Keine Angst vor Theorien

Ort
Hamburg
Veranstalter
Arbeitskreis Historische Frauen- und Geschlechterforschung (AKHFG e.V.)
Datum
25.11.2011
Von
Anna Menny, Historisches Seminar, Ludwig-Maximilians-Universität München

„Keine Angst vor Theorien?“, so lautete das Motto des Studientages des Arbeitskreises Historische Frauen- und Geschlechterforschung, Region Nord, der am 25. November 2011 in Hamburg stattfand. Den Workshop hatten Marleen von Bargen, Maria Gross und Marie Schenk organisiert, die als wissenschaftliche Mitarbeiterinnen von Angelika Schaser an der Universität Hamburg tätig sind. Im Mittelpunkt standen drei Vorträge, die sich dem Stellenwert sowie dem Zusammenhang von Theorie und Methode in der Geschichtswissenschaft widmeten. Die in den Beiträgen aufgeworfenen Thesen und Fragen wurden im Anschluss intensiv und gewinnbringend diskutiert.

Nach einem kurzen Begrüßungswort von Angelika Schaser (Hamburg) führte MARIE SCHENK (Hamburg) in ihrem Eröffnungsvortrag in das Thema des Studientages ein. Ausgangspunkt für die Themenwahl war Schenk zufolge die Diskrepanz zwischen der vielfach geforderten „theoretisch-methodischen Relevanz“ auf der einen Seite und der Unklarheit über die Bedeutung von Theorie und Methode in der Geschichtswissenschaft auf der anderen Seite. Was sind Theorie und Methode eigentlich für Historikerinnen und Historiker und wozu werden sie gebraucht, so formulierte Schenk die an diesem Nachmittag zu diskutierenden Leitfragen. Die Anwendung von Theorie und Methode oder die Unterscheidung beider Begriffe bereite vielen Forscherinnen und Forschern große Probleme. Dass es sich bei dem Thema Theorie in der Geschichtswissenschaft nicht nur um ein aktuell viel diskutiertes Thema handelt, machte Schenk mit dem Verweis auf ähnliche Debatten in den 1970er- und 1980er-Jahren deutlich. So wurde bereits 1977 in dem von Jürgen Kocka herausgegebenen Sammelband „Theorien in der Praxis des Historikers“ die Frage nach Rolle und Funktion von Theorie aufgeworfen.[1] Kürzlich forderten Jens Hacke und Matthias Pohlig in ihrer Einleitung zu dem Band „Theorie in der Geschichtswissenschaft“ eine neue Reflexion über das Verhältnis von Theorie und Praxis und Anleitungen für die konkrete Umsetzung theoretischer Ansätze in der Geschichtswissenschaft.[2]

Nachdem Marie Schenk mit ihrer Einleitung sehr präzise die Leitfragen formuliert und den Rahmen des Studientages vorgegeben hatte, folgten zwei Vorträge, die Möglichkeiten der Anwendbarkeit von Theorien bzw. Methoden in geschichtswissenschaftlichen Arbeiten in den Blick nahmen. LEVKE HARDERS (Bielefeld), die gleich zu Beginn des Vortrages ihre Affinität zu Theorien betonte, nahm die neuere Biographieforschung und Theorieentwicklung in der Geschlechtergeschichte in den Blick. Unter Einbeziehung ihres eigenen akademischen Werdegangs und ihrer bisherigen Arbeiten auf dem Gebiet der Biographie- und Geschlechtergeschichte stellte Harders die Biographieforschung aufgrund ihrer Interdisziplinarität als ein gewinnbringendes Feld für die Anwendung von Theorien heraus. In einem ersten Schritt gab sie einen Überblick über aktuelle Studien zur Theorie der Biographien und verwies auf die in Deutschland erst spät einsetzenden Debatten zur Biographieforschung. So sei in den USA bereits seit den 1980er-Jahren über Theorie und Praxis des Biographieschreibens diskutiert worden und in den 1990er-Jahren gerieten dort die feministische Biographik und die „minority biography“ in den Fokus. Für die Erforschung von Minderheiten schlug Harders die Kollektivbiographie als adäquate Methode vor. Gerade zur Untersuchung subalterner Gruppen und Personen, zu denen es nur wenig Quellenmaterial gebe, und für die sich Individualbiographien nicht schreiben ließen, biete sich die Kollektivbiographie an. Im Gegensatz zur stärker empirisch ausgerichteten herkömmlichen Prosopographie eröffne die Untersuchung kleinerer Gruppen Aussagemöglichkeiten über soziale Interaktionen, Handlungsspielräume, alternative Lebensräume oder Abweichungen von der Norm. Weiterführend sei die Kollektivbiographie auch deshalb, da sie sich an andere Methoden, wie zum Beispiel die Netzwerkanalyse, anlehnen lasse und bislang vernachlässigte Quellen, wie zum Beispiel fotografisches Bildmaterial, einbeziehen könne.

Das praktische Vorgehen beim kollektivbiographischen Arbeiten unterteilte Harders in zwei Schritte: Am Anfang stehe das Sammeln biographischer Daten, an das sich die Auswertung des erstellten „samples“ und die Auswahl einiger exemplarischer Lebensläufe zur qualitativen Analyse anschließe. Nach einem kurzen Einblick in ihre Dissertation, die sich der Geschichte der Amerikanistik in den USA unter anderem aus kollektivbiographischer Sicht nähert, plädierte Harders abschließend dafür, Theorie und Methodik im Sinne des Foucaultschen Werkzeugkastens zu verstehen, aus dem sich jede und jeder, das Instrument heraussuche, welches nützlich für die eigene Arbeit sei. Theorie und Methode sollten Teil einer wissenschaftlichen Biographie sein, das Fragezeichen des Tagungsthemas könne daher in ein Ausrufungszeichen verwandelt werden: „Keine Angst vor Theorien!“.

In der sich anschließenden Diskussion wurden hauptsächlich Fragen zur praktischen Arbeitsweise, wie dem Erstellen des samples, diskutiert. Im Hinblick auf die Leitfrage des Studientages machte Harders erneut die für sie enge Verknüpfung von Theorie und Methoden in der Geschichtswissenschaft deutlich, wobei diese nicht zwangsläufig einen eigenen theoretisch-methodischen Vorbau in wissenschaftlichen Publikationen erfordere, wichtig sei, die Reflektion über theoretische und methodische Vorannahmen und ihre Offenlegung gegenüber der Leserschaft. Dieser Anspruch könne in der Einleitung, in einem eigenen Kapitel oder auch durch Aufbau und Text des Gesamtwerkes eingelöst werden.

Der Vortrag von JESSICA RICHTER (Wien) widmete sich der Korrespondenzanalyse als Methode zur Untersuchung von Lebensgeschichten. Am Beispiel ihres Dissertationsprojektes zu österreichischen Dienstbotinnen und Dienstboten und deren Lebensbedingungen zwischen 1918 und 1938 führte Richter in die Methode der multiplen Korrespondenzanalyse ein, die der Datenerfassung und -auswertung dienen soll. Konkret zeigte Richter mittels der Korrespondenzanalyse Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen dem Dienen in bäuerlichen, privaten oder gewerblichen Haushalten im Österreich der Zwischenkriegszeit auf und setzte diese Erkenntnisse in den zeitgenössischen Kontext der Konflikte um Arbeit, Erwerbstätigkeit und Beruf. Hauswirtschaftliche und landwirtschaftliche Dienste stellte sie dabei als einen zentralen Fall im Konflikt um Arbeit dar, da sie eine relevante Verdienstquelle seien, sich aber nur teilweise in Berufs-/Erwerbslogiken einfügten. Bisherige Forschungen untersuchten meistens Lebens- und Arbeitsverhältnisses oder stellten die persönlichen Abhängigkeitsverhältnisse der Dienstbotinnen und Dienstboten dar, eine Kontextualisierung der Konflikte um Arbeit sei demgegenüber bislang vernachlässigt worden. Richter betonte an dieser Stelle den Erkenntniswert von Selbstzeugnissen, die wichtige Ansatzpunkte böten, Dienste und die mit ihnen verbundenen Tätigkeiten zu beschreiben. Richters Arbeit liegen insgesamt 39 Texte unterschiedlicher Gattungen zugrunde, wie zum Beispiel Arbeitszeugnisse, Briefe, Theaterstücke oder Biographien. Die Vielfalt der Quellen soll dabei nicht nur Aussagen über die Modi des Dienstes und seine Darstellungen zulassen, sondern zugleich helfen, Besonderheiten einzelner Quellengattungen herauszuarbeiten.

Im Folgenden führte Richter in die von ihr gewählte Methode ein: Für die Korrespondenzanalyse sei es notwendig, die einzelnen Texte in Textabschnitte, sogenannte Beobachtungseinheiten zu unterteilen. Diese Einteilung erfolge nach in den Texten selbst angelegten zeitlichen Zäsuren. An diese Texteinheiten müssten in einem zweiten Schritt Fragen formuliert werden, die sich auf den Entstehungskontext des Textes ebenso wie auf seinen Inhalt beziehen könnten. Die schematisierten Antworten auf diese Fragen bezeichnete Richter als Beobachtungsmerkmale. Beobachtungseinheiten und -merkmale könnten anschließend mithilfe eines Computerprogramms in einem Koordinatensystem verortet werden, es entstehen sogenannte Punktewolken. Jede dieser Punktewolken weise einen Mittel- oder Schwerpunkt auf, durch den zwei Achsen gelegt werden, wobei die erste die wichtigsten Informationen erfasse, das heißt die dichteste Streuung von Punkten aufweisen müsse. Richter zufolge lassen sich die Punkte so hierarchisieren und es können Aussagen über Nähe und Distanz bestimmter Punkte und damit bestimmter Eigenschaften bzw. Inhalte der Texteinheiten getroffen werden. Als ein zentrales Unterscheidungsmerkmal machte sie die Negation oder Affirmation des Dienstes als Erwerbstätigkeit aus.

Aufgrund der sehr komplexen und für die Geschichtswissenschaft (noch?) ungewohnten Methode schlossen sich an den Vortrag zunächst zahlreiche Verständnisfragen zur Korrespondenzanalyse an. Richter machte als einen Vorteil der von ihr vorgestellten Methode aus, dass sie eine Möglichkeit der Kontrolle im Hinblick auf die Quellenarbeit erlaube. Auch könnten eine große Bandbreite an Positionen aufgezeigt sowie strukturelle und inhaltliche Merkmale der Quellen zusammengebracht werden. Sie betonte aber ebenfalls, dass die „rechnerische“ Analyse der Quellen immer in einen zeithistorischen Kontext gesetzt und gesellschaftspolitische Auseinandersetzungen berücksichtigt werden müssten. Die Korrespondenzanalyse könne die historische Quellenkritik nicht ersetzen, sondern diese vielmehr in einigen Aspekten ergänzen.

In der Abschlussdiskussion griff Angelika Schaser die Ausgangsfrage nach der Rolle von Theorie und Methode auf und ergänzte sie durch die Frage nach dem Einfluss von Theorie und Methode auf das Narrativ geschichtswissenschaftlicher Arbeiten. Daraufhin entspann sich eine Debatte um die Besonderheiten der Biographieforschung. Es wurde die These diskutiert, ob die Narrativität der Biographie in stärkerem Maße die Einheit des Gegenstandes suggeriere und auf diese Weise das Reflektieren über theoretisch-methodische Vorannahmen erschwere. Die Frage der Narrativität wurde von den Diskussionsteilnehmerinnen und -teilnehmern als zentral erachtet, da historische Arbeiten immer etwas erzählen wollten.

Inwiefern die vermeintliche Theorielosigkeit der Geschichte ein Vorteil sei, da sie das „Bedienen“ an theoretisch-methodischen Angeboten anderer Disziplinen ermögliche und so den Blick über den eigenen „Tellerrand“ hinaus fördere, wurde als Frage aufgeworfen. Einige Diskussionsteilnehmerinnen regten an, dass die historische Quellenkritik durch theoretische Ansätze gewinnbringend erweitert werden könne. Zugleich wurde die Forderung erhoben, das erkenntnisleitende Interesse und die theoretischen Vorannahmen offen zu legen um das Vorgehen in der eigenen Arbeit transparent zu machen. Nach einem spannenden und gut organisierten Studientag kam Angelika Schaser in ihrem Schlussresümee daher zu dem Ergebnis, dass theoretisch-methodische Reflektionen in jeder wissenschaftlichen Arbeit notwendig seien, die Frage des „Wie“ aber offen bleibe. Möglicherweise könnten hier neue Forscherinnen- und Forschergenerationen eine verständlichere und lesefreundlichere Form der Offenlegung finden. Anstelle eines Theorie- und Methoden-Blumenstraußes, der in einem von der restlichen Arbeit weitgehend losgelösten Kapitel angeboten wird, wäre es wünschenswert, das eigene Forschungsanliegen stärker in den Fokus zu rücken und im Hinblick auf Anwendbarkeit und Nutzen von Theorien und Methoden eine stärkere Hierarchisierung und Konzentration vorzunehmen.

Konferenzübersicht:

Marie Schenk (Hamburg): „Keine Angst vor Theorien?“ – Eröffnungsvortrag

Levke Harders (Bielefeld): Neuere Biographieforschung und Theorieentwicklung in der Geschlechtergeschichte

Jessica Richter (Wien): Die Korrespondenzanalyse als Methode zur Untersuchung der Lebensgeschichten von DienstbotInnen

Anmerkungen:
[1] Jürgen Kocka (Hrsg.), Theorien in der Praxis des Historikers. Forschungsbeispiele und ihre Diskussion, Göttingen 1977.
[2] Jens Hacke / Matthias Pohlig (Hrsg.), Theorie in der Geschichtswissenschaft. Einblicke in die Praxis des historischen Forschens, Frankfurt am Main 2008.

Zitation
Tagungsbericht: Keine Angst vor Theorien, 25.11.2011 Hamburg, in: H-Soz-Kult, 14.12.2011, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-3989>.
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Veröffentlicht am
14.12.2011
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