Religion und Politik im Mittelalter. Deutschland und England im Vergleich / Religion and Politics in the Middle Ages. Germany and England by Comparison

Ort
Coburg
Veranstalter
Prinz-Albert-Gesellschaft e.V., Coburg
Datum
10.09.2010 - 11.09.2010
Von
Dominik Waßenhoven, Professur für Geschichte mit dem Schwerpunkt Mittelalterliche Geschichte, Universität Bayreuth

In Coburg fand bereits zum 29. Mal die öffentliche Konferenz der Prinz-Albert-Gesellschaft statt. Ganz im Sinne der Gesellschaft, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, Forschungen über wissenschaftliche, kulturelle und politische Aspekte der deutsch-britischen Beziehungen zu fördern, wurden Deutschland und England in vergleichender Perspektive betrachtet. Erstmals in der Geschichte der jährlich stattfindenden Konferenzen wurde mit dem Oberthema „Religion und Politik im Mittelalter“ eine vormoderne Epoche ins Zentrum gestellt.

In der ersten Sektion, in der gemeinsame Grundlagen in Spätantike und Frühmittelalter im Vordergrund standen, nahm RALF BEHRWALD (Bayreuth) das Verhältnis von Religion und Politik nach der Konstantinischen Wende in den Blick. Dabei lag der Schwerpunkt auf den strukturellen Fragen eines Verhältnisses, das von variablen, auch widersprüchlichen Rollenbildern von Kaiser und Bischöfen geprägt war. Gerade letztere konnten je nach Situation sehr unterschiedlich agieren und sich damit bisweilen auch dem Kaiser gegenüber in eine überlegene Position bringen, während umgekehrt kaiserliche Versuche, die Kirche zu kontrollieren und die Bischöfe für sich zu instrumentalisieren, letztlich scheitern mussten. DAME JINTY NELSON (King’s College, London) machte deutlich, dass Religion und Politik im Karolingerreich zwar eng verzahnt, aber nicht austauschbar waren; ‚Religion‘ war wohl nicht politisch instrumentalisierbar. Papst und König spielten voneinander abhängige, aber einander ergänzende Rollen als Beter und Kämpfer. Gegenüber neueren Thesen von Yitzhak Hen[1] hielt Nelson daran fest, Karls Strafaktionen während der Sachsenkriege nicht als Adaption von Dschihad-Vorstellungen, sondern als Durchsetzen seines Herrschaftsanspruchs zu verstehen.

DOMINIK WASSENHOVEN (Bayreuth) eröffnete die zweite Sektion mit einer Untersuchung des Anteils von Bischöfen an Königswahlen und an Entscheidungsprozessen im Vorfeld dieser Wahlen im ottonischen Reich. Er konnte anhand von Selbstaussagen beteiligter Bischöfe zeigen, dass der Episkopat spätestens 984 in die Entscheidungsfindung eingebunden war. CATHERINE CUBITT (York) setzte die Endzeiterwartungen um das Jahr 1000 in den Kontext der Herrschaftszeit Æthelreds II. (978–1016) und der dänischen Invasionen. Mit Hilfe volkssprachlicher Predigten – vor allem Wulfstans von York – und Königsurkunden machte sie deutlich, dass am Hof König Æthelreds Ängste vor dem bevorstehenden Jüngsten Gericht vorhanden waren und auch die Politik beeinflusst haben.

In der dritten Sektion, die sich dem Investiturstreit zuwandte, stellte STUART AIRLIE (Glasgow) die unterschiedlichen Sichtweisen der englischen Forschung auf diesen Konflikt vor. In England nimmt die normannische Eroberung von 1066 nicht nur in der öffentlichen Wahrnehmung, sondern auch in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dieser Epoche eine dominierende Stellung ein, so dass der Investiturstreit vernachlässigt wurde. Ein allgemeiner, internationaler Trend weg von religionsgeschichtlichen Themen und hin zur Sozialgeschichte habe zu problematischen Ansichten über die Zeit vor den Reformen des 11. Jahrhunderts geführt. LUDGER KÖRNTGEN (Bayreuth) machte deutlich, dass die vereinfachte Darstellung des Investiturstreits als Konflikt zwischen religiös-kirchlicher und politisch-herrschaftlicher Sphäre nicht nur dazu geführt hat, diesen Konflikt als Ursache einer ersten Differenzierung und Distanzierung von Religion und Politik im Mittelalter zu sehen, sondern auch die Perspektive auf das frühere Mittelalter stark zu vereinfachen, indem es als „Zeit vor dem Investiturstreit“ wahrgenommen wurde, die einen Mangel an Differenzierung von geistlicher und weltlicher Sphäre aufweise.

In der vierten Sektion zu Königtum und Kirche im 12. Jahrhundert plädierte KNUT GÖRICH (München) dafür, die Heiligsprechung Karls des Großen (1165) nicht als politisches Instrument Friedrichs Barbarossa in herrschaftssichernder Absicht zu sehen, sondern vor allem das spezifische Interesse der Geistlichen des Aachener Marienstifts und die persönliche Frömmigkeit Barbarossas zu berücksichtigen. BJÖRN WEILER (Aberystwyth) eröffnete den zweiten Tag der Konferenz mit einem Überblick über das Verhältnis von Bischöfen und Herrschern im normannisch-angevinischen England, das von einer weitreichenden königlichen Kontrolle der Kirche einerseits und von intensiven bischöflichen Widerständen andererseits geprägt war. Weiler verfolgte dabei die Rolle des Bischofs als geistlich-moralischer Berater des Königs bis in die angelsächsische Zeit zurück.

In der abschließenden, spätmittelalterlichen Sektion zeichnete MARK W. ORMROD (York) die Annäherung von Monarchie, nationhood und Religion im England des 14. Jahrhunderts nach. Zum Abschluss beleuchtete AMALIE FÖSSEL (Duisburg-Essen) nicht nur die Vielfalt der Aspekte von „Religion und Politik im Heiligen Römischen Reich“, sondern auch die persönliche Frömmigkeit Karls IV. sowie ihre Auswirkungen auf seine Politik und sein Verhältnis zu den Fürsten.

Die zahlreichen fruchtbaren Diskussionen während der zweitägigen Konferenz haben gezeigt, dass eine epochen- und länderübergreifende Perspektive wichtig und nötig ist, um gemeinsame Phänomene und langfristig fortwirkende Traditionen – wie etwa die Admonitio des Bischofs gegenüber dem König – bei allen „Reformen“ und „Revolutionen“ nicht aus dem Blick zu verlieren. Die Ergebnisse der Konferenz werden in einem Tagungsband in der Reihe Prinz-Albert-Studien bei de Gruyter erscheinen.

Konferenzübersicht:

Dieter J. Weiß (Bayreuth), 1. Vorsitzender der Prinz-Albert-Gesellschaft:
Begrüßung

Ludger Körntgen (Bayreuth):
Einführung

Sektion 1: Common Heritage: Gemeinsame Grundlagen in Spätantike und Frühmittelalter

Ralf Behrwald (Bayreuth):
Staat und Kirche nach der konstantinischen Wende

Dame Jinty Nelson (London):
Religion and Politics in the Carolingian World

Sektion 2: »Hirten und Herren«: Die politische Rolle der Bischöfe im Frühmittelalter

Dominik Waßenhoven (Bayreuth):
Bischöfe als Königsmacher? Selbstverständnis und Anspruch des Episkopats bei Herrscherwechseln im 10./11. Jahrhundert

Catherine Cubitt (York):
Apocalypse and Invasion in the Reign of Aethelred the Unready (978–1016)

Sektion 3: Der Investiturstreit: ein europäisches Epochenphänomen?

Stuart Airlie (Glasgow):
A View from Afar: English Perspectives on Religion and Politics in the Investiture Conflict

Ludger Körntgen (Bayreuth):
Der Investiturstreit und das Verhältnis von Religion und Politik im Frühmittelalter

Sektion 4: Königtum und Kirche im 12. Jahrhundert

Knut Görich (München):
Karl der Große – ein »politischer Heiliger« im Stauferreich?

Björn Weiler (Aberystwyth):
Bischof und Herrscher in England, 1066–1215

Sektion 5: Die Rolle der Religion in der spätmittelalterlichen Staatlichkeit

W. Mark Ormrod (York):
The English Monarchy and the Promotion of Religion in the 14th Century

Amalie Fößel (Duisburg/Essen):
Religion und Politik im Heiligen Römischen Reich

Anmerkung:
[1] Yitzhak Hen, Charlemagne’s jihad, in: Viator 37 (2006), S. 33–51.

Zitation
Tagungsbericht: Religion und Politik im Mittelalter. Deutschland und England im Vergleich / Religion and Politics in the Middle Ages. Germany and England by Comparison, 10.09.2010 – 11.09.2010 Coburg, in: H-Soz-Kult, 11.10.2010, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-3306>.