4. Workshop Historische Netzwerkforschung: Von Theorie und Geographie

Ort
Saarbrücken
Veranstalter
Daniel Reupke, Historisches Institut, Universität des Saarlandes
Datum
26.05.2011 - 28.05.2011
Von
Ines Heisig, Historisches Institut, Universität des Saarlandes

Die theoretischen, methodischen und technischen Möglichkeiten der Anwendung der Sozialen Netzwerkanalyse innerhalb der Geschichtswissenschaften und insbesondere die historisch-geographische Untersuchung von Netzwerken standen im Zentrum des vierten Workshops der Reihe „Historische Netzwerkforschung“. Nachdem der dritte Workshop 2010 am Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Universität Wien stattgefunden hatte, übernahm diesmal DANIEL REUPKE (Saarbrücken) die Organisation der Veranstaltung. Ermöglicht wurde der Workshop durch Mittel der Deutschen Forschungsgemeinschaft für das Projekt „Kreditvergabe im 19. Jahrhundert. Geldleihe in privaten Netzwerken“, das GABRIELE B. CLEMENS (Saarbrücken) seit Mai 2008 am Lehrstuhl für Neuere Geschichte und Landesgeschichte der Universität des Saarlandes leitet und das ursprünglich aus dem Netzwerk-Exzellenzcluster „Gesellschaftliche Abhängigkeit und soziale Netzwerke: Modi sozialer Kooperation angesichts ökonomischer Zwänge, politischer Macht und kultureller / religiöser Differenz“ der Universitäten Trier und Mainz hervorging. In ihren Begrüßungsworten betonte Clemens, dass vor allem das Problem der Datenmassen und der Mangel an persönlichen Informationen die Methode der Netzwerkanalyse für das Kreditprojekt sinnvoll erscheinen lasse. Da es in dem Projekt außerdem um eine vergleichende Analyse der unterschiedlichen Wirtschaftstrukturen der Orte und deren Verteilung im Untersuchungsraum gehe, biete sich die Netzwerkanalyse vor allem in geographischer Hinsicht an. Stets sei jedoch der Quellenkorpus für die Wahl der jeweiligen Arbeitsmethode entscheidend.

Innerhalb zweier Sektionen, die erstens Vorträge über die geographische Dimension von Netzwerken und zweitens theoretische und technikbezogene Beiträge einschlossen, zeigte sich erneut das breite Spektrum der Netzwerkforschung über Fächergrenzen hinaus. Involviert waren nicht nur Vertreter/innen der Alten und Neueren/Neuesten Geschichte, sondern auch der Demographie, Soziologie, Anthropologie und Geographie. So zog sich auch ein bekannter Diskussionspunkt durch den Verlauf des Workshops: Was betreiben wir eigentlich – Soziale Netzwerkanalyse oder Historische Netzwerkforschung? Worin bestehen die Unterschiede? Oder: Wie viel Soziale Netzwerkanalyse steckt in der Historischen Netzwerkforschung?

Zum Auftakt präsentierte ADELHEID VON SALDERN (Hannover) in ihrem Abendvortrag über das Wirtschaftshandeln im frühen 19. Jahrhundert im Kontext historischer Netzwerkforschung ihr grundsätzliches Vorgehen und netzwerkrelevante Ergebnisse aus ihrer Studie „Netzwerkökonomie im frühen 19. Jahrhundert. Das Beispiel der Schoeller-Häuser“[1]. Sie zeigte, dass die Netzwerkanalyse vor allem in Verbindung mit anderen theoretischen Erkenntnisinstrumenten wie etwa der Neuen Institutionenökonomik fruchtbar sein kann. Gleichzeitig kritisierte von Saldern die unscharfe Forschungspraxis, in der die Netzwerkanalyse gegenwärtig angewendet werde. In ihrer Darstellung ging sie darauf ein, dass sich die von ihr untersuchten Verwandtschafts- und Firmennetzwerke vor allem als Kommunikationsräume und „learning bases“ verstehen lassen. Diese ergeben letztendlich ein fluides Gesamtbild mit stabilen Kernpersonen. Sie wies nach, dass die Schoeller-Unternehmer durch Netzwerkökonomik ihre Chancen für einen positiven Geschäftsverlauf erhöhten. Neben aller Methodenvielfalt, die im Vortrag zur Sprache kam, dominierte schließlich die qualitative Komponente bei der Auswertung des umfassenden Geschäftsbriefekorpus, der ihrer Studie zugrunde lag, denn, so von Saldern: „der Mensch sollte im Blick sein.“

Die erste Workshop-Sektion eröffnete MARTIN STARK (Trier) mit der Vorstellung seines Dissertationsprojekts im Rahmen des Exzellenzclusters der Universitäten Trier und Mainz. Um die soziale Einbettung eines ländlichen Kreditmarktes im 19. Jahrhundert herausarbeiten zu können, untersuchte Stark soziale Beziehungen von Personen bei der Kreditvergabe im ländlichen Schuldenwesen in Württemberg im 18. und 19. Jahrhundert am Beispiel der Gemeinde Ohmenhausen bei Reutlingen. Für seine quantitativ angelegte Studie nutze er die formale Netzwerkanalyse und generierte aus einer mit Excel und UCInet verwalteten Datenmenge mittels VennMaker und NetDraw bimodale Netzwerke, in denen Gläubiger und Schuldner im Austausch miteinander stehen. Durch den historischen Vergleich konnte er nachweisen, dass die Kreditmarktreform 1828 wesentliche Veränderungen brachte: Neben einer geographischen Auffächerung nahm beispielsweise die Bedeutung von Institutionen ab, während die Durchschnittshöhe der privat vergebenen Kredite zunahm.

Während für Stark weniger einzelne Personen, sondern die Gesamtstruktur im Vordergrund der Analyse standen, stellte CHRISTIAN MARX (Trier / Saarbrücken) eine Kombination quantitativer und qualitativer Herangehensweisen vor. Er ging zunächst der Frage nach, inwieweit sich im Deutschland des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts ein nationaler Markt entwickeln konnte und nannte als wesentliche Faktoren die Verflechtung zwischen Großunternehmen als Form der Marktintegration sowie die Netzwerke zwischen Aktiengesellschaften über Vorstands- und Aufsichtsräte. Unternehmensinterne Netzwerke in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts arbeitete Marx am Beispiel der Expansion der Gutehoffnungshütte unter der Leitung des zunächst dort als Vorstandvorsitzenden wirkenden Paul Reusch heraus. Die Entwicklung des Netzwerks, die Anzahl der Akteure und die geographische Verortung der Akteure ergaben ein plausibles Erklärungsmuster für die Expansion.

Der Wirtschafts- und Sozialgeograph JOHANNES GLÜCKLER (Heidelberg) erläuterte in einem Impulsvortrag vier zentrale Herausforderungen der sozialwissenschaftlichen Netzwerkforschung: erstens die Weiterentwicklung der Netzwerkanalyse, zweitens die Kategorie des Raums und die Interaktion zwischen Raum und Netzwerken (Topographie versus Topologie), drittens das Problem der Zeit und viertens das Phänomen der Performativität der Beobachtung, beziehungsweise die Schärfung des Bewusstseins dafür, dass Modelle Realität erzeugen können. Als Fazit hielt Glückler unter anderem fest, dass die Netzwerkforschung die Netzwerkanalyse in eine Netzwerktheorie integrieren solle, die Konnektivität und Kontextualität (Kultur) verbinde. Vor allem die dynamische Perspektive sei zu beachten, wobei die evolutionäre Erforschung noch am Anfang stehe.

ALEXANDER VON LÜNEN (Portsmouth), der sich gegenwärtig insbesondere mit historischen Geoinformationssystemen beschäftigt, präsentierte im Workshop topologische Datenmodelle aus zwei verschiedenen Forschungsprojekten und resümierte, dass die Bedeutung der Topologie über geographische Fragestellungen hinausgehe. Ontologien erachtete er als geeignet, diese Beziehungsgeflechte wie temporale, geographische und soziale Relationen abzubilden, eine jeweilige Visualisierung sei jedoch nicht essentiell.

Ein Instrument zur geographischen Netzwerkvisualisierung präsentierte ULRICH EUMANN (Köln) mit dem Open-Source-Programm Gephi. Dabei schlüsselte er den Arbeitsprozess in elf Schritte auf: Eine Excel-Datenbank mit Akteuren und deren Wohnorten wurde mit stevemorse.org[2] und batchgeo.com[3] einer Georeferenzierung unterzogen und nach einem Zwischenschritt in Excel in das Programm Gephi übertragen, um mit diesem zu einem Netzwerk verarbeitet zu werden. Abschließend konnte Eumann das mit Gephi geographisch visualisierte Netzwerk mit einer Karte vereinen.

Dass die Visualisierung zum Verständnis der Netzwerkstrukturen vor allem im geographischen Raumzusammenhang dienen kann, zeigte CHRISTIAN NITSCHKE (Trier), indem er unter anderem den betweenness-Grad der Akteure im Netzwerk der senatorischen Oberschicht im Italien der Ostgotenzeit optisch herausarbeitete. Auf Basis der Hypothese, dass Eigentumsrechte unter derselben Verwaltungseinheit auf jeden Fall eine soziale Beiordnung schufen, aber auch eine Interessengemeinschaft, Formen der Abhängigkeit oder sogar Antagonismen hervorriefen, trug Nitschke umfassendes Datenmaterial zum Landbesitz der Senatoren zusammen und generierte eine zunächst theoretisch existente Grundstruktur, die er mit realen Relationsarten, wie etwa Verwandtschaftsbeziehungen ergänzte. Das Verfahren erlaubt es, auch persönliche Biographieverläufe im Kontext eines historisch-soziologischen Gesamtkonzepts nachzuvollziehen.

Mit der Geschichte der Agrarökonomie beschäftigt sich KATRIN HIRTE (Linz) im Rahmen ihres Habilitationsprojekts. Im Zentrum ihres Vortrags stand die Rolle des geographischen Raums in Wissenschaftsnetzwerken hinsichtlich Status und Inhaltsprofil. Hirte stellte fest, dass geographische Bezüge in professoralen Netzwerken mehr als nur einen einfachen Raumbezug haben. Nicht nur persönliche Faktoren sondern auch das Profil der Universität, an der sie wirkten, seien entscheidend dafür, in welchem wissenschaftlichen Feld sich Professoren bewegten. Hirte verglich Berufungsmuster der 1950er, 1960er und 2000er Jahre und deckte dabei Wanderfunktionalitäten von Universitäten und deren Wandel auf. Zudem konnte sie durch die Erschließung von Würdigungsnetzwerken Statusprofile sichtbar machen.

An Hirtes wissenschaftssoziologisches Projekt knüpfte das Referat von MICHAEL WOHLGEMUTH (Bielefeld) an, der sich in diesem Zusammenhang zunächst mit der Erfassung und Verarbeitung biografischer und bibliografischer Daten der von Katrin Hirte untersuchten Agrarökonomen befasste. Dabei unternahm er den Versuch, die Datenerfassung zu automatisieren. In seiner Qualifikationsarbeit, nun unabhängig von Hirte, stellte Wohlgemuth die Frage, inwiefern sich wissenschaftliches Kapital abbilden und analysieren lasse. Seine bisherige Lösung, in einer „schnappschussartigen“ Erfassung den wissenschaftlichen Output in Form von Veröffentlichungen zu subsumieren, greift allerdings zu kurz.

Eine kontroverse Diskussion löste auch der Vortrag von WILKO SCHRÖTER (Wien) über das so genannte „Mysterium“ der Wiener Juden zwischen 1881 und 1918 aus, das von demographischen Fragestellungen geleitet war. Schröter suchte in den Verwandtschafts- und Trauzeugennetzwerken der dortigen jüdischen Kultusgemeinden Gründe für die geringere Sterblichkeit, die geringere Säuglingssterblichkeit und den früheren und schnelleren Geburtenrückgang der Wiener Juden. Er ging davon aus, dass der geschlossene Zusammenhalt der Gruppe über weite Distanzen hinweg und der dadurch schneller gewährleistete Anschluss an Innovationen (vor allem medizinischer Art) für dieses „Mysterium“ verantwortlich gewesen seien. Da Schröter die ökonomische Situation der jüdischen Bevölkerung Wiens nicht in seine Überlegungen einschloss und damit einen wesentlichen Aspekt von Netzwerken ignorierte, erschien sein Erklärungsmodell nicht plausibel.

FLORIAN KERSCHBAUMER (Klagenfurt) überzeugte mit seinen netzwerktheoretischen Überlegungen zur Interdependenz von Kultur und Politik am Wiener Kongress. Er reflektierte über die große politische Bedeutung von Festen und stellte die Frage nach einem „Masterplan“, nach dem der Kongress aufgrund seines hohen logistischen Aufwands ablief. Zunächst zeichnete Kerschbaumer anhand klassischer Ego-Netzwerke der Akteure Wilhelm von Humboldt und Karl August von Hardenberg deren jeweilige Beziehungen auf dem Kongress nach. Zudem konnte er eine qualitative Unterscheidung dieser Relationen vornehmen. Hinweise auf den angenommenen „Masterplan“ erschlossen sich durch die geographische Verortung der Akteure innerhalb Wiens.

Eine theoretische Auseinandersetzung mit der Netzwerkanalyse brachte MATHIAS BIXLER (Trier) in den Workshop ein. Er untersuchte, teilweise mit netzwerkanalytischen Methoden, die Entwicklung der „Verflechtungsanalyse“ innerhalb der Schule um Wolfgang Reinhard in den letzten 30 Jahren. Dafür stellte er deren zentrale Schriften vor und charakterisierte die Analyse Wolfgang Schützes aus dem Jahr 1981 über Verwandtschaftsbeziehungen, Standes- und Konfessionszugehörigkeit der Mitglieder des Ravensburger „Kleinen Rates“ im 16. Jahrhundert als „erste formale Analyse eines sozialen Netzwerks“ in der deutschen Geschichtswissenschaft.[4] Letztendlich habe sich die Verflechtungsanalyse allerdings als zu innovationsarm erwiesen. Heute, so Bixler, stelle sie keinen Bezugspunkt mehr dar. Einen Grund dafür arbeitete er in einem Zitationsnetzwerk heraus: Die Vertreter der Verflechtungsanalyse hatten kaum neue Theorien und Methoden aus den Sozialwissenschaften übernommen.

Die heterogene Zusammensetzung des Workshops eröffnete zwar einen breiten Zugang zum Thema und Potential der Sozialen Netzwerkanalyse innerhalb der Historischen Netzwerkforschung, eine Schärfung des Begriffs der Historischen Netzwerkforschung steht allerdings noch aus. Der überwiegende Teil der Vorträge zeigte, dass sich durch ihre Anwendung neben neuen Auswertungsmöglichkeiten auch neue Fragestellungen ergeben. Es blieb weiterhin offensichtlich, dass die Übersetzung von historischer Arbeit in die Sprache des Computers des Historikers bedarf. Historische Quellen sind oft unscharf und manchmal widersprüchlich, komplex, offen und individuell, während die Auswertung und Automatisierung mit Computerprogrammen einer regelhaften und sicheren Datenbasis bedarf.

Um dem Begriff der Historischen Netzwerkforschung ein eigenes Profil zu verleihen, formierte sich am Ende der Veranstaltung eine Arbeitsgruppe, die für den „Fünften Workshop Historische Netzwerkforschung“, der am 13. September in Zürich stattfinden wird, „Thesen zur Historischen Netzwerkforschung“ vorbereitete.

Konferenzübersicht:

Eröffnungsvortrag:

Adelheid v. Saldern (Hannover): Wirtschaftshandeln im frühen 19. Jahrhundert im Kontext historischer Netzwerkforschung

1. Sektion: Von Geographie (Moderation: Daniel Reupke und Frank Hirsch, beide Saarbrücken)

Martin Stark (Trier): Netzwerke von Gläubigern und Schuldnern. Ein ländlicher Kreditmarkt im 19. Jahrhundert.

Christian Marx (Saarbrücken/Trier): Netzwerke in Raum und Zeit: Unternehmensverflechtungen und unternehmensinterne Beziehungsstrukturen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Zwei Beispiele aus der Wirtschaftsgeschichte.

Johannes Glückler (Heidelberg): Herausforderungen der sozialwissenschaftlichen Netzwerkforschung.

Christian Nitschke (Trier): Landowner-Netzwerke im Italien Theoderichs des Großen

Wilko Schröter (Wien): Die Sozialen Netzwerke der Wiener Juden und ihre geographische Herkunft von 1881-1918

Katrin Hirte (Linz): Geographische Bezüge in professoralen Netzwerken – universitäre Lieferbeziehungen in der deutschen Agrarpolitik und Agrarökonomie

Michael Wohlgemuth (Bielefeld): Is Space only Noise? Wie Ordnungsverfahren soziale Wirklichkeiten schaffen.

2. Sektion: Von Theorie und Software (Moderation: Martin Stark, Trier)

Matthias Bixler (Trier): Netzwerkanalyse, Patronageforschung, Mikropolitik – die Entwicklung der Verflechtungsanalyse

Florian Kerschbaumer (Klagenfurt): „Das Vergnügen erringt den Frieden“ – Netzwerktheoretische Überlegungen zur Interdependenz von Kultur und Politik am Wiener Kongress

Alexander v. Lünen (Portsmouth): Netzwerkgeographie – geographische Netzwerke

Ulrich Eumann (Köln): Geographische Netzwerkvisualisierung mit dem Programm Gephi

Anmerkungen:
[1] Adelheid von Saldern, Netzwerkökonomie im frühen 19. Jahrhundert. Das Beispiel der Schoeller-Häuser, Stuttgart 2009.
[2] <http://www.stevemorse.org> (25.06.2011).
[3] <http://www.batchgeo.com> (25.06.2011).
[4] Wolfgang Schütze, Oligarchische Verflechtung und Konfession in der Reichsstadt Ravensburg: 1551/52-1648. Untersuchungen zur sozialen Verflechtung der politischen Führungsschichten, Augsburg 1981.

Zitation
Tagungsbericht: 4. Workshop Historische Netzwerkforschung: Von Theorie und Geographie, 26.05.2011 – 28.05.2011 Saarbrücken, in: H-Soz-Kult, 06.07.2011, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-3708>.