Chemnitz und seine Hauptkirche St. Jakobi im 15. Jahrhundert

Ort
Chemnitz
Veranstalter
Schlossbergmuseum Chemnitz; Professur für Europäische Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts, Technische Universität Chemnitz; Chemnitzer Geschichtsverein e.V.; Förderverein Stadt- und Marktkirche St. Jakobi e.V.; Freundeskreis Schlossbergmuseum Chemnitz e.V.
Datum
04.06.2010
Von
Martin Munke, Institut für Europäische Geschichte, Technische Universität Chemnitz

Die Erforschung der Gründungs- und Frühgeschichte der Stadt Chemnitz weist bis heute zahlreiche Desiderate auf. Eine großangelegte Ausstellungsreihe des örtlichen Schlossbergmuseums in Zusammenarbeit mit der Professur für Europäische Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts der Technischen Universität Chemnitz hat es sich zum Ziel gesetzt, diese Lücken zu füllen und konnte bereits zahlreiche Beiträge zu einer umfassenden Stadtgeschichte leisten.[1] Für 2012 wird das 600-jährige Jubiläum des gotischen Umbaus der Chemnitzer Stadtkirche St. Jakobi zum Anlass genommen, um unter dem Arbeitstitel „Des Himmels Fundgrube. Chemnitz und das sächsisch-böhmische Erzgebirge im 15. Jahrhundert“ eine Reihe lokal- und regionalgeschichtlicher Fragestellungen zu behandeln. Zur wissenschaftlichen Vorbereitung fand nun ein erstes interdisziplinäres Kolloquium statt, welches an eine Reihe ähnlicher Veranstaltungen in der Vergangenheit anknüpfte.[2]

Einleitend untersuchte JULIA SOBOTTA (Leipzig) das Verhältnis von Pfarrkirche und Stadtgemeinde im ausgehenden Mittelalter am Chemnitzer Beispiel unter Einbezug vergleichbarer Städte wie Zwickau. Der Stadt und den Bürgern hätten sich demnach zahlreiche Einflussmöglichkeiten auf das kirchliche Leben geboten, wie der Versuch der Kontrolle der Pfarrereinsetzung und der Einsetzung der Kirchenmeister oder die Einrichtung von Stiftungen. Gerade für das 15. Jahrhundert ließe die hohe Anzahl von Stiftungen die steigende wirtschaftliche Potenz der Chemnitzer Bürger erkennen, die vor allem durch das der Stadt 1357 verliehene Bleichprivileg zu erklären seien. In diesem Zusammenhang wäre auch die Bedeutung der 1254 erstmals urkundlich erwähnten St. Jakobikirche gegenüber den wohl älteren Kirchen St. Johannis und St. Nikolai gestiegen. Eine genaue Abgrenzung des Verhältnisses der Kirchen untereinander konnte von der Forschung bisher aufgrund der schwierigen Quellenlage aber nicht abschließend erbracht werden. Neben Auseinandersetzungen zwischen Stadt und Kirche, beispielsweise um die Steuerprivilegien der Kleriker oder Verletzungen des städtischen Braurechts, hätten Streitigkeiten mit dem örtlichen Benediktinerkloster St. Marien um die Patronatsrechte über die Chemnitzer Kirchen ein kontinuierliches Konfliktpotential geboten. Versuche vertraglicher Regelungen, wie sie beispielsweise 1430 unternommen wurden, wiesen keine beständigen Erfolge auf. Weiterhin betonte Sobotta die Wichtigkeit des kirchlichen Einflusses auf die städtischen Bildungseinrichtungen. So lag die Chemnitzer Lateinschule in direkter Nachbarschaft von St. Jakobi, die Schüler waren in den kirchlichen Chordienst eingebunden.

Einen Überblick über die Rolle St. Jakobis als Bau- und Kulturdenkmal aus denkmalpflegerischer Sicht lieferte THOMAS MORGENSTERN (Chemnitz). Der Wiederaufbau der bei der Bombardierung von Chemnitz fast vollständig zerstörten Kirche nach 1945 bzw. 1997 biete ein Beispiel für das Ziel, Zeugnisse aller Bauphasen angemessen zu integrieren. Für St. Jakobi besonders prägend seien die Überformungen im Jugendstil und der Neugotik gewesen. Die bauarchäologischen Untersuchungen in den 1950er- und 1960er-Jahren hätten vom Mangel an Baumaterialien in der DDR profitiert, Grabungen über einen solch langen Zeitraum seien aktuell nicht mehr möglich. Als exemplarisch können nach Morgenstern auch die Diskussionen um den Einbezug moderner Elemente bei der Rekonstruktion sowie die Spannung zwischen „Wünschenswertem“ und „Finanzierbaren“ betrachtet werden.

Einer besonderen historischen Quelle widmete sich ANDREA KRAMARCZYK (Chemnitz) mit den „Schülerdialogen“ des Chemnitzer Pädagogen Paulus Niavis (ca. 1460 bis nach 1514). Nach dem Studium in Ingolstadt und Leipzig reformierte der im böhmischen Eger geborene Niavis den Unterricht an der Chemnitzer Lateinschule, die unter seiner Führung um 1486 neu erbaut wurde. Als Grundlage der Vermittlung von Lehrinhalten dienten ihm in Dialogform geschilderte Themen aus dem Alltag der Schüler. Die bisher nur in Auszügen veröffentlichten Dialoge werden auf der Grundlage spätmittelalterlicher Drucke aktuell erstmals umfassend ediert und übersetzt, eine Publikation – ebenso wie ein erneuter Einsatz im Schulunterricht – ist für 2011 geplant. Im Zusammenhang mit dem Wirken Niavis‘ ließe sich eine steigende Anzahl Chemnitzer Studenten an der Leipziger Universität nachweisen, die später als Ratsherren, Bürgermeister oder Äbte Karriere machten. Inwieweit eine solche „Generation Niavis“ auch nach ihrem Studium als Netzwerk kooperierte, ließe sich allerdings schwerlich nachweisen. Nach Kramarczyk würden die Dialoge wertvolle Erkenntnisse über das Beziehungsgeflecht von Stadt, Kloster und Umland zum Ende des 15. Jahrhunderts bieten, auch wenn der Quellenwert durch die literarische Gestaltung kritisch betrachtet werden müsse.

Umfassend thematisiert wurde das Verhältnis vom Kloster und Stadt dann von SANDRA IGAH (Chemnitz). Anhand der Betrachtung der fünf Äbte von St. Marien im 15. Jahrhundert – Nikolaus (Amtszeit 1390 / 92 bis 1402 / 03), Ortwin Schindeldach (auch: Schindelbach) (1403 bis 1425), Johannes von Schleinitz (1425 bis 1455), Caspar von Meckau (1455 bis 1483) und Heinrich von Schleinitz (1483 bis 1522) – wurde vor allem die wirtschaftliche Komponente dieser Beziehungen deutlich, beispielsweise im wiederholten und beständig umstrittenen Verkauf von Klosterbesitz an die Stadt. Das Kloster hätte zudem über verschiedene Besitzrechte stark vom „Großen Berggeschrey“ profitiert, bei dem ab der Mitte des 15. Jahrhunderts zahlreiche Silbererzvorkommen erschlossen wurden. Den bedeutendsten Abt dieser Epoche stelle wohl Heinrich von Schleinitz dar – wie Niavis ehemals Student in Ingolstadt –, in dessen Amtszeit die klösterlichen Gebäude umfassend erneuert und die Bibliothek erweitert wurde.

Einen überregionalen Aspekt beleuchtete UWE FIEDLER (Chemnitz) in seiner Untersuchung der Beeinflussung von Chemnitz durch die Hussitenbewegung in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Zahlreiche Chronisten der Neuzeit erwähnten demnach eine unmittelbare Bedrohung der Stadt, mehrere Vorstädte seien zerstört worden. Eine zeitliche Fixierung dieser viel bemühten Ereignisse sei allerdings nicht möglich, die einzelnen Chroniken nennen Daten zwischen 1415 und 1432. In den zeitgenössischen archivalischen und archäologischen Quellen würden sich keine Hinweise finden. Demnach müsse davon ausgegangen werden, das Chemnitz nie direkt von hussitischen Kriegszügen bedroht wurde. Als gesichert könne jedoch ein beständig wachsendes Angstgefühl innerhalb der Stadt gelten, welches durch Gerüchte, die Verpflichtung von Chemnitzer Bürgern zur Beteiligung am militärischen Vorgehen gegen die Hussiten sowie landesherrliche Aufrufe zur Verbesserung der Stadtverteidigung genährt wurde. Die zahlreichen Berichte über Zerstörungen könnten sich daher auf Ereignisse im Sächsischen Bruderkrieg (1446 bis 1451) beziehen, bei dem Chemnitz in Mitleidenschaft gezogen und die auf beiden Seiten beteiligten böhmischen Söldner von der Bevölkerung als „Hussiten“ bezeichnet wurden. Die Erfahrungen blieben im kollektiven Gedächtnis der Stadt verhaftet, so dass bei späteren kriegerischen Ereignissen wie im Dreißigjährigen Krieg wieder auf die „hussitische Gefahr“ Bezug genommen werden konnte.

HANS-HERMANN SCHMIDT (Chemnitz) lieferte demgegenüber einen musikwissenschaftlichen Beitrag, der sich der Musikpflege im 15. Jahrhundert widmete. Für Chemnitz würden zu diesem Thema noch keine Forschungsergebnisse vorliegen, aufgrund der dünnen Quellenlage müsse zudem vieles Spekulation bleiben. Von der Region Sachsen seien im Spätmittelalter keine schöpferischen Impulse ausgegangen, man könne aber von einer Fortführung der bestehenden Traditionen ausgehen. Im Raum Chemnitz könnten dabei besonders die Klöster und der gottesdienstliche Chorgesang als Zentrum musikalischen Lebens gelten. Neben St. Marien komme dabei dem in den 1480er-Jahren gegründeten Chemnitzer Franziskanerkloster eine besondere Rolle zu. Dort entstandene Handschriften sowie gedruckte Messbücher befänden sich seit einiger Zeit wieder in der Chemnitzer Stadtbibliothek und könnten in Zukunft genauere Erkenntnisse zur Chemnitzer Musikpflege im Spätmittelalter liefern.

In einer kunsthistorischen Betrachtung widmete sich FRIEDRICH STAEMMLER (Chemnitz) der spätmittelalterlichen Ausstattung von St. Jakobi. Diese sei nur in Fragmenten erhalten, die allerdings wissenschaftlich bisher kaum Beachtung gefunden hätten. Allgemein würde ein Überblick über die sächsische Skulptur und Malerei im 15. Jahrhundert noch fehlen. Die bisherigen Erkenntnisse würden allerdings auch in diesem Bereich auf zahlreiche Kontakte in den böhmischen und schlesischen Raum schließen lassen. Die erhaltenen Objekte wie eine Muttergottesskulptur vom Ende des 14. / Beginn des 15. Jahrhunderts wiesen starke stilistische Übereinstimmungen zu den Werken böhmischer Meister auf. Als herausragendes Objekt könne das „Heilige Grab“ gelten, ein portabler Prunkschrein mit zentraler Bedeutung bei den Osterprozessionen von St. Jakobi. Nur drei weitere Exemplare dieses Typs seien im deutschsprachigen Sprachraum erhalten, die zudem alle in Bergbaugebieten verwendet worden seien. Weitere Untersuchungen seien hier dringend nötig.

Dem Kolloquium gelang es, sowohl bestehende Forschungslücken zu schließen, als auch weiterweisende Fragestellungen aufzuwerfen. Bei der Folgeveranstaltung im kommenden Jahr sollen unter der Beteiligung internationaler Wissenschaftler vor allem die überregionalen Aspekte der Chemnitzer Stadtgeschichte im 15. Jahrhundert aufgegriffen werden. Eine Veröffentlichung der Kolloquiumsergebnisse ist im Umfeld der 2012er Ausstellung zu erwarten.

Konferenzübersicht:

Uwe Fiedler, Begrüßung

Heidemarie Lüth, Grußwort

Julia Sobotta, „Di do gestifft ist in sende Jacoffskirchin“. Pfarrkirche und Stadtgemeinde in Chemnitz im Mittelalter

Thomas Morgenstern, Das Bau- und Kulturdenkmal St. Jakobikirche

Andrea Kramarczyk, Die Schülerdialoge des Chemnitzer Rektors Paulus Niavis

Sandra Igah, „Abt und Archidiakon“. Vier Äbte des Benediktinerklosters St. Marien

Uwe Fiedler, Hussitenangst. Stadt und Gemeinde im Spannungsfeld des sächsisch-böhmischen Beziehungsgeflechtes im 15. Jahrhundert

Hans-Herrmann Schmidt, Musikpflege im 15. Jahrhundert

Friedrich Staemmler, Die ursprüngliche Ausstattung von St. Jakobi vom ausgehenden 14. bis zum beginnenden 16. Jahrhundert

Anmerkungen:
[1] Vgl. zuletzt Uwe Fiedler / Thomas Nicklas / Hendrik Thoß (Hrsg.), Die Gesellschaft des Fürsten. Prinz Xaver von Sachsen und seine Zeit, Chemnitz 2009 und Uwe Fiedler (Hrsg.), Der Kelch der bittersten Leiden. Chemnitz im Zeitalter von Wallenstein und Gryphius, Chemnitz 2008.
[2] Siehe beispielsweise Tagungsbericht Dynastie, Rétablissement, Revolution. Xaver von Sachsen (1730-1806) und das albertinische Fürstenhaus in Europa. Internationales wissenschaftliches Kolloquium. 03.07.2008-05.07.2008, Chemnitz, in: H-Soz-u-Kult, 03.09.2008, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=2243>.

Zitation
Tagungsbericht: Chemnitz und seine Hauptkirche St. Jakobi im 15. Jahrhundert, 04.06.2010 Chemnitz, in: H-Soz-Kult, 18.06.2010, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-3156>.
Redaktion
Veröffentlicht am
18.06.2010
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