Entwicklung eines zentralen Historisch-biographischen Informationssystems für den deutschsprachigen Raum

Ort
München
Veranstalter
Bayerische Staatsbibliothek München/Historische Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, München
Datum
23.07.2012 - 24.07.2012
Von
Stefan Jordan, Historische Kommission, Bayerische Akademie der Wissenschaften, München

Die Bayerische Staatsbibliothek (BSB) betreibt seit dem 1. Juni 2012 gemeinsam mit der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften (HK) die für die Dauer von zwei Jahren von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderte „Entwicklung eines zentralen Historisch-biographischen Informationssystems für den deutschsprachigen Raum“. Ziel des Projektes ist es, in Kooperation mit führenden deutschen Wissenschafts-, Dokumentations- und Kulturinstitutionen aus dem bereits seit 2010 bestehenden Online-Angebot www.deutsche-biographie.de ein multimediales, frei zugängliches Informationssystem zu entwickeln, das „zertifiziertes Wissen“ für interdisziplinäre Forschung sowie für eine breite Öffentlichkeit dauerhaft zur Verfügung stellt.

Am 23. und 24. Juli 2012 fand im Historischen Kolleg in München der Auftaktworkshop zu diesem Projekt statt. Neben Vertretern von BSB und HK nahmen daran Repräsentanten des Bundesarchivs, der Deutschen Nationalbibliothek (DNB), des Deutschen Dokumentationszentrums für Kunstgeschichte – Bildarchiv Foto Marburg, des Germanischen Nationalmuseums, des Deutschen Literaturarchivs, des Deutschen Museums und des Deutschen Rundfunkarchivs teil, um gemeinsam über Formen und Ziele einer Kooperation zu diskutieren. Eröffnet wurde die Tagung mit Grußworten, in denen der Generaldirektor der Bayerischen Staatsbibliothek, Rolf Griebel, und der Präsident der Historischen Kommission, Gerrit Walther, die hohe Bedeutung des Projektes für die Einbindung ihrer Institutionen in wissenschaftliche und dokumentarische Netzwerke hervorhoben. Griebel betonte den herausragenden Stellenwert von Personen in Enzyklopädien von der Frühen Neuzeit bis in die Gegenwart und bezeichnete die Zusammenarbeit mit Wissenschafts- und Gedächtnisinstitutionen als eine „Prämisse der BSB“. Seit 15 Jahren wende sich die BSB mit dem „Münchener Digitalisierungszentrum“ innovativen Technologien zu. Walther bewertete die Entwicklung eines Historisch-biographischen Informationssystems als „notwendig“, da sie auf wissenschaftliche Wünsche und Bedürfnisse reagiere.

An diese programmatischen Bekundungen schlossen sich drei Beiträge an, die die Voraussetzungen für die Entwicklung des Informationssystems darlegen, die mit diesem System verbundenen Absichten und Ziele erörtern und nach technischen Möglichkeiten des Systemaufbaus suchen sollten. Der Herausgeber der Neuen Deutschen Biographie (NDB), HANS GÜNTER HOCKERTS (München), betonte das Festhalten am Prinzip der Wissenschaftlichkeit als Grundsatz des Projekts. Gegenüber amorphen, hinsichtlich wissenschaftlicher Qualitätsaspekte sehr unterschiedlichen und sich schnell wandelnden Internetangeboten strebe man die Entwicklung eines Informationsangebotes an, das ausschließlich auf „zertifiziertes Wissen“ setze. Unter „zertifiziert“ sei dabei ein solches Wissen zu verstehen, das nachprüfbar aus Quellen erarbeitet, wissenschaftlich-redaktionell betreut und gemäß Standards der Wissenschaft präsentiert und gepflegt werde. Ausgangspunkt für das Projekt sei das Angebot www.deutsche-biographie.de, in dem Nutzer zurzeit die Artikel der „Allgemeinen Deutschen Biographie“ und der „Neuen Deutschen Biographie“ sowie Informationen zu insgesamt 120.000 Persönlichkeiten des deutschen Kulturraums finden können. Alle diese Persönlichkeiten sind mit einem Eintrag in der Gemeinsamen Normdatei (GND) der Deutschen Nationalbibliothek (DNB) eindeutig identifiziert und mit Links auf entsprechende Bibliographien in Verbundkatalogen und OPACs sowie über das einfache Datenaustauschprotokoll „Beacon“[1] schon jetzt mit rund 50 Wissenschafts- und Kulturinstitutionen vernetzt. Dieses bestehende Angebot solle nun durch Zusammenführung der personenbezogenen Bestände der Partnerinstitutionen zu einem vielfältigen, multimedialen Informationssystem ausgebaut werden, das dem Nutzer als Ersteinstieg für Recherchen zu historischen Persönlichkeiten im deutschsprachigen Raum dient. Ein weiteres Ziel sah Hockerts in der technischen Verbesserung bestehender und der Entwicklung neuer, auch semantischer Recherchemöglichkeiten, die später zur freien Anwendung zur Verfügung gestellt werden sollen.

Als Vertreter der BSB bekräftigte KLAUS KEMPF (München) dieses Bekenntnis zur Open-Data-Bewegung und konzentrierte sich in seinem Beitrag auf die GND als Herzstück des neuen Informationssystems. Die im Jahr 2012 aus dem Zusammenschluss von Personennamendatei, Körperschaftsdatei, Schlagwortnormdatei und Einheitssachtitel des DMA entstandene GND enthalte zur Zeit 10 Millionen Datensätze, von denen sich rund 2,6 Millionen auf identifizierte Personen beziehen. Mit diesen Datensätzen können Personen auch in anderen Internetangeboten eindeutig identifiziert und Probleme der Homonymie (‚Welcher Hermann Müller ist gemeint?‘) und der Synonymie (‚Kurt Tucholsky/Peter Panter‘) gelöst werden. Die Normdaten dienten so einerseits „als Anker im Datenozean des Semantic Web“ und könnten andererseits vielfältig zur Verknüpfung unterschiedlicher Angebote genutzt werden. Auf welchen Wegen diese Ziele technisch realisiert werden könnten, stellte MATTHIAS REINERT (München) mit Unterstützung von DIRK SCHOLZ (München) dar. Allen Projektpartnern könne ein automatischer und zum Teil auch intellektuell überprüfter Abgleich ihrer personenbezogenen Daten gegen die GND angeboten werden, was zu einer verbesserten Erschließung der jeweiligen Angebote führe. Zudem werde im Laufe des Projektes eine Schnittstelle zu einem Abgleichtool eingerichtet, mit dem alle Partnerinstitutionen eigene Abgleiche vornehmen könnten. Für rund 40.000 bislang noch nicht identifizierte Persönlichkeiten könnte ein neuer Eintrag in der GND festgelegt werden. Für das kumulierte Register, das aus den Einträgen des jetzigen Angebotes www.deutsche-biographie.de und den neu hinzukommenden Metadaten der Partner entwickelt werde, erarbeiten BSB und HK übergreifende sowie facettierte Suchfunktionen. Angestrebt werden auch eine Kontextualisierung von Daten (grafische Darstellung von Personennetzwerken, Abbildung von Ortsangaben auf geographische Karten), eine lokalisierte Suche für Mobilgeräte, der Aufbau einer semantischen Datenbank (für die Ortsidentifizierung und die Erkennung von Personenbeziehungen) sowie die Einrichtung von Webservices für die Partner. Ergänzende Erläuterungen zur GND lieferte BARBARA PFEIFER (Frankfurt am Main) von der Deutschen Nationalbibliothek (DNB), die über den Arbeitsstand der Normdatei und vom Aufbau des Angebotes www.culturegraph.org berichtete, in dem Verbunddaten mit Internetangeboten über gepflegte Konkordanzlisten (zum Beispiel Beacon) verknüpft werden.

Die beiden folgenden Sektionen des Workshops dienten der Vorstellung der einzelnen Partnerinstitutionen, der jeweiligen Bestände, die diese in das Informationssystem einbringen werden sowie des Zustands der technischen Aufbereitung dieser Bestände. KARIN SCHMIDGALL (Marbach) berichtete über das Deutsche Literaturarchiv Marbach (DLA) und dessen Informationssystem Kallias sowie über die Praxis des DLA, Normdaten als Bindeglied für die Zusammenführung von Informationen zu verwenden. Als Personendaten, die vom DLA in das neue Informationssystem eingebracht werden könnten, nannte Schmidgall Bestandsbildner und Autoren, zusammen rund 68.000 Datensätze. RAINER JACOBS (Koblenz) vom Bundesarchiv schilderte das Bemühen seiner Institution, Biogramme für Bestandsbildner, Bezugspersonen für Bestände und Sammlungsbildner zu verfassen. Aus seiner Sicht sind die Zentrale Datenbank Nachlässe (28.756 Nachlässe und 26.372 Personen, 1087 beteiligte Institutionen) und die Kabinettsprotokolle (ca. 5650 Personen) für die GND-Erschließung sowie Personendaten aus dem Bildarchiv für die Integration in das Projekt geeignet.[2] MICHAEL BUCHKREMER (Marburg) berichtete über die langjährigen Erfahrungen, die „Foto Marburg“ bei der Erstellung des „Marburger Indexes“ (Microfiche, seit 1977), der Verbunddatenbank „Bildindex der Kunst und Architektur“ (seit 1999) sowie des kooperativ erstellten „Digitalen Portraitindex“, in dessen Rahmen 260.000 ausgewählte Porträts digitalisiert wurden, gesammelt habe. Aus Sicht von „Foto Marburg“ hielt Buchkremer eine Einbringung des Bildindexes, des Portraitindex sowie der „Manuscripta Mediaevalia“ für wünschenswert.

GEORG HOHMANN (Nürnberg) vom Germanischen Nationalmuseum (GNM) in Nürnberg stellte den Aufbau des „Objektkatalogs“ des GNM dar, der zur Zeit 68.837 Objekte enthält. Die Metadaten dieses Objektkatalogs sollen ebenso Bestandteil des neuen Informationssystems werden wie die Daten zu Künstlern und Käufern aus der „Kartei der Galerie Heinemann“. Von Seiten des Deutschen Museums München könnten Archiv- und Bibliotheksbestände eingebracht werden: WILHELM FÜSSL (München) schlug 300 Nachlassbestände und 30 Firmenarchive aus seinem Haus zur Integration vor, in denen rund 35.000 Personennamen erfasst sind, von denen bereits rund 20.000 GND-identifiziert wurden. Weitere 25.000 Personendaten, könnten aus den Katalogen des Deutschen Museums, über die HELMUT HILZ (München) berichtete, in das Informationssystem eingebracht werden. Hilz verwies insbesondere auf den bis 1903 zurückreichenden Aufsatzkatalog, durch den ca. 7000 Technikerbiographien erschlossen werden könnten. ANDREAS DAN (Berlin) stellte das Deutsche Rundfunkarchiv (DRA) vor, das über Ton- und Bildträger von der Zeit der Anfänge dieser Medien bis heute verfügt (darunter das gesamte Erbe des DDR-Fernsehens und -Rundfunks). Insgesamt seien 827.765 Personen (davon 50% individualisiert) in der Datenbanken der DRA erfasst. Problematisch seien allerdings die Veröffentlichungsrechte, die es dem DRA zurzeit nicht erlauben, ihre Informationen wie gewünscht zu veröffentlichen. Aus diesem Grund sei zur Zeit nur die Einbringung der Online-Publikationen „Das besondere Dokument“ und „Das aktuelle Ereignis“ in das Informationssystem möglich; um die Rechtefreigabe für weitere Ressourcen werde man sich bemühen.

Am Beginn des zweiten Workshoptages stellten DIRK SCHOLZ (München) von der BSB und MATTHIAS REINERT (München) von der HK Ideen für Wege der technischen Kooperation (Austauschformate, Schnittstellen etc.) sowie für Recherchemodi und -oberflächen vor. An diese Präsentation schloss sich eine intensive Diskussion an, bei der Probleme, die bereits am Vortag ausgemacht worden waren, wieder aufgegriffen wurden und die auch in der von MAXIMILIAN LANZINNER (München/Bonn) geleiteten Abschlussdiskussion noch einmal zur Sprache gebracht wurden. Angemerkt wurde vor allem, dass die Möglichkeiten, die das Austauschprotokoll Beacon zum jetzigen Zeitpunkt biete, nicht ausreichend seien, um eine nach Quellenarten getrennte Recherche bzw. Verlinkung zuzulassen. Dementsprechend wurde von den Teilnehmern der Tagung einhellig die Entwicklung eines avancierteren Austauschformats, zum Beispiel einer verbesserten Beacon-Version, ins Auge gefasst. Ebenfalls mit weitem Einvernehmen wurde der Wunsch geäußert, die textuelle biographische Information (Biographie, Biogramm etc.) in den Mittelpunkt des Informationssystems zu stellen, um den herum Verweise auf weitere Materialien und Quellen zu platzieren seien. Unterschiedliche Auffassungen bestanden über die Verwendung von Kartenmaterial, auf das geographische Angaben referenziert werden könnten. Zwar war man sich einig, dass eine Referenzierung auf historische Karten derzeit nicht machbar sei, gleichwohl wurde die Eignung von OpenStreetMap, das bislang als Referenzobjekt vorgesehen ist, in Frage gestellt. Insgesamt begrüßten alle Partner wie auch die Vertreterin der DNB den Fortschritt bei der Personenidentifizierung im deutschsprachigen Raum, der durch das Projekt geleistet werde. Diese Arbeit komme nicht nur dem Projekt selbst und der DNB als Trägerin der GND, sondern vor allem allen Partnerinstitutionen zugute, deren Datenbasis dadurch deutlich verbessert werde. Durch die Zusammenfügung der Daten zu den genannten Beständen aller Partner und der Betreiber von www.deutsche-biographie.de wird sich dieses Angebot aller Voraussicht nach in den nächsten zwei Jahren zu einem Recherchemittel entwickeln, in dem Biographien und biographische Materialien zu mehr als 200.000 bedeutenden Persönlichkeiten des deutschsprachigen Raumes und darüber hinaus zu finden sein werden.

Konferenzübersicht:

Rolf Griebel, Generaldirektor der Bayerischen Staatsbibliothek, Gerrit Walther, Präsident der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften: Begrüßung

Hans Günter Hockerts (Historische Kommission): Auf dem Weg zu einem Historisch-biographischen Informationssystem für den deutschsprachigen Raum

Klaus Kempf (Bayerische Staatsbibliothek): Die Normdatenarbeit in der Deutschen Biographie vor dem Hintergrund einer sich neu formierenden Erschließungswelt

Matthias Reinert (Historische Kommission) /Dirk Scholz (BSB): Technische Ziele und Umsetzungskonzept
Diskussion (Leitung: Stefan Jordan, Historische Kommission)

Vorstellung der Kooperationspartner: Barbara Pfeifer: Deutsche Nationalbibliothek; Karin Schmidgall: Deutsches Literaturarchiv; Rainer Jacobs: Bundesarchiv
(Diskussionsleitung: Dirk Scholz, Bayerische Staatsbibliothek)

Vorstellung der Kooperationspartner: Michael Buchkremer: Deutsches Dokumentationszentrum für Kunstgeschichte (Foto Marburg); Georg Hohmann: Germanisches Nationalmuseum; Wilhelm Füßl/ Helmut Hilz: Deutsches Museum; Andreas Dan: Deutsches Rundfunkarchiv (Diskussionsleitung: Bernhard Ebneth, Historische Kommission)

Dirk Scholz (BSB)/ Matthias Reinert (Historische Kommission): Präsentation zu Form und Funktionalität des Internetauftritts (Diskussionsleitung: Stefan Jordan, Historische Kommission)

Abschlussdiskussion. Leitung: Maximilian Lanzinner (Historische Kommission)

Anmerkungen:

[1]http://gbv.github.com/beaconspec/beacon.html
[2]http://www.bundesarchiv.de/oeffentlichkeitsarbeit/meldungen/03110/index.html.de

Zitation
Tagungsbericht: Entwicklung eines zentralen Historisch-biographischen Informationssystems für den deutschsprachigen Raum, 23.07.2012 – 24.07.2012 München, in: H-Soz-Kult, 20.08.2012, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-4372>.
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20.08.2012
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