7. Promovierendentage zur deutsch-deutschen Zeitgeschichte. Methoden, Inhalte und Techniken im Umgang mit Streitgeschichte

Ort
Lutherstadt Wittenberg
Veranstalter
Institut für Hochschulforschung (HoF), Universität Halle-Wittenberg; Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur
Datum
04.08.2011 - 07.08.2011
Von
Franziska Kuschel, Institut für Geschichtswissenschaften, Humboldt Universität zu Berlin

„History sells“. Während dieser Trend anhält und vor allem die Neuen Medien immer neue Möglichkeiten bei der Verbreitung von historischen Erkenntnissen bieten, reagiert die Geschichtswissenschaft zögernd. So verwundert es kaum, dass der Vermittlung von Kompetenzen bei der Produktion von Inhalten nur wenig Beachtung geschenkt wird. An dieser Leerstelle setzte der methodische Schwerpunkt der 7. Promovierendentage zur deutsch-deutschen Zeitgeschichte an, die vom 4.-7. August in Lutherstadt Wittenberg stattfanden. Eingeladen hatte das Institut für Hochschulforschung (HoF) und die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Die Veranstaltung bietet alljährlich Nachwuchswissenschaftler/innen ein Forum, sich inhaltlich-thematisch auszutauschen, sich zu vernetzen und die Möglichkeiten des Wissenstransfers in der Praxis zu erproben.

Die diesjährige Tagung stand unter dem Motto „Schreiben fürs Hören“. Die Teilnehmenden sollten sich Techniken des „mündlichen Schreibens“ aneignen und diese in der Praxis anwenden: Ziel war die Produktion eines professionellen zeithistorischen Podcasts. Am Beginn der Tagung stand zunächst die Auslosung so genannter Stellvertreterpaare. Die beiden Partner erklärten sich gegenseitig ihre Promotionsvorhaben und stellten im Plenum jeweils das Projekt des anderen vor. Die Paare blieben als Redaktionsgruppen bis zum Ende der Tagung bestehen, und natürlich tauschten sie sich auch aus über alltägliche Fragen des Promovierens.

Am ersten Abend gab PETER LANGE (Berlin), Chefredakteur von Deutschlandradio Kultur, einen Überblick über historische Themen im Hörfunk. Geschichte gehörte schon immer dazu. Bereits in den 1920er-Jahren konnte man etwa dem Schulfunk lauschen. Und er wurde im öffentlich-rechtlichen Rundfunk fortgesetzt. Heute finden sich Geschichten über Geschichte in verschiedenen Zielgruppensendungen, deren Themenbreite und -vielfalt kaum zu überschauen ist. Vom „Forum Zeitgeschichte“ über das tägliche „Zeitzeichen“ (beide NDR Info) bis hin zu Hörspielen. Peter Lange machte das Panorama heutiger Sendungen und Sendereihen anhand vieler Beispiele hörbar. Besondere Aufmerksamkeit erhielt sein Bericht über Zeitzeugenreihen im Deutschlandradio Kultur, etwa zu „Flucht und Vertreibung“ und zum „17. Juni“. Sie sind der Versuch, Oral History ins Radio zu übersetzen. Kollagenhaft kommen Hörer/innen mit ihren Erinnerungen zu Wort. Lange schilderte beeindruckend, welch enormer Arbeitsaufwand sich hinter solchen Projekten verbirgt. Aufrufe des Hörfunks an Zeitzeug/innen schaffen dabei auch Fundgruben für die Forschung.[1] Außerdem gab er Hinweise, welche Einstiegs- und Karrieremöglichkeiten sich für Historiker/innen beim Hörfunk bieten könnten.

Über all diese Möglichkeiten informiert, begann am nächsten Tag die Arbeit am eigenen Hörstück. Die 20 teilnehmenden Doktorand/innen waren im Vorfeld der Tagung aufgefordert worden, einen Textentwurf für einen Podcast einzureichen. Als Grundlage diente das jeweilige Dissertationsthema. Der Text konnte entweder in der Form eines „Aufsagers“ zum Beispiel für ein zeitgeschichtliches Wissenschaftsmagazin im Hörfunk geschrieben sein oder als Entwurf eines Interviews „mit sich selbst“ eingereicht werden. Die beiden zentralen Fragen waren: Wie stelle ich angesichts knapper Sendezeit von drei bis vier Minuten mein Thema prägnant und verständlich dar, ohne das Thema zu verkürzen? Wie begegne ich sprachlich den begrenzten Aufmerksamkeitsressourcen der Hörer? Die Leiterin des Workshops, VERA LINß (Berlin), selbst Hörfunkredakteurin, nahm sich der eingereichten Texte an. Sie umriss die wichtigsten Regeln des Schreibens fürs Hören: Vermeide Schachtelsätze, Adjektive, Füllwörter und Passivkonstruktionen, schreibe konkret statt abstrakt, nutze Verben, anstatt Hauptwörter aneinanderzureihen. Vorsicht gilt auch bei Synonymen, die im Radio verwirren können. Anschaulich kritisierte sie Texte von Teilnehmenden und sensibilisierte so für das Medium Podcast. Anschließend begann die Arbeit in den Redaktionsgruppen. Kopfzerbrechen bereiteten hier weniger die stilistischen Fragen als die Herausforderung, das eigene Thema auch einem fachfremden Publikum verständlich zu machen ohne auf inhaltliche Tiefe zu verzichten. Dabei zeigte sich, wie erschöpfend die intensive redaktionelle Arbeit unter Zeitdruck mitunter sein kann.

Theoretisch gerahmt wurde die praktische Arbeit an den Podcasts am zweiten Abend durch den Vortrag von CHRISTINE BARTLITZ und KARSTEN BORGMANN (beide Potsdam) über das Projekt „Docupedia-Zeitgeschichte und Web 2.0“. Die Unmengen von Daten im Netz sind nicht gänzlich erschlossen, sondern wachsen im Gegenteil ständig, vor allem durch die internationalen Digitalisierungswellen wie das Google Books Project. Inwieweit das Web 2.0 die Geschichtswissenschaft verändern wird, ist umstritten. Formen der Kooperation finden ihre Grenze nicht zuletzt, wenn es um die Publikation von Forschungsergebnissen geht. Hier ist jeder Autor selbst für seinen Text verantwortlich. Dieses Prinzip – das Autorenmodell – liegt auch Docupedia-Zeitgeschichte zugrunde. Die Initiator/innen möchten ein zitierfähiges Nachschlagewerk zu zentralen Begriffen, Konzepten, Forschungsrichtungen und Methoden für die zeithistorische Forschung etablieren und zugleich die Chancen des Web 2.0 nutzen.[2] Die Autor/innen können ihre Beiträge jederzeit aktualisieren und angemeldete Leser/innen sie kommentieren. Damit ist Docupedia-Zeitgeschichte im Idealfall ein dynamisches Nachschlagewerk, das Debatten schnell aufgreifen kann und den Wandel der theoretischen und methodischen Grundlagen spiegelt. Die Wissenschaftskultur scheint diesem Ideal im Augenblick noch im Wege zu sein, denn bislang stehen die Wissenschaftler/innen den partizipativen Aspekten des Projekts eher abwartend gegenüber.

Am nächsten Morgen wurde es ernst. Die Redaktion der Beiträge war abgeschlossen und die Produktion begann. Die Doktorand/innen waren für die Aufnahme und den Schnitt der Beiträge selbst verantwortlich. An mehreren Arbeitsplätzen gleichzeitig sprachen sie ihre Texte ein. In den Arbeitspausen nahmen die meisten das Angebot einer Stadtführung durch Wittenberg dankbar an. Nach dieser Abwechslung ging es in die letzte Runde, die technische Bearbeitung der Aufnahmen. Bis zum Abend waren die meisten Beiträge fertig produziert.

Jenseits der Überlegungen, wie die eigenen Forschungsergebnisse einer breiten Öffentlichkeit vermittelt werden können, stellt sich für jeden Doktoranden die Frage, wie sich das Verhältnis zur Doktormutter oder zum Doktorvater gestaltet. Werde ich genügend betreut? Wie wecke ich immer wieder das Interesse des Betreuers an meiner Arbeit und schaffe es, dass er oder sie möglichst viel von der Arbeit liest? Solchen Fragen widmeten sich am Abend ECKHARD JESSE (Chemnitz) und PEER PASTERNACK (Wittenberg) in einem Vortragsgespräch. Jesse hatte bereits vor einigen Jahren zehn Anregungen für Doktorand/innen formuliert, die inzwischen vielfach abgedruckt wurden. In Wittenberg stellte er nun „Zehn ‚goldene Regeln‘ für Doktorväter und -mütter“ vor, die als Anregung für die Arbeit mit Promovierenden gedacht sind.[3] In der Diskussion wurde dabei schnell deutlich, wie schwierig es ist, Idealtypen bei der Betreuung zu formulieren.

Den Abschluss der Promovierendentage bildete die Podiumsdiskussion zwischen ECKHARD JESSE und THOMAS KUCZYNSKI (Berlin) zum Thema „Deutungen der DDR-Geschichte“. Sie zeigte, wie kontrovers die Interpretationen sind und bleiben. Kuczynski hob die seiner Ansicht nach zentrale Rolle der Ökonomie hervor, nicht zuletzt wenn man nach Erklärungen suche, warum der Versuch eines sozialistischen Staats auf deutschem Boden gescheitert sei. Er plädierte dafür, die DDR in den Kontext der europäischen Geschichte zu stellen. Die Bundesrepublik und die DDR seien zudem nur in ihren Beziehungen und wechselseitigen Betrachtungen zu begreifen. Jesse widersprach dem letzten Punkt heftig. DDR-Geschichte sei nicht nur als eine Beziehungs-, sondern vor allem als eine Parallelgeschichte zu schreiben. Der Kalte Krieg könne nicht wertfrei betrachtet werden, hätten sich doch freie Gesellschaft und Diktatur gegenübergestanden. Erforsche man die Stabilität und das Funktionieren dieser Diktatur, so dürfe der Fokus allerdings nicht nur auf Repression gerichtet sein, auch die Alltagsgeschichte sei ein wichtiges Forschungsfeld. Wenig überraschend, dass die Diskutanten auch über die Stalin-Note von 1952 stritten.

Die DDR-Geschichte ist „Streitgeschichte“ – das konnten die Zuhörer/innen nicht nur bei der Diskussion auf dem Podium erleben. Es zeigte sich auch in der anschließenden Diskussion mit Zeitzeug/innen im Plenum. Der Austausch zwischen Forschenden und Mitlebenden ist dabei unverzichtbar. Deutlich wurde noch einmal, wie wichtig es ist, die Ergebnisse der eigenen Forschung einem auch fachfremden Publikum zugänglich zu machen. Die Podcasts und das Wissen um die Produktion dieser Form der medialen Vermittlung sind ein Weg. Diesen haben die Teilnehmer/innen der diesjährigen Promovierendentage beschritten. Die Resultate lassen sich hören.[4]

Konferenzübersicht:

Begrüßung und Einführung

Vorstellung der Dissertationsprojekte im Plenum

Öffentlicher Vortrag:
Peter Lange (Berlin): Potenziale und Grenzen des Web 2.0 aus der Perspektive der Geschichtswissenschaft

Workshop: Vera Linß (Berlin): Techniken der audiovisuellen Vermittlung von Geschichte

Fortsetzung des Workshops

Arbeit in Redaktionsgruppen

Vortrag: Christine Bartlitz / Karsten Borgmann (beide Potsdam): Docupedia-Zeitgeschichte und Web 2.0 - ein Praxisbericht

Redaktionskonferenz

Schlussredaktion der Beiträge

Produktion der Beiträge

parallel für Interessierte: Stadtführung

Vortrag: Eckhard Jesse (Chemnitz) / Peer Pasternack (Wittenberg): Promovieren und betreuen

parallel: Hochladen der Podcasts auf http://www.promovierendentage.de

Morgenrunde und Auswertung

Podiumsdiskussion: Deutungen der DDR-Geschichte
Eckhard Jesse (Chemnitz); Thomas Kuczynski (Berlin)

Anmerkungen:
[1] Aus einer Reihe entstand ein Interviewband. Vgl. Peter Lange/Sabine Ross (Hrsg.), 17. Juni 1953 – Zeitzeugen berichten. Protokoll eines Aufstands, Leipzig 2004. Das gesamte Archiv dieser Sendung zum 17. Juni wurde an die Stiftung Aufarbeitung abgegeben und ist für die Forschung zugänglich.
[2] Vgl. <http://www.docupedia-zeitgeschichte.de>, (11.08.2011).
[3] Vgl. <http://www.tu-chemnitz.de/tu/presse/aktuell/2/3610>, (11.08.2011).
[4] Vgl. <http://www.promovierendentage.de/projekte2011.php>, (11.08.2011).

Zitation
Tagungsbericht: 7. Promovierendentage zur deutsch-deutschen Zeitgeschichte. Methoden, Inhalte und Techniken im Umgang mit Streitgeschichte, 04.08.2011 – 07.08.2011 Lutherstadt Wittenberg, in: H-Soz-Kult, 12.10.2011, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-3842>.
Redaktion
Veröffentlicht am
12.10.2011
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