Biografische Lexika im Internet

Ort
Dresden
Veranstalter
Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e. V., Dresden
Datum
30.05.2008 - 31.05.2008
Von
Frank Metasch, Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde

Nicht nur von den Herausgebern biografischer Lexika wurde der Siegeszug der digitalen Medien lange Zeit mit Skepsis betrachtet und das Umschwenken vom Buch zur Internetpublikation als kultureller Rückschritt verstanden. Dass hier ein deutliches Umdenken stattgefunden hat, zeigt ein Blick auf die aktuelle lexikografische Landschaft. Die großen, traditionsreichen Nationalbiografien bieten mittlerweile neben dem herkömmlichen Printmedium in der Regel auch eine Internetversion an beziehungsweise arbeiten mit Nachdruck an der (Volltext-)Digitalisierung ihrer Bestände. Zum Teil wird sogar schon die endgültige Loslösung vom Buch diskutiert, analog zu den jüngsten biografischen Projekten, die gleich von Anfang an ausschließlich den Weg ins Internet gesucht haben.
Hintergrund für den anhaltenden Erfolg der Internetpräsentationen ist neben dem hohen möglichen Maß an Aktualität sicherlich der für den Nutzer einfache und schnelle Zugriff – etwa von Zuhause aus – und die daraus resultierende größere Breitenwirksamkeit. Zudem ist mit den vielfältigen Feedbackmöglichkeiten der Kontakt zwischen Nutzer und (digitalem) Lexikon intensiver geworden. Beispielsweise können von den Redaktionsteams innerhalb kürzester Zeit Fragen beantwortet sowie Ergänzungen und Korrekturhinweise in die biografischen Texte eingearbeitet werden. Das World Wide Web bietet jedoch keinesfalls nur Vorteile und Erleichterungen, es birgt auch spezifische Schwierigkeiten, die bewältigt werden müssen. So sind etwa bei der technischen Bereitstellung nicht nur die unterschiedlichsten Computersysteme und Softwareversionen der Nutzer im Auge zu behalten, auch der Schritt vom Manuskript beziehungsweise vom Buch zum abgeschlossenen, allen wissenschaftlichen Ansprüchen genügenden Internetprodukt ist weitaus länger und schwieriger als es auf den ersten Blick scheint. Zudem bedarf ein Internetlexikon der ständigen „Pflege“, um seine Aktualität zu wahren und um überhaupt in der sich immer schneller wandelnden Technikwelt abrufbar zu bleiben. Das große Potenzial des Internets – beispielsweise bei externen Verlinkungen – kann überdies nur dann genutzt werden, wenn die einzelnen (zumeist alle nur mit begrenzten personellen Ressourcen ausgestatteten) Biografieprojekte enger als bisher zusammenarbeiten.
Gerade diese möglichen Kooperationen und Vernetzungen sowie die allen Personenlexika gemeinsamen technischen Herausforderungen und redaktionellen wie konzeptionellen Aufgaben standen im Mittelpunkt der am 30. und 31. Mai 2008 vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde durchgeführten internationalen Tagung in Dresden. Über 70 Teilnehmer, vorrangig Mitarbeiter biografischer Projekte aus Deutschland, Österreich, der Schweiz, aber auch aus Schweden, den Niederlanden, Polen und Tschechien, sind der Einladung der „Sächsischen Biografie“ – dem biografischen Lexikonprojekt des Instituts für Sächsische Geschichte und Volkskunde – gefolgt.

Die große Bandbreite der auf der Tagung diskutierten Personenlexika verdeutlicht anschaulich die Aktualität und das Interesse am Tagungsthema: Neben den großen Nationalbiografien, den regional ausgerichteten Lexika beziehungsweise den biografischen Nachschlagewerken einzelner Fachbereiche oder (Groß-)Städte haben auch die Bearbeiter kleinerer biografischer Datenbanken die gebotene Möglichkeit zum Erfahrungsaustausch und zur Kontaktaufnahme genutzt. Ebenso breit gefächert waren die jeweiligen Arbeitsstufen der Projekte auf ihrem Weg ins Internet: Vom vorläufig noch im Planungsstadium befindlichen, über die sowohl als Print- und Digitalmedium verfügbaren Werke bis hin zum ausschließlich über das Internet abrufbaren Lexikon reichte hier das Spektrum.
Die Vorträge folgten im Allgemeinen einem einheitlichen, am gemeinsamen Interesse der Teilnehmer ausgerichteten Muster. Neben den jeweiligen Wurzeln, Entwicklungsprozessen und Zielstellungen ihrer Projekte boten die Referenten Einblicke in ihr Tagesgeschäft, so zum Beispiel in redaktionsinterne Vorgänge. Inhaltlich zeigten die Referate deutlich, wie stark sich die Alltagsarbeit und -schwierigkeiten aller biografischen Lexika im Kern doch gleichen. Abhängig von der eigenen Arbeitsstufe konnten die Projektbearbeiter daher nicht nur ihre Schritte vom Druck- zum Internetmedium vorstellen, sondern darüber hinaus bereits eigene Erfahrungen und individuelle Lösungsvorschläge anbieten.
Besonders ergebnisreich gestaltete sich die qualitativ hochwertige Diskussion. Hier erwies es sich als vorteilhaft, dass nicht nur die Referenten, sondern auch der Großteil der Teilnehmer über einschlägige, oftmals bereits jahrelange Erfahrungen bei der Bearbeitung biografischer Lexika verfügten. Insgesamt gesehen bezog sich die Diskussion vor allem auf zwei Ebenen: zum einen auf konzeptionelle Zielstellungen und zum anderen auf deren technische Umsetzung. Aus den einzelnen Spezialfragen kristallisierten sich hierbei sehr schnell einige Themen von allgemeinem Interesse heraus. So wurden etwa die technischen und formalen Voraussetzungen für die ins Auge gefassten Vernetzungen bis hin zu einem gemeinsamen (europäischen) Biografieportal lebhaft diskutiert. In diesem Kontext wurden insbesondere die von der Deutschen Nationalbibliothek aufgebauten Normdateien als gemeinsame Grundlage für externe Verknüpfungen von Personen, Orten, Körperschaften oder Schlagwörtern erörtert.
Im Zusammenhang mit dem vom „Schweizer Historischen Lexikon“ angesprochenen Vorhaben, für dessen Buchausgaben weiterhin nur redaktionell bearbeitete Fassungen heranzuziehen, in der Internetversion aber in Adaption des Wikipedia-Prinzips die Artikel von ausgewählten, registrierten Autoren weitestgehend frei erstellen zu lassen, zeigte sich die aus wissenschaftlicher Sicht hohe Skepsis gegenüber unredigierten Beiträgen anonymer Autoren. Neben weiteren konzeptionellen Fragen wurden auch die verschiedenen Zugangsmöglichkeiten angesprochen. Während viele wissenschaftliche Institute ihre digitalen Nachschlagewerke kostenfrei anbieten, versuchen andere, zumindest einen Teil ihrer Kosten über Gebühren oder Lizenzen aufzubringen. Wobei ungewiss bleibt, inwiefern letztere Möglichkeit nicht eher der Breitenwirksamkeit schadet und ob die eingenommenen Gelder den damit einhergehenden höheren Arbeits- und Verwaltungsaufwand lohnen.

Resümierend kann für die vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde ausgerichtete Tagung festgehalten werden, dass sie ein wichtiges aktuelles Thema aufgegriffen und den verschiedenen biografischen Projekten eine gute Plattform zum Ideenaustausch geboten hat. Die Dresdner Tagung war somit ein wichtiger Schritt in Richtung engerer Zusammenarbeit und ist in diesem Sinne von den Teilnehmern sehr dankbar aufgenommen worden. Auch wenn es noch nicht darum ging, für die vielen offenen Fragen abschließende Antworten zu finden, konnten die Teilnehmer doch „mit großem Gewinn nach Hause zurückkehren“, wie Bernhard Ebneth von der „Neuen Deutschen Biographie“ in seiner abschließenden Rückschau betonte. Dass die sich in Dresden bewährte Art und Weise des Zusammentreffens bereits in näherer Zukunft wieder aufgegriffen werden soll, darüber waren sich die Teilnehmer einig; welches biografische Lexikon jedoch dann federführend in Erscheinung treten wird, blieb noch offen.

Die Ergebnisse der Biografie-Tagung werden innerhalb der Reihe „Bausteine aus dem Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde. Kleine Schriften zur sächsischen Geschichte und Volkskunde“ publiziert.

Konferenzübersicht:

Bruno Jahn, München: DEUTSCHE BIOGRAPHISCHE ENZYKLOPÄDIE, <www.saur.de/dbe>

Lupold von Lehsten, Bensheim und Stefan Aumann, Marburg: HESSISCHES ONLINE-LEXIKON, <www.lagis-hessen.de>

Marco Jorio, Bern: HISTORISCHES LEXIKON DER SCHWEIZ, <www.dhs.ch>

Bernhard Ebneth, München: NEUE DEUTSCHE BIOGRAPHIE, <www.deutsche-biographie.de>

Christine Gruber und Roland Feigl, Wien: ÖSTERREICHISCHES BIOGRAPHISCHES LEXIKON, <www.oeaw.ac.at/oebl>

Lars Jendral, Koblenz: RHEINLAND-PFÄLZISCHE PERSONENDATENBANK, <www.rppd-rlp.de>

Martina Schattkowsky, Dresden: SÄCHSISCHE BIOGRAFIE, <www.isgv.de/saebi>

Åsa Karlsson, Stockholm: SVENSKT BIOGRAFISKT LEXIKON, <www.sblexikon.se>

Präsentation der biografische Datenbank der Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek (SLUB-PERSONEN-WIKI): Michael Letocha, Dresden <http://personen-wiki.slub-dresden.de>

Zitation
Tagungsbericht: Biografische Lexika im Internet, 30.05.2008 – 31.05.2008 Dresden, in: H-Soz-Kult, 31.07.2008, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-2204>.