Jahrestagung der Arbeitsgemeinschaft Geschichte und EDV e.V. (AGE)

Ort
Mainz
Veranstalter
Arbeitsgemeinschaft Geschichte und EDV e.V. (AGE)
Datum
20.11.2008 - 21.11.2008
Von
Kerstin Droß, Seminar für Alte Geschichte, Philipps-Universität Marburg

Am 20. und 21. November 2008 fand in Mainz die diesjährige Jahrestagung der Arbeitsgemeinschaft Geschichte und EDV e.V. (AGE) statt. [1] Rund 25 Mitglieder und Freunde der AGE sowie interessierte Studierende der Mainzer Universität trafen sich zum Erfahrungs- und Gedankenaustausch über den Einsatz von EDV als Mittel von Forschung und Lehre in den Geschichtswissenschaften. Der Tradition der vorangegangenen Jahrestagungen folgend bestand auch dieses Treffen aus zwei Teilen, einem anwendungsbezogenen Workshop und einem eher projektbezogenen Vortragsteil.

Der erste Tagungstag war einem von MAXIMILIAN KALUS (Friedrich-Schiller-Universität Jena) geleiteten Workshop über die Grundlagen und Einsatzmöglichkeiten von PHP gewidmet [2]. Im Anschluss an den Workshop folgte die Mitgliederversammlung der AGE.

Der zweite Tagungstag wurde von ELMAR RETTINGER (IGL Mainz)eröffnet, der die Veranstaltung in diesem Jahr auch ausrichtete. Gemeinsam mit seinem Mitarbeiter TORSTEN SCHRADE präsentierte er die aktuellen EDV-Projekte des Instituts für Geschichtliche Landeskunde an der Universität Mainz [3]. Bereits 2004 und kurz auch 2006 hatte er auf den Jahrestagungen einige Projekte vorgestellt, allen voran „Regio-net History“, ein Internetprotal für die Geschichte der Regionen Rheinhessen und Mittelrhein. Regio-net ist dabei aber gleichzeitig ein Präsentationsforum für Geschichtsvereine, Institutionen, Museen oder Einzelinitiativen und schafft durch die Bereitstellung der Strukturen ein Netzwerk für die Geschichtsinteressierten der beteiligten Regionen. Dieses Portal ist zwischenzeitlich um die Regionen Hunsrück und Saarland erweitert worden, die aber nicht direkt über das IGL betreut werden, sondern von externer Seite betrieben werden. Das IGL erfüllt hier beratende Funktionen. Außerdem stellte RETTINGER ein Projekt vor, in dem online Einblicke in eine neue Ausstellung zum 175-jährigen Jubiläum des Hambacher-Festes möglich sind [4]. Außerdem zeigte er kurz das Digitale Flurnamenlexikon, das die verstreut vorliegenden Flurnamensammlungen in einer Datenbank sammelt, sichert und im Internet präsentiert [5] sowie das geplante digitale Klosterlexikon Rheinland-Pfalz. SCHRADE stellt im Anschluß noch das Projekt „Inschriften Mittelrhein-Hunsrück“ vor, welches das IGL gemeinsam mit der Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz durchführt. Im Rahmen dieses Projektes sollen die Inschriften des Mittelrhein- und Hunsrückraumes so zu aufgearbeitet und präsentiert werden, daß sie für eine breite Bevölkerung zugänglich und lesbar sind. Den Abschluß des Eröffnungsvortrags bildete die Vorstellung eines von IGL produzierten Virtuellen Rundflugs über verschiedene römische Stätten.

Als zweiter Redner folgte ANDREAS KUNZ (Institut für Europäische Geschichte, Mainz), der sein Projekt „HGIS Germany – Historisches Informationssystem der europäischen Staatenwelt seit 1820“ [6] präsentierte. Das von der Krupp-Stiftung wie vom Land Rheinland-Pfalz finanzierte Projekt hat die Schaffung eines Internetgestützten Informationssystems für jedermann zum Ziel und versucht, ausgehend von den Schwerpunkten Staaten, Historische Räume und Grenzen, die Entwicklung Europas in den letzten knapp 200 Jahren nachzuzeichnen. Ebenfalls eingebunden sind die Aspekte der Herrschafts-Dynastien, der historischen Statistik und Multimedia. So sind beispielsweise raumbezogene Statistiken wie Bevölkerungszahlen oder die Förderung von Eisenerz abrufbar. Dem Nutzer wird es so möglich, unterschiedliche thematische Karten zu erstellen, die seinen persönlichen Interessen und Fragestellungen entsprechen. Darüber hinaus sind etwa 5000 solcher Karten bereits im System hinterlegt, d.h. hier kann der Nutzer direkt auf die fertigen Karten zugreifen. Neben einer Experten-Version des HGIS ist die Kooperation mit dem Deutschen Historischen Museum (DHM) in Berlin hervorzuheben: Das DHM nutzt Substrate von HGIS Germany für museumsgerecht aufbereitete PC-Stationen innerhalb des Museums und vermittelt unter anderem mit Hilfe dieser Visualisierungen die entsprechenden fachlichen Inhalte an seine Besucher.

Im Anschluß stellte WOLFGANG MOSCHEK (Technische Universität Darmstadt) ein Beispiel für die Anwendungsmöglichkeiten von Geographischen Informationssystemen in der Geschichtswissenschaft und -didaktik dar. Am Beispiel des obergermanisch-rätischen Limes hatte er an der Technische Universität Darmstadt gemeinsam mit Alexander von Lünen 2005/06 über zwei Semester ein Projekt betreut, das der Frage nachging, welche Auswirkungen der Bau des Limes auf das Umland hatte. Dieser Frage wurde mit Hilfe eines Geographischen Informationssystems nachgegangen, für das die Studierenden Datenmaterial sammelten und in die Datenbank einpflegten, um im Anschluß die Daten im Hinblick auf oben genannte Fragestellung auszuwerten. Dabei konnte keine signifikante Auswirkung der Errichtung des Limes für die umliegenden Gebiete festgestellt werden. Es zeigte sich aber unter anderem, daß die Abstände der einzelnen Limes-Wachtürme sehr regelmäßig waren. Auch war es möglich, durch die entstandenen Karten die relative Siedlungsarmut südlich des Mains mit geographischen Gegebenheiten dieser Region zu erklären.

In eine gänzlich andere Richtung wies der folgende Vorträg von ROBERT STRÖTGEN (GEI, Braunschweig), der die Internet-Projekte des Georg-Eckert-Instituts für internationale Schulbuchforschung (GEI) präsentierte. Zunächst erläuterte er das GEI und seine Aufgaben im Allgemeinen. Im Anschluss stellt STRÖTGEN einige Internet-Projekte des GEI detaillierter vor. So wird in Kürze ein Informations- und Kommunikationsportal online gehen, in dem schulbuchrelevante Inhalte gebündelt und aufbereitet werden [7]. So werden hier beispielsweise Materialien zu Schulbüchern bereitgestellt, Schulbuchrezensionen von Fachwissenschaftlern, Didaktikern, Lehrern und Schülern publiziert und verschiedene Foren eingerichtet.
Ebenfalls im Aufbau begriffen ist „EurViews“, eine multilinguale Internetedition, die unterschiedlichste Vorstellungen und Präsentationen von Europa in Schulbüchern der Fächer Geschichte und Geographie aus den letzten 100 Jahren, zusammenstellt. Außerdem stellte er die bereits nutzbaren Seiten der Projekte „1001 Idee“ [8] und „Deuframat“ [9] vor, auf denen Materialien zum Thema muslimische Kultur und Geschichte bzw. den deutsch-französischen Beziehungen bereitgestellt werden.

FRANZISKA LANG und HELGE SVENSHON war es vorbehalten, den Abschlußvortrag der Tagung zum Thema „Archäologie ohne Grenzen. Second Life: Ein Erfahrungsbericht“ zu halten. Mit der 2003 entwickelten Online-3D-Infrastruktur Second Life (SL [10]), einer virtuellen Welt, in der die Nutzer durch frei gestaltbare Avatare interagieren, haben sie eine Plattform gefunden, auch über weite räumliche Distanzen wissenschaftlichen Austausch unter den Teilnehmern einer Forschungsgruppe zu ermöglichen.[11] Die virtuelle Welt ersetzt dabei die ‚realen’ Treffen der über ganz Deutschland verstreuten Mitglieder des Plaghia-Halbinsel-Surveys [12]von Frau Lang. Dazu wurde in SL eine Bibliothek nachgebaut, die als Informationsplattform und Begegnungsstätte genutzt wird. Gleichzeitig ist es hier möglich, daß sich die Wissenschaftler, die eine eigene, Zugangsbeschränkungen unterliegende Gruppe innerhalb von SL bilden, treffen, um sich über ihre Projekte auszutauschen. Dabei können auf speziellen Präsentationsflächen Bilder gezeigt werden und die Kommunikation ist sowohl Voice- als auch Keyboard-Chat möglich. Wie sich solche Vorträge gestalten, konnten die Tagungsteilnehmer zum Abschluß in einer live Demonstration erleben, während der einige Teilnehmer des Projektes kurze Präsentationen ihrer Arbeitsgebiete hielten.

Die rege Diskussion über die Nutzung von SL in der akademischen Lehre, die sich an den Vortrag von LANG/SVENSHON anschloß mündete unmittelbar im letzten Programmpunkt, einer Podiumsdiskussion zum Thema „E-Learning“: Stefan AUFENANGER (Universität Mainz), Christoph SCHÄFER (Universität Trier) und Wolfgang SPICKERMANN (Universität Erfurt) erörterten gemeinsam mit den Tagungsteilnehmern die Vor- und Nachteile von elektronisch gestütztem Lernen in der akademischen Lehre und Forschung. Schnell wurde Einigkeit darüber erzielt, daß die Lerner-Perspektive ebenso wie der wissenschaftliche Diskurs stets Kern aller Überlegungen zum Einsatz von E-Learning sein müsse, daß also die neuen Medien mit ihren vielfältigen Möglichkeiten nie Selbstzweck sein dürfen. Während im Bereich der Lehre aufgrund verschiedenster Schwierigkeiten [13] noch etwas stärkere Vorbehalte gegen den ausschließlichen Einsatz von elektronischen Ressourcen bestehen und auf diesem Sektor das Konzept des blended learning, also der Kombination von Präsenz- und online-Elementen, eindeutig bevorzugt wird, wurden für die akademische Forschung Konzepte wie SL interessiert aufgenommen. Mit dieser furchtbaren Podiumsdiskussion endete die Jahrestagung 2008. Im kommenden Jahr werden die Mitglieder der AGE in Trier (wohl am 26./27. November) zusammenkommen.

Kurzübersicht:

Elmar Rettinger, Thorsten Schrade – „Die EDV-Projekte des Instituts für Geschichtliche Landeskunde an der Universität Mainz“

Andreas Kunz – „HGIS Germany – Historisches Informationssystem der europäischen Staatenwelt seit 1820“

Wolfgang Moschek – „Gis in der Geschichtswissenschaft: Der Limes“

Robert Strötgen – „Die Internetprojekte des Georg-Eckert-Instituts für internationale Schulbuchforschung“

Franziska Lang, Helge Svenshon – „Archäologie ohne Grenzen. Second Life: Ein Erfahrungsbericht“

Anmerkungen:
[1] <http://age-net.relix.de/> (15.12.2008).
[2] <http://www.php.net/> (15.12.2008).
[3] <www.igl.uni-mainz.de> (15.12.2008).
[4] <www.demokratiegeschichte.eu> (15.12.2008).
[5] <www.flurnamenlexikon.de> (15.12.2008).
[6] <www.hgis-germany.de> (15.12.2008).
[7] <www.edumeres.net> (15.12.2008).
[8] <www.1001-idee.eu> (15.12.2008).
[9] <www.deuframat.de> (15.12.2008).
[10] <http://de.secondlife.com/> (15.12.2008).
[11] Zur der von Frau Lang und einer Gruppe Studierender durchgeführten Survey in SL vgl. <http://www.tu-darmstadt.de/media/illustrationen/referat_kommunikation/themaforschung/2008_02/seiten_42_48.pdf> (15.12.2008).
[12] Vgl. zum Projekt <http://www.dainst.org/index_551_de.html>.
[13] Genannt wurden hier neben den mangelnden technischen Voraussetzungen vor Ort, den unzureichenden EDV-Kenntnissen der Nutzer vor allem die Probleme, solche Lehrangebote mit Leistungspunkten zu versehen und so ihre Nutzung für die Studierenden attraktiv zu machen sowie die fehlenden Kontrollmöglichkeiten der Identität der Nutzer.

Zitation
Tagungsbericht: Jahrestagung der Arbeitsgemeinschaft Geschichte und EDV e.V. (AGE), 20.11.2008 – 21.11.2008 Mainz, in: H-Soz-Kult, 22.01.2009, <http://www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-2479>.