Ort
Melbourne
Veranstalter
Klaus Neumann, Institute for Social Research, Swinburne University of Technology, Melbourne
Datum
23.06.2009
Von
J. Olaf Kleist, Berlin / Visiting Fellow am Institute for Social Research, Swinburne University, Melbourne

‘On Memory’ ist ein weitgefasster Titel für ein Symposium, und so waren auch die Beiträge zu dieser Tagung vielfältig. Sie warfen Licht auf diesen Komplex aus historiographischer, psychologischer, kulturwissenschaftlicher und soziologischer Richtung.[1] Der Anlass war, wie Klaus Neumann vom veranstaltenden Institute for Social Research (ISR) der Swinburne University of Technology in Melbourne zu Beginn hervorhob, ein zweifacher: den weitreichenderen Kontext bildete das von Neumann zusammen mit Chris Healy von der University of Melbourne geleitete Forschungsprojekt „Social Memory and Historical Justice: How Democratic Societies Remember and Forget the Victimisation of Minorities in the Past“, während der eigentliche, damit verbundene Beweggrund im zweiwöchigen Aufenthalt von Jeffrey Olick am ISR lag.

Der erste Teil der Tagung befasste sich mit der Verarbeitung von Traumata, medial und autobiographisch. Den Anfang machte KATRINA SCHLUNKE (Sydney) mit einer Analyse des Kinofilms ‚Walz with Bashir’, der sich mit den Erinnerungen israelischer Soldaten an den Libanon Krieg von 1982 auseinandersetzt. Nach einer kurzen Filmvorführung argumentierte Schlunke, das die Animation und das verlangsamte Tempo des Films einen traumhaften Eindruck beim Zuschauer hinterließen und damit die Gebrochenheit des traumatischen Umgangs mit der Vergangenheit kommunizierten. In brechtscher Manier würde so die Geschichte des Protagonisten dargestellt, während die Zuschauer durch dokumentarische Aufnahmen am Ende des Films zu einer Reflexion über eigene Erinnerungen an den Krieg eingeladen würden. In der anschließenden Diskussion wurde angemerkt, dass neben der Darstellungsform auch der Inhalt des Films und sein politischer Kontext in der israelischen Gesellschaft beruecksichtigt werden müssten, insbesondere seine Assoziationen zum Holocaust. Schlunke hielt dagegen, dass sie hier die Form vom Inhalt getrennt betrachte.

ELISABETH HANSCOMBE (Melbourne) sprach als Psychoanalytikerin und autobiographische Autorin über ihre widersprüchlichen Expertisen im Umgang mit traumatischen Erlebnissen. Ihr Beitrag bezog sich auf ihr Dissertationsprojekt ‚Lifewriting and the Desire for Revenge’. Dabei deutete sie wiederholt die Existenz eines dunklen Kapitels in ihrer Familiengeschichte an. Sie verband in ihrem Vortrag analytisch das Versagen ihrer Erinnerung während einer Schulklausur zur europäischen Geschichte mit dem ‚Verlust’ Europas durch den Zweiten Weltkrieg, schloss die Migration ihrer Familie von den Niederlanden nach Australien ein und erwähnte schließlich die Missbrauchsvorwürfe gegenüber ihrem Großvater, einem holländischen Archivar. Erst zum Ende ihres Vortrags enthüllte sie den Anlass ihrer Auseinandersetzung: Sie wurde wiederholt Zeugin des inzestuösen Vergehens ihres Vaters an ihrer minderjährigen Schwester. Die Debatte konzentrierte sich danach weitgehend auf die Debatierbarkeit des Themas, wodurch die auch im Vortrag thematisierte Unabgeschlossenheit von Hanscombes Trauma bewahrt wurde.

Auch der nächste Vortrag war autobiographisch inspiriert. MARIA TUMARKIN (Melbourne), Postdoktorandin im ‘Social Memory and Historical Justice’ Projekt, die 1989 mit ihrer Familie nach Australien migrierte, sprach über Erinnerungen in ihrer ehemaligen Heimat, der Sowjetunion. Angesicht der autoritären Kontrolle der Geschichtsschreibung in der UdSSR und der Unterdrückung von Erinnerungen hätten sich dort implizite (‚nicht-deklarative’) Erinnerungsmodi entwickelt. Sie hob drei Formen hervor, die sich hier untersuchen lassen. ‚Encoding’ könne ein bewusster oder auch unbewusster Erinnerungsmodus sein, zum Beispiel wenn ihre Grossmutter, die die ukrainische Hungerkatasprophe der 1930er-Jahre überlebte, Jahrzehnte später Krümel auflas und aß; ‚silence’ habe vielfältige Formen und Implikationen, die es zu verstehen gelte; ‚affect’ sei in Emotionen, aber auch in Träumen ausgedrückt. Erinnerung sei dabei, wie sie mit Rekurs auf Olick ausführte, als ein Medium sozialer Kräfte zu verstehen.

Die zweite Sektion der Tagung befasste sich mit deutlicher geschichtswissenschaftlicher Perspektive auf Erinnerung, mit jedoch durchaus unterschiedlichen Methoden. KATE McGREGOR (Melbourne) präsentierte ihre Untersuchung über den geschichtspolitischen Umgang mit den anti-kommunistischen Massakern von 1965 in Indonesien, denen rund 500.000 Menschen zum Opfer fielen. Sie zeigte, dass in der Erinnerung an die Massaker von 1965 der vorausgegangene kommunistische Coup, in dem hohe Militärs ermordet wurden, mit den kommunistischen Morden an islamischen Gelehrten während der antikolonialen Kämpfe Ende der 1940er -Jahre verglichen werde. Mit Verweis auf Alon Confino hob sie dabei den mobilisierenden Charakter von Erinnerungen hervor. Durch offizielles Gedenken an 1948 sei vor und nach 1965 ein Antikommunismus in Indonesien befördert worden, der nicht nur ein Auslöser der Massaker gewesen sei, sondern bis heute als Rechtfertigung für die Taten diene. Heute würden insbesondere unter Moslems die Erinnerungen an 1948 and an 1965 miteinander verknüpft, indem sie als spezifisch kommunistische Bedrohungen für Moslems dargestellt würden.

In seinem Vortrag über Erinnerung und genozidale Motivationen ging DIRK MOSES (Sydney) auf seine Auseinandersetzung mit Hayden White über ‚traumatischen Nationalismus’ sowie die Ethik historischen Wissens und Erinnerns ein.[2] Erzählungen von historischem Leiden der Eigengruppe suggerierten den Eindruck von Opferstatus und die Abwesenheit von historischer Handlungsfähigkeit. Dies sei einem Nationalismus inhärent, der auf Gewalt rekurriere, um sich einer historischen Handlungsfähigkeit zu versichern. Damit verbinde sich auch der Imperativ, dass die Eigengruppe nicht wieder ein hilfloses Opfer werde. Die Erinnerungen solcher Erzählungen seien insbesondere in der Geschichte von Genoziden allgegenwärtig. Die Täter von Massenmorden, so Moses, verstünden ihr Handeln gewöhnlich als präventive Massnahmen, die sich von Erfahrungen aus der Vergangenheit ableiten liessen. Ihre Taten würden von den Opfern hingegen als Aggression wahrgenommen. Moses arbeitete somit den Zusammenhang zwischen Erinnerungen und Sicherheitsüberlegungen als zentrale Figur genozidalen Handelns heraus. In der anschliessenden Diskussion betonte er, dass damit die Rolle von Rassekonzeptionen zur Erklärung von Genoziden nicht negiert, aber entschieden ergänzt werden solle.

KLAUS NEUMANN (Melbourne) sprach über ‚Ghosts’, beziehungsweise den ‚Spuk‘ der Vergangenheit. In kulturellen und persönlichen Erinnerungsepisoden sowie mit Rekurs auf Walter Benjamins Theorie von der Unabgeschlossenheit der Geschichte, verwies er auf das Fortleben der Vergangenheit in der Gegenwart. Insbesondere bezog er sich dabei auf seine Studienzeit in Frankfurt und den dort fortlebenden Geist des Instituts für Sozialforschung. So habe sich die Erinnerung an Adornos Schüler und SDS Leitfigur Hans-Jürgen Krahl durch wiederkehrende Graffitis an Universitätsgebäuden widerspenstig erhalten und ihm damit eine Stimme über seinen frühen Tod hinaus verliehen. Mit Verweis auf den australischen Historiker Greg Denning argumentierte Neumann, dass es auch in der Geschichtsschreibung darum gehe, den Toten eine Stimme zu verleihen. Kunst und Literatur im weitesten Sinne könnten dabei helfen. Im Anschluss entwickelte sich eine Diskussion über die Bedeutung des Begriffs ‚Ghosts’, den mystisch-theologischen Gehalt und den praktischen Nutzen dieses Ansatzes. Dabei machte Neumann deutlich, dass es gerade nicht um den gegenwärtigen Gebrauchswert sondern um die Vergangenheit der Geschichtsschreibung gehe.

Einige methodische Überlegungen zu seinen ästhetischen Arbeiten mit Erinnerungsfragmenten stellte ROSS GIBSON (Sydeny) vor. Dabei betonte er, dass er versuche sich so lange wie möglich ohne Konzept und Interpretation mit seinem Forschungsgegenstand zu beschäftigen. Dabei sprach er über seine momentanen Projekte: zum einen eine Sammlung historischer Fotografien von Polizeiermittlungen, die weitgehend ohne Kontext erhalten geblieben sind, zum anderen William Dawes’ Notizbücher aus Australiens frühster Kolonialzeit, in denen Vokabeln und Grammatik indigener und heute vergessener Sprachen notiert sind. Die Gegenstände der Projekte suggerierten in Gibsons Präsentation aus sich heraus einen Reiz, eine eigene Erinnerung die aus der historischen Verschüttung extrahiert werden könnte. Doch sofern Gibsons Methode von einer Abwesenheit strukturierender Konzepte ausgeht, enthielt der Vortrag weniger Erkenntniswert in Bezug auf die angesprochenen Projekte, als vielmeht über den Wert seiner forensischen ‚Ästhetik des Details’.

Schließlich sprach JEFFREY OLICK (Charlottesville, Virginia) über sein Projekt, ein Forschungsfeld der Memory Studies zu begründen. Er begann mit den Ursprüngen seines eigenen Interesses am Thema ‚Erinnerung’ aus der Beschäftigung mit kultureller Bedeutungsproduktion am Beispiel der deutschen Vergangenheitsbewältigung. Seine 1998 veröffentliche Literaturübersicht der bis dato unsystematischen und disziplinär verstreuten Arbeiten zur sozialen Erinnerung stellte er als grundlegend für die Idee zusammenhängender Memory Studies dar. Doch er monierte, dass bis heute die Etablierung einer verbindlichen theoretischen Grundlage ausgeblieben sei.[3] Gerade angesichts des ‚Memory Booms’ der letzten Jahrzehnte müsse verhindert werden, dass in jeder Arbeit über Erinnerung das ‚Gedächtnis’-Rad mit schlichtem Verweis auf ein paar Klassiker neu erfunden werde. Es müsse im bourdieuschen Sinne ein ‚Feld’ der Memory Studies entwickelt werden, in dem disziplinübergreifend auf gemeinsame, doch durchaus veränderbare Grundlagen zurückgegriffen werde. Dafür bedürfe es nach Olick dreierlei: „Canon, Concepts, Comparisons“. Einen möglichen, keineswegs abgeschlossenen Kanon biete der von ihm mitherausgegebene Memory Reader, der als zukünftige Diskussionsgrundlage dienen solle.[4] Konzepte sollten öffentliche Debatten mit Erkenntnissen anleiten und auf mnemonisches Handeln fokussieren. Als komparative Grundlagen hob er die Relevanz empirischer Studien für die Konzeptionalisierung des Erinnerns hervor.

Die abschließende Debatte war geprägt durch eine hitzige Auseinandersetzung über Olicks Bestreben, ein Forschungsfeld über soziale Erinnerung zu etablieren. Befürchtungen wurden laut, dass damit disziplinäre Gräben gezogen würden. Dies verstärkte sich, nachdem Olick in Reaktion auf die Kritik eine Unterscheidung traf zwischen wissenschaftlicher und künstlerischer Beschäftigung mit Erinnerung. Dies wurde von einem Großteil der Teilnehmer als eine Abwertung affektiver Auseinandersetzungen mit Erinnerung verstanden. Olick versicherte jedoch, dass damit keine Wertung verbunden sei, sondern eine methodische Differenzierung. In gewisser Weise spiegelte die ungelöste Auseinandersetzung die vielen methodischen Facetten des Themas ‚Erinnerung’ wieder, die, wie die Tagung vorführte, auch in die Geschichtswissenschaften hineinreichen.

Konferenzübersicht:

Katrina Schlunke (University of Technology Sydney): The Moment of Memory

Elisabeth Hanscombe (La Trobe University, Melbourne): The Back Story

Maria Tumarkin (Swinburne University, Melbourne): Encoding, Affect, Silence

Kate McGregor (University of Melbourne): Memory and Anti-Communism

A. Dirk Moses (University of Sydney): Traumatic Narratives and the Origins of Genocide

Klaus Neumann (Swinburne University, Melbourne): The Substance of Ghosts

Ross Gibson (University of Sydney): ‘Partly Mnemonic, Partly Fantastic’

Jeffrey K. Olick (University of Virginia): Memory: a ‘field’ of study?

Anmerkungen:
[1] Ich danke Josephine Raasch und Stefanie Scherr für ihre Hilfe beim Verfassen dieses Berichts.
[2] A. Dirk Moses, Hayden White, Traumatic Nationalism, and the Public Role of History, in: History and Theory 44, no. 3 (2005), S. 311-332.; Hayden White, the Public Relevance of Historical Studies: A Reply to Dirk Moses, in: History and Theory 44, no. 3 (2005), S. 333-338; A. Dirk Moses, The Public Relevance of Historical Studies: A Rejoinder to Hayden White, in: History and Theory 44, no. 3 (2005), S. 339-347.
[3] Jeffrey K. Olick / Joyce Robbins, Social Memory Studies: From 'Collective Memory' to the Historical Sociology of Mnemonic Practices, in: Annual Review of Sociology 24 (1998), S. 105-140.
[4] Jeffrey Olick / Vered Vinitzky-Seroussi / Daniel Levy (Hrsg.), The Collective Memory Reader, Oxford (im Erscheinen).

Zitation
Tagungsbericht: On Memory, 23.06.2009 Melbourne, in: H-Soz-Kult, 16.07.2009, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-2690>.