Deutsche Zeitgeschichte zwischen Ost und West

Ort
Hamburg
Veranstalter
Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg (FZH) in Kooperation mit der Körber-Stiftung, Hamburg
Datum
17.03.2010
Von
Iris Groschek, KZ-Gedenkstätte Neuengamme; Christoph Strupp / Kristina Vagt, Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg (FZH)

Aus Anlass des 60. Geburtstages ihrer stellvertretenden Direktorin Dorothee Wierling veranstaltete die Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg (FZH) in Kooperation mit der Körber-Stiftung ein Symposium, das einige Schlüsselfragen der jüngsten deutschen Zeitgeschichte mit Blick auf das Verhältnis zwischen Ost- und Westdeutschland thematisierte. Der Körber-Stiftung ist Dorothee Wierling durch ihre Mitarbeit in Beirat und Jury des Geschichtswettbewerbs des Bundespräsidenten und andere Projekte seit langem verbunden. Alle drei thematischen Blöcke der Veranstaltung – die erfahrungsgeschichtliche Dimension der DDR-Geschichte in der Perspektive westdeutscher Historikerinnen und Historiker, der generationelle Ansatz in der DDR-Forschung und schließlich die Vermittlung ost- und westdeutscher Vergangenheit in den gesamtdeutschen Geschichtswettbewerben seit 1990 – standen und stehen in engstem Zusammenhang mit ihren wissenschaftlichen Aktivitäten. An der FZH, die sich auf die Zeitgeschichte Hamburgs und des norddeutschen Raumes konzentriert und ihren Forschungsschwerpunkt zunehmend zur jüngsten Vergangenheit verlagert, ist die ostdeutsche Geschichte in den letzten Jahren nicht nur durch Dorothee Wierling, sondern auch durch eine Reihe komparativer Dissertationsprojekte vertreten gewesen.

Im ersten Panel stand die „volkseigene Erfahrung“ im Mittelpunkt: ein Oral History-Projekt, bei dem 1987 zum ersten Mal eine westdeutsche Forschergruppe mit Lutz Niethammer, Alexander von Plato und Dorothee Wierling die Möglichkeit bekam, in der DDR lebensgeschichtliche Interviews durchzuführen. Der Kultur- und Sozialwissenschaftler MICHAEL HOFMANN (Jena) hob zunächst hervor, dass die qualitative und hermeneutisch orientierte Methode der Oral History eine wichtige Funktion habe, weil sie stärker strukturell angelegte sozialgeschichtliche Deutungen der DDR hinterfrage. Er sah die Bedeutung des Projekts von 1987 und des 1991 daraus hervorgegangenen Sammelbandes[1] – ähnlich wie auch der 2002 erschienenen Habilitation Dorothee Wierlings über den „Jahrgang 1949“ [2] – vor allem darin, dass in ihnen wie in kaum einer anderen Untersuchung zur Alltags- und Sozialgeschichte der DDR die Dimension des unspektakulären „Arrangements“ der Bürger mit dem politischen System zum Ausdruck gekommen sei. Normalerweise seien meist „Aufstieg“ oder „Blockade“ Leitmotive der Interpretation, obwohl sie für viel weniger Menschen tatsächlich bestimmend gewesen seien. Dagegen hätten die 30 „biographischen Eröffnungen“ – so der Untertitel des Sammelbandes – und die kollektivbiographische Annäherung an den ersten Jahrgang der DDR-Bürger deutlich gemacht, welch hohe Erklärungskraft diese Dimension zunächst für die Bindekräfte und schließlich die Auflösung der DDR hatte.

LUTZ NIETHAMMER (Jena) und ALEXANDER VON PLATO (Hagen) vertieften in ihren Kommentaren methodologische Aspekte des Projekts, riefen aber auch die Erinnerung an die schwierigen Umstände der damaligen Arbeit vor Ort wach. Niethammer betonte die Verbindung von Empathie und analytischer Distanz, die für die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Lebensgeschichte anderer Menschen notwendig sei. Im Sommer 1990 richtete das Essener Kulturwissenschaftliche Institut eine Außenstelle in Leipzig ein. Die Hoffnung, dort das Gespräch mit den Interviewpartnern von 1987 in offener Atmosphäre fortsetzen zu können, erfüllte sich aber nur in wenigen Fällen und endete eher in Umdeutungen im Licht individueller Wendeerfahrungen als in einem befreiteren Blick auf die eigene Biographie. Von Plato stellte heraus, dass in den späten 1980er-Jahren zwar nicht das nahe Ende der DDR vorhersehbar, aber doch die schwere Krise der ostdeutschen Gesellschaft offensichtlich war. Die Vielfalt des Alltags und die Differenzierungen, die sich in der „volkseigenen Erfahrung“ widerspiegelten, seien heute einem deutlich gröberen Blick auf die DDR gewichen.

Das zweite Panel fragte nach der Ergiebigkeit des Generationenbegriffs als Kategorie für die Untersuchung der DDR-Erinnerung. MARTIN SABROW (Potsdam) erläuterte, dass er für seinen Vortrag den Titel „Erinnerung und DDR-Identität nach 1990“ gewählt habe, da seiner Meinung nach im Fall der DDR-Erinnerung die Prägekraft der Generationen außer Kraft gesetzt sei. Wichtiger als die gemeinsamen generationellen Erfahrungen seien für die DDR-Erinnerung der Ostdeutschen und ihre Identität die Milieubindung und die gemeinsame Erfahrung des Zusammenbruchs gewesen. Anders als nach 1945 gab es eine große Flut von literarischen Verarbeitungen. Die Erinnerung sei dadurch in einen öffentlichen Diskurs und die private Erinnerung gespalten worden, die sich erheblich unterschieden. Nachdem in den Anfängen nach 1989/90 das Paradigma „Versöhnung durch Aufarbeitung“ lautete, herrsche heute das der „Heilung durch Unversöhnlichkeit“ vor. Es werde vereinfachend von Opfern und Tätern gesprochen und frühere Differenzierungen würden aufgegeben.

In ihrem Kommentar plädierte INA MERKEL (Marburg) dafür, den Generationenansatz für die DDR-Geschichte ernst zu nehmen, da er die Erfahrungsebene anspreche und dem empirisch wahrnehmbaren Bedürfnis der jüngeren Generationen entspreche, sich gegenüber den älteren abzugrenzen. Die von ihr geforderte „doppelte Historisierung“ sollte die DDR-Institutionen in ihrer historischen Entwicklung erfassen und biographische Erfahrungen beleuchten. Sie begriff das Generationenkonzept nicht als analytischen, sondern methodischen Zugang für historische Fragestellungen.

In der anschließenden lebendigen Diskussion plädierte Dorothee Wierling dafür, die Begriffe Kohorte und Generation nicht gleichzusetzen, da nicht jede Kohorte eine Generation bilde. Sie setzte sich dafür ein, die Generation neben anderen Kategorien wie Geschlecht und soziale Herkunft zu berücksichtigen, sie aber nicht absolut zu setzen. Alexander von Plato stellte heraus, dass Erfahrungen erst im Nachhinein biographisch interpretiert werden und der Generationenzusammenhang oft mit zeitlichem Abstand konstruiert wird. Im Ost-West-Vergleich ergäben sich große Unterschiede, da es bei West-Intellektuellen eine ausufernde Jugend gegeben hätte, während die Ost-Jugend sehr kurz gewesen sei.

Im dritten Teil thematisierte SASKIA HANDRO (Münster) die Spannung zwischen lebensgeschichtlichen Berichten, kultureller Tradierung und wissenschaftlicher Analyse, durch die Schülerinnen und Schüler in Geschichtswettbewerben und vor dem Hintergrund ihrer eigenen Gegenwartserfahrung ein kritisches Hinterfragen von Geschichte erlernen könnten. Sie verglich zunächst die didaktischen, geschichtskundlichen und bildungspolitischen Perspektiven des forschenden Lernens in den großen Geschichtswettbewerben der Bundesrepublik und der DDR. Die Geschichte-AGs der DDR, die im Rahmen einer historisch-vergleichenden Heimatgeschichte vorwiegend die Geschichte des „werktätigen Volkes“ recherchierten, wurden ab 1966 durch eine Historikerolympiade ergänzt, die im kleinen Raum die nationale Erfolgsgeschichte als rituell wiederholte Meistererzählung bestätigen sollte. Auch der bundesdeutsche Schülerwettbewerb bot ein Spiegelbild der eigenen Geschichtskultur mit einer Institutionalisierung der Traditionskritik. Eigene Erfahrungen der Schülerinnen und Schüler wurden in die Erforschung der Alltagsgeschichte produktiv integriert. In beiden Ländern setzte sich ein positivistischer Glaube an Zeitzeugenaussagen durch, der eine Identifikation mit der eigenen Geschichtskultur erlaubte.

In den „Ost-West-Geschichten“, Thema des Geschichtswettbewerbs des Bundespräsidenten 1994/95, erzählten Jugendliche in Ostdeutschland Geschichten des Umbruchs und der Orientierungssuche, Jugendliche in Westdeutschland von Flucht- und Übersiedlungsgeschichten in den Westen. Kollektive Deutungsmuster wurden dabei kaum aufgebrochen, sondern die Interpretationen der Schülerinnen und Schüler auf beiden Seiten blieben beeinflusst von der aktuellen Medienberichterstattung über Stasi, Diktatur und Mauerprozesse. Deutlich würden hier die Grenzen forschenden Lernens, wenn Geschichte gleichzeitig Politikum sei. Aber gerade die Möglichkeit, abstrakte Strukturen in biographischen Beispielen zu erfahren und im Gegensatz zum aktuellen öffentlichen Diskurs gemeinsame Traditionen zu entdecken, wertete Saskia Handro als Innovation dieses Wettbewerbsthemas. Sie bedauerte, dass noch heute integrative Potentiale der deutsch-deutschen Geschichte genauso wie erfahrungsgeschichtliche Ansätze im schulischen Lernen nicht vorkämen, im Gegenteil Schulbücher weiterhin eine Kontrastgeschichte erzählten.

GERHARD SCHNEIDER (Freiburg) strich in seinem Kommentar heraus, dass zwei von Peter Gautschis Kompetenzkriterien für guten Geschichtsunterricht, das unterstützende Klassenklima und das Schaffen von Lerngelegenheiten, auf Schülerwettbewerbe in besonderer Weise zuträfen: Selbstständige Recherche und Interviews führten – anders als der Schulunterricht – zu neuen multiperspektivischen, irritierenden wie anregenden Erfahrungen mit offenen Themen und ebensolchen Ergebnissen für Schülerinnen und Schüler.

In der anschließenden regen Diskussion wurde sowohl für Schüler in Ost- als auch Westdeutschland der Wunsch nach Orientierung festgestellt. Deutungspluralität solle jedoch nicht als Bedrohung, sondern offensiv als Stärke vermittelt werden. Auch die Abhängigkeit der Schülerinnen und Schüler von der medialen Antwortsuche solle eher als Stärke, Zeitgebundenheit zu reflektieren, weniger als Grenze forschenden Lernens gesehen werden. Dass in ostdeutschen Beiträgen seltener die nationalsozialistische Vergangenheit thematisiert werde, wurde als Folge eines Orientierungsbedürfnisses weiter zurück in die Vergangenheit gesehen. Saskia Handro wies in diesem Zusammenhang auch auf die Diktaturerfahrung der Lehrenden hin, die vor einer hochpolitischen Thematik wie dem Diktaturvergleich (noch) zurückschreckten.

Die einzelnen Beiträge ermöglichten nicht nur einen Einblick in aktuelle, zum Teil kontrovers diskutierte Interpretationsansätze, sondern zugleich eine wissenschaftsgeschichtliche Einordnung westdeutscher DDR-Forschung vor allem für die beiden Jahrzehnte vor und nach der „Wende“, wie Axel Schildt in seinen einführenden Bemerkungen hervorgehoben hatte. Dass die Veranstaltung anregend, aber harmonisch verlief, war sicherlich auch dem besonderen Anlass und der Tatsache geschuldet, dass das Symposium fern der zentralen Erinnerungsschauplätze stattfand.

Konferenzübersicht:

Begrüßung: Sven Tetzlaff (Körber-Stiftung)
Einführung: Axel Schildt (FZH)

PANEL 1 : Volkseigene Erfahrungen
Moderation: Adelheid von Saldern (Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover)

Michael Hofmann (Friedrich-Schiller-Universität Jena): Die „volkseigene Erfahrung“ revisited

Lutz Niethammer (Friedrich-Schiller-Universität Jena) / Alexander von Plato (Fernuniversität Hagen): Kommentierende Anmerkungen

PANEL 2 : Die DDR als Generationserfahrung
Moderation: Christoph Kleßmann (Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam)

Martin Sabrow (Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam): Erinnerung und DDR-Identität nach 1990

Ina Merkel (Philipps-Universität Marburg): Kommentierende Anmerkungen

PANEL 3: Ost und West im Schülerwettbewerb
Moderation: Kirsten Heinsohn (Institut für die Geschichte der deutschen Juden, Hamburg)

Saskia Handro (Westfälische Wilhelms-Universität Münster): Ost und West im Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten

Gerhard Schneider (Pädagogische Hochschule Freiburg): Kommentierende Anmerkungen

Team der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg: Resümee

Anmerkungen:
[1] Lutz Niethammer / Alexander von Plato / Dorothee Wierling, Die volkseigene Erfahrung. Eine Archäologie des Lebens in der Industrieprovinz der DDR. 30 biographische Eröffnungen, Berlin 1991.
[2] Dorothee Wierling, Geboren im Jahr Eins. Der Jahrgang 1949 in der DDR. Versuch einer Kollektivbiographie, Berlin 2002.

Zitation
Tagungsbericht: Deutsche Zeitgeschichte zwischen Ost und West, 17.03.2010 Hamburg, in: H-Soz-Kult, 21.04.2010, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-3080>.