Hans Rothfels und die deutsche Zeitgeschichte

Ort
München
Veranstalter
Institut für Zeitgeschichte, München-Berlin
Datum
16.07.2003 - 17.07.2003
Von
Jochen Kirchhoff, Department of History, Munich University

Das Institut für Zeitgeschichte in München lud aus Anlass des 50jährigen Jubiläums seiner "Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte" zu einem wissenschaftlichen Kolloquium nach München. Zum Thema erkor man sich die Biografie des Historikers Hans Rothfels, dessen fachliche und persönliche Lebensleistung eng mit der Institutsgründung sowie einer jahrzehntelangen Redaktion der "Vierteljahrshefte", dem renommierten Fachjournal zur Geschichte Deutschlands im Europa des 20. Jahrhunderts, verbunden ist. In bester wissenschaftlicher Tradition der kritischen, methodisch begründeten Analyse der Zeitgeschichte hatte die Münchener Instituts- und Redaktionsleitung beschlossen, den Geburtstag ihres verdienten Hausorgans nicht einfach nur mit einem bayerischen Fest zu begehen. Stattdessen wollte man sich knapp zwei Tage lang auch den unbequemen Fragen widmen, die unlängst an die Biografie des verdienten, preußisch-konservativen Gründervaters gestellt worden waren: Konnte Hans Rothfels, der ein Opfer Hitlers wurde, vor 1933 sein Lobredner gewesen sein? Wirkte Hans Rothfels' spätere Tätigkeit in der Zeitgeschichtsforschung darauf hin, deutsche Verantwortung zu eskamotieren? Mit diesen Formulierungen stellte Institutsdirektor Horst Möller einleitend die zentralen Fragestellungen vor und forderte zu einer Diskussion nach den Regeln der historischen Zunft auf. Zugleich appellierte er, vor dem "exemplarischen deutschen Schicksal" von Hans Rothfels den nötigen Respekt zu bekunden. Damit trat die Doppelrolle des Kolloquiums zu Tage: einerseits war das Kolloquium im Institut nämlich zeitlich unmittelbar der Geburtstagsfeier für die "Vierteljahrshefte" vorgeschaltet, bildete also faktisch ein Festkolloquium zum ehrenden Andenken an Hans Rothfels. Andererseits aber hatte man sich in der Wahl der Referenten und Diskutanten auch ein Tribunal ins Haus bestellt, das implizit und explizit einige ernste Antworten auf die Vortragenden der Berliner Tagung über Hans Rothfels, die wenige Tage zuvor stattgefunden hatte, parat hielt. Gerade in dieser doppelten Funktion entwickelte sich ein spannender Austausch, der gleichsam als Zwitter zwischen akademischer Feierstunde, Forschungskolloquium und geschichtspolitischer Gerichtssitzung einen intellektuellen Ausweg suchte. Erkennbar wurde dieses Dilemma an den zwei verschiedenen Richtungen, mit denen die insgesamt acht Vorträge den Rothfels'schen Lebenslauf perspektivierten. Zum einen die wissenschaftssoziologische, um Distanz bemühte Sichtung eines nationalkonservativen Historikers; zum anderen die traditionell geistesgeschichtliche Eingemeindung von Person und Werk eines "Gründervaters".

Jan Eckel (Freiburg i.Br.), Doktorand bei Ulrich Herbert, skizzierte zunächst anhand der bekannten Eckdaten ein chronologisches 4-Phasen-Modell der Rothfels'schen Biografie (Weimarer Republik, Nationalsozialismus, Exil in Amerika, Remigration) und stellte die These auf, dass das historiografische Denken von Rothfels in allen diesen Phasen kontinuierlich einer spezifischen Struktur gefolgt sei. Eckel schlug vor, diese gedankliche Struktur als "Zyklus-Denken" zu fassen, und erläuterte, wie Rothfels darin den Aufschwung, den Abschwung und den erneuten Aufschwung von Nationalstaaten als grundlegendes Muster der Geschichte wahrnahm. Dieses zyklische Geschichtsbild habe Rothfels nach dem Exempel der Staatswerdung Preußens modelliert. Dessen wiederholte Erfahrung von Krisis und nachfolgender Restitution habe Rothfels, so baute Eckel sein Argument aus, mit existentiellen Aspekten der eigenen, von Karriererückschlägen und nachfolgenden Re-Etablierungserfahrungen gekennzeichneten Lebensgeschichte intellektuell verbunden und schließlich in der eigenen Geschichtsschreibung produktiv werden lassen. Eckels zentrale These lautete, dass Rothfels sein Zyklus-Denken von einer Phase zur nächsten jeweils erfahrungsabhängig umgedeutet habe. So zeigte Eckel zum Beispiel aufschlussreich, wie sich die Siedlungs- und Raumordnungskonzepte von Hans Rothfels in der späten Weimarer Republik als "Umschlag" eines "fatalistischen Zyklus-Denkens" in ein "dezisionistisches Zyklus-Denken" interpretieren lassen. Mit dieser wissenschaftssoziologischen Perspektive suchte Eckel plausibel zu machen, wie Rothfels für den ‚Nationalen Aufbruch' der deutschen Rechten im Jahr 1933 auch aufgrund seines zyklischen Geschichtsdenkens große Aufgeschlossenheit empfunden haben könnte. Obwohl Jan Eckel anhand des wissenschaftssoziologischen Ansatzes sowohl Wissenschaft und Politik gleichsam als ein System kommunizierender Röhren miteinander in Bezug setzte, warnte er davor, aus den fachhistorischen Arbeiten von Rothfels bruchlos auf dessen politische Einstellung schließen zu wollen oder etwaige politische Forderungen zu destillieren. Ulrich Herbert pflichtete diesem methodisch-kritischen Gedanken bei und erteilte allen Versuchen eine Absage, die bedeutende Persönlichkeit von Hans Rothfels retrospektiv mit moralischen Maßstäben beurteilen zu wollen. Ulrich Herbert und Jan Eckel plädierten stattdessen dafür, die allgemeinere Frage zu untersuchen, auf welche Weise intellektuelle Persönlichkeiten wie Hans Rothfels das 20. Jahrhundert verarbeitet hätten.

Wolfgang Neugebauer (Würzburg) eröffnete mit seinem Vortrag über "Hans Rothfels und Ostmitteleuropa" statt der wissenschaftssoziologischen Perspektive eine traditionell geistesgeschichtliche. Er stellte die These auf, dass sich Rothfels in den 1920er Jahren von den neuen Ansätzen der komparativen Verfassungsgeschichte habe inspirieren lassen. Die großregionalen, raumtypologischen Strukturbetrachtungen Otto Hintzes habe Rothfels auf die "Östliche Randzone Europas" angewendet. Auch lasse sich eine ausgreifende Theorierezeption in Rothfels wissenschaftlichem Nachlass nachweisen (Lasalle, sozialistische und marxistische Klassiker, Mehring, Max Weber, Michels, Bernstein, Lukacs, Smend u.a.). Neugebauer folgerte daraus, dass die bisherige Sichtweise, Rothfels sei maßgeblich von seinen akademischen Lehrer Friedrich Meinecke und Hermann Oncken geprägt worden, zu kurz greife. Unklar blieb in Neugebauers Ausführungen jedoch, warum Rothfels seine breite Theorielektüre nicht auch für die eigene historische Arbeit über Osteuropa fruchtbar gemacht hat, wo er ausschließlich ständisch-korporative Strukturen als prägende Ordnungsfaktoren gelten ließ. In der Diskussion formulierte außerdem Jan Eckel den wissenschaftssoziologisch bekannten Vorwurf, Neugebauer trenne in seiner geistesgeschichtlichen Betrachtung künstlich die Wissenschaft von der Politik, indem er die Rothfels'sche "Ostmission" als einen im Kern wissenschaftlichen Gedanken präsentiere, der nur der politischen Rhetorik, d.h. im außerakademischen Bereich der "verbalen Radikalisierung" gedient haben könnte. Ingo Haar wies darüber hinaus die gesamte These Neugebauers zurück und meinte, dass sich "keine einzige kognitive Verbindung zwischen Hintze und Rothfels" anhand der Publikationen von Rothfels in diesen Jahren belegen ließe. Neugebauers These stütze sich nur auf eine einzige Veröffentlichung aus dem Jahr 1934, in der allerdings keine Rede vom europäischen Verfassungsvergleich sei.

Unter den Historikern, die unlängst mit kritischen Anmerkungen zur Biografie von Hans Rothfels hervorgetreten waren, hatten Nicolas Berg (Leipzig), Ingo Haar (Berlin) und Karl Heinz Roth (Bremen) auf der Berliner Tagung Gelegenheit erhalten, ihre Thesen auszubreiten und zu diskutieren. Im Unterschied zu Berlin war in München allein Ingo Haar als Referent eingeladen worden. Haar sprach zum Thema "Hans Rothfels und der Nationalsozialismus" und präsentierte seinen Vortrag "Hans Rothfels als Historiker der Extreme: Zwischen Republik und Diktatur", dessen Manuskript bereits schriftlich auf der Berliner Tagung vorgelegen hatte. In aller Klarheit unterstrich Ingo Haar am Ende seiner Präsentation: "Hans Rothfels war kein Nationalsozialist." Freilich war in der Debatte von niemandem die Behauptung aufgestellt worden, Rothfels sei Nationalsozialist gewesen. Doch sollte Ingo Haars bloße Feststellung die zuvor sichtlich gespannte Atmosphäre auf der Tagung im Institut für Zeitgeschichte lösen. Die Presseberichterstattung hat diese Entkrampfung später so dargestellt, als habe Ingo Haar nun einen "Rückzug" von seinen Thesen angetreten. [1] Tatsächlich aber bekräftigte Ingo Haar anhand mehrerer, neu präsentierter Quellenbelege seine These, dass Hans Rothfels in den Jahren der Weimarer Republik am rechten Rand des politischen Spektrums stand und sich aufgeschlossen für ein Bündnis der konservativen Kräfte mit der nationalsozialistischen "Bewegung" zeigte. Dafür sprächen anti-republikanische Stellungnahmen in der Publizistik aus dem Jahr 1925 ("Herrenclub-Aufsatz" mit Franz von Papen und Martin Spahn), Rothfels' Protektion jungkonservativer Kreise sowie seine Mitgliedschaft in der 1931 sich formenden "Ring"-Bewegung. Darüber hinaus habe sich Rothfels offen auf dem Warschauer Historikertag für eine Grenz-Revision mit Polen ausgesprochen sowie eine neue Raumordnung entlang der "kulturellen Reife" der dort siedelnden Völker gefordert. Durch seine Verbindungen mit dem NS-Regime, vor allem über Joachim von Ribbentrop, habe Rothfels bereits 1937 einen Forschungsauftrag sowie die Möglichkeiten für einen Gastaufenthalt in Großbritannien erhalten, wohin Rothfels schließlich 1939 emigrieren musste. Auf die Darlegung dieser neuen Befunde reagierte das Auditorium mit einer lebhaften Debatte, die sich zunächst an der Interpretation und Kontextualisierung der einzelnen Quellenbelege entzündete. Ulrich Herbert machte dabei deutlich, wie wissenschaftlich unbefriedigend eine "exegetische" Diskussion von Partikeln aus Rothfels-Zitaten sei, wenn man Rothfels' Nähe zum Nationalsozialismus unterstelle. Denn in den frühen 1930er Jahren habe es - mit Ausnahme der rassistischen Ideologeme - gar keine eindeutige Definition nationalsozialistischer Positionen gegeben, auf die man heute eine weltanschauliche Verortung von Hans Rothfels stützen könne. Vielmehr komme es darauf an, warb Ulrich Herbert, das Verhältnis von Nationalsozialismus und Nationalismus in den Blick zu fassen. Ende Januar 1933 sei in der Wahrnehmung vieler Zeitgenossen das "nationale Lager" in Deutschland an die Macht gekommen, und mithin sei eine ganze Bandbreite völkischer und radikaler Positionen vertreten worden, u.a. auch ein "Spielen mit Gewaltphantasien", die Rothfels allerdings sicher nicht mitgetragen habe. Dagegen seien die Forderungen nach mitteleuropäischen Neuordnungen, die Rothfels ebenfalls formulierte, den soziotechnischen Utopien des Nationalsozialismus sehr ähnlich. Mit anderen Worten: zwischen Nationalisten, Konservativen und Nationalsozialisten hätten sich von 1930 bis 1934 "Konsenszonen" (Hans-Ulrich Wehler) der Weltanschauung gebildet. Hans Rothfels müsse man innerhalb dieser Konsenszonen genauer verorten. Jan Eckel schlug vor, die Rothfels'sche Position als einen "rechtsgerichteten Etatismus" zu bezeichnen, denn in Rothfels' Augen sei schon ein starker Staat gut, der sich im Innern und Äußern durchsetzen könne. Heinrich August Winkler schloss sich der Warnung von Ulrich Herbert an, man möge keine bloße "Zitatenklauberei" um Rothfels betreiben, drängte aber zugleich gegenüber Ingo Haar darauf, Quellenzitate zur Papen-Anhängerschaft von Rothfels im Detail zu überprüfen. Als Heinrich August Winkler dabei erneut seine Vorwürfe wiederholte, die er bereits 2001 in den "Vierteljahrsheften für Zeitgeschichte" an der ersten Auflage von Ingo Haars Dissertation formuliert hatte, wehrte Ingo Haar den auf eine Delegitimation gemünzten Angriff ab, entschuldigte sich nochmals für einen nachweisbaren Flüchtigkeitsfehler in dieser Auflage des Dissertationsbuches und wies darauf hin, dass der von Heinrich August Winkler monierte Streitpunkt bereits letztes Jahr in den "Vierteljahrsheften für Zeitgeschichte" bereinigt worden sei. Winkler möge daher "einen toten Hund nicht nochmal schlagen!" Die Tagung ging anschließend über zu den späteren Lebensphasen von Hans Rothfels.

Peter Walther (Berlin) fasste seine neuen Erkenntnisse, die er aus umfangreichen Archivbesuchen in den Vereinigten Staaten gewonnen hatte, in einem Vortrag mit dem Titel "Hans Rothfels in der Emigration 1939-1951" zusammen. Einhellig hatte das Auditorium schon nach Jan Eckels Vortrag bemerkt, dass bislang kaum etwas bekannt geworden sei über Rothfels' Wahrnehmung und Verarbeitung seines amerikanischen Exils von 1940 bis 1951. Peter Walther gestand zu, dass der historischen Forschung zu dieser Frage bislang keine aussagekräftigen Ego-Dokumente zur Verfügung stünden. Im Hinblick auf Rothfels' Remigration konnte Peter Walther anhand von Personalakten des Chicagoer Universitätsarchivs allerdings zeigen, dass Rothfels' Entscheidung zur Rückkehr nach Deutschland 1951 wesentlich motiviert war durch pensionsrechtliche Umstände. In den USA konnte Rothfels nämlich 1950 keine ausreichenden Versorgungsansprüche gegenüber der amerikanischen Hochschulverwaltung geltend machen, so dass für einen Ruhestand in den Vereinigten Staaten ein befriedigender Lebensunterhalt - auch für seine Familie - gefährdet schien. Entgegen der öffentlichen Meinung in Deutschland, wo man Hans Rothfels als politische Symbolfigur willkommen hieß, weil mit ihr ein charismatischer Emigrant mit Lebenserfahrungen in den USA scheinbar aus freien Stücken in die gewandelten politischen Verhältnisse der frühen Bundesrepublik zurückzukehren beschlossen hatte, zeigte Peter Walther detailliert, dass Rothfels noch 1949 offensichtlich keinerlei Überlegungen angestellt hatte, nach Deutschland zurückzukehren. Auch die Rufe auf Lehrstühle in Erlangen und Heidelberg im Jahr 1950 hatte Rothfels abgelehnt. Noch 1951, inzwischen in Deutschland, habe Rothfels dem ebenfalls in die USA emigrierten Mediziner Erich Posner geraten, nicht nach Deutschland zurückzukommen, da der "comeback" der alten Nationalsozialisten stärker geworden sei als einige Jahre zuvor. Die von Peter Walther anhand von Primärquellen abgesicherte, wissenschaftssoziologische Rekonstruktion von Rothfels Remigrationsentscheidung hätte die Diskussion noch stärker anregen können, die bemerkenswerte Divergenz zwischen biografischer Motivation und öffentlicher Rolle von Hans Rothfels in der frühen Bundesrepublik zu hinterfragen.

Christoph Cornelißen (Düsseldorf) verglich die Bücher von Hans Rothfels und Gerhard Ritter über die Opposition gegen das nationalsozialistische Regime. [2] Beide Zeithistoriker hätten den Aufstand am 20. Juli 1944 als eine "Auflehnung gegen angemaßte Gewalt" gedeutet. Cornelißen schlug vor, beide Bücher als Stücke einer "Transformationshistoriografie" für die frühe Bundesrepublik zu lesen. In ihnen würde, zum einen ein positives Bild des Preußentums verteidigt gegen eine Kritik der Linken; zum anderen stifteten beide Bücher Anknüpfungsmöglichkeiten zum "Anderen Deutschland" der 1920er Jahre und sie bezögen, drittens, ihre besondere Authentizität aus den persönlichen Verfolgungsgeschichten der Verfasser. Cornelißen kritisierte allerdings, dass diese "Transformationshistoriografie" die methodisch-kritischen Maßstäbe der traditionellen Politikgeschichte unterlaufen habe. Prägend für beide Widerstands-Bücher sei stattdessen ihre geschichtspolitische Funktion gewesen, als "moralischer Brückenbauer" für die deutsche Nachkriegsgesellschaft gewirkt zu haben. Sowohl Rothfels wie auch Ritter hätten dabei in der Überzeugung geschrieben, seit dem späten 19. Jahrhundert dränge die technische Moderne zur "Reduktion des Menschlichen". Affirmativ hätten sich beide mit ihren Büchern dagegen gestellt. Rothfels wie Ritter, so beobachtete Cornelißen, stünden damit am Traditionsbeginn einer zeitgeschichtliche Gedankenfigur, die später auch das Aufkommen des Faschismus als eine "Reaktion auf die Krise der technischen Moderne" interpretieren würde.

In der Diskussion kam Ulrich Herbert auf die "befreiende Wirkung" zu sprechen, die einige deutsche Leser emphatisch bezeugten, nachdem sie die Bücher von Hans Rothfels und Gerhard Ritter über die Opposition gegen Hitler rezipiert hatten. Herbert kritisierte dabei, dass Cornelißen die Rezeptionsprozesse von Rothfels' Buch nicht ausreichend kontextualisiert habe. Er schlug vor, die Wirkungschancen des Rothfels'schen Buches 1947/48 darin zu sehen, dass das Buch, erstens, den Post-Nationalsozialisten in Deutschland eine Konfrontation mit Widerständlern anbot, welche nicht mehr als "Staatsfeinde" denunziert, sondern als hochbewertete Helden gewürdigt wurden; zweitens, dass das Buch in die Phase fiel, während derer die gerichtlichen Anwürfe der Alliierten in Nürnberg bekannt wurden, dass insbesondere auch die Intellektuellen im Deutschen Reich eine Verantwortung für die Vorbereitung und Durchführung des Holocaust trügen. Mit seiner Darstellung habe Rothfels' Buch einer Geschichtslegende die Bahn geebnet, derzufolge Deutschland "das erste von den Nationalsozialisten besetzte Land" gewesen sei. Hans Mommsen merkte überdies an, Rothfels habe die Quellen zu seinem Buch über die Opposition gegen Hitler durchaus restriktiv ausgewählt: der Kreisauer Kreis etwa sei keineswegs im Zentrum von Rothfels' Interesse gestanden, und die ihm zur Verfügung gestellten Dokumente der Gräfin Freya von Moltke habe Rothfels "in den Schrank" gestellt. [3] Auch der kommunistische Widerstand sei von Hans Rothfels übergangen worden, ebenso wie im Widerstandsbuch von Gerhard Ritter.

Thomas Etzemüller (Tübingen) hatte sich aus wissenschaftssoziologischer Perspektive die "Rothfels-Gruppe" und ihren "Denkstil" zur Untersuchung vorgenommen. Er stellte die These auf, dass der akademische Schülerkreis, der sich ab 1926 an der Universität in Königsberg um Rothfels scharte, als "Rothfels-Gruppe" bezeichnet werden könne. Aus Briefen, historiografischen Texten und Kontaktanalysen suchte Etzemüller, einen gemeinsamen "Denkstil" der Gruppe zu filtern. Ihr "gemeinsames Projekt" sei eine Antwortsuche auf die Trias folgender Fragen gewesen: Wie sichert man die Stabilität der Ostgrenze, wie sichert man das Völkergemisch und wie sichert man sich gegen die drohende Instabilität der Industriegesellschaft? Ebenso wie Jan Eckel, Christoph Cornelißen und Hermann Graml berief sich damit auch Thomas Etzemüller auf das Konzept der staatlichen "Krisis", um einen zentralen Eckstein des Rothfels'schen Geschichtsdenkens zu erfassen. Thomas Etzemüller machte darüber hinaus auf die wiederkehrenden "Narrative" aufmerksam, die sich in den historiografischen Arbeiten der "Rothfels-Gruppe" ausmachen ließen. Allen Darstellungen sei typischerweise eine Sequenz von Meta-Histories gemeinsam, die jeweils von einer gedachten "Ordnung" über deren "Bedrohung und Abwehr" hin zur "Synthese" schritten. Thomas Etzemüller schloss seine Analyse der "Rothfels-Gruppe" mit einer Liste von weiteren (meta-reflexiven) "Denkstil"-Merkmalen ab. Dazu zählten, erstens, eine gedachte Grenze zwischen einem Innen und einem Außen ("Deutsche Nation" vs. "Das Andere" im "Osten"), zweitens, die Vorstellung einer "Unordnung im Innern" (d.h., einer sozialer Revolution) und, drittens, das imaginäre "Reich" als mentale Landkarte und Metapher für die gedachte Integrität und Homogenität aller "Deutschen". Etzemüller deutete an, dass die "Rothfels-Gruppe" in diesem Sinne als ein "Denkkollektiv" begreifbar würde. Jedenfalls sollten die "Rothfelsianer" nicht nur als ein personelles Netzwerk aufgefasst werden, das berufliche Interessen durchzusetzen verstand.
Da Thomas Etzemüller eine beachtliche Zahl von Gruppenmitgliedern aufzählte, kritisierte Heinrich August Winkler provokant: "Wer gehört eigentlich nicht zur Rothfels-Gruppe?" Thomas Etzemüller gestand zu, dass die Abgrenzung der "Rothfels-Gruppe" nicht leicht zu bestimmen sei. Ihre Mitglieder seien unabhängig voneinander gewesen, teilweise seien die Loyalitäten "quer" verlaufen: es habe unter den "Rothfelsianern" auch eine "Conze-Gruppe" und eine "Schieder-Gruppe" gegeben. Die "Rothfels-Gruppe" sei jedenfalls ohne "Leitfisch" ausgekommen, hinter dem alle anderen nur hätten "hinterherschwimmen" müssen. Problematisch empfand die anschließende Diskussion die Frage, ob eine Gruppenzugehörigkeit allein aufgrund von wissenschaftssoziologisch eruierten "diskursiven Affinitäten" bestimmt werden kann oder ob nicht auch eine Selbst-Zuschreibung ihrer Mitglieder - trotz sachlich divergierender Anschauungen - den Ausschlag geben darf. Jan Eckel unterstützte Thomas Etzemüllers These von der Formierung einer "Rothfelsianer-Gruppe", verlegte deren Genese jedoch nicht bis in die Königsberger Zeit zurück. Ein echter "Schüler" von Rothfels in der Königsberger Zeit sei eigentlich nur Theodor Schieder gewesen. Jan Eckel hielt im übrigen einen gemeinsamen Habitus der "Rothfelsianer" nach dem Motto "Bildung und Leben" im Kontext der "Grenzlanderfahrungen" für kohärenzstiftender als einen gemeinsamen "Denkstil". Willi Oberkrome regte an, die habitusbedingt "vitalistische" Wissenschaftstheorie der Königsberger dahingehend zu untersuchen, inwieweit sich auch deren Ordnungskonzepte im "Denkstil" abbildeten. Ulrich Herbert begrüßte grundsätzlich den "Denkstil"-Ansatz. Die "Auflösung der Intellektuellenfigur als autonomer Denkgeschichte" halte er für eine methodische Herausforderung. Die Rothfels-Tagung sollte deswegen aufhören, die "moralische Ehrbarkeit von Historikern" zu thematisieren. Ohnehin sei ein "Verlust an Brisanz der Fragen" bemerkbar. Herbert machte damit deutlich, dass er die Fragen nach Verantwortlichkeit und Schuld in wissenschaftlicher Hinsicht für durchaus gravierende methodische Schwächen der Debatte hielt. An Etzemüllers Vortrag kritisierte Herbert, dass dem Referat relevante "Distinktionen zu anderen Denkstilen" gefehlt hätten.

Mathias Beer (Tübingen) verfolgte ebenfalls aus wissenschaftssoziologischer Sicht die Pfade der deutschen Zeitgeschichte aus der frühen Bundesrepublik zurück in die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg. Mathias Beer stellte dabei die These auf, dass die "Zeitgeschichte" als wissenschaftliche Disziplin - nach Hans Rothfels' Definition aus dem Gründungsjahr der Vierteljahrshefte 1953 - zwar offiziell in der deutschen Öffentlichkeit als Beginn auftrat. Doch tatsächlich knüpfe die Rothfels'sche "Zeitgeschichte" personell wie sachlich an das historische Forschungsunternehmen der "Zentralstelle zur Erforschung der Kriegsursachen" von 1921 an sowie an Justus Hashagens programmatische Schrift "Das Studium der Zeitgeschichte" aus dem Jahr 1915. Mit den Historikern Helmut Krausnick, Hans Rothfels, Theodor Schieder und Paul Kluke umriss Mathias Beer auch eine "Kerngruppe der Kontinuität" zwischen der Berliner "Zentralstelle" der frühen 1920er Jahre und dem Münchener "Institut für Zeitgeschichte" in den frühen 1950er Jahren. Und in gleicher Weise sei in München auch eine auf ihren positivistischen Kern reduzierte Agenda fortgeschrieben worden, nämlich die "Sicherstellung und Edition von Quellen" aus der "Epoche der Mitlebenden" (Zitat Justus Hashagen). Mathias Beer argumentierte, dass Hans Rothfels 1953 die "Zeitgeschichte" im buchstäblichen Sinne als einen "Neuanfang", d.h. als einen zweiten Anfang begründen wollte. Ähnlich wie Jan Eckel zeichnete Mathias Beer damit ein Bild von Hans Rothfels als einem Intellektuellen, der die politischen Brüche mit einer Umdeutung fortgeführter Schemata überwand. Rothfels habe mit der bundesrepublikanischen "Zeitgeschichte" die Traditionsstränge einer bereits früher entworfenen "Zeitgeschichte" aus dem Ersten Weltkrieg und der Weimarer Republik aufgegriffen, das "praktische Rüstzeug" der sog. "Volksgeschichte" aus den Jahren der nationalsozialistischen Diktatur integriert und nach 1945 - unter dem Zwang des Schweigens - einen "Neuanfang" apostrophiert, mit dem eine tatsächlich alte "Zeitgeschichte" scheinbar neu erfunden wurde. In jedem Falle greife die bisher gängige Deutung zu kurz, die "Geburt der westdeutschen Zeitgeschichte" an der scheinbaren Zäsur von 1945 reagiere nur auf einen Bewältigungsbedarf für die nationalsozialistische Zeit. Dagegen wandte Horst Möller ein, dass die Initiativen für die Gründung des Instituts für Zeitgeschichte nach 1945 von der Politik ausgegangen seien, nicht aber von der Wissenschaft. Auch seien zahlreiche Historiker, die nicht in das personelle Geflecht um Rothfels gehörten, an der Institutsgründung beteiligt gewesen.

Hermann Graml (München) skizzierte den Einfluss, den Hans Rothfels auf Form und Inhalt der "Vierteljahrshefte" ausübte. Seit ihrer Gründung 1953 bis zum Ende seiner redigierenden Tätigkeit als Mitherausgeber 1976 habe Rothfels ein "gnadenloses editing" walten lassen, wie Graml wohlmeinend formulierte. Auch im Kleid ihrer sprachlichen Nüchternheit hätten die "Vierteljahrshefte" zu Rothfels gehört wie ein "Lehen". Allerdings: an der eigentlichen Aufgabe, die sich der "preußische Nationalist" selbst mit der Redaktion ‚seines' Fachjournals zur Geschichte des 20.Jahrhunderts gestellt habe, sei Rothfels letztlich gescheitert. Graml zog diese negative Bilanz vor dem Hintergrund seiner These, dass Rothfels' in den "Vierteljahrsheften" eine bestimmte "Mission" verfolgt habe: das Fachjournal habe als ein historiografisches Debattenforum für eine "ganzheitliche Sicht" der gesamten Epoche dienen sollen. Die neue Zeitgeschichte jedoch habe sich nicht anhand des Interpretaments moderieren lassen, das Rothfels favorisierte. Rothfels habe im 20. Jahrhundert eine "Periode der großen Krisen" (Krise des Nationalstaats, Krise der bürgerlichen Gesellschaft oder Krise des internationalen Staatensystems nach 1917) begreifbar machen wollen. In diesem Punkt näherte sich Hermann Gramls Ausführung der analytischen Aufbereitung, die Jan Eckel als das Rothfels'sche "Zyklus-Denken" zwischen Krisis und Restitution präsentiert hatte. Hermann Graml wandte sich dann gegen den Vorwurf von Nicolas Berg (Leipzig), das Institut für Zeitgeschichte habe es vermieden, den Holocaust als historischen Forschungsgegenstand zu behandeln. Nicolas Berg trage "eine Brille, die mit seinem Vorurteil verklebt" sei, wenn er die Tatsache verkenne, dass die "Vierteljahrshefte" in ihrer Rubrik "Dokumentationen" 1953 den "Augenzeugenbericht zu den Massenvergasungen" von Kurt Gerstein ediert und 1954 eine Rede Adolf Hitlers zum "Lebensraum"-Eroberungkrieg im Osten vom Sommer 1943 publiziert hätten. Das Institut habe außerdem 1955 einen Plan über die historische Dokumentation der Judenverfolgung skizziert sowie eine Idee über eine Ausstellung zur sog. Reichskristallnacht vorgestellt. Gegen diesen polemisch vorgetragenen Punkt wandte Ulrich Herbert ein, Nicolas Berg spiele auf der Tagung die unverdiente Rolle eines "stummen Gasts", der sich nicht wehren könne, wenn man auf ihn "einhaue". Ulrich Herbert bat darum, Nicolas Bergs These einer "gestörten Kommunikation" zwischen deutschen und jüdischen Holocaust-Historikern einer angemessenen Betrachtung zu unterziehen. Nicolas Berg habe zu zeigen versucht, dass es keinen Bezug zwischen den Erinnerungen der Opfer und der Arbeit der Geschichtszunft nach 1945 gegeben habe. Im Hinblick auf den Holocaust spreche Nicolas Berg von einer "Konkretionsverweigerung" der deutschen Zeitgeschichtsforschung. Hermann Graml blieb jedoch dabei, Nicolas Bergs Schlussfolgerung, "von den Lagern zu sprechen heiße, eine Politik des Hasses und der Rache fortzusetzen" [4], dürfe nicht für ein "debunking" von Rothfels und seiner Richtlinienkompetenz in den "Vierteljahrsheften" verwendet werden. Denn die Auswahl der Themen in den "Vierteljahrsheften" habe bei den Autoren gelegen. Rothfels habe meist für jedes Heft nach qualifizierten Autoren suchen müssen, so dass sich in der Themenfindung der Hefte "Zufälligkeiten" (Zitat Hans Rothfels!) ergaben. Graml schloss seinen Vortrag in diesem Zusammenhang mit der Bemerkung, man habe "allen Grund", angesichts der Leistung von Rothfels "dankbar" zu sein.

Die Münchener Tagung hat nicht zu einem Konsens über einen ‚neuen Rothfels' geführt. Die ältere Generation hielt an ihrem bisherigen, wohlwollenden Bild des Remigranten Rothfels fest. Gewiss, man ging auf Distanz zu der anti-republikanischen, rechtskonservativen Haltung, wie sie die Tagung - nicht nur im Falle von Rothfels - mehrfach dokumentierte. Und man lieh den Bemühungen der jüngeren Generation um methodisch neue Deutungen ein interessiertes Ohr. Auch blieb die Kritik an deren Deutungen zwar scharf in der Sache, doch fair im Umgang. Aber wenn die Jüngeren in das bisherige Rothfelsbild Ambivalenzen einzeichneten, dann fassten die Älteren dies im Grunde als eine Respektlosigkeit auf. Beherrschend erscheint daher im Ergebnis der Tagung der Sicherheitsabstand, den man sowohl auf dem Abschlusspodium als auch im Auditorium wahrte gegenüber den offensichtlich ambivalenten Zügen im Lebensbild des Historikers Rothfels. Dass Rothfels ein Befürworter des diktatorischen Regimes und sein Opfer zugleich werden konnte, dass er nach Amerika kommend dort der Zunft weniger galt, als es einer Öffentlichkeit in Deutschland scheinen wollte, und dass er ohne eigenhändige geschichtswissenschaftliche Innovation eine neue Geschichtswissenschaft in der Bundesrepublik schuf - diese Ambivalenzen bleiben wohl unvereinbar für diejenigen, die Rothfels' charismatisches Antlitz als Symbolgestalt eines Remigranten kennen- und schätzengelernt hatten. Die weitere Forschung sollte die denkbaren Möglichkeiten für eine Synthese der verschiedenen Bilder von Hans Rothfels als auch die möglichen Denkblockaden dagegen thematisieren.

Anmerkungen

[1] Ullrich, Volker, Der Fall Rothfels. Der Streit um den berühmten Zeithistoriker und die Versäumnisse der Geschichtswissenschaft, in: DIE ZEIT Nr. 31 vom 24. Juli 2003, S. 38.
[2] Rothfels, Hans, Die deutsche Opposition gegen Hitler. Eine Würdigung, Krefeld 1949. Ritter, Gerhard, Carl Goerdeler und die Deutsche Widerstandsbewegung, Stuttgart 1954.
[3] Ger van Roon dagegen erwähnt in seinem Standardwerk über den "Kreisauer Kreis" wohlwollend die Verwendung von Materialien über den "Kreisauer Kreise" aus der Widerstandszeit durch Hans Rothfels, vgl. Roon, Ger van, Neuordnung im Widerstand. Der Kreisauer Kreis innerhalb der deutschen Widerstandsbewegung, München 1967, S. 10, Anm. 58-60.
[4] Berg, Nicolas, Der Holocaust und die westdeutschen Historiker. Erforschung und Erinnerung, Göttingen 2003, S. 164. Nicolas Bergs Formulierung nimmt eine zentrale Passage von Hans Rothfels über die vermeintlichen Versäumnisse bei den "Enthüllungen" der Alliierten über die Konzentrationslager auf, vgl. Rothfels, Hans, Die deutsche Opposition gegen Hitler, 2. Auflage (1951), S. 26.

Kontakt

Dr. des. Jochen Kirchhoff, Münchener Zentrum für Wissenschafts- und Technikgeschichte, Deutsches Museum München
Kontakt: Jochen.Kirchhoff@lrz.uni-muenchen.de

Zitation
Tagungsbericht: Hans Rothfels und die deutsche Zeitgeschichte, 16.07.2003 – 17.07.2003 München, in: H-Soz-Kult, 13.08.2003, <http://www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-278>.