Das Phänomen Belarus'. Historische Perspektiven und aktuelle Tendenzen

Ort
Gießen
Veranstalter
Belarus'-Arbeitsgruppe, Justus-Liebig-Universität Gießen
Datum
24.11.2011 - 25.11.2011
Von
Julian Mühlbauer, Historisches Institut, Osteuropäische Geschichte, Justus-Liebig-Universität Gießen

Was ist (die) Belarus'? Was ist belarus(s)ische Geschichte, wo fängt sie an, wo hört sie auf? Das sind unter anderem die Fragen, die sich ein Team aus Nachwuchswissenschaftler/innen verschiedener geisteswissenschaftlicher Disziplinen stellt und deren Diskussion sich der mittlerweile zweite, vom Gießener Zentrum Östliches Europa, der Gießener Hochschulgesellschaft und dem Herder-Institut in Marburg geförderte Workshop an der Justus-Liebig-Universität Gießen widmete.[1] Am 24. und 25. November 2011 trafen Historiker/innen, Kommunikations-, Sprach- und Literaturwissenschaftler/innen zusammen, um sich erneut dem 'Phänomen Belarus' zu nähern, wobei Belarus' als die untergegangene Lebenswelt der weißrussischen Bauern und jüdischen Händler in der ostmitteleuropäischen Übergangsregion definiert wurde.

Die Republik Belarus' wird in der deutschen Öffentlichkeit bisher im Grunde nur dann als existent wahrgenommen, wenn der weißrussische Präsident ein weiteres Mal gestärkt aus den Wahlen hervorgeht, Oppositionelle in Haft genommen werden und auf vermeintliche oder tatsächliche Menschenrechtsverletzungen hingewiesen wird. Dabei stellt das 'Phänomen Belarus' für die Geisteswissenschaften durchaus einen faszinierenden Forschungsgegenstand dar. Nicht nur, dass völlige Unklarheit darüber herrscht, wie das Land nun eigentlich wissenschaftlich und politisch korrekt zu bezeichnen sei. Auch die Einwohner dieses Staates weiß der westliche Beobachter nicht einheitlich zu benennen: Weißrussen, Belarus(s)en oder Belorussen? Dieser Umstand dürfte in erster Linie mit der wechselhaften, von Brüchen gezeichneten Geschichte in unklarer geografischer Ausdehnung und kultureller Identität zusammenhängen. Die von den Organisatoren Thomas Bohn und Rayk Einax aufgeworfenen Leitfragen lauteten demnach: "Wie schreibt man eine Geschichte der Belarus'? Wie soll mit der Geschichte eines Landes umgegangen werden, das über Jahrhunderte Bestandteil von Vielvölkerreichen und Imperien war und dessen politische Grenzen sich nicht eindeutig festlegen lassen?" Von Vorteil war, dass sich zwei nichtoffizielle belarussische Historiker gerade zu Forschungszwecken am Herder-Institut Marburg und der Universität Gießen aufhielten: Der Frühneuzeithistoriker Henadz‘ Sahanovič und der Stadtgeschichtler und Urbanisierungsforscher Zachar Šybeka.

Der Workshop war Bestandteil einer Netzwerkinitiative, welche die Unterrepräsentation der Belarus' als Untersuchungsgegenstand westlicher Geisteswissenschaften zu durchbrechen sucht und junge Wissenschaftler/innen aus dem deutschsprachigen Raum, aus Grodno, Minsk und Vilnius zusammenführt.

Dementsprechend galt die erste Sektion der Tagung der Präsentation und Diskussion aktueller Forschungsvorhaben mit Belarus'-Bezug. DIMITRI ROMANOWSKI (Bochum) stellte ein Projekt zu den deutsch-belarussischen Beziehungen der Zwischenkriegszeit vor, in welchem die Auswirkungen der Rapallo-Politik auf die Konstituierung von Staatlichkeit in der Belorussischen Sowjetrepublik im Mittelpunkt stehen. Dabei soll das Wechselverhältnis deutscher Einflüsse auf wissenschaftliche, wirtschaftliche und politische Verhältnisse und bolschewistischer Innenpolitik in der BSSR untersucht werden. Erste Überlegungen zu 'zivilgesellschaftlichen' Entwicklungen im postsowjetischen Weißrussland entwickelte MELANIE ARNDT (Potsdam) anhand der Frage, inwieweit sich die Tschernobyl'-Katastrophe auf Handlungsformen nichtstaatlicher Akteure auswirkte. Komparatistisch und transfergeschichtlich sollen Unterschiede und Gemeinsamkeiten in der Wirkkraft des Reaktorunglücks in Belarus' und Westeuropa in den Blick genommen werden. Einen anderen Ansatz präsentierte FELIX ACKERMANN (Vilnius). Aus der Perspektive europäischer Erinnerungskultur sucht er nach Möglichkeiten adäquater Ergebnissicherung in Projektzusammenhängen. Neben 'harten' Ergebnissen – Publikationen verschiedener Formate – zielte er auf die fehlende Sicherung 'weicher' Ergebnisse wissenschaftlichen Arbeitens ab. Außerhalb des weitverbreiteten Schemas 'Fragestellung – Tagung – Tagungsband' sei zu überlegen, inwieweit transnationale und interdisziplinäre Projekte in ihrer Kommunikation erfasst und der Erkenntnisgewinn und die Erfahrungen der Beteiligten konserviert werden könnten.

Unter Leitung von Thomas Bohn (Gießen) trat der Workshop in seine zweite Phase ein. Der Historiker ZACHAR ŠYBEKA (Minsk) eröffnete eine kontrovers diskutierte belarussische Sichtweise auf die Geschichte der heutigen Republik Belarus' im 19. Jahrhundert und die kulturelle und nationale Identität der Belarussen. Als Querdenker vorgestellt, präsentierte er "neue Akzente" der belarussischen Geschichte im Zarenreich. Ungeachtet russischer Kolonialpolitik sei die Belarus' eher als Provinz in Europa, denn als russisch-eurasisches Territorium anzusehen. Die nationale Geschichte der Belarussen sei zwar von Russifizierung und der Nichtbeachtung oder Zerstörung ihres kulturellen Erbes geprägt, die Belarus' sei jedoch keineswegs eine "unhistorische Nation". Zachar Šybeka beklagte, dass die weißrussische Historiografie nicht unabhängig vom politischen Kurs der Staatsführung sei. Gleichzeitig verwahrte er sich gegen die im Westen verbreitete Meinung, dass alle weißrussischen Historiker Nationalisten seien, nur weil sie die eigene Geschichte aus dem Schatten der öffentlichen Wahrnehmung holen und die Belarus' als eigenständiges Objekt der Geschichtsschreibung präsentieren würden. Schließlich hätten auch die Belarussen ein Recht darauf, als Teil des Großfürstentums Litauen wahrgenommen zu werden. DARIUS STALIŪNAS (Vilnius) bekräftigte in seinem Kommentar, dass die belarussische Geschichte in erster Linie von belarussischen Historikern geschrieben werden müsse. Zentral sei dabei jedoch die Frage, ob diese als Historiker oder als Politiker aufträten. Entsprechend konnte er sich dem Deutungsschema nicht anschließen, dass sich alle historischen Ereignisse und Bewegungen an ihrem Beitrag zum Erfolg des "nationalen Projekts Belarus" messen lassen müssten. Im Folgenden akzentuierte er thesenartig, warum sich die litauische Nationalbewegung schneller und umfassender entwickelte, als die belarussische. Dies sei unter anderem auf das Fehlen einer eigenen Literatursprache, eigener Eliten und eines städtischen Mittelstandes, einer Hochschule auf belarussischem Gebiet sowie die Assimilierung durch die zaristische Sprachenpolitik zurückzuführen. KARSTEN BRÜGGEMANN (Tallinn) wies darauf hin, dass von der Warte der heutigen territorialen Grenzen der Republik Belarus' aus, eine belarussische Geschichte im Zarenreich unmöglich zu schreiben sei. Schließlich dürfe sich Geschichtswissenschaft nicht als Legitimationswissenschaft verstehen, die "über die Vergangenheit wenig, aber über die Gegenwart viel sagt". Die ethno-konfessionelle Politik des Zarenreiches in Bezug auf die nicht-russisch besiedelten Gebiete müsse differenziert und auch in ihren Wandlungsprozessen betrachtet werden, anstatt den "Mythos der Russifizierung als rhetorisches Klischee" zu wiederholen. Schließlich sei die 'Russifizierung' aus imperialer Sicht nicht aggressiv, sondern defensiv im Sinne der Stabilisierung eines multiethnischen Imperiums gewesen.

Rückwärts chronologisch begab sich schließlich das dritte Panel – moderiert von Rayk Einax (Gießen) – auf die Suche nach Spuren der Belarussen im Großfürstentum Litauen. Dieses habe sich laut HENADZ' SAHANOVIČ (Vilnius/Minsk) unter Einbeziehung der slavischen Eliten konstituiert und sei bis ins 14. Jahrhundert von ethnischer und religiöser Toleranz geprägt gewesen. Auch wenn im Weiteren eine zunehmende Diskriminierung der orthodoxen Bevölkerungsteile vonstattengegangen sei, hätten sich die ruthenischen Adeligen weitestgehend mit der Verfassung des Großfürstentums identifiziert, was sich erst nach der Lubliner Union von 1569 zu ändern begann. In seinem Kommentar verwies HANS-JÜRGEN BÖMELBURG (Gießen) auf ein gesteigertes Interesse der europäischen Frühneuzeitforschung an den multikonfessionellen, multiethnischen und vielsprachigen Verhältnissen im Großfürstentum Litauen und auf den Umstand, dass die belarussische Geschichte hierbei bisher eine untergeordnete Rolle gespielt habe. Jedoch gab er zu bedenken, dass vor dem 17. Jahrhundert eine Abgrenzung zwischen Weißrussen und Ukrainern nicht auszumachen sei und die kommunikativen Zentren des polnisch-litauischen Reichsverbandes außerhalb der heutigen belarussischen Territorien gelegen hätten. In diesem Zusammenhang sei der Begriff 'Belarus' für die älteren Epochen wenig brauchbar, vielmehr müsse nach ostslavischen Elementen gesucht werden. Auch MATHIAS NIENDORF (Greifswald) stellte in Frage, ob es sich bei der heutigen Republik Belarus' überhaupt um eine distinkte Einheit für die Frühneuzeitforschung handelt und konstatierte, dass die Geschichtswissenschaft allzu häufig eine Verlängerung aktueller Grenzen in die Vergangenheit betreiben würde. Des Weiteren gab er Einblicke in laufende Buchprojekte auf litauischer und weißrussischer Seite und verwies auf eine Reihe elementarer Forschungsdesiderate hinsichtlich der Ostslaven im Großfürstentum.

Die anschließende Diskussion zeigte, dass die Geschichtswissenschaft im belarussischen Fall vor mehr als einer Herausforderung steht und nicht nur begriffliche Zuschreibungen an die Region und die dort lebenden Menschen bisher diffus geblieben sind. Es wurde deutlich, dass Belege belarussischer Kultur bereits vor der ersten Konstituierung eines weißrussischen Nationalstaates im Jahre 1918 zu finden sind. Eine nationalzentrierte Perspektive ist jedoch nur begrenzt zielführend. Henadz‘ Sahanovič plädierte abschließend für eine methodische Umorientierung der offiziösen belarussischen Geschichtsschreibung und eine Neubewertung der eigenen nationalstaatlichen Geschichte.

Format und unorthodoxe Panel-Gestaltung des Workshops könnten Schule machen. Der Präsentation und Diskussion neuer, nicht zwangsläufig zu Ende konzipierter Forschungsansätze und Fragestellungen wurde viel Raum gegeben. Die anschließenden Impulsreferate weißrussischer Gäste halfen flankiert von jeweils zwei Kommentaren ausgewiesener Experten, einen Überblick zu vermitteln und kontroverse Diskussionen anzuregen. Eine derartige Herangehensweise erscheint geeignet, mitunter ermüdende Frage-Antwort-Konstellationen zwischen Referent/in und Auditorium zugunsten einer breiter gefächerten Debatte unter den Anwesenden zu durchbrechen – Diskussionsbereitschaft vorausgesetzt.

"Wie kann eine Geschichte der Belarus' geschrieben werden?" so wurde die Tagung eröffnet. Und auch wenn diese Frage nicht zur Gänze beantwortet wurde, lassen die zukünftigen Planungen des Netzwerks durchaus weitere Antworten erhoffen. Die Ergebnisse der Tagung sowie aktuelle Forschungsansätze sollen zudem in einen Sammelband münden, der für ein breiteres Publikum von Interesse sein dürfte.

Konferenzübersicht:

Panel 1: Kurzpräsentation neuer Forschungsvorhaben

Dimitri Romanowski (Bochum): "Deutsch-belarussische handelswirtschaftliche, wissenschaftstechnische und kulturelle Beziehungen in den Jahren des nationalstaatlichen Aufbaus in der BSSR (1920-er – 1932)"

Melanie Arndt (Potsdam): "Entwicklung der Zivilgesellschaft in Belarus' seit der Unabhängigkeit 1991"

Felix Ackermann (Vilnius): "Theorie und Praxis europäischer Erinnerung. Ein Litauisch-Polnisch-Belarussisches Tridem?"

Panel 2: Belarus' im Verband des russländischen Imperiums (1795-1917)
Moderation: Thomas M. Bohn (Gießen)

Impulsreferat: Zachar Šybeka (Minsk/Marburg)

Kommentar: Darius Staliūnas (Vilnius/München)

Kommentar: Karsten Brüggemann (Tallinn/Marburg)

Panel 3: Belarus' im Verband des Großfürstentums Litauen (1386-1795)
Moderation: Rayk Einax (Gießen)

Impulsreferat: Henadz‘ Sahanovič (Vilnius/Gießen)

Kommentar: Hans-Jürgen Bömelburg (Gießen)

Kommentar: Mathias Niendorf (Greifswald)

Abschlussrunde der Belarus'-Nachwuchsforscher

Anmerkung:
[1] Vgl. Thomas M. Bohn / Victor Shadursky (Hrsg.), Ein weißer Fleck in Europa … Die Imagination der Belarus als eine Kontaktzone zwischen Ost und West, Bielefeld 2011.

Zitation
Tagungsbericht: Das Phänomen Belarus'. Historische Perspektiven und aktuelle Tendenzen, 24.11.2011 – 25.11.2011 Gießen, in: H-Soz-Kult, 06.01.2012, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-3983>.