Die Quellen und die Geschichte. 150 Jahre Beziehungen zwischen der Schweiz und Italien 1861-2011

Ort
Bern
Veranstalter
Diplomatische Dokumente der Schweiz (DDS)
Datum
26.11.2010
Von
Saffia Elisa Shaukat, Universität Lausanne

Italien existiert offiziell seit seiner Einigung im Jahre 1861. Somit unterhält die Schweiz seit fast 150 Jahren offizielle Beziehungen zu seinem südlichen Nachbarland. Das Jubiläum hat in Italien verschiedene Projekte hervorgerufen, die zum kollektiven Gedächtnis der italienischen Bevölkerung beitragen wollen. Für Italien ist es zudem eine Gelegenheit, seine Entstehung und Geschichte in Europa bekannt zu machen. Mit den europäischen Staaten hat Italien seit jeher enge Beziehungen unterhalten, sehr oft aufgrund der politisch und wirtschaftlich motivierten Migration von Italienerinnen und Italienern. Das 150-jährige Jubiläum bietet auch eine gute Gelegenheit für all jene, die sich für die Geschichte der italienisch-schweizerischen Beziehungen interessieren. Es erlaubt, den neuesten Stand der Forschungen und das noch unbearbeitete Quellenmaterial aufzuzeigen. Vor diesem Hintergrund fand auch der erste Teil der Doppeltagung „Die Quellen und die Geschichte. 150 Jahre Beziehungen Italien – Schweiz“ statt.

Die Tagung im Bundesarchiv in Bern wurde von den „Diplomatischen Dokumenten der Schweiz“ (DDS) in Zusammenarbeit mit den Universitäten Bern, Lausanne und Zürich organisiert. Ziel der Tagung war es, einen Austausch zwischen Historiker/innen und Archivar/innen zu ermöglichen und die zahlreichen schweizerischen Archivbestände zu den schweizerisch-italienischen Beziehungen zu präsentieren. Des Weiteren beabsichtigte die Tagung, verschiedene historiographische Ansätze und Forschungsmöglichkeiten aufzuzeigen sowie zu möglichst vielfältigen Forschungsarbeiten anzuregen. Die Tagung war in vier Panels mit je einem thematischen Schwerpunkt gegliedert.

Nach der Eröffnung der Tagung durch Andreas Kellerhals, dem Direktor des Schweizerischen Bundesarchivs, erfolgte eine Einführung durch Sacha Zala, Direktor der „Diplomatischen Dokumenten der Schweiz“ (DDS). Mauro Cerutti, emeritierter Professor der Universität Genf, leitete das erste Panel, in dem Quellenbestände aus einer föderalistischen Sicht analysiert werden sollten. Als erster Referent präsentierte DARIO GERARDI (Bern), Mitarbeiter der DDS, eine Übersicht über die Bestände des Schweizerischen Bundesarchives, die in Zusammenhang mit Italien stehen. Er betonte deren Reichtum und Relevanz, nicht nur in Bezug auf die Wirtschafts- und Diplomatiegeschichte, sondern auch für die Sozialgeschichte im Zusammenhang mit der italienischen Migration. GIANMARCO TALAMONA (Bellenz) vom Staatsarchiv des Kantons Tessin fokussierte seinen Beitrag auf die Rolle des Grenzkantons während des Einigungsprozesses Italiens (1848-1870). Tatsächlich sind die Bestände reich an Dokumenten „intrisi di italianità“, im Zusammenhang mit der Anwesenheit zahlreicher Kämpfer, die während des „Risorgimento“ in beiden Ländern aktiv waren.

Das letzte Referat des Panels zeigte die Rolle der italienischen Arbeitskräfte in der Entwicklung der Tourismus-Infrastruktur an der waadtländischen „riviera“ auf. ELEONORE RINALDI LECCISO (Montreux) vom Gemeindearchiv Montreux, hat das transalpine Migrationsphänomen anhand von Fallstudien von italienischen Migrationsarbeiterinnen und -arbeitern im Kanton Waadt aufgezeigt. Es wird deutlich, dass aufgrund der föderalistischen Struktur der Schweiz auch in den regionalen und kommunalen Archiven eine grosse Anzahl an reichen Beständen zu finden ist.

Das zweite Panel, geleitet von Stefanie Prezioso, Professorin am Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der Universität Lausanne, widmete sich dem kulturgeschichtlichen Aspekt. KARIN STEFANSKI (Lugano) vom Archiv Prezzolini in Lugano, illustrierte die interdisziplinäre Natur des historischen, literarischen und künstlerischen Quellenbestandes. Die präsentierten Bestände zeigen die Präsenz zahlreicher Netzwerke italienischer und schweizerischer Intellektuellen, die sich am kulturellen Leben im Tessin aktiv beteiligten. Exemplarisch wurde Giuseppe Prezzolini, Journalist und Kulturschaffender, bekannt für seine Zeitschrift „La Voce“ sowie Maria Boschetti Alberti, Pädagogin und Lehrerin, aufgeführt. Karin Stefanski hat auch an die Schriftstellerin und Psychoanalystin Aline Valangin erinnert, die während des Zweiten Weltkriegs mehrere antifaschistische Flüchtlinge aufgenommen hatte. PAOLO BARCELLA (Bergamo) von der Universität Bergamo hat die Tagung mit einem historiographischen Beitrag bereichert. Er betonte die Wichtigkeit des volkstümlichen Schriftgutes, der privaten Briefe und Memoiren der Migrantinnen und Migranten, die damit versuchten den Kontakt mit den Personen zu Hause aufrecht zu erhalten. Zudem verwies Paolo Barcella auch auf die Schultexte von italienischen Migrantenkindern oder mündliche Zeugnisse, die für das Studium beispielsweise der Perzeption des Aufnahmelandes von Bedeutung seien. Es bestehe eine Notwendigkeit diese für die Migrationsgeschichte bisher vernachlässigten Quellen, in den zuständigen Archiven zu sichern.

Hans Ulrich Jost (Lausanne), emeritierter Professor der Universität Lausanne, präsidierte das dritte Panel zur Sozialgeschichte. Erste Referentin war die Direktorin des Schweizerischen Sozialarchivs, ANITA ULRICH (Zürich). Sie betonte die Materialfülle betreffend die Geschichte der italienischen Organisationen und Vereine in der Schweiz. Sie regte eine systematische Erforschung der Vereine an, die die Migranten in ihrer Integration in der Schweiz unterstützten. Besonders die Bestände der „Federazione delle colonie libere italiane in Svizzera“ sowie die Dokumentation zu der Schwarzenbach-Initiative wurden hervorgehoben. GABRIELE ROSSI (Bellenz) von der Fondation Pellegrini Canevascini, fokussierte die Geschichte der Arbeiterbewegung, eine Thematik die einen zentralen Platz in diesem Archiv einnimmt. Die 80 Archivbestände enthalten ausgezeichnete Dokumente für das Studium der sozioökonomischen Realitäten des italienisch-schweizerischen Arbeitsmarktes. Insbesondere hob der Referent folgende Bestände im Zusammenhang mit der italienischen Immigration in die Schweiz hervor: den Bestand der Zeitung „Libera Stampa“ von Guglielmo Canevascini und Francesco Borella, den Bestand der Unternehmung „Monteforno“, den Bestand der „Arbeitskammer“ sowie den Bestand der „ECAP“. Dabei muss die spezifische Position des Tessins berücksichtigt werden. Der Kanton befand sich oft in der Opposition zur Eidgenossenschaft, beispielsweise in der Frage des italienischen Faschismus oder bezüglich Beziehungen zwischen den ausländischen und schweizerischen Arbeitskräften.

Das letzte Panel mit Fokus auf die audiovisuellen Quellen wurde von Kurt Deggeler, Direktor von „Memoriav“, geleitet. MATILDE GAGGINI (Lugano), vom Archiv der „Radiotelevisione svizzera“ (RSI) hat anhand des Aufbaus des Medienarchivs den Prozess einer Rekonstruktion eines öffentlichen Gedächtnisses aufgezeigt. Es sei Ausdruck eines wachsenden Bewusstseins über den Wert dieser Kommunikationsmittel in der heutigen Gesellschaft. Sie zeigte zudem die Wichtigkeit der Archive der Fernseh- und Radioproduktionen für die Migrationsgeschichte auf: „Un’ora per voi“, „Telesettimanale“, „Vicini in Europa“, „Per i lavoratori italiani in Svizzera“, „Amici Italiani“, etc. Dabei gehe es darum, dass die Historiker und Historikerinnen die Komplementarität der audiovisuellen und schriftlichen Quellen erfassen.

Zum Schluss zeigten ANDREA VOELLMIN und NORA MATHYS (Aarau) vom Staatsarchiv des Kantons Aargau eine Reihe von Fotografien von wichtigen italienischen Vereinigungen und Persönlichkeiten im Zusammenhang mit der Schweiz und konkretisierten damit den Diskurs um die Wichtigkeit von visuellen Quellen für die Geschichtsschreibung. Das Staatsarchiv des Kantons Aargau hat sich auf die Archivierung von Fotografien spezialisiert, insbesondere dank der Schenkung des Ringierarchivs, welches sieben Millionen Fotografien enthält.

Die Tagung hat die internationalen Beziehungen zwischen der Schweiz und Italien, insbesondere die bilateralen kulturellen und sozialen Kontakte betont. Damit verschreibt sie sich dem Ansatz einer „europäischen Geschichte der Schweiz“ und sprengt die Grenzen der ausschließlich nationalen Geschichtsschreibung, die die schweizerische Geschichtsschreibung bisher maßgeblich geprägt hat. Die Geschichte der italienischen und schweizerischen Aktivist/innen, der Migrant/innen, die auf einer riesigen Vielfalt von Quellen basiert, anerbietet sich, um die bisherigen historischen Forschungsarbeiten zu ergänzen und auszuweiten.

Diese Tagung hat es zudem erlaubt, die Kontakte zwischen Wissenschaftler/innen zu fördern, die sich für die gleichen Fragestellungen interessieren. Dies ist umso wichtiger, weil es in der Schweiz an einer universitären Institution als Referenz für die italienische Geschichte fehlt. Aus diesem Grund sieht sich diese Tagung auch nicht als ein singulärer Anlass, sondern als ein Ausgangspunkt, der sich in ein größeres, ambitiöses Projekt einbettet: So handelt es sich bei ihr nur um den ersten Teil einer Doppeltagung. Die zweite Tagung findet 2011 in Rom statt. Außerdem wurden verschiedene Arbeitsinstrumente rund um dieses Jubiläum kreiert: Archive haben die Möglichkeit ein online-Formular zu nutzen um ihre Bestände anzugeben. Damit soll eine Übersicht über die schweizerischen Archivbestände zu den Beziehungen Schweiz-Italien geschaffen werden. Zudem wurden die Kontakte zu Italien intensiviert: Eine gemeinsame Website wurde kreiert um die Themen der schweizerisch-italienischen Beziehungen den Schulen näher zu bringen.[1] In diesem Zusammenhang sollte auch das wichtige Engagement des wissenschaftlichen Organisationskomitees dieses Projektes erwähnt werden: Carlo Moos, Professor an der Universität Zürich, Nelly Valsangiacomo, Professorin an der Universität Lausanne und Sacha Zala, Direktor der Diplomatischen Dokumente der Schweiz (DDS), die sich der wichtigen Geschichte der Beziehungen zwischen der Schweiz und Italien verschrieben haben.

Konferenzübersicht:

Begrüßung: Andreas Kellerhals, Direktor Bundesarchiv

Introduzione: Sacha Zala, Direttore DDS

I. Lo sguardo federalista / Der föderalistische Blick
Presiede: Mauro Cerutti

Dario Gerardi, Les relations italo-suisses à travers les sources des Archives fédérales: nouvelles approches et pistes de recherche.

Gianmarco Talamona, Un Cantone di fronte all’Unità italiana (1848–1870). La posizione del Ticino a partire dai fondi dell’Archivio di Stato, tra storiografia tradizionale e nuovi filoni d’indagine.

Eleonore Rinaldi Lecciso, La main-d’oeuvre italienne et la construction des villes touristiques de la Riviera vaudoise au XIXe siècle. Traces de micro-histoire dans les archives privées, hôtelières et communales.

II. L’approccio culturale / Die kulturelle Annäherung
Presiede: Stefanie Prezioso

Karin Stefanski, Valore consistenza e utilizzo dei Fondi conservati all’Archivio Prezzolini (Biblioteca cantonale Lugano). Un patrimonio da maneggiare con cura.

Paolo Barcella, Scrittura popolare, scrittura scolastica, storia orale: nuovi archivi per la storia degli italiani in Svizzera.

III. Per una storia sociale / Für eine Sozialgeschichte
Presiede: Hans Ulrich Jost

Anita Ulrich, „Wir wollten Arbeitskräfte, aber es kamen Menschen“. Quellenbestände im Schweizerischen Sozialarchiv.

Gabriele Rossi, Quando Svizzera e Italia si confondono. Fonti da un mercato del lavoro al di sopra della frontiera.

IV. L’apporto delle fonti audiovisive / Audiovisuelle Quellen
Presiede: Kurt Deggeller

Matilde Gaggini, Il profumo del Novecento – Suoni e immagini per la ricerca storica negli archivi della SSR: itinerari italo-svizzeri.

Andrea Voellmin, Italien-Schweiz – Fotografische Beziehungen im Ringier Bildarchiv.

Nelly Valsangiacomo, Conclusioni.

Anmerkung:
[1] <http://www.italiasvizzera150.it> (14.02.2011).

Zitation
Tagungsbericht: Die Quellen und die Geschichte. 150 Jahre Beziehungen zwischen der Schweiz und Italien 1861-2011, 26.11.2010 Bern, in: H-Soz-Kult, 19.02.2011, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-3547>.