Unausstellbar? Zwei Workshops zur Präsentation des Nationalsozialismus heute

Ort
Düsseldorf
Veranstalter
Veranstaltergemeinschaft aus Landeszentrale für politische Bildung NRW, dem Schulministerium NRW, dem Bildungswerk der Humanistischen Union und anderen
Datum
04.11.2003 - 09.12.2003
Von
Norbert Reichling, Bildungswerk der Humanistischen Union

Workshop "Reliquien oder Relikte? Zwischen Bewahrpädagogik und NS-Devotionalienschau"

Paradigmenwechsel und "Umbauten" in der Gedenkstättenlandschaft und Geschichtskultur sind etwas Heikles: Grundsätzlich werden sie, was auch immer intendiert und getan wird, vom Verdacht der "Relativierung" und meist auch von so genannten Pannen begleitet, Versuche undogmatischen Experimentierens mit Darstellung und Vermittlung werden sehr leicht "skandalisiert", weil sie die Gefühle einzelner Opfergruppen, vertraute Gedenkrituale oder die Axiome schlichter Geschichtsbilder in Frage stellen. Zwei Workshops im Herbst 2003, angeboten von einer Veranstaltergemeinschaft aus Landeszentrale für politische Bildung NRW, dem Schulministerium NRW, dem Bildungswerk der Humanistischen Union und anderen, setzten an dieser Problemlage an.

Generationenwechsel, neue Pädagogiken, Fortschritte der Forschung und eine sich verändernde gesellschaftliche Diskurslage legen neue Darstellungsformen und -formate nahe, die hier von ca. 30 ExpertInnen aus Gedenkstätten, Museen, Schulen, Jugend- und Erwachsenenbildung, Historikern und Ausstellungsgestaltern diskutiert wurden. Die erste Veranstaltung am 4. November 2003 befasste sich unter dem Titel "Reliquien oder Relikte? Zwischen Bewahrpädagogik und NS-Devotionalienschau" mit der vermeintlichen oder tatsächlichen Attraktivität "affirmativer Relikte" des Nationalsozialismus.

Mit den "Schwierigkeiten des Ausstellens" setzte sich der Einführungsbeitrag von Bernhard Purin auseinander. Purin - Direktor des Jüdischen Museums München und zuvor viele Jahre an gleicher Stelle in Fürth tätig - machte eigene und fremde Erfahrungen mit Ausstellungs-Kontroversen zum Ausgangspunkt seiner Überlegungen. Die im Münchner Stadtmuseum im Juni 2003 eröffnete Ausstellung "Chiffren der Erinnerung" wurde im Vorfeld aufgrund eines vielleicht etwas naiven Konzepts von Oberbürgermeister Christian Ude als Devotionalienschau, als "folkloristische SA-Lederhosen-Schau" [1] denunziert - ohne jeglichen Verweis auf einen 10 Jahre zuvor ausgetragenen Streit um die Ausstellung "Hauptstadt der Bewegung", die teilweise mit den gleichen Exponaten arbeitete und dem gleichen Vorwurf ausgesetzt war. Die angeordnete "Überarbeitung" erwies sich als minimale Korrektur - statt des perhorreszierten "Röhm-Dolchs" etwa ist nun ein Foto davon zu sehen. Abgesehen von der Frage, ob Oberbürgermeister Ausstellungen "abnehmen" und "absagen" sollten - der eigentliche Kern der Kritik blieb in diesen wie vielen anderen Fällen merkwürdig undeutlich: Ging es um ungenaue Informationen, um eine altbacken-naive Präsentation, um eine "nationalsozialistische Ausstrahlung" auf heutige Besucher und "Rückfallgefahren", um die Gefühle der Opfer des NS-Regimes?

Ein erster Hinweis auf die konkurrierenden Maßstäbe ergibt sich aus den Kontexten weiterer Skandal-Beispiele: Die "Posener Masken", so genannte anthropologische Gipsmasken von KZ-Insassen und internierten Juden, 1993 im Jüdischen Museum Wien gezeigt, wurden ebenso mit dem Hinweis auf die Menschenwürde problematisiert wie die aktuelle "Körperwelten-Ausstellung" von Hagens. (Ähnliches muss wohl auch für die fotografische Dokumentation exekutierter "Täter" gelten.) Die Kritik an "Feinkost Adam" aber - einer künstlerisch-verfremdenden Auseinandersetzung mit Klischees über Juden und Judentum im Jüdischen Museum Franken [2] - lief im Grunde auf ein Ironie-Verbot (auch für jüdische Diskursteilnehmer) hinaus. In Kunstausstellungen wie "Mirroring Evil" (New York 2003) oder "Wonder Years" (über den Stellenwert der Shoah in Israel, Berlin 2003) indes scheinen die geduldeten oder akzeptierten Räume für eine undogmatische Beschäftigung mit NS-Bildwelten größer zu sein.

Purins Plädoyer war eindeutig: Auch (kultur)geschichtliche Museen und Ausstellungen müssen sich vom tatsächlichen oder zugeschriebenen Anspruch als "hehrer Ort der Wahrheit" distanzieren und Mehrdeutigkeit wie Rückfragen zulassen. Die Professionellen sollten sich vom Muster "narrativer" Ausstellungen und den Ansprüchen nachträglicher Sinngebung entschlossen lösen und als fragmentarische Einladung zur Reflexion "radikal-subjektivistische Gedankenblitze" und "begehbare Zettelkästen" anbieten. So genannte "curatorial statements", wie sie etwa in der australischen Museumslandschaft [3] selbstverständlich geworden sind , können exemplarische Dilemmata des Ausstellens formulieren und der Kommunikation zwischen "Machern" und Besuchern zugänglich machen.

Aus der langjährigen Praxis eines Ortes, dem eine spezifische "Aura" zugetraut wird, berichtete Wulff E. Brebeck, Leiter des Kreismuseums Wewelsburg, das seit 1982 auch die Dokumentation "Wewelsburg 1933-1945" umfasst. Wiewohl er die Guido Knopp'sche Stilisierung des Ortes zum "Vatikan der SS" verwarf, müsse die ideologisch-ästhetische Gegenwelt des NS-Regimes in der nun erarbeiteten Neukonzeption ebenso einen Platz haben wie andere Dimensionen der örtlichen NS-Geschichte (NS-Dorfgemeinschaftshaus, KZ Niederhagen, Wehrertüchtigungslager). Problematische Exponate - in der alten Ausstellung halbherzig banalisiert - werden zukünftig offensiver gezeigt werden - etwa der (wie man heute weiß) gefälschte SS-Ring, dessen Fälschungsgeschichte und Nachkriegsmythos mindestens ebenso aufklärend ist wie sein lange vermuteter Stellenwert in der NS-Zeit.

Das Lob der "Uneindeutigkeit" wurde fortgesetzt von Dr. Michael Zimmermann, Kurator der im Entstehen begriffenen stadtgeschichtlichen Ausstellung "Herzlich willkommen in der Waffenschmiede des Reiches!" über den Nationalsozialismus in Essen. Mit Vilém Flusser plädierte er gegen lineare Darstellungen und für mehrdeutige Ausstellungswelten, die dem konnotativen, beinahe magischen Charakter individueller Bildgedächtnisse ebenso Raum geben wie dem aufklärenden Text. Von der argumentierenden Ausstellung (dem "begehbaren Buch" der 70er Jahre) müssten Ausstellungsmacher zu einem offeneren Setting vordringen, das auch Elemente der subjektiv-sperrigen "Wunderkammer", des verfremdenden "Tableaus" und des ästhetisch-animierenden "Schaufensters" [4] integriere. Im Kontrast zu den 70er und 80er Jahren bedürften heutige Bemühungen um eine Auseinandersetzung mit der NS-Zeit nicht mehr der antiautoritären Distanzierung von Elterngeneration und Mehrheitsgesellschaft - die wachsende Ferne des Lerngegenstands stelle die Intention und Konzeption der "Erinnerung" in Frage, da diese zunehmend zu einer Erinnerung an Medienprodukte und Erfahrungen Dritter wird.

Daraus ergeben sich nach Zimmermann vier Qualitätskriterien für künftige museale Aktivitäten: Eine multiperspektivische Darstellung ohne geschichtspädagogische Überwältigung, eine kritische Historisierung der NS-Geschichte, die das Spezifische dieser Periode durch Blicke auf Vor- und Nachgeschichte und durch vergleichende Inszenierungen illustriere, und eine biographische Perspektive, in der Verhaltensweisen und Handlungsspielräume von Einzelnen und Gruppen deutlich werden, seien gleichermaßen unerlässlich. Nicht ganz verzichten will er aber viertens auf eine in der Gliederung von Ausstellungen erkennbare "Verdichtung und Typisierung", eine Akzentuierung der gewaltförmigen, kriegerischen und rassistischen Hauptmerkmale des Regimes (womit doch ein kognitiv-aufklärendes "Geländer" beibehalten wird).

Dass Wechselausstellungen und Kunstmuseen "mehr dürfen" als Dauerausstellungen, war zwar Konsens der anwesenden ExpertInnen - dennoch konnte auch der freie Künstler und Ausstellungsmacher Rudolf Herz aus München eine beachtliche Leidens- und Skandalgeschichte beisteuern. Ausgangspunkt seiner Beobachtungen waren das Zerkratzen von (zumeist Täter-) Fotografien in Gedenkstätten wie Dachau durch Besucher und die Frage, ob es sich hier um hilflose Versuche handle, die Faszination zu "bannen"? Auch seine Installationen (wie die Schau der Hoffmann'schen Hitlerfotos oder "Zugzwang" mit Adolf- Hitler- und Marcel Duchamp-Fotos), die sich vom oft naiven Umgang der "schriftgelehrten" Historiker mit Bildern abzusetzen versuchen, sind indes immer wieder als "unkommentierte" Nazi-Ausstellungen "skandalisiert" worden. Die Resonanz in den Medien und bei kulturpolitisch Verantwortlichen zeige, dass kritisches Bewusstsein bei bestimmten Bildern und "Ikonen" immer wieder zu versagen drohe.

Über "Authentizität" als didaktischen Zugang beim schulischen Geschichtslernen referierte die Essener Lehrerin Dr. Gabriele Lotfi. Fotos, Lieder, Orte der NS-Zeit und NS-Verbrechen erlaubten eine Mobilisierung von Empathie und Analysebereitschaft, die andere Materialien nicht zustande brächten: Die Beschreibung von Zeitstimmungen, die Lokalisierbarkeit von Großverbrechen und der mit Zeitzeugen einzuübende Perspektivenwechsel seien geeignete Mittel, auch solchen SchülerInnen zu einem komplexeren Geschichtsbild zu verhelfen, die nicht übermäßig interessiert seien, NS-Themen "schon wieder" zu behandeln. Nichtsdestoweniger wurde der Authentizitätsbegriff heftig problematisiert: Gerade an den Beispielen von Zeitzeugen und Gedenkstätten lasse sich nachweisen, wie ein verbreiteter unreflektierter Umgang neuere Differenzierungen der Forschung geradezu untergrabe. Dass man aber Orte und ihre Zeitschichten auch zu lesen lernen kann und darin ein spezifisches Aufklärungspotential liegt, war wiederum konsensfähig.

Aus der Perspektive des Gestalters vertrat Prof. Norbert Nowotsch (FH Münster) die These, dass Ausstellungsmacher es mit Räumen zu tun haben, die durch Materialien, Farben, Möbel und Typographie "stimmbar" sind. Einige Blicke in seinen Handwerkskasten unterstrichen diesen Optimismus - den Umgang mit "Aura" beispielsweise durch "sichtbares Weglassen" und "offenes Verbergen", die Chancen der Text-Staffelung bis hin zu Hypertext-ähnlichen Darstellungen. Als häufig kritische Punkte nannte er die Gruppentauglichkeit von Ausstellungen und ihre "Passung" mit den verschiedenen Nutzergenerationen. Seine vier Gebote für Gestaltung und Gestalter von Ausstellungen lauteten: Offenheit, Distanz, Reduktion und Stillosigkeit (im Sinne einer dienenden, nicht dominierenden Formensprache).

Workshop "'Täterblick' und Ausgrenzung"

"'Täterblick' und Ausgrenzung" war der Titel des zweiten Workshop am 9. Dezember 2003 und wandte sich den "diskriminierenden Relikten" des NS-Regimes zu; wiederum wurde aus verschiedenen Blickwinkeln beschrieben, wie der ausstellerische und geschichtsdidaktische Umgang mit rassistischen Zeugnissen aussehen könnte. Zwei Ausstellungen über auch nach 1945 diskriminierte Gruppen eröffneten die Debatte: die umstrittene Schau "Besondere Kennzeichen: Neger. Schwarze im NS-Staat" und eine Ausstellung über Verfolgung Homosexueller im Nationalsozialismus (beide im Kölner NS-Dokumentationszentrum gezeigt). Das erstgenannte Beispiel lehre (bei aller Selbstkritik der Ausstellungsmacher im Detail), so Prof. Horst Matzerath, dass jeder Versuch, die Geschichte der Opfer zu erzählen, im Kontext heutiger Identitätsdefinitionen und -kämpfe landen könne, was einen unüberbrückbaren Konflikt zwischen historischer Forschung und Political Correctness konstituiere: Wo endet die historische Dokumentation, und wo beginnt eine "Wiederbelebung kolonialer Begriffe und untergründiger Ressentiments"? Wer ist befugt, für diskriminierte Minderheiten und die "Mehrheitsgesellschaft" zu sprechen, und wo verschwimmt der Diskurs im Nebel imaginierter "Opfer"- und "Täter"-Kollektive? Jedenfalls schien hier ein exemplarischer Fall vorzuliegen, in dem allzu "wirkungsmächtiges" historisches Material sich vom Versuch der kritischen Präsentationsform losgerissen hat. Ganz anders bei der in Kooperation von NS-Dokumentationszentrum und Centrum Schwule Geschichte Köln produzierten Ausstellung "Das sind Volksfeinde! Die Verfolgung homosexueller Männer im Nationalsozialismus", die eine positive, wenngleich nicht übergroße Resonanz fand. Obwohl auch hier "Stolpersteine" zu beachten waren (z.B. die Dominanz von Täter-Dokumenten oder die Frage, welche Bezeichnung für Schwule und die vom NS erfassten Gruppen verwendet wird?), gelang, so Dr. Jürgen Müller und Martin Sölle, eine kritische Präsentation des Materials und der ihm innewohnenden Klischees. Vielleicht hat die gelassenere Aufnahme aber auch, so die Diskutanten, ganz einfach mit der (im Vergleich zu schwarzen Deutschen) avancierteren Position der Schwulen-Emanzipationsbewegung zu tun?

Eines der zentralen Medien des Geschichtslernens, die Schulbücher, analysierte Prof. Susanne Popp (Universität Siegen) und warf einen Blick auf Ikonographie und Texte zu den NS-Opfern. Sie vermittelte eine erschreckende Bilanz der 20 untersuchten Unterrichtswerke; ganz allgemein lässt sich ihr Eindruck in der Formel "weniger Führer - mehr Alltag und Biographien" zusammenfassen. Zwar sei die Erwähnung der NS-Opfergruppen in den letzten Jahren durch die auch in den Schulbüchern vormals vergessenen Sinti und Roma, Zwangsarbeiter usw. angereichert worden, doch über eine dürre Aufzählung gehe dies zumeist nicht hinaus. Außer im Zusammenhang des Völkermords an den Juden gebe es fast keine Informationen über Zahlen, Relationen, Verfolgungsgründe und Zusammenhänge; die politischen Gegner des NS drohten ganz zu verschwinden. Visuell präsent seien nur wenige dieser Gruppen; der Umgang mit den Bildquellen ist gelegentlich sogar fahrlässig (z.B. in der unkritischen Weiterverbreitung der Grafiken über die Kosten "Erbkranker"), jedenfalls zu oft der Täterperspektive verhaftet. Der Kanon der Abbildungen habe sich erkennbar verändert (z.B. um Häftlingszeichnungen und das Thema "Wehrmachtsverbrechen" erweitert, Fotos von Leichenbergen vermeidend); Quellenkritik und -diskussion zu Fotografien seien aber seltene Ausnahmen. Die herausgehobene Behandlung der Shoah könne dazu führen, die "Veranderung" und Ontologisierung der Juden ungewollt zu verstärken. Ihre Abschlussthese: bei Bildern von Menschen in Not überwiege die Darstellung deutschen Flüchtlingen, Kriegsgefangenen und Bombenopfern, worin sie mit Harald Welzer u.a. einen beginnenden Rückfall in selbstbezügliche Geschichtsgeschichten zu erkennen glaubte.

Die Diskussion problematisierte u.a. die Fragen, ob die Referentin mit der These vom Versagen des Geschichtsunterrichts nicht überziehe, ob schulisches Lernen nicht zu spät komme angesichts der sozialisierenden Macht der Medienbilder, und ob Ziele wie Enttypisierung, Verunsicherung und Destruktion vermeintlicher Gewissheiten überhaupt in der Institution Schule eingelöst werden könnten.

Zwei Kommentare versuchten wiederum, diese Schilderungen anzureichern aus den Blickwinkeln der Schule und der Ausstellungsgestaltung. Wieland Schmid (Mannheim) demonstrierte (am Beispiel der Sinti-Ausstellung in Auschwitz), wie ein bewusster Umgang mit dem "Täterblick" aussehen könnte. Ein genaues Hinsehen auf die Relikte und ein bewusster, manchmal drastischer Umgang mit Raum und Formen seien erforderlich, weil die Professionellen in der Regel zu viel Distanz und "Brechung" dieses Täterblicks bei den Rezipienten voraussetzten. Seine Ratschläge: das Leben der Opfer außerhalb der Opfer-Situation aufzuzeigen, wie es auch im von ihm mitverantworteten Heidelberger Dokumentationszentrum geschehen sei, indem Propagandafotos und Privatfotos kontrastiert und die Ambivalenz mancher Täterfotografie herausgearbeitet wird.

Klaus Poell, Gymnasiallehrer aus Bottrop, verwies auf die wenigen Chancen, gegen die "natürlichen Feinde des Geschichtslernens", die er in Richtlinien, Schulbüchern und den Guido Knopp'schen Medienprodukten verkörpert sah, lebendiges Lernen anzustoßen: Quellenkritik und Methodenbewusstsein seien nicht im durchschnittlich belehrenden Unterricht zu erreichen, sondern nur, indem die Lehrenden die interessierten SchülerInnen in einen Produzentenstatus versetzten, z. B. indem die Strukturen eines Fotos auf einem darüber gelegten Pergament herausgearbeitet werden, ein vorliegender Film neu vertont wird. Nur ein handlungs- und produktorientierter Umgang mit Quellen, insbesondere medialen, bringe Elemente jener Reflexivität hervor, nach der Geschichtsdidaktiker so laut rufen.

Unverkennbar war nach all diesen Schilderungen ein "biographical turn" - die stärkere Betonung individueller Schicksale, Entscheidungen, Handlungsspielräume und Sichtweisen hat in Ausstellungen, Gedenkstätten, Lernmedien Einzug gehalten. Damit muss nicht - wie im oft unreflektierten Umgang mit der Aura von "Zeitzeugen" - eine unkritische Abkehr von sozialgeschichtlicher Aufklärung liegen. Ein dekonstruierender Umgang mit solchen lebensgeschichtlichen Zeugnissen, Selbst- und Fremdbilder eingeschlossen, könnte vielmehr die Komplexität und Reflexivität von Geschichtsbildern bei Schülern, aber auch beim durchschnittlichen Ausstellungsbesucher fördern.

Die Veranstaltungsreihe verdeutlichte eine Reihe ungelöster Probleme - in erster Linie die völlig ungeklärte Auffassung von AusstellungsbesucherInnen und Lernenden: Was erwarten sie und was tun sie angesichts der nazistischen Exponate und Bildwelten? Spekulative Annahmen über "Gefährdung" können nicht darüber hinwegtäuschen, dass weder Ausstellungsmacher noch PädagogInnen über ein ausreichendes Wissen zum alltäglichen Umgang mit den Zeichen der NS-Vergangenheit verfügen. Positiv gewendet: Eine Aufklärung darüber muss die "Bauweisen" der Propagandaklischees durchschauen, und die Analyse von solchen Zeichensystemen, Bilderproduktion und Medienerfahrungen sollte selbstverständlicher Bestandteil ihrer Professionalität werden. Auf der "handwerklichen" Ebene hat dies mannigfaltige Konsequenzen für Ausstellungsgestalter, Schulbuchproduzenten und Lehrende der historisch-politischen Bildung; sie müssen sich Rechenschaft darüber ablegen, ob und wie die von ihnen beabsichtigten ästhetischen und normativen Brechungen des historischen Materials eigentlich "funktionieren" können.

Und schließlich bleibt ein auch durch mehr Professionalität nicht auflösbares Dilemma: So sinnvoll und sympathisch die Rufe nach einem Ende der "Überwältigung", nach Diskursivität und schillernder Mehrdeutigkeit von Lernumgebungen sind - die Gedenkstätten und Ausstellungen, ja jedes historisch-politische Lernen "nach Auschwitz" bleiben dennoch der gesamtgesellschaftlichen Gewissheit verpflichtet, dass Wissen und normative Orientierung über den Zivilisationsbruch erforderlich sind, und der Eindeutigkeit, eine Wiederkehr ausschließen zu wollen.

Anmerkungen:

[1] Vgl. die Artikel "Unter der Lederhose wird gejodelt", Süddeutsche Zeitung vom 9.8.2002; "Hitlers Globus", Frankfurter Rundschau vom 25.6.2003; "Die Grenzen des Objekts", Süddeutsche Zeitung vom 7./8./9.6.2003
[2] Vgl. "http://www.milch-und-honig.com/jaldaundanna/Feinkost-adam/einfuehrung.htm"
[3] Ganz so weit muss man aber tatsächlich nicht reisen, um quellen- und darstellungskritische Problematisierungen zu finden: Auch beispielsweise in der Dauerausstellung der Gedenkstätte Buchenwald über das NS-Konzentrationslager finden und fanden sich solche "selbstreflexiven Schleifen" ebenso wie in der Wanderausstellung "Verbrechen der Wehrmacht" oder der Wechselausstellung "Fremde Heimat. Eine Geschichte der Einwanderung aus der Türkei" (Ruhrlandmuseum Essen, 1998).
[4] Vgl. Jan Gerchow, Museen, in: Michael Maurer (Hg.), Aufriß der Historischen Wissenschaften, Band 6: Institutionen, Leipzig 2002, S.316-399 - hier: S. 372 ff.

Zitation
Tagungsbericht: Unausstellbar? Zwei Workshops zur Präsentation des Nationalsozialismus heute, 04.11.2003 – 09.12.2003 Düsseldorf, in: H-Soz-Kult, 09.01.2004, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-368>.
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Veröffentlicht am
09.01.2004
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