Zeitzeugen und Vermittlungsarbeit. Erfahrungen und Perspektiven an NS-Gedenkorten in Westfalen

Ort
Dorsten
Veranstalter
Jüdisches Museum Westfalen, Dorsten; Bildungswerk der Humanistischen Union, Essen; LWL-Museumsamt für Westfalen, Münster
Datum
28.02.2011
Von
Norbert Reichling, Essen / Anna Gomoluch, Münster

Lebensläufe von Opfern und Tätern sind wichtige Säulen der Vermittlungs- und Forschungsarbeit in den Gedenkstätten und Erinnerungsorten zur Geschichte des Nationalsozialismus. Aber der „Abschied von der Zeitgenossenschaft“ (Norbert Frei) scheint erreicht. Die aktive Mitarbeit von Zeitzeuginnen und Zeitzeugen an den NS-Gedenkstätten ist in den letzten Jahren immer mehr zurückgegangen. Zunehmend rücken jetzt die Pioniere früherer Gedenkbewegungen in den Vordergrund. Das Gedenken erfährt seine eigene Historisierung.

Auch an den NS-Gedenkstätten in Westfalen werden unterschiedliche Erfahrun­gen mit diesem zeitlichen Umbruch gemacht. Die Kontakte zu den „letzten noch Überlebenden“, die Veränderung der Forschung und der Vermittlung, aber auch der Rückblick und schließlich der Ausblick auf zukünftiges Gedenken standen im Blickpunkt einer Tagung, die das Jüdische Museum Westfalen (JMW) in Dorsten in Zusammenarbeit mit dem Bildungswerk der Humanistischen Union (Essen) und dem LWL-Museumsamt für Westfalen (Münster) am 28. Februar 2011 ausgerichtet hat. Mehr als 50 Interessierte aus Gedenkstätten und Museen, Archiven, Schulen und Erwachsenbildung, Hochschulen, Geschichtsinitiativen und -agenturen beteiligten sich an dieser Veranstaltung.

Die Begrüßung nahmen die Tagungsleiter NORBERT REICHLING (Dorsten) und ANNA GOMOLUCH (Münster) zum Anlass, auf die lokale und vielfältige Arbeit der westfälischen NS-Gedenkstätten Bezug zu nehmen. Entstanden aus bürgerschaftlichem Interesse in den 1980er-Jahren, leisten diese Einrichtungen wichtige Forschungs- und Vermittlungsarbeit vor Ort, an der Zeitzeugen stets beteiligt waren. Ihre Rolle, ihre Leistungen und die Erfahrungen aus dem Umgang mit ihnen sollten in den Vorträgen auf vielfältige Art und Weise beleuchtet werden. Im Dorstener Jüdischen Museum – selbst einem Beispiel für die zivilgesellschaftlichen Projekte der 1980er-Jahre – spielen biografische Perspektiven eine große Rolle für Ausstellungs- und Bildungsarbeit.

Zu den Fragestellungen der Tagung gehörte auch die Problematisierung des „Wunderglaubens“ an die Überzeugungs- und „Bekehrungskraft“ von Zeitzeugen – „überwältigende“ Zugänge also, die eigentlich einer offenen demokratischen Bildungsarbeit nicht angemessen sind Möglicherweise eröffnen sich auch neue Chancen im Ende der direkten Zeitzeugenschaft, indem Distanz und Quellenkritik leichter werden?

Die schon begonnene Historisierung des Gedenkens und der Erinnerungskämpfe der 1950er- bis 1990er-Jahre sei möglich und erforderlich. Beides war auch Impuls für eine im Sommer 2011 geplante Ausstellung und gleichnamige Begleitpublikation des LWL-Museumsamtes mit dem Arbeitstitel „Bruchstücke. Eine biographische Spurensuche an Orten des NS-Gedenkens in Westfalen“, aus deren Kontext die Tagung und ihre Beiträge hervorgingen. Damit rückt eine neue Zeitzeugenschaft in den Fokus, die noch lange nicht ausstirbt: die der geschichtskulturellen Auseinandersetzungen. Dies ist keine elitär-versponnene Fragestellung, sondern führt ins Zentrum heutiger Fragen: Warum geht uns diese Geschichte noch etwas an? Welche verschiedenen Lesarten gibt es? Und was hat die NS-Geschichte einer demographisch völlig veränderten Bevölkerung zu „vermitteln“?

Das erste Modul, „Beispiele von Pionierarbeit“, stellte die Frage nach den Anfängen der Gedenkstättenarbeit in Westfalen, aber auch nach ungewöhnlichen und neuen Ideen. Ein Zeitzeugengespräch mit SR. JOHANNA EICHMANN (Dorsten) leitete das Modul ein. Johanna Eichmann, 1926 in Recklinghausen als Kind einer jüdischen Mutter und eines katholischen Vaters geboren, gehört seit 1952 dem Dorstener Ursulinen-Konvent an und war lange Jahre Leiterin des Gymnasiums St. Ursula. Seit seiner Gründung engagiert sie sich als ehrenamtliche Leiterin am Jüdischen Museum Westfalen (JMW) und ist heute Ehrenvorsitzende des Trägervereins. Soeben erschien der erste Teil ihrer Lebenserinnerungen.[1]

In ihrer Schilderung der Jahre nach dem Ende der NS-Herrschaft (z.B. über das Schweigen der Universitätslehrer zu ihrer Vergangenheit, über erste Gedenkinitiativen, den Umgang mit der eigenen jüdischen Herkunft und die „Geschichtsbewegung“ der 1980er-Jahre) wurde deutlich, dass das Sprechen über den Nationalsozialismus in Familie und Gesellschaft nicht von Anfang an selbstverständlich war. Auch musste sie nach dem Krieg am eigenen Leib Antisemitismus erfahren. Das Gespräch mit Johanna Eichmann zeigte eindrücklich, wie sich das Gedenken an die NS-Zeit seit 1945 entwickelt hat und wie ihre eigene Biographie mit diesen Entwicklungen verflochten ist.

Der folgende Vortrag von JÜRGEN SCHEFFLER (Lemgo), dem Leiter des Museums Hexenbürgermeisterhaus und der Dokumentationsstätte Frenkel-Haus, hatte u.a. frühes Gedenken im Kreis Lippe zum Thema. Bereits im Jahr 1948 fand in Lemgo eine erste und beispiellose Gedenkveranstaltung statt. Engagierte Bürger haben sie in Gedenken an die jüdischen Opfer der Stadt organisiert.[2] Scheffler betonte, wie sehr das jeweilige Gedenken an eine oder mehrere Personen von den politischen Machtverhältnissen im Rat und herrschenden Ideologien beeinflusst wurde, welche Kräfte des Widerstands gewürdigt wurden und welche nicht. Und in der Analyse eines Besuchsberichts von Arie Goral aus den 1980er-Jahren zeigte Scheffler exemplarisch auf, wie kompliziert die Erinnerungsbedürfnisse einer gutmeinenden Kommune und eines jüdischen Gastes ineinander verwickelt sein konnten.

Im nächsten Vortrag des ersten Moduls berichtete KLAUS DIETERMANN (Siegen), der ehrenamtliche Leiter des Aktiven Museums Südwestfalen, von seinen Erfahrungen als Rektor an einer Grundschule im Kreis Siegen-Wittgenstein. Klaus Dietermann führt regelmäßig mit Schülerinnen und Schülern der vierten Klasse eine Unterrichtsreihe zum Thema „Jüdisches Leben in unserem Ort“ durch. Kinder im Grundschulalter wüssten schon erstaunlich viel über die NS-Zeit, so der Referent. Mit einem lokalen Bezug, einem offenen Umgang und kindgerechten Materialien ließen sich zudem das große Interesse und die ausgeprägte Neugier der Grundschüler nutzen, um eine erfolgreiche und pädagogisch bewährte Bearbeitung zu erreichen. Im Gegensatz zur oft befürchteten „Schockpädagogik“ gebe es heute reflektierte Konzepte, am Beispiel von lokalen Biografien Mechanismen der Ausgrenzung angemessen zu thematisieren; dabei könne an die Gerechtigkeitsimpulse dieser Altersgruppe hervorragend angeknüpft werden. Nicht nur „Opfer-Erzählungen“, sondern auch und gerade „Retter-Geschichten“ seien für sie besonders geeignet.[3]

Das zweite Modul beinhaltete „Erfahrungen vor Ort – Berichte aus den Gedenkstätten“. Dabei stellten die Referenten zwei Themen vor, die nicht von Anfang an zum Repertoire der Gedenkarbeit gehört haben und die sich erst über Jahre hinweg entwickeln mussten.

STEFAN QUERL (Münster) vom Geschichtsort Villa ten Hompel präsentierte anhand eines Dialogs mit dem Plenum den Umgang und die Vermittlung von Täterbiographien, wie er sie in seiner Arbeit als pädagogisch-wissenschaftlicher Mitarbeiter regelmäßig durchführt. Dabei sensibilisierte er die Teilnehmer/innen für typische Fallen, in die man bei dieser Arbeit leicht stolpern kann. Dazu gehörten zum Beispiel vorschnelle Urteile, Mitleid mit den Tätern, eine einseitige Schilderung von Erlebnissen, aber auch die Beobachtung, dass die eigene Urteilsfähigkeit durch verschiedene Faktoren beeinflusst werden kann. „Täter-Quellen“ sind rar und haben in der Regel eine eigene Struktur, die von ihren Entstehungszusammenhängen (z.B. justiziellen) nicht abgelöst werden können. In diesem Referat wurde deutlich, dass ein „richtiger“ Umgang mit Biographien von Tätern vor allem darauf angewiesen ist, die eigenen Reaktionen zu reflektieren.

Ein hochgradig aktuelles Thema präsentierte OLIVER NICKEL (Schloß Holte-Stukenbrock), Leiter der Dokumentations- und Gedenkstätte Stalag 326 (VI K). Er berichtete von seinen Erlebnissen mit Kindern und Enkeln von ehemaligen sowjetischen Kriegsgefangenen, die regelmäßig (und oft sehr spontan) die Gräber ihrer Väter und Großväter in der Gedenkstätte besuchen. Diese neue Entwicklung – durch Reisefreiheit und neue Informationskanäle im Internet gefördert – stelle eine große Herausforderung dar. Dabei komme es zu freundschaftlichen Begegnungen, aber auch zu emotionalen Momenten, durch die die ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter stark gefordert und in manchen Fällen auch überfordert werden. Insgesamt aber, so Nickel, seien diese Erfahrungen ein wichtiger Motor dafür, die Arbeit an der Dokumentationsstätte weiter zu betreiben und auch die wissenschaftliche Recherche zu intensivieren.

Im dritten Modul, den „Perspektiven“, wagten die Referenten eine museologische Beurteilung der Zukunft der Gedenkstätte. ALFONS KENKMANN (Münster/Leipzig) ging der Frage nach, wie der Zeitzeuge seinen Weg in die Gedenkstättenarbeit gefunden hat. Hier erinnerte er an die überaus starke Impulsfunktion, die der Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten hatte; schon in seinem zweiten Ausschreibung 1975 setzte er mit dem Thema „War Opa revolutionär?“ (zur Novemberrevolution 1918) auf die Methode der Oral History, die damals in der universitären Szene noch kaum verankert war. Wenngleich inzwischen im Kontrast zu den pathetischen Anfängen „alternativer Geschichtsschreibung“ eine Aufwertung „traditioneller“ Quellen zu verzeichnen ist, bleibt es doch bei spezifischen Qualitäten der Zeitzeugnisse, die weniger für die Realgeschichte als vielmehr für die Verarbeitungs- und Rezeptionsgeschichte entscheidend bleiben.[4]

ANN-KATRIN THOMM (Bonn) vom Haus der Geschichte der Bundesrepublik ging in ihrem abschließenden Vortrag „Zur Zukunft der Erinnerung“ der Frage nach, welche Nachteile, aber auch welche Chancen der Generationenwechsel in der Zeitgenossenschaft bringen kann. Die Ausgangslage für Geschichtsdebatten zur NS-Herrschaft habe sich drastisch verändert: Nicht mehr die Gefahr des „Vergessens“ sei eine Herausforderung, sondern – so u.a. Aleida Assmann – die drohende Verflachung und Stereotypisierung dieser Diskurse. Habe die Gründer-Generation der NS-Gedenkstätten nach „Beweisorten“ für beschwiegene Verbrechen gesucht, sei der Umgang mit dem Thema heute pragmatischer, auf die unvermeidliche Bruchstückhaftigkeit unseres Wissens und unserer pädagogischen Befassung damit orientiert. Die mitgebrachten „Bilder“, geprägt durch Medien und Familienüberlieferungen, zu überdenken, sei heute der Hauptauftrag solcher Lernorte.

Sie kam zu dem Schluss, dass neben dem Verlust von wichtigen Gesprächspartnern sich die Möglichkeit eröffnet, althergebrachte Fragestellungen zu überdenken und aus der Distanz heraus neue Fragen zu stellen. Insgesamt prophezeite sie den Gedenkstätten eine qualitativ gute Weiterführung ihrer Arbeit, da das Bewusstsein für eine Vermittlung ohne Zeitzeugen und für den Generationswechsel bereits an den Gedenkorten angelangt sei. Sie appellierte an die Erinnerungsorte, die jeweilige Spezifik ihrer Örtlichkeiten als Lerngelegenheiten zu nutzen, und forderte auch die entsprechenden Ressourcen ein, um die Professionalität auch in Sachen Sammlung/Dokumentation, Forschung und Pädagogik weiter zu steigern. In der anschließenden Diskussion ergänzte Kenkmann diese positive Darstellung und betonte seinerseits die schwierige personelle und finanzielle Situation vor allem an den kleinen Gedenkstätten.

In ihrer Vielfältigkeit haben die Vorträge verdeutlicht, wie unterschiedlich die Arbeit mit und auch ohne Zeitzeugen an den westfälischen Gedenkorten gehandhabt wird. Dabei spielen die individuellen Bedingungen, die finanzielle und personelle Situation und das persönliche Engagement der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eine entscheidende Rolle. Die Zeitzeugen haben den Aufbau und die Etablierung der Gedenkstätten aktiv begleitet. Eine Zukunft ohne ihre Beteiligung kann neue Möglichkeiten eröffnen. Gleichzeitig ist es wichtig, sie nach wie vor als Teil der Gedenkarbeit wahrzunehmen und ihre Aussagen als historische Quelle zu betrachten – eine Quelle, die nicht nur sachliche Ergänzungen bietet, sondern zugleich stets an die Daueraufgabe einer multiperspektivischen Analyse erinnert.

Konferenzübersicht:

Anna Gomoluch, Norbert Reichling: Einführung

Zeitzeugengespräch „Facetten der Erinnerungsarbeit seit 1945“ mit Sr. Johanna Eichmann (Dorsten)

Jürgen Scheffler (Dokumentations- und Begegnungsstätte Frenkel-Haus Lemgo): Schwieriges Erinnern - die Auseinandersetzung mit dem Holocaust nach 1945 am Beispiel Lippes

Klaus Dietermann (Aktives Museum Südwestfalen, Siegen): Holocaust – ein Thema für die Grundschule?

Stefan Querl (Geschichtsort Villa ten Hompel, Münster): Täterbiographien und ihre Vermittlung am Geschichtsort Villa ten Hompel

Oliver Nickel (Dokumentationsstätte Stalag 326, Schloß Holte-Stukenbrock): Den Ort des Leidens besuchen. Angehörige von ehemaligen sowjetischen Kriegsgefangenen an der Dokumentationsstätte Stalag 326, Schloß Holte-Stukenbrock.

Alfons Kenkmann (Geschichtsort Villa ten Hompel, Münster und Universität Leipzig): Wie kam/kommt der Zeitzeuge in die Gedenkstättenarbeit?

Ann-Katrin Thomm, Köln: Zur Zukunft der Erinnerung

Anmerkungen:
[1] Johanna Eichmann: „Du nix Jude, du blond, du deutsch“. Erinnerungen 1926-1952, Essen 2011.
[2]Siehe Hanne Pohlmann/Klaus Pohlmann/Jürgen Scheffler: Lokale Erinnerung im Schatten der Vergangenheit. Die Gedenkfeier für die lippischen Juden in Lemgo 1948, Bielefeld 2009.
[3] Dietermann verwies u.a. auf die Vorarbeiten von Heike Deckert-Peaceman.
[4] Vgl. auch den Tagungsbericht von C. Schmidt unter http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=3479 (28.3.2011).

Zitation
Tagungsbericht: Zeitzeugen und Vermittlungsarbeit. Erfahrungen und Perspektiven an NS-Gedenkorten in Westfalen, 28.02.2011 Dorsten, in: H-Soz-Kult, 03.04.2011, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-3611>.
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Veröffentlicht am
03.04.2011
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