Medizin und Ärzte im Nationalsozialismus in Köln und dem Rheinland

Ort
Köln
Veranstalter
NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln; Institut für Geschichte und Ethik der Medizin, Universität zu Köln
Datum
16.03.2012
Von
Thomas Roth, Bonn /Köln

Im Rahmen der 2011 neu ins Leben gerufenen Veranstaltungsreihe „Kolloquien des NS-Dokumentationszentrums Köln“ fand am 16. März 2012 eine Tagung zur NS-Medizin im Rheinland statt.[1] Ziel der in Kooperation mit dem medizinhistorischen Institut der Universität zu Köln organisierten Veranstaltung war es, neuere Forschungen zur regionalen Medizingeschichte vorzustellen und zu diskutieren. Dabei sollten neben der NS-Zeit auch die „Vor- und Nachgeschichte“ des Nationalsozialismus, insbesondere Initiativen und Blockaden der „Aufarbeitung“ thematisiert werden. Im Zentrum stand ein akteursorientierter Ansatz, der Ärztekarrieren und ärztliche Handlungsspielräume als Zugang wählte.

Zu Beginn der Tagung erörterte ein einführender Vortrag von UWE KAMINSKY (Bochum) Stand und Perspektiven der medizinhistorischen Forschung zum Nationalsozialismus. Kaminsky blickte auf die Untersuchungen der letzten Jahrzehnte zum Thema „Rassenhygiene“, Zwangssterilisation und „Euthanasie“ zurück und lenkte den Blick auf eine inzwischen breit erschlossene Forschungslandschaft. Er skizzierte die wichtigsten Themenfelder und Debatten (etwa zur Kontinuität eugenischen Denkens über 1933 hinweg, zum Zusammenhang von Sterilisationspolitik und Krankenmord oder zum Verhalten der Ärzte/innenschaft) und zeigte auf, wie die früher dominierenden ideen- und institutionengeschichtlichen Ansätze durch neuere wissenschaftsgeschichtliche oder kollektivbiografische Zugänge produktiv erweitert wurden. Der Referent wies auch auf die Bedeutung von Gedenkstätten hin; sie hätten nicht nur die seit den 1980er-Jahren entwickelten Geschichtsinitiativen und ihre kritische Auseinandersetzung mit der NS-Medizin aufgegriffen, sondern wichtige Impulse für die Wissenschaft gegeben. Kaminsky strich die Bedeutung regionalgeschichtlicher, basisnaher Forschungen für ein differenziertes Verständnis von institutionellen Abläufen und „Täter-“ wie „Opferbiografien“ heraus. Zugleich benannte er immer noch – gerade für das Rheinland – bestehende Desiderate: So bedürften einige universitäre Institute und Kliniken sowie die Tätigkeit niedergelassener Ärzte genauerer Untersuchung; auch bei den katholischen Krankenanstalten bestehe noch Forschungsbedarf. Populäre Geschichtsbilder wie die von der rheinischen Widerständigkeit oder der Unterdrückung der Kirche durch den NS-Staat hätten hier womöglich das Untersuchungsinteresse gedämpft.

Im Anschluss berichtete THOMAS DERES (Köln) aus einem laufenden Projekt zum Kölner Gesundheitswesen 1933-1945. Er stellte zwei paradigmatische Akteure der kommunalen Gesundheitspolitik zwischen Weimarer Republik und NS-Zeit vor, die als Experten und Netzwerker auch überregionale Bedeutung erlangten: die Kölner Gesundheitsdezernenten Peter Krautwig und Karl Coerper. Deres schilderte die Übereinstimmungen der beiden Ärzte, die Medizin und Gesundheitspolitik in den Rahmen einer umfassenden gesellschaftlichen „Sozialhygiene“ stellten. Zugleich arbeitete er die verschiedenen Interpretationen dieses Ansatzes heraus, die aus unterschiedlichen weltanschaulichen Prägungen, politischen Milieus und ärztlichen Erfahrungen resultierten. Während Krautwig „Sozialhygiene“ als sozialreformerisches Projekt sah, stärker den Fürsorgeaspekt betonte und dabei seinen katholischen Glauben als Richtschnur nahm, entwickelte Coerper die „Sozialhygiene“ unter Rückgriff auf Rassenideologie und Erbbiologie zu einer Disziplin, die vor allem die Grenzen der Therapierbarkeit und die Notwendigkeit negativer Auslese durch Sterilisation und Kastration betonte. Coerper, der Krautwig 1926 ablöste, wirkte denn nicht nur als Vorbereiter, sondern bis 1945 als zentraler Akteur der NS-Rassenpolitik im Rheinland.

Einen weiteren Protagonisten dieser Politik stellte MICHAEL LÖFFELSENDER (Köln/München) mit dem Kölner Gefängnisarzt Franz Kapp vor. Als Leiter der in Köln ansässigen „Kriminalbiologischen Sammelstelle“, medizinischer Gutachter für die Strafjustiz und Initiator zahlreicher Zwangssterilisationen an Vollzugsgefangenen trieb Kapp die gesellschaftsbiologische „Ausmerze“ von Straftätern und Randständigen energisch voran. Löffelsenders Vortrag zeigte eindrücklich, welche wichtige Scharnierfunktion die von der Forschung oft unbeachteten Gefängnisärzte zwischen den unterschiedlichen Ausgrenzungspolitiken des Regimes besetzten. Durch die enge Verknüpfung von praktischen Handlungsmöglichkeiten und fachlichen Ambitionen sei eine besondere Radikalisierungsdynamik entstanden. Das NS-Regime bot Kapp nicht nur Möglichkeiten, seine bereits vor 1933 entwickelten „rassenhygienischen“ Vorstellungen praktisch umzusetzen, sondern verschaffte ihm mit dem Gefängnis auch ein „Laboratorium“, um sich wissenschaftlich zu profilieren und weitere Tätigkeitsfelder zu erschließen.

Die von Löffelsender aufgeworfene Frage nach Handlungsspielräumen behandelte auch IRENE FRANKEN (Köln) in ihrem Vortrag zur Kölner Universitätsfrauenklinik. Anhand des von 1934 bis 1944 amtierenden Klinikleiters Hans Christian Naujoks zeigte Franken, wie „rassenhygienisches“ Denken, nationalsozialistische Weltanschauung und fachliche Ansprüche sich verbinden, aber auch begrenzen konnten. Der Gynäkologe Naujoks machte im NS-Regime auch aufgrund seines Eintretens für eine negative Eugenik Karriere und war als Klinikchef für die Umsetzung von über 1.000 Zwangssterilisationen verantwortlich. Mit Blick auf seine wissenschaftliche Position, medizinische Effizienz und die Funktionsfähigkeit „seiner“ Klinik wandte sich Naujoks aber auch gegen zweifelhafte Ansätze nationalsozialistischer „Heilkunde“, die bevorzugte Förderung von Parteiaktivisten in der Ärzteschaft oder die Entlassung katholischer Pflegekräfte; zudem setzte er sich auch bei der Behandlung von sozial oder „rassisch“ stigmatisierten Frauen für die Einhaltung medizinischer Standards ein. Vor diesem Hintergrund kennzeichnete Franken den Raum der Klinik als komplexes Handlungsfeld mit unterschiedlichen Akteuren, Diskursen, Politiken und Praktiken, das sich auch in der NS-Zeit einfachen Kategorisierungen entziehe. Franken betonte aber auch die Grenzen der Handlungsräume, gerade für die Patientinnen, die innerhalb der Frauenklinik weitgehend ohnmächtig gewesen seien.

In der zweiten Sektion der Tagung, die sich stärker der Zeit nach 1945 widmete, nahm DANIEL SCHÄFER (Köln) das Personal der Kölner Kinderklinik in den Blick. Er zeichnete die Lebensläufe einer Kohorte von Ärztinnen und Ärzten nach, die Anfang der 1930er-Jahre nach einem Wechsel des Ordinariats in die Kölner Universitätspädiatrie einrückten. Das Jahr 1933 brachte keinen fundamentalen Bruch im Personal, hatte für weibliche und jüdische Ärzte, die im universitären „Latecomer“ Pädiatrie überproportional vertreten waren, aber einschneidende Folgen. Schäfer machte deutlich, wie die in den 1930er-Jahren unter Kölner Assistenzärzten geknüpften Beziehungen auch bei späteren Berufsstationen und Forschungsprojekten aktualisiert und genutzt wurden. Die im NS-Regime entwickelten Netzwerke blieben auch nach 1945 stabil und karriereförderlich; Positionsverluste aufgrund von NS-Belastungen oder konkurrierenden Netzwerken der nach 1933 vertriebenen oder an den Rand gedrängten Mediziner/innen gab es nicht.

An diesen Befund knüpfte RICHARD KÜHL (Tübingen) an, der die Ergebnisse eines Forschungsprojektes zu Aachener Klinikärzten referierte. Kühl kontrastierte die seit den 1980er-Jahren kultivierte Legende von der Widerständigkeit der katholischen Aachener Ärzteschaft mit seinem Befund einer völlig widerstandslosen Einbindung in den NS-Staat und einer „Radikalisierung von unten“ besonders seitens jüngerer Mediziner. Die Mitwirkung an der NS-Politik habe für die Beteiligten nach 1945 kaum Konsequenzen gehabt, nachdem die Sterilisationsgesetzgebung nicht als NS-Unrecht eingestuft wurde, die Ärzteschaft Beschuldigungen kollegial abwehrte und sich in der Entnazifizierung Muster und Topoi der Entschuldung fast flächendeckend durchsetzten. Der von der Stadt forcierte, von akademischen Ambitionen getragene Ausbau der Aachener Medizin, der 1966 zur Umwandlung der Städtischen Krankenanstalten in das neue Universitätsklinikum führte, habe schließlich sogar zu einem erhöhten Anteil NS-Belasteter in den Leitungsstellen der Aachener Medizin geführt, weil man nach dem Abgang älterer Mediziner auf Aufsteiger aus der NS-Zeit setzte, die an der Universität nicht mehr unterkamen. Diese in Aachen lange Zeit tabuisierte Personalpolitik sei erst in jüngster Zeit nach der Skandalisierung von NS-Tätern wie dem Pathologen Martin Staemmler offener diskutiert worden.

Während Kühl die Kontinuitäten über 1945 hinweg markant aus personeller und institutioneller Perspektive zeichnete, wählt das Forschungsvorhaben, das THORSTEN NOACK und FRANK SPARING (beide Düsseldorf) vorstellten, einen anderen Ansatz. Das vom Landschaftsverband Rheinland (LVR) geförderte, vom medizinhistorischen Institut in Düsseldorf durchgeführte Projekt zur Geschichte der LVR-Kliniken und -Anstalten will die Beharrungs- und Wandlungsprozesse der Psychiatrie nach 1945 mit Blick auf den Klinkalltag und die Erfahrungen der Patient/inn/en analysieren.[2] Sparing stellte einen Ausschnitt dieses Projektes vor, das angesichts aktueller Debatten um Heim- und Psychiatrieskandale auch erinnerungspolitisch eine wichtige Rolle spielt. Er befasste sich mit den Jahren 1945-1953, also der Phase zwischen dem Ende des „alten“ rheinischen Provinzialverbandes und der Gründung des LVR. Sparing zeigte anhand verschiedener Praxisfelder eine komplexe Mischung von NS-Kontinuitäten, Pragmatismus, krisenmedizinischem Utilitarismus und ökonomischen Erwägungen. Dies habe nicht nur die Wiedereinstellung von belasteten Pflegern und Ärzten wie dem T4-Gutachter Friedrich Panse zur Folge gehabt, sondern auch eine Verlängerung von Unterversorgung und Hungersterben über 1945 hinweg sowie die Weiterführung gefährlicher Schocktherapien. Sparing wies aber auch auf punktuelle Ansätze einer personalpolitischen und wissenschaftlichen Neuorientierung hin, in denen die späteren Reformprozesse der 1960er- und 1970er-Jahre bereits aufscheinen.

Zum Abschluss der Tagung berichteten CHRISTIANE HOSS und PETER LIEBERMANN (beide Köln) als Zeitzeugen von einem Pionierprojekt regionaler „Aufarbeitung“, der 1985 in Köln gezeigten Ausstellung „Heilen und Vernichten“.[3] Hoss und Liebermann betonten, dass es zu diesem Zeitpunkt – abgesehen von Ausnahmefiguren wie Gerhard Baader – noch keine kritische historische Beschäftigung mit der NS-Medizin gegeben habe, so dass der Impuls von lokalen Geschichtsinitiativen, Arbeitskreisen in Kliniken oder Journalisten ausgehen musste. Dabei habe es einen fruchtbaren Austausch mit Initiativgruppen anderer Regionen gegeben. Die Kölner Ausstellung, die von einem Kollektiv mit vielfältigem sozialen, politischen und institutionellen Hintergrund erstellt wurde, habe das bis dahin versiegelte Bild der „Medizin im Dritten Reich“ in mehrerlei Hinsicht aufgebrochen: einmal durch die Erschließung zahlreicher bis dato unbeachteter oder abgeschirmter Quellenbestände, zum zweiten, indem rheinische Mythen in Frage gestellt und Widerstände in Universität, Stadtverwaltung oder Verbänden sichtbar gemacht wurden, und drittens, indem neben den Biografien von „Tätern“ auch eine Geschichte „vergessener Opfer“ zur Sprache kam. Trotz gewisser Abwehrreaktionen schilderten die Referenten die Ausstellung letztlich als erinnerungskulturellen „Katalysator“, der politische Nachfragen und wissenschaftliches Interesse mobilisiert und mittelfristig zu einem Umdenken in Öffentlichkeit und Ärzteschaft geführt hat.

Wenngleich die Forschung zur NS-Medizin weit ausdifferenziert ist, lassen sich doch – das hat die Kölner Tagung gezeigt – weiterhin produktive Fragen und Ansätze an das Thema herantragen. Ein Weg kann eine akteursorientierte Perspektive sein, die sich jedoch nicht in der Rekonstruktion von Biografien und Netzwerken erschöpfen sollte, sondern stets die Verbindung zu institutionellen Settings und Praktiken sucht, die spezifischen Arbeitsfelder von Ärztinnen und Ärzten berücksichtigt und Perspektiven von Administration, Pflegekräften und Patient/inn/en einbezieht. Obgleich die „zweite Geschichte“ des Nationalsozialismus schon seit 15 Jahren intensiv untersucht wird, bestehen gerade im Blick auf die Medizin „nach dem NS-Regime“ noch Kenntnislücken. Neben der Kontinuität ärztlicher Karrieren über Systemgrenzen hinweg, die von allen Vorträgen betont wurde, verdienen die medizinischen Leitbilder und Verhaltensweisen eingehendere Untersuchung. Dabei wäre nicht nur nach der Fortdauer NS-spezifischer Prägungen oder erfolgreicher Liberalisierung nach 1945, sondern nach regimeübergreifenden Leitbildern und Denkmustern (utilitaristisches Menschenbild, ökonomisches Effizienzdenken usw.) und deren Radikalisierungspotenzialen zu fragen.

Die der Tagung unterlegte Frage nach regionalen Spezifika ist nicht allein in Bezug auf die NS-Zeit selbst, sondern hinsichtlich der erinnerungskulturellen Verarbeitung interessant. Denn der „rheinische Katholizismus“ war, so scheint es, nicht zuletzt eine symbolische Ressource, die genutzt wurde, um entlastende Geschichten über das Arztsein im Nationalsozialismus zu erzählen. Zur Sozialgeschichte ärztlichen Verhaltens im NS-System gehört somit zwingend eine Kulturgeschichte der „Vergangenheitsbewältigung“.

Konferenzübersicht:

Uwe Kaminsky (Bochum), Medizin und Nationalsozialismus. Stand und Perspektiven der Forschung

Teil I: Medizinische Akteure und Einrichtungen in Köln

Thomas Deres (Köln), Von Krautwig zu Coerper. Zum Wandel der „Sozialhygiene“ in den 1920er und 1930er Jahren

Michael Löffelsender (Köln/München), Dr. Franz Kapp. Gefängnisarzt, Kriminalbiologe, "Rassenhygieniker"

Irene Franken (Köln), Handlungsspielräume in der Universitätsfrauenklinik Köln während des Nationalsozialismus

Teil II: Medizinische Karrieren und medizinisches Handeln in der NS-Zeit und danach

Daniel Schäfer (Köln), Die Ärzte der Kölner Kinderklinik vor und nach 1945

Richard Kühl (Tübingen), Chefärzte und der Nationalsozialismus. Das Beispiel der Städtischen Krankenanstalten Aachen

Frank Sparing (Düsseldorf), Zur Auseinandersetzung mit der NS-Zeit in der rheinischen Psychiatrie in der unmittelbaren Nachkriegszeit. Aus einem Projekt zur Geschichte des Landschaftsverbandes Rheinland

Christiane Hoss/Peter Liebermann (Köln), Die Kölner Ausstellung "Heilen und Vernichten" 1985. Entstehungsgeschichte, Ergebnisse, Resonanz

Anmerkungen:
[1] Vgl. zur ersten Tagung 2011 http://www.ahf-muenchen.de/Tagungsberichte/Berichte/pdf/2011/195-11.pdf (30.05.2012).
[2] Genauer zum Projekt: http://www.uniklinik-duesseldorf.de/index.php?id=21160 (30.05.2012).
[3] Vgl. die Dokumentation: Heilen und Vernichten im Nationalsozialismus. Ausstellung … 26. April–15. Juni 1985 …. Veranstalter: Fachschaft Medizin an der Universität Köln, Kölnische Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit, Landschaftsverband Rheinland, Abteilung Gesundheitspflege, Volkshochschule Köln, Köln 1985.

Zitation
Tagungsbericht: Medizin und Ärzte im Nationalsozialismus in Köln und dem Rheinland, 16.03.2012 Köln, in: H-Soz-Kult, 07.06.2012, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-4259>.
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Veröffentlicht am
07.06.2012
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