Die Einsamkeit der Opfer. Methodische, ethische und politische Aspekte der Zählung der Menschenverluste des Zweiten Weltkriegs

Ort
Budapest
Veranstalter
Europäisches Netzwerk Erinnerung und Solidarität; Deutsch-Russisches Museum Berlin-Karlshorst; Institut der Geschichte, Ungarische Akademie der Wissenschaften
Datum
09.12.2011 - 10.12.2011
Von
Edina Rauschenberger, Politikwissenschaftlerin, Budapest

Die vom „Europäischen Netzwerk Erinnerung und Solidarität” und dem „Deutsch-Russischen Museum Berlin-Karlshorst“ organisierte und vom Institut der Geschichte der Ungarischen Akademie der Wissenschaften unterstützte Konferenz legte den Fokus auf neuere Forschungen und Projekte über Opferzahlen während und nach dem Zweiten Weltkrieg unter besonderer Berücksichtigung ihrer politischen Konsequenzen.

Die Konferenz wurde von den Veranstaltern Attila Pok (Ungarische Akademie der Wissenschaften, Budapest) und Rafał Rogulski (Europäisches Netzwerk Erinnerung und Solidarität Warschau) eröffnet. RICHARD OVERY (Exeter) führte in seinem Eröffnungsvortrag u.a. aus, dass die Zerstörung staatlicher Strukturen sowie die Umstände von Okkupation und territorialer Ausdehnung während des Zweiten Weltkrieges die Erhebung von Statistiken zu verschiedenen Opferzahlen erschwert bzw. verhindert haben. Eine zusätzliche Hürde für die Ermittlung genauer Zahlen resultiert aus dem Umstand, dass die meisten Opfer, insbesondere in Mittel- und Osteuropa, aus der Zivilbevölkerung kamen, was ihre Identifizierung häufig einschränkte, wenn nicht gar unmöglich machte.

Auf dem ersten Panel wurden Methoden bei der Bestimmung von Opferzahlen in der Nachkriegszeit und ihre politischen Implikationen vorgestellt. BORIS SOKOLOV (Moskau) sprach über die methodischen Schwierigkeiten beim Zählen von Menschenverluste auf sowjetischer Seite. RÜDIGER OVERMANS (Freiburg i.B.) erläuterte, dass es bei den deutschen Verlusten keine genauen Daten gibt und betonte, dass auch die Terminologie „Deutsche/r“ zu Unklarheiten bei der Zählung führen kann. Gemäß dem Stand der Forschungen lässt sich die Zahl der Verluste auf Seiten der Sowjetunion auf 26.900.000 korrigieren, wie VLADIMIR TARASOV (Moskau) ausführte. TAMAS STARK (Budapest) wies darauf hin, dass in Ungarn die Frage der Zahl der ungarischen Opfer in der Nachkriegszeit eine eminent politische Frage sei. Nach den gegenwärtigen Berechnungen belaufe sich die Gesamtzahl der ungarischen Menschenverluste auf 1,2 – 1,4 Millionen.

Im zweiten Panel ging ŁUKASZ KAMINSKI (Warschau) auf die politischen und ethischen Aspekte der polnischen Opferzahlen ein. Die Opferzahl von 6.028.000 galt lange als unantastbar. Nach jüngsten Untersuchungen ist diese Zahl erstmals hinterfragt worden und dürfte auf etwa 5.650.000 korrigiert werden. MATEUSZ GNIAZDOWSKI (Warschau) wies darauf hin, dass bei der Erhebung der polnischen Opferzahlen die Frage von Reparationen zentral war, weshalb die Zahlen nach 1945 schnell zustande kamen. PETER JASEK (Bratislava) referierte über die politischen Aspekte der slowakischen Verluste in der Historiografie seines Landes. BEATA HALICKA (Frankfurt/Oder) sprach über die politische Instrumentalisierung deutscher Opferzahlen von Flucht und Vertreibung am Beispiel der in den 1950er Jahren im Auftrag der Bundesregierung entstandenen umfänglichen Ost-Dokumentation.

Auf dem letzten Panel des ersten Tages wurden die Opferzahlen des Holocaust und insbesondere des Vernichtungslagers Auschwitz erörtert. ALEXANDER AVRAHAM (Jerusalem) erinnerte daran, dass die wichtigste Mission des Institutes Yad Vashem die Zusammenstellung einer Dokumentation über die Namen der Opfer sei. Die Datenbasis ist interaktiv und enthält 4.000.000 Namen (Stand: 2010). PIOTR SETKIEWICZ (Oświęcim) stellte neue Verfahren bei der Bestimmung der Opferzahlen in Auschwitz vor. Zum Abschluss dieses Panels präsentierte ROBERT JAN VAN PELT (Ontario) seine Untersuchungen bezüglich der Opferzahlen in Auschwitz vor allem aus technischer Sicht. Er verwies dabei auf seine mehrjährigen Auseinandersetzungen mit Holocaust-Leugnern insbesondere David Irving.

Der zweite Tag der Konferenz begann mit der Vorstellung verschiedener Programme zur Identifizierung von Opfern. DARIUSZ PAWŁOS (Warschau) betonte, dass im Mittelpunkt des polnischen Dokumentationsprogramms die Veröffentlichung der Namen polnischer Opfer steht. MACIEJ WYRWA (Warschau) ging in seinem Vortrag vor allem auf die polnischen Opfer der sowjetischen Besatzung ein. BARBARA STELZL-MARX (Graz) stellte die sowjetischen Verluste in Österreich vor und wies darauf hin, dass bereits 60.000 Opfer von den insgesamt 70.000 Opfern in den Grabstätten identifiziert werden könnten. TADEJA TOMISEK ČEHULIC (Ljubljana) stellte Erfahrungen im Hinblick auf statistische Methoden vor, um slowenische Opferzahlen bestimmen zu können.

JUDIT MOLNAR (Budapest) führte aus, dass die Zahl der ungarischen Opfer des Holocausts zwischen 500.000-550.000 liegt und dass die ungarischen Juden hauptsächlich nach Auschwitz transportiert wurden. ALEXANDRU MURARU (Iasi) präsentierte die Zahlen rumänischer Opfer in der Bukowina im Jahre 1940. ADRIAN CIOFLANCA (Iasi) bezifferte über die Opferzahlen des Pogroms von Iasi in Rumänien auf 10.000-14.000.

HARALD KNOLL (Graz) stellte die österreichischen Gefangenen in sowjetischen Lagern während und nach dem Zweiten Weltkrieg vor. Seinen Angaben zu Folge befanden sich 120.000 Österreicher in sowjetischen Gefangenenlagern, wobei zwischen 7.000-20.000 von diesen ums Leben kamen. ALEKSANDR GURJANOV (Moskau) stellte die polnischen Opfer sowjetischer Repression vor und erläuterte, dass die Definition des Wortes „Opfer“ zu Schwierigkeiten bei der Zählung führen könne. MAREK KORNAT (Warschau) ging in seinen Ausführungen auf die Kontroverse in der polnischen Historiografie bezüglich der Opfer sowjetischer Besetzung zwischen 1939-1941 ein. ŁUKASZ ADAMSKI (Warschau) betonte, dass insbesondere der völkerrechtliche Status der polnischen Ostgebiete (Kresy) in den Jahren zwischen 1939-45 viele Ungenauigkeiten und Probleme bei der Zählung von Opfern nach sich ziehen.

Die Konferenz wurde mit einer Podiumsdiskussion beschlossen, an der Attila Pok, Alexander Avraham, Richard Overy und TOMASZ SZAROTA (Warschau) teilnahmen. Tomasz Szarota wies darauf hin, dass man zwischen den Begriffen Zahl und Menge differenzieren soll. Es gäbe kaum komparatistische Studien; die Opfer im Osten seien weitaus anonymer geblieben als jene im Westen, so Szarota. Attila Pók hob hervor, dass während der Konferenz nicht nur die genauen Zahlen der Opfer, sondern auch die Definition der Wortes „Opfer“ mehrmals hinterfragt wurde. Als eines der Ergebnisse der Konferenz könne man sagen, dass die Validität von Zahlen in vielen Fällen überschätzt worden seien. Insbesondere in der öffentlichen Meinung werden Zahlen schnell als (end)gültig betrachtet. Es gelte zu überlegen, wie die öffentliche Meinung auf zum Teil gravierende Änderungen vorbereitet werden kann, so POK. RICHARD OVERY wies darauf hin, dass Zahlen in vielen Fällen überschätzt worden sind. Es gäbe freilich auch Fälle, wo sie unterschätzt worden sind. Es sei außerordentlich wichtig, neue Forschungsergebnisse in der öffentlichen Debatte einzuführen. Er fügte hinzu, dass während der Konferenz kaum über die Opferzahlen infolge von Bombardierungen während des Zweiten Weltkrieges gesprochen worden sei, obwohl diese sehr vielen Zivilisten das Leben kosteten. Seiner Auffassung nach, müssten auch Menschen, die seelische und physische Verletzungen durch den Zweiten Weltkrieg erlitten haben, als Opfer betrachtet werden. ALEXANDER AVRAHAM warnte abschließend vor einem allzu schnellen Revidieren der Zahlen, solange es keine Gewissheit über neue Untersuchungsergebnisse gebe.

Konferenzübersicht:

Richard Overy (Exeter University), Opening: ‘The unnumbered dead: estimating victim statistics for World War II’

Section 1, Part 1, The great numbers. The total numbers of victims - process of their formation and functions in the post-war time

Boris Sokolov (Russian Academy of Science, Moscow), ‘Some methodological problems of calculation of the Soviet war losses during the Second World War’

Rüdiger Overmans (Freiburg i.B.), ‘German loses during and after the World War II. Current researches after more than 60 years’

Vladimir Tarasov (Moscow), ‘Losses of the USSR during the Second World War: The current state’

Tamas Stark (Hungarian Academy of Sciences, Budapest), ‘Human loses of Hungary’

Section 1, Part 2 The great numbers. The total numbers of victims - process of their formation and functions in the post-war time

Lukasz Kaminski (Institute of Nation`s Memory, Warsaw) ‘Between Politics and Ethics – Polish dilemmas concerning victims counting of the Second World War loses’

Mateusz Gniazdowski (Centre for Eastern Studies, Warsaw), ‘Polish human loses – methodology, institutions and politics’

Peter Jašek (Institute of Nation`s Memory, Bratislava), ‘Slovakia's human losses during World War II and their political aspects in the Slovak postwar historiography’

Tadeja Tominšek Cehulic (University Ljubljana), 'Methodology of Compiling the World War II Casualties' List in Slovenia'

Section 2, Victims’ Identification Programs

Dariusz Pawłoś (Foundation for Polish-German Reconcilation, Warsaw), ‘Human losses and victims of repression under the German occupation – Polish documentary program’

Maciej Wyrwa (Karta, Warsaw), ‘‘Indeks Represjonowanych’ – Documentation of Soviet repression against Poles and Polish citizens 1939-56’

Beata Halicka (Viadrina University, Frankfurt/Oder), ‘Political instrumentalization of the numbers of German victims of forced migration. The case of Ost-Dokumentation”

Section 3, Part 1, Holocaust victims. Auschwitz

Alexander Avraham (Yad Vashem Institute, Jerusalem), ‘Central database of Shoah victims' names’

Piotr Setkiewicz (Memorial and Museum Auschwitz-Birkenau, Oświęcim), ‘Reserach perspectives on counting of the victims of the Auschwitz’

Robert Jan van Pelt (Waterloo University, Ontario), ‘The Auschwitz victim count: truth and politics’

Section 3, Part 2, Holocaust victims. Cases from different countries

Judit Molnár (Holocaust Memorial Center, Budapest), ‘Hungarian Holocaust victims and Holocaust survivors, old documents, new estimations’

Adrian Cioflanca (University of Iasi), ‘Counting the victims of Holocaust in Romania’

Alexandru Muraru (University of Iasi), ‘Perpetrators and victims in the forgotten blood summer. Debates and findings regarding the Romanian retreat from Bessarabia and North Bukovina in 1940’

Section 4, Part 1, Soviet and East European Victims

Barbara Stelzl-Marx (Ludwig Boltzmann Institut für Kriegsfolgen-Forschung, Graz)‚ Soviet dead of the II World War in Austria. Identifying individuals at their names and grave locations’

Aleksander Gurjanov (Memorial, Moscow), ‘Statistics of Soviet political repression against Poles and Polish citizens during World War II’

Lukasz Adamski (Warsaw), ‘Cuius Regio, Eius Victimae. The Dispute over the international law status of the Eastern provinces of the Second Republic of Poland during 1939-1945 and its impact of the statistics of World War II victims in Poland and in the Eastern neighbors of Poland’

Section 4, Part 2, Soviet and East European Victims

Marek Kornat (Kardinal Wyszynski University, Warsaw), ‘Victims of the Soviet occupation in Eastern Poland 1939-1941. Discussion in Polish historiography’

Harald Knoll (Ludwig Boltzmann Institut für Kriegsfolgen-Forschung, Graz), ‘Austrian prisoners in the Soviet Union. Historical researches, database and service for the People’

Panel Discussion

Attila Pók (Hungarian Academy of Sciences, Budapest)
Tomasz Szarota (Polish Academy of Sciences, Warsaw)
Alexander Avraham (Yad Vashem Institute, Jerusalem)
Richard Overy (Exeter University, Exeter)

Zitation
Tagungsbericht: Die Einsamkeit der Opfer. Methodische, ethische und politische Aspekte der Zählung der Menschenverluste des Zweiten Weltkriegs, 09.12.2011 – 10.12.2011 Budapest, in: H-Soz-Kult, 08.06.2012, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-4252>.
Redaktion
Veröffentlicht am
08.06.2012