Angekommen? Sechs Jahrzehnte jüdischen Lebens im Nachkriegsdeutschland

Ort
München
Veranstalter
Abteilung für Jüdische Geschichte und Kultur, Historisches Seminar, Ludwig-Maximilians-Universität München; Wissenschaftliche Arbeitsgemeinschaft des Leo Baeck Instituts
Datum
06.12.2009 - 07.12.2009
Von
Elisabeth Rees-Dessauer, München

Die Geschichte der Juden in Deutschland seit 1945 ist bislang noch nicht systematisch erforscht worden. Das von der Wissenschaftlichen Arbeitsgemeinschaft des Leo Baeck Instituts in Auftrag gegebene und von der VW-Stiftung geförderte Projekt „Geschichte der Juden in Deutschland nach 1945“ hat es sich zur Aufgabe gemacht, genau diese Lücke zu füllen. Vom 6. bis 7. Dezember 2009 fand nun im Historischen Kolleg in München eine Tagung statt, in der eine erste Bilanz gezogen und das Projekt vorgestellt werden konnte.

In seinem Eröffnungsvortrag bettete DAN DINER (Leipzig/Jerusalem) die deutsch-jüdische Geschichte nach 1945 in den breiteren Kontext eines neuen Selbstverständnisses der Juden auf der ganzen Welt im Sinne eines kollektiven jüdischen Volkes ein. Bei der Herausbildung dieser neuen Identität spielte Deutschland eine zentrale Rolle. Vor dem Hintergrund des Genozids, der per definitionem keine natürlichen Erben hinterließ, habe sich das jüdische Volk als rechtlich anerkannte Institution konstituiert, die fähig und willens war, das Erbe der Ermordeten anzutreten. Dabei ging es nach Diner einerseits um die Verwandlung herrenlosen jüdischen Eigentums in symbolträchtiges Kollektiveigentum, andererseits um eine rituelle Einverleibung der Opfer des Holocaust in einen neuen Volkskörper. Dazu kam die Stimmung eines Banns gegenüber Deutschland. Wiedergutmachungszahlungen sowie der Transfer des neuen Kollektiveigentums ins Ausland, etwa an jüdische Körperschaften in Israel und Amerika, stellen ein Beispiel für den „Exorzismus“ dar, welchen das neue jüdische Kollektiv nach 1945 an allem Deutschen vornahm. Im Widerspruch zu diesen Vorgängen schien es zu stehen, dass Juden weiterhin in Deutschland lebten. Ihnen kam aus Sicht des Kollektivs lediglich die Rolle einer negativen Folie zu.

Um einen Überblick zu den unmittelbaren Nachkriegsjahren zu verschaffen, stellte TAMAR LEWINSKY (München) die beeindruckenden Größendimensionen der zum Projekt gehörigen Datenbank von ca. 42.000 Seiten vor, die innerhalb zweier Jahre zusammengestellt wurde. Anhand einer im Zuge des Projekts erstellten Karte, in der sämtliche jüdische Einrichtungen in den verschiedenen deutschen Besatzungszonen von 1946 bis 1949 eingetragen waren, veranschaulichte sie, welchen Nutzen Überblickswerke wie das hier angestrebte für die Forschung haben können. Lewinsky und ATINA GROSSMANN (New York) zeigten zudem an mehreren Beispielen die Heterogenität und Probleme jüdischer Displaced Person (DPs) und deutscher Juden in den ersten Nachkriegsjahren auf. Während in diesen Jahren die meisten jüdischen DPs nach Wegen suchten, Deutschland zu verlassen, verließen auch wertvolle, im Offenbacher Depot gelagerte jüdische Bücher das Land. Wie ELISABETH GALLAS (Leipzig) darstellte, war der Offenbacher „Friedhof der Bücher“ ein Symbol für das Ende jüdischen Lebens in Deutschland. Zur selben Zeit jedoch, als ein Schlussstrich unter jüdischem Leben in Deutschland in vielen Hinsichten deutlich wurde, schafften Personen wie Ignatz Bubis Grundlagen für ein weiteres Leben in Deutschland. Die Schwierigkeiten, die Bubis' „Import-Export-Handel“ in Dresden mit sich brachte und die antisemitische Grundstimmung der frühen Nachkriegsjahre, die auch in der sowjetischen Besatzungszone herrschte, wurden von JONATHAN ZATLIN (Boston) thematisiert.

Die 1950er- und 1960er-Jahre sahen den Aufbau und die Etablierung jüdischer Institutionen in einem geteilten Deutschland. So benannte MICHAEL BRENNER (München) mit den Themenfeldern Repräsentation, Geographie und Kalter Krieg drei zentrale Aspekte, an denen sich eine deutsch-jüdische Geschichte dieser Zeit zu orientieren habe. Während es auf nichtjüdischer deutscher Seite nach 1945 Verunsicherung gab, wie NORBERT FREI (Jena) mit der Frage: „Wie soll man Juden eigentlich begegnen?“ zeigte, beschlossen einige jüdische Persönlichkeiten, ein neues Zusammenleben aktiv zu gestalten. Eine solche Person war der in der Münchner Israelitischen Kultusgemeinde und im Zentralrat aktive Baruch Graubard, über den JAEL GEIS (Berlin) referierte. Mit Hendrik George van Dam und Karl Marx gab ANDREA SINN (München) darüber hinaus einen Einblick in die Biographien zweier Schlüsselfiguren der ersten Jahrzehnte jüdischen Lebens in Deutschland, die wie kaum jemand sonst die wesentlichen Institutionen Zentralrat bzw. Jüdische Allgemeine beeinflussten und gestalteten. Kommentiert wurde diese Sitzung von MICHA BRUMLIK (Frankfurt), der nicht nur als Wissenschaftler, sondern auch als Zeitzeuge zu den Vorträgen Stellung nahm. Hier wurden – nicht zum einzigen Mal während dieser Tagung – die Besonderheiten und Chancen deutlich, die die zeitliche Nähe des Themas zum Leben der Wissenschaftler mit sich bringt. Der Historiker ist hier nämlich oft zugleich Zeitzeuge und kann daher zwischen diesen Perspektiven wechseln. Zudem hat vor allem der jüngere Historiker heute noch die Gelegenheit, im Publikum immer wieder solche zu finden, die aus persönlicher Erfahrung von den Akteuren erzählen können, bzw. an zu beschreibenden Prozessen selbst maßgeblich mitgewirkt haben.

Während die Arbeit deutsch-jüdischer Institutionen in den 1950er-Jahren vor allem von der Restitution jüdischen Eigentums und der Wiedergutmachung bestimmt war, hatte sich das Aufgabenfeld des Zentralrats und der jüdischen Gemeinden zwanzig Jahre später erheblich erweitert. Zumindest in den 1970er-Jahren sei es in den jüdischen Gemeinden, so ANTHONY KAUDERS (Keele) und CONSTANTIN GOSCHLER (Bochum), allerdings noch mehr um Machterhalt denn um religiöse Erneuerung gegangen. Bei dem in den 1970er- und 1980er-Jahren stattfindenden Generationenwechsel sei es zudem – vor allem mit Blick auf die vorhergegangene Studentenbewegung – zu relativ moderaten Konflikten zwischen jung und alt gekommen. Nach der Ausstrahlung der TV-Serie „Holocaust“ im deutschen Fernsehen im Januar 1979 wurde nun die Shoa erstmals auf breiter Ebene in der deutschen Öffentlichkeit thematisiert. ANNE GIEBEL (Jena) konnte diese neue Entwicklung auch an der Person Hans Rosenthals zeigen, der eigentlich in leichteren Unterhaltungssendungen auftrat, sich seit 1979 aber in der deutschen Öffentlichkeit mit seiner Vergangenheit als Verfolgter des NS-Regimes auseinandersetzte. Dass noch in den 1970er-Jahren in dezidiert liberalen Publikationen neben einem Philosemitismus-Diskurs auch antisemitische Vorurteile durchaus zu Tage traten, beleuchtete MONIKA HALBINGER (München) in ihrer Untersuchung der Berichterstattung zu jüdischen Themen in Geschichte und Gegenwart in ZEIT, SPIEGEL und STERN.

Die deutsch-jüdische Geschichte seit der Wiedervereinigung wurde vor allem durch die Einwanderung von Juden aus der ehemaligen Sowjetunion bestimmt. Auch diese Epoche kann jedoch mittlerweile historisiert werden, da der Prozess der Zuwanderung, wie YFAAT WEISS (Jerusalem) beobachtete, mittlerweile praktisch abgeschlossen ist. Bislang sei diese Einwanderung jedoch stets eher einseitig mit Hinblick auf die „alteingesessenen“ Juden vor Ort betrachtet worden, weshalb LENA GORELIK (München) in ihrem Beitrag die bisher oft vernachlässigte Frage nach dem jüdischen Selbstverständnis der Kontingentflüchtlinge stellte: Wie fühlen sich eigentlich die Einwanderer zwischen alter und neuer Heimat und welche Identitätsprobleme bringt die Einwanderung mit sich? Was die Identität jüdischer Jugendlicher in Deutschland heute betrifft, spielt der Zionismus, wie MERON MENDEL (Frankfurt) feststellte, keine so bestimmende Rolle mehr wie in früheren Jahrzehnten. So könne man von einem „zweiten bundesrepublikanischen Judentum“ mit einem neuen jüdischen Selbstverständnis sprechen.

Die Tagung schloss, nachdem die Panels so in der Gegenwart angekommen waren, mit einer Sitzung, die unter dem Titel „Ortsperspektiven“ vier Vorträge über jüdische Nachkriegsgemeinden vereinte. ANNE GEMEINHARDT (Frankfurt) stellte den „Saarländischen Sonderweg“ vor. Die Synagogengemeinde Saar nahm im ersten Nachkriegsjahrzehnt in mehr als einer Hinsicht eine Sonderposition ein, die vor allem mit der relativen Unabhängigkeit des Landes und der starken Bindung an Frankreich zusammenhing. Dass Frankfurt am Main nach 1945 als eines der jüdischen Zentren in Deutschland zu gelten hat, war im Laufe der Tagung immer wieder klar geworden und wurde nun noch einmal von TOBIAS FREIMÜLLER (Jena) bestätigt. HENDRIK NIETHER (Jena) beschrieb mit Blick auf die jüdische Gemeinde in Leipzig die Geschichte einer „Jüdischen Kultur in geschlossener Gesellschaft“. Schließlich schloss KATARZYNA FRIEDLA (Haifa) diese sich kontinuierlich von West nach Ost bewegende Reihe von Vorträgen mit einem Beitrag über „Breslauer/Schlesische Holocaust-Überlebende als Heimkehrer und Vertriebene“ ab.

Konferenzübersicht:

Begrüßung: Michael Brenner (München)

Eröffnungsvortrag: Dan Diner (Leipzig/Jerusalem): Nach 1945 – Was ist und zu welchem Behelf schreibt man eine jüdische Geschichte der Juden in Deutschland?

Die unmittelbaren Nachkriegsjahre
Chair: Anselm Doering-Manteuffel (Tübingen)

Überblick: Tamar Lewinsky (München) und Atina Grossmann (New York)

Elisabeth Gallas (Leipzig): „Der Friedhof der Bücher“ – Das Offenbacher Depot als jüdischer Gedächtnisort

Jonathan Zatlin (Boston): Ignatz Bubis in Dresden. Ostjuden, Ostdeutsche, Westwirtschaft, 1945-1953

Kommentar: Michael Wolffsohn (München)

Fünfziger und sechziger Jahre
Chair: Hans Günter Hockerts (München)

Überblick: Michael Brenner (München) und Norbert Frei (Jena)

Jael Geis (Berlin): „Wer denkt schon über die Dinge nach, in denen er bis zum Halse steckt.“ Baruch Graubard – Selbstbezogenheit, Selbstkritik, Selbsterkenntnis

Andrea Sinn (München): Zentralrat und Jüdische Allgemeine: Die Schlüsselfiguren Hendrik van Dam und Karl Marx

Lida Barner (London): Aus Irma ist Irith geworden. Konversionen zum Judentum in Deutschland in den 1950er und 1960er Jahren

Kommentar: Micha Brumlik (Frankfurt)

Siebziger und achtziger Jahre
Chair: Raphael Gross (Frankfurt)

Überblick: Anthony Kauders (Keele) und Constantin Goschler (Bochum)

Anne Giebel (Jena): Hans Rosenthal in der deutschen Öffentlichkeit

Monika Halbinger (München): Zwischen Annäherung und Abwehr. Die Berichterstattung von ZEIT, SPIEGEL und STERN in den 1970er Jahren

Kommentar: Christoph Cornelißen (Kiel)

Migration und ihre Folgen
Chair: Rachel Salamander (München)

Überblick: Yfaat Weiss (Jerusalem)

Lena Gorelik (München): „Wer sind wir eigentlich?“ – Neues Selbstverständnis jüdischer Kontingentflüchtlinge aus der ehemaligen Sowjetunion in der doppelten Diaspora Deutschland

Meron Mendel (Frankfurt): Judesein – Jungsein – Dasein? Überlegungen zur Identität jüdischer Jugendlicher in der BRD

Kommentar: Dmitrij Belkin (Frankfurt)

Ortsperspektiven
Chair: Hermann Simon (Berlin)

Anne Gemeinhardt (Frankfurt): Der Saarländische Sonderweg: Die Synagogengemeinde Saar 1947-1955

Tobias Freimüller (Jena): Rekonstruktion und Neuanfang. Jüdisches Leben in Frankfurt am Main nach 1945

Hendrik Niether (Jena): Jüdische Kultur in geschlossener Gesellschaft. Leipziger Juden nach 1945

Katarzyna Friedla (Haifa): Breslauer/Schlesische Holocaust-Überlebende als Heimkehrer und Vertriebene

Kommentar: Y. Michal Bodemann (Toronto)

Schlussbemerkungen

Zitation
Tagungsbericht: Angekommen? Sechs Jahrzehnte jüdischen Lebens im Nachkriegsdeutschland, 06.12.2009 – 07.12.2009 München, in: H-Soz-Kult, 23.02.2010, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-3006>.