten. Parallel zur intensiven Umsiedlungspolitik der Tyrannen erfolgten auch Städteneugründungen an zuvor unbewohntem Ort wie Tyndaris auf steilem Fels an der Nordküste Siziliens: Eine natürlich und artifiziell gut gesicherte Feste wie Tyndaris stellte mit ihrem Ausblick auf die Küstengewässer und Küstenstraßen (Versorgungswege) und ihrer wehrfähigen, dem Tyrannen durch Landgeschenke wohlgesonnenen Bevölkerung aus ehemaligen messenischen Söldnern eine planvolle Sicherung an strategisch wichtigem Punkt der Grenzregion dar. Ergänzend bedarf es einer Untersuchung des Hinterlandes (Gehöfte, Dörfer, Kontrollstationen?) und möglicher „Kriegspfade und Seestraßen“, um die tatsächliche Wirkung einer solchen Siedlung fassen zu können.

Im Anschluss wandte sich RUBINA RAJA (Aarhus) mit „Hellenistic military foundations in southern Syria: myth or reality?“ denjenigen Siedlungen in Syrien zu, die ihre Abkunft auf Alexander den Großen zurückführten. Sie überprüfte den Befund auf diese Überlieferung hin und suchte nach möglichen Gründen für einen solchen mythischen Rückverweis, der in römischer Zeit, aufgegriffen und instrumentalisiert wurde (Münzprägung und Inschriften), wenn nicht die Gründungslegende selbst erst aus dem 2. Jh. n. Chr. stammt. Auf Grund der oft späten Schrift- und Münzquellen und der in zwölf von sechzehn Fällen höchst zweifelhaften alexandrischen Städtegründung sei es wahrscheinlicher, dass sich die Stadtgemeinschaften erst parallel zur Monumentalisierung ihrer Stadtbilder im 2. Jh. n. Chr. auf Alexander zurückführten. Die Betonung der eigenen Wurzeln war zeitgleich auch in anderen Städten modern und der direkte Bezug auf Alexander erfolgte offenbar v. a. bei „jungen“ Städten aus einem Bedürfnis nach historischer Rückbindung heraus. Raja warf zum Schluss die Frage auf, warum es für einige Städte wichtig war, als hellenistische Gründung zu gelten, für andere hingegen nicht.

FRANK DAUBNER (Stuttgart) untersuchte in „Seleukidische und attalidische Gründungen im westlichen Kleinasien“ die so genannten Militärkolonien auf ihre zeitlichen Ursprünge, auf ihren Status, auf die ethnische Zugehörigkeit ihrer Bewohner und auf militärische Zweckmäßigkeit hin. Während die Struktur der seleukidischen Siedlungen mit natürlich und artifiziell gesicherter Akropolis und nahebei gelegener Wohnstadt, ihrer aus Einheimischen und Söldnern zusammengesetzten Bevölkerung und ihrer Lage entlang der bedeutendsten kleinasiatischen Ost-West-Verbindung deutlich für eine punktuell gezielte Landnahme und eine defensive Gebiets- und Wegesicherung spricht, besaßen die makedonischen Ansiedlungen in Lydien zum größten Teil weder vor 188 v. Chr. zurückreichende Wurzeln, noch Makedonen im aktiven Dienst, sondern eine Zivilbevölkerung, und lagen in und bei fruchtbaren Ebenen wie dem Kaikostal. Nur um Pergamon wurden befestigte, von Söldnern besetzte Burgen errichtet. Die attalidischen Gründungen unterscheiden sich also grundlegend von den seleukidischen, und so ist nach neuen Gründen für diese zweite makedonische Gründungswelle ab dem 2. Jh. v. Chr. zu fragen.

EVA WINTER (Frankfurt) beschrieb die verschiedenen „Formen ptolemäischer Niederlassungen in Griechenland zwischen archäologischer Realität und historischer Überlieferung“ und konnte drei verschiedene Gruppen unterscheiden: Zum ersten Ansiedlungen ohne ptolemäische Präsenz, die bereits ältere Wurzeln besaßen. Dabei handelte es sich um Hafenstädte, konzentriert an der kleinasiatischen Südküste, deren Umbenennung im Laufe des 3. Jh. v. Chr. eventuell auf einen diplomatischen Akt und einen starken Bezug auf das ptolemäische Seehandelsnetz zurückging, ohne dass die Städte in ein ptolemäisches Herrschaftsgebiet einbezogen gewesen wären, zum zweiten um militärische Garnisonen mit deutlicher ptolemäischer Präsenz, wie sie auf den Kykladen zu finden waren (Thera), und schließlich um temporär und regional begrenzte Schanzwerke wie jene entlang der attischen Küste. Letztere mit guten geräumigen Häfen, aber mäßigem Hinterland und unzureichender Wasserversorgung, dienten offenbar nur während der ungeklärten Zugehörigkeit Athens vor dem Chremonideischen Krieg als Stützpunkte. Diese wenig ergiebige Ansiedlungspolitik, die auch ohne größeren Bauvorhaben blieb, wurde unter Ptolemäus III. unter Rückzug nach und Konzentration auf Ägypten unterbunden.

ANDREAS OETTEL (Berlin) untersuchte in „Wohnen am mesopotamischen Limes – spätrömische Herrschaftskonzepte jenseits des Euphrats“ die Entwicklung der limesnahen Siedlungen am Habur. Die Ortschaften wie Tell Dgherat und Tell Schech Hamad im Umfeld der späteren durch Kastelle, Legionslager und Türme gegen die östlichen Großreiche gesicherten Limesregion, in denen man im 2. und 3. Jh. eine zurückgehende Grabausstattung und deutliche Siedlungsraumreduzierung beobachtet, die wohl auf sich verlagernde Handelswege zurückging, erfuhren mit der Errichtung des spätrömischen Limes einen neuen Aufschwung. Das Militär (oft einheimische Auxiliareinheiten) mit Gefolge, vor allem aber wohl die Veteranen, mischten sich mit der lokalen Gemeinschaft; römische Ansprüche (Boden) und römisches Recht waren übergeordnet, doch die lokalen Systeme bestanden parallel fort. In der Folge blieben einige Siedlungen, wie etwa Tell Dgherat, auch nach Abzug des Heeres bis ins späte 5. Jh. bewohnt; die alten Kastellräumlichkeiten wurden zu Kirche und Kloster umgebaut und in die städtische Logistik integriert. Bis zum Ende des 6. Jh. n. Chr. wurde die Grenzsicherung von den mit den Byzantinern verbündeten Ghassaniden übernommen.

ALEXANDER THEIN (Dublin) beschäftigte sich mit den Spezifika der sullanischen Städtegründungen vor dem Hintergrund der römischen Expansionspolitik und der innenpolitischen Spannungen. Seine Leitfrage war dabei die nach dem Erfolg der Gründungen Sullas – lediglich sieben seien ihm zweifelsfrei zuzuschreiben – vor dem Hintergrund einer „Geschichte von unten“, das heißt der vermutlichen Motive der Veteranen selbst. Die sullanischen Gründungen, mit Konzentrationen in Südetrurien, in Latium und Kampanien entlang des römischen Wegesystems, entstanden v.a. durch Okkupation bereits bestehender Siedlungen (z.B. Pompeji), um den Veteranen Land und ein städtisches Umfeld zu bieten. Sulla bemühte sich, militärische Einheiten am neuen Ort zusammenzuhalten. Die Thesen der Forschung gingen bisher davon aus, daß Sulla auf diese Weise in Hinblick auf den Bürgerkrieg Teile Italiens „unter Garnison“ und zugleich ehemals feindliche Zentren wie Capua unter Kontrolle halten konnte (containment theory). Thein stellte jedoch das Motiv der Landversorgung in den Vordergrund. Die Ausbildung von Mischbevölkerungen (double communities) wie in Abella, Clusium und Interamnia Praetutiana ließ die Veteranen im bereits bestehenden Gemeinschaftsgefüge einen besonderen Status einnehmen. Parallel zur Entrechtung der Einheimischen und anmaßenden Landokkupationen gibt es auch Hinweise auf Übereinkünfte mit den Alteingesessenen (Rückkaufmöglichkeit von Land).

HOLGER WIENHOLZ (Berlin) trug unter der Frage „Baalbek als römischer Stützpunkt im 1. Jh. v. Chr.?“ die bisher spärlichen Quellen, Befunde und Funde zusammen, die aus dem vor-kaiserzeitlichen Baalbek erhalten blieben. Aus Polybios und Flavius Josephus läßt sich die strategische Bedeutung und die Absperrmöglichkeit des Durchgangs durch das Marsyas-Tal zwischen Libanon und Antilibanon herauslesen. Daher wäre eine Festung, die Heliopolis vorausging und vielleicht auf einem alten Raubkastelle der Ituräer basiert, strategisch-logistisch annehmbar. Es lassen sich ein geböschter Mauerfuß und die Grundstruktur von Altarhof und Tempelpodium heranziehen und mit einer bei Strab. 16, 2, 19 erwähnten „ägyptischen Mauer“ verbinden. Unter den wenigen Inschriften findet sich häufig der Name Antonius und die Tribus Fabia. Es ist denkbar, dass Antonius, der das Gebiet von Heliopolis Kleopatra schenkte und ituräische Bogenschützen in seinem Herr hatte, vor Ort aktiv wurde. Unter den Kapitellen und Basen sind durchaus vorkaiserzeitliche Stücke; auch der Musentempel scheint in Grundriss und Formen an italischen Vorbildern orientiert. Die naturräumlich schwer zu begründende Zuordnung zum Territorium der colonia Berytus könnte auch auf ältere römische Gebietsansprüche hinweisen.

AXEL FILGES (Frankfurt) ging in „Römische Kolonien in Kleinasien von Caesar bis Diokletian“ den verschiedenen Entwicklungsstufen derselben nach: Übernahmen sie anfangs als römische Kolonien in unbefriedetem Gebiet und in Grenzräumen die Sicherung, dienten sie ab dem 1. Jh. v. Chr. vor allem der Landversorgung und Ansiedlung der Veteranen, während diejenigen des 2. bis 3. Jh. n. Chr. sog. Titular- oder Ehrenkolonien waren, auch ohne dort lebende Vete¬ranen und später auch ohne Römer und Italiker. Die caesarischen Kolonien lagen in der pontischen Küstenregion, während die augusteischen sich im Binnenland befanden. Anlässe für ihre Gründung sieht Filges in einem Funktionskonglomerat, doch der Hauptgrund bestehe in der Veteranenversorgung, so dass sich auch die Lage v.a. nach gutem zur Verfügung stehendem Land in einem erschlossenen Siedlungsraum richtete. Nach niedergeschlagenen Aufständen unterworfene Landstriche wie an der pontischen Küste und in Pisidien boten sich an. Die entstehende Mischbevölkerung ist zum Teil an der parallelen eigenständigen Münzprägung, neuem und altem Verwaltungsrecht, am gehobenen Rechts- und Amtsstatus der Veteranen und dem geänderten Status der Einheimischen erkennbar.

Abschließend zeigt sich, dass „Militärkolonien“ in Struktur, Funktion und Wirkung nicht leicht zu fassen sind und sich angesichts der diachron und topographisch unterschiedlichen Entwicklung eine pauschalisierte Argumentation verbietet. Auf der nun geschaffenen differenzierten Basis ließen sich neue Fragen formulieren wie die nach der Kommunikationsform im Vorfeld der Standortwahl und der Kolonistenaussendung. Die Gründung mit entsprechendem Landbedarf stellte auch ein logistisches Problem dar – mehr als 50 bis 100 Siedler der ersten Generation kann es kaum gegeben haben. Auch in der eventuell mitgebrachten Familie könnte ein konstituierendes Element gesehen werden. Deutlich wurde, dass auch bei geplanter, eventuell politisch motivierter Ansiedlung, die Handlungsweisen und der gesellschaftliche Hintergrund der Kolonisten, die sehr unterschiedlich ausfallen, für Erfolg und Scheitern einer Gründung entscheidend sind. Während Makedonen schon als Jugendliche an der Waffe ausgebildet werden und jederzeit abrufbar bleiben, ihre Orte also stets als Rekrutierungsreservoir dienen können, werden aus nichtmakedonischen Veteranen landgebundene Bauern und in der nächsten Generation Zivilisten, die bei Bedarf im Kriegsfall nicht länger einsetzbar sind. Eine strategische Bedeutsamkeit läßt sich über längere Zeiträume hinweg nur schwer feststellen. Allenfalls für den Moment der Ansiedlung selbst ließe sich in einigen Fällen eine solche postulieren. Es muss aufgrund der stets mangelhaften Quellenlage oft unsicher bleiben, was die Intentionen des jeweiligen Gründers waren und ob überhaupt je längerfristige Absichten hinter den Gründungsprojekten steckten. Um nichtmilitärische Siedler oder ehemals militärische (Veteranen) am neuen Siedlungsplatz zu halten, war es notwendig, diesen aufgrund einer gewissen Attraktivität zu wählen, die sicher vor allem in Versorgungsmöglichkeiten, aber auch in einem angemessenen kulturellen Umfeld bestehen musste. Strategische bedeutsame Städtegründungen kann es also in Reinform gar nicht gegeben haben. Nichtsdestoweniger haben freilich die geglückten Gründungen einen bedeutsamen Einfluss auf die umwohnende Bevölkerung, die mit den Schlagworten Hellenisierung bzw. Romanisierung zwar nicht sehr präzise, aber doch operationalisierbar umrissen werden kann. Damit wurden sie auch zu bestimmenden Faktoren der Herrschaftsausübung, selbst wenn die Bevölkerung nicht oder nicht mehr militärisch verwendbar war. Diesen und anderen Fragen konnte die Veranstaltung vor allem auch durch die engagierte Diskussion der Teilnehmer und Besucher näherkommen.

Es ist geplant, die Beiträge der Tagung zu veröffentlichen.

Kurzübersicht:

FRIEDERIKE FLESS (Berlin), Begrüßung
FRANK DAUBNER (Stuttgart), Einleitung
ALEXANDER NUSS (Göttingen): Dionysios I. von Syrakus und die stra¬te¬gischen Siedlungsgründungen des frühen 4. Jhs. v. Chr. auf Sizilien
RUBINA RAJA (Aarhus), Hellenistic military foundations in southern Syria: myth or reality?
FRANK DAUBNER (Stuttgart), Seleukidische und attalidische Gründungen im westlichen Kleinasien
EVA WINTER (Frankfurt), Formen ptolemäischer Nieder¬lassung¬en in Griechenland zwischen archäologischer Realität und historischer Überlieferung
ANDREAS OETTEL (Berlin), Wohnen am mesopotamischen Limes – spät¬römische Herrschaftskonzepte jenseits des Euphrats
ALEXANDER THEIN (Dublin), The Sullan veteran settlements
HOLGER WIENHOLZ (Berlin), Baalbek als römischer Stützpunkt im 1. Jh. v. Chr.?
AXEL FILGES (Frankfurt), Römische Kolonien in Kleinasien von Caesar bis Diokletian

Zitation
Tagungsbericht: Militärsiedlungen und Territorialherrschaft in der Antike, 20.06.2008 – 21.06.2008 Berlin, in: H-Soz-Kult, 14.08.2008, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-2185>.
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Veröffentlicht am
14.08.2008