Follow the Money? Wissenschaftspolitik und Wissenschaftsgeschichte in internationaler und globaler Perspektive

Ort
Berlin
Veranstalter
Alexander von Humboldt Stiftung; Freie Universität Berlin; Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam (ZZF)
Datum
19.04.2013 - 20.04.2013
Von
Mirko Winkelmann, Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam / Freie Universität Berlin

Treffenderweise im von der Ford-Foundation gestifteten Henry-Ford-Bau der Freien Universität fand am 19. und 20. April 2013 eine Tagung statt, die in transnationaler, insbesondere transatlantischer Perspektive nach den Praktiken und Kontexten der Erzeugung von Wissen sowie Formen der Ressourcenmobilisierung für Wissenschaft fragte. Besonders die Rolle des Geldes sollte hierbei Beachtung finden; das Ganze war daher überschrieben mit der Leitfrage: „Follow the Money?“

Christiane Kuller, derzeit Vertretungsprofessorin für Paul Nolte am Lehrstuhl für Neuere Geschichte und Zeitgeschichte des Friedrich-Meinecke-Instituts der Freien Universität Berlin, hob in der Begrüßung den Werkstattcharakter dieser Veranstaltung hervor. Ziel sei es „Forscher aus unterschiedlichen Disziplinen miteinander ins Gespräch zu bringen“, gemeinsame Schnittmengen zu identifizieren und hieraus Fragen zu entwickeln, die wiederum für die Projekte der einzelnen Teilnehmer neue Sichtweisen eröffnen würden. Ausgangspunkt sei die gegenwärtige Entwicklung der Wissenschaftslandschaft und vor allem die Frage, inwiefern der Transfer von Wissenschaftsmodellen durch ihre Finanzierung strukturiert sei.

Daran anknüpfend, gab Emily Levine in einem zweiten Grußwort die beiden Leitthesen der Veranstaltung aus: Erstens sei das Konzept einer einseitigen Amerikanisierung der europäischen Wissenschaften unzureichend. Forschung funktioniere schließlich „nicht wie der Export von Blue-Jeans“. Man müsse stattdessen die wechselseitigen transatlantischen Beziehungen in den Fokus nehmen. Zweitens sei die Ressourcenmobilisierung über private Geldgeber kein neues Phänomen des Wissenschaftsbetriebs. Vielmehr müsse man von einer Tradition sprechen, die bis in die Renaissance zurückreiche, allerdings konjunkturellen Schwankungen ausgesetzt sei. Zu fragen sei, wodurch diese Konjunkturen bedingt seien und in welcher Beziehung sie zum Einfluss der Geldgeber stünden.

Die Tagung begann mit einer von Rüdiger Hachtmann moderierten Sektion zum Wissens-, Geld- und Institutionentransfer zwischen den USA und Deutschland. CHARLOTTE LERG (München) schilderte hierzu die Geschichte des ersten Berliner Amerika-Instituts als außeruniversitäre Serviceeinrichtung, die Konjunkturen seiner sukzessiven Politisierung zu Zeiten des Ersten Weltkrieges und während der NS-Herrschaft sowie seine Bedeutung für die Beeinflussung der amerikanischen Öffentlichkeit. Sie hob hervor, dass das Aufgabenspektrum des Instituts bis zu seiner Auflösung 1945 relativ konstant blieb, wohingegen sich die „inhaltliche Mission“ den Zeitläufen entsprechend angepasst habe und selbst ab 1933 von amerikanischer Seite kaum hinterfragt wurde. Aus diesem Grund sei auch seine Stellung als zentraler Netzwerkknoten preußisch- bzw. deutsch-amerikanischer Beziehungen zu keiner Zeit gefährdet gewesen.

Der Aspekt der Vernetzung spielte auch in EMILY LEVINEs (Berlin / Greensboro) Beitrag eine große Rolle: im Kontrast zum „charismatischen“ Wissenschaftsmanagement der ‚grauen Eminenz’ im preußischen Kultusministerium, Friedrich Althoff, beschrieb sie die Bemühungen des Historikers Karl Lamprecht, an der Leipziger Universität einen methodologischen Gegenpol zu den geisteswissenschaftlichen Instituten der Berliner Universität zu etablieren. Nicht nur inhaltlich habe er sich dabei an Amerika orientiert – auch die Idee einer Finanzierung aus Drittmitteln habe konkrete Vorbilder jenseits des Atlantiks gehabt und zeige, dass diese Art der privaten Ressourcenmobilisierung einen gewichtigen Faktor im regionalen Wettbewerb um Innovationen darstellen könne. Lamprecht sei freilich innerhalb der ‚Zunft’ isoliert gewesen und deshalb gescheitert.

Amerikanische Stiftungen, als zivilgesellschaftliche Promotoren der Wissenschaftsförderung, waren Gegenstand des Beitrags von ARND BAUERKÄMPER (Berlin). Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs habe sich namentlich das Engagement der Stiftungen von Rockefeller, Ford und Carnegie in der Bundesrepublik in Abstimmung mit Einrichtungen der amerikanischen Regierung merklich gesteigert, wobei im Zuge der Blockkonfrontation die regierungsseitige inhaltliche Einflussnahme und Kontrolle der Stiftungen in den USA in den 1960er stark zugenommen habe. Diese Entwicklung sei von den privaten Stiftungen in der Bundesrepublik ignoriert worden. Stattdessen hätten diese ihre amerikanischen Pendants weiterhin als „Träger von Demokratie und Freiheit“ idealisiert und auf eine Liberalisierung des deutschen Stiftungsrechts gedrängt, was 2000 und 2003 schließlich Früchte trug.

In der anschließenden Diskussion bemerkte dazu Winfried Süß (Berlin), dass nicht die mäzenatische Selbststilisierung der Stiftungen das Entscheidende sei, sondern das konkrete Verhältnis von Vermögen und Macht sowie die Interessen der Stifter. Die Entstehung der Thyssen-Stiftung aus Angst vor Entnazifizierung und Vermögenskonfiszierung sei ein gutes Beispiel dafür, dass in vielen Fällen nicht rein philanthropische Interessen für eine Stiftungsgründung den Ausschlag gaben; über diesen Zugang ließe sich auch das Maß der Einflussnahme auf die Wissenschaft untersuchen. Daran anknüpfend stellte Christiane Kuller fest, es gelte auch die Haltung der deutschen Politik gegenüber der amerikanischen Wissenschaftsförderung in den Blick zu nehmen.

Mit einem Vortrag zur Geschichte des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Arbeitsphysiologie eröffnete RÜDIGER HACHTMANN (Berlin / Potsdam) das zweite Panel zum „Einfluss wirtschaftlicher Interessen“. Im genannten Fall kamen diese 1929 bei der Suche nach einem neuen Institutsstandort zum Tragen: im für die Ressourcenmobilisierung der KWG typischen Bieterwettbewerb der Kommunen erhielt schließlich Dortmund den Zuschlag – nicht zufällig auch Sitz der Vereinigten Stahlwerke. Ausschlaggebend sei der Einfluss Albert Vöglers gewesen, Chef dieses riesigen Konzerns und maßgeblicher Strippenzieher der deutschen Wirtschaft. In der Folgezeit sei das KWI für Arbeitsphysiologie zu einer Schnittstelle für die Verwissenschaftlichung des Taylorismus und seiner industrienahen Anwendung geworden. Die zentrale Planungs- und Steuerungsutopie des 20. Jahrhunderts, der Fordismus, sei hierdurch wissenschaftlich legitimiert (und damit auch schwer angreifbar gemacht) worden.

Rationalisierung durch die Optimierung von Betriebsabläufen und die Zentralisierung von Ressourcen war auch in den medizinisch-biologischen Instituten der Akademie der Wissenschaften der DDR in Berlin-Buch ein wichtiges Credo, wie BERND GAUSEMEIER (Berlin) vom Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte in seinem Beitrag zu berichten wusste. Die dortige Zusammenlegung von Laborforschung und Klinikbetrieb nach 1945 sei ursprünglich auf Betreiben der sowjetischen Militäradministration geschehen, und habe sich bis in die heutige Zeit hinein als international kopiertes Erfolgsmodell erwiesen. Bedingt durch die ökonomischen Probleme der DDR, hätte dies in Berlin-Buch jedoch zu fortwährenden Kompetenz- und Etat-Streits geführt, welche die Institute schließlich vom „Weg zum 'Weltniveau'“ abgebracht hätten. Auch der Wissenstransfer und die Zusammenarbeit mit der Industrie habe sich durch die DDR-spezifischen Zwänge, die eigentlich versteckte Marktmechanismen gewesen seien, als mangelhaft erwiesen.

CHRISTIAN FLECK (Graz) schilderte dagegen einen Fall, bei dem die Kooperation von Wirtschaft und Wissenschaft scheinbar ganz unproblematisch vonstattenging: In den 1970er-Jahren untersuchte der Soziologe Paul Lazarsfeld mit seinem Bureau of Applied Social Research das Verhalten von Rauchern – finanziert vom Tabakriesen Philipp Morris. Durchführung und Auswertung der Studie seien jedoch frei von Fehlern, nicht einmal die Höhe der Vergütung sei spektakulär gewesen – lediglich ein Mangel an methodischer Innovativität und inhaltlicher Brisanz könnten ihr zum Vorwurf gereichen. In der sich anschließenden, von Winfried Süß moderierten Diskussion, konnte auch der Referent nur Mutmaßungen über die Motivation Lazarsfelds anstellen, eine solch „bedeutungslose Studie“ zu produzieren. Eventuell sei es nur darum gegangen, ein oder zwei Doktoranden in Lohn und Brot zu bringen, vielleicht habe auch Philipp Morris als Unternehmen versucht, den Raucher Lazarsfeld auf seine Seite zu ziehen, man wisse es nicht. Auf jeden Fall, gab Fleck zu bedenken, sei das Beziehungsgefüge zwischen Wirtschaft und Wissenschaft nicht immer eindeutig zu bestimmen.

Um es dennoch zu präzisieren, plädierte PAUL NOLTE (Berlin / München) im darauf folgenden Kommentar und in Anlehnung an das Motto des Workshops dafür, zu fragen „Where is the money?“, also dem Verbleib sowie den konkreten Beträgen des Geldes nachzugehen. Hierbei müsse man sich noch viel stärker den Universitäten als Untersuchungsobjekt zuwenden, um nicht den Blick für öffentliche Ökonomien und deren Regulierung zu verlieren. Die transatlantische Perspektive trage hier zu einem besseren Verständnis bei, könne jedoch nur einen Zwischenschritt bedeuten; eine globale Perspektive sei erstrebenswert. Zudem stellte er zur Debatte, ob die Wissenschaftsgeschichte nicht überlebt und lediglich für „Herausfindehistoriker“ sei, die Zukunft der Kulturhistorie jedoch in der Wissensgeschichte und der Erforschung der epistemischen Strukturen des Wissen liege.

Christiane Kuller wandte ein, dass Wissensgeschichte zwar ein sehr interessantes Feld sei, jedoch nur die halbe Seite der Wahrheit darstelle und die soziale Gebundenheit alles Wissens nicht vernachlässigt werden dürfe. Bernd Gausemeier kritisierte zudem, dass Wissensgeschichte als Begriff noch sehr unklar sei, wohingegen Wissenschaftsgeschichte, als Untersuchung der Produktionsformen und Kontexte von Wissen, gerade in Hinblick auf die Verteilung von Ressourcen ergiebiger wäre. Auch Noltes Anmerkung zur Globalgeschichte fand Widerspruch: Charlotte Lerg wie auch Winfried Süß konstatierten, dass die Beziehungen zwischen Deutschland und den USA im 20. Jahrhundert nun einmal sehr stark ausgeprägt waren, und die „Masse der Verbindungen“ (Süß), gerade auch in puncto Wissenstransfers, über den Atlantik gingen. Diesem Umstand sei das starke Gewicht der transatlantischen Perspektive geschuldet.

Die dritte Sektion des Workshops zum Spannungsfeld von Wissenschaft und Politik eröffnete FLORIAN SCHMALTZ (Berlin) mit einem Vortrag zur Aerodynamischen Versuchsanstalt (AVA) in Göttingen. Anhand einer komparativen Längsschnittanalyse zeigte er, dass die Finanzierung dieses Vorläufers des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt stark durch die politischen Rahmenbedingungen determiniert war. Geschah noch die Gründung und Anschubfinanzierung der AVA zu großen Teilen durch private Geldgeber im Zuge der allgemeinen Luftfahrteuphorie zu Beginn des 20. Jahrhunderts, war es schon bald militärisches Kalkül, sie im Ersten Weltkrieg und später im Nationalsozialismus von öffentlicher Hand zu fördern. Schon die Aufträge der Industrie sorgten für einen stabilen Etat, in Folge der Aufrüstung im NS und des starken Interesses vor allem der Luftwaffe, nahm dieser jedoch riesige Ausmaße an und habe ab 1939 selbst das Budget der KWG überstiegen. Die Luftfahrtforschung sei damit einmal mehr ein Paradebeispiel dafür, dass die Nationalsozialisten gewiss nicht wissenschaftsfeindlich agierten.

Wie diese enorme Ressourcenmobilisierung zustande kam, erläuterte SÖREN FLACHOWSKY (Berlin) anhand Reichsamtes für Wirtschaftsausbau (RWA) und seines Leiters, Carl Krauch. Als Vorsitzender der I.G. Farben und Generalbevollmächtigter für die chemische Industrie war dieser eine Schlüsselfigur der deutschen Kriegswirtschaft; Krauch habe wesentlich zu einer Verzahnung von universitärer und industrieller Forschung beigetragen. Das RWA sei deshalb beileibe nicht bloß „eine weitere Sonderbehörde“ gewesen, sondern habe sich zur zentralen forschungspolitischen Steuerungsinstanz im Nationalsozialismus entwickelt. Es sei deshalb nicht überraschend gewesen, dass Krauch nach seiner Verurteilung im I.G.-Farben-Prozess vorzeitig entlassen wurde und die amerikanische Regierung in Fragen der Forschungsförderung beriet.

Die Geschichte der biologischen Anthropologie in Deutschland (1850-1980) war das Thema des Beitrags von THOMAS ETZEMÜLLER (Oldenburg). Diese sei aufgrund einer fortwährenden und weit verbreiteten Angst vor „fremden“ Gruppen und der Degeneration der Gesellschaft politisch jederzeit legitimiert gewesen. Der Referent führte dies vor allem auf die lange Zeit erfolgreiche Inszenierung von Wissenschaftlichkeit durch die Protagonisten der Disziplin zurück: So habe sich dieses Fach beispielsweise durch die Verwendung zahlreicher Statistiken und Grafiken, aber auch durch das Eingeständnis der eigenen Unzulänglichkeit und durch Verweise auf die Notwendigkeit weiterer Studien mit dem Nimbus selbstkritischer Objektivität umgeben. Trotz starker Verstrickungen mit der Ideologie des NS sei die biologische Anthropologie deshalb nach 1945 weiterhin von der internationalen scientific community gedeckt worden. Erst die Entwicklung der Humangenetik und die dadurch immer offensichtlicher werdende inhaltliche Leere hätten seit den 1950er-Jahren zu ihrem steten Abstieg geführt.

Die vierte und letzte Sektion des Workshops trug den Titel „Globalisierte Welt – globalisierte Wissenschaft?“. Im Werkstattbericht CHRISTIANE KULLERs ging es um die Debatten und Forschungen zum Weltbevölkerungsproblem zwischen 1930 und 1970. Sie hob hervor, dass das Bevölkerungswachstum in der „Dritten Welt“ freilich kein imaginiertes Konstrukt sei. Die hierauf fußende Kontroverse sei jedoch maßgeblich von einer kleinen Gruppe von Experten etabliert worden, die auf Basis der Theorie des demografischen Übergangs Konzepte schmiedeten, wie mit dieser Entwicklung umzugehen sei. Hierfür hätten sie auf weitverzweigte Netze in Regierungen, NGOs und Stiftungen zurückgegriffen, um diese zum Handeln zu drängen. Aufgrund der interdisziplinären und internationalen Zusammensetzung dieser Experten, sei es sehr schwierig, diese teils stillen Verbindungslinien zu rekonstruieren. Christiane Kuller beabsichtigt deshalb, neben einer ideengeschichtlichen Analyse auch über die Finanzierungsströme einen Zugang zu diesem Thema zu finden.

ANNE KWASCHIK (Berlin) beleuchtete in ihrem Beitrag die Entwicklung der US-amerikanischen Area Studies. Diese seien auch als Abhilfe für die mangelnde Sprach- und Kulturkompetenz amerikanischer Soldaten seit den 1940er-Jahren massiv aus Geldern von Stiftungen, der Regierung und des CIAs gefördert worden. Es wäre jedoch ein Trugschluss, die Stiftungen hierbei lediglich als Handlanger der Regierung zu sehen: Diese hätten nicht bloß passiv finanzielle Ressourcen zur Verfügung gestellt; ihnen sei es vielmehr ein Anliegen gewesen, selbst die Standards zu setzen und Entwicklungen zu lenken. Da die Disziplin indes bereits in ihrer Entstehungsphase nicht klar umrissen gewesen sei, müssten die Area Studies eher als Bewegung zu einer neuen, interdisziplinären Arbeitsweise verstanden werden – deren Förderstrukturen auch die Übernahme einer Managementlogik in die Wissenschaft mit sich gebracht hätten.

Vielleicht ist genau dies der Grund für den von MARC SCHALENBERG (Berlin) konstatierten Mangel an Visionen in der europäischen Hochschullandschaft. In seinen „Überlegungen zur Konstruktion und Funktion von Universitätsmodellen“ beschrieb er zunächst die Konjunkturen des Exportschlagers 'Humboldt', der lediglich zu Beginn des 20. Jahrhunderts international von Bedeutung gewesen sei und später eher eine deutsche Selbstzuschreibung darstelle. In den 1990ern habe dieses Konzept der Universität zwar wieder viele Anhänger gefunden. Im Zuge der Flexibilisierung des Bildungsmarktes und stärkeren Controllingmaßnahmen des Staates sei das Ideal einer Einheit von Forschung und Lehre oder gar einer von wirtschaftlichen Interessen unabhängigen Bildung jedoch obsolet geworden.

Im abschließenden Kommentar fasste Rüdiger Hachtmann noch einmal die gemeinsamen Schnittmengen und Fragestellungen der Projekte zusammen: Geld sei nicht der alleinige Faktor für die Produktion von Wissen und Wissenschaft. Vielmehr müsse man einen erweiterten Ressourcenbegriff verwenden. Hierunter fallen auch Personal, knappe Güter wie Apparaturen und Versuchseinrichtungen sowie nicht zuletzt formelle wie informelle Netzwerke. Der Workshop habe gezeigt, dass vor allem letztere von zentraler Bedeutung seien und stärker untersucht werden müssten. Auch sei es wichtig, sich die verschiedenen Akteure und Ebenen im Kampf um Ressourcen genauer anzuschauen. Konkurrenzen gäbe es nicht nur innerhalb der Disziplinen, sondern auch zwischen ihnen, zudem zwischen außeruniversitären Forschungseinrichtungen und Universitäten bzw. THs sowie unter den Hochschulen. Dies habe zweifellos die Dynamik der Wissenschaft befördert – ob dies auch für ihre Ergebnisse gelte, stünde auf einem anderen Blatt. Im Hinblick auf die Intentionen der Geldgeber spiele Forschung nicht zuletzt als Imagefaktor eine große Rolle, z.B. für Kommunen, die sich als Wissenschaftsstandorte profilieren wollten. Überhaupt müsse man die Herkunft der Gelder sowie die Intentionen der Finanziers genauer unter die Lupe nehmen. Darüber hinaus sei zu fragen, wie die jeweilige Art der Förderung den Charakter der Wissenschaft selbst beeinflusse. Lässt sich z.B. von einem „Drittmittelsyndrom“ und einer „Schere im Kopf“ sprechen, wenn Projekte auf die Erwartungen der (potentiellen) Finanziers hin konzipiert werden? Und: Stellt dies für die Wissenschaften einen Bruch oder eine historische Kontinuität dar?

Konferenzübersicht:

Sektion I: Wissenstransfer – Geldtransfer – Institutionentransfer zwischen USA und Deutschland

Charlotte Lerg: Das erste Berliner Amerika-Institut: Think Tank oder "politischer Trumpf"?

Emily Levine: Konkurrenz und Kooperation zwischen Deutschland und den USA – eine neue Fragestellung zur transatlantische Hochschulpolitik (1900- 1914)

Arnd Bauerkämper: Wissenstransfer und Missverständnisse. Amerikanische Stiftungen in Westdeutschland (1945-1975 )

Sektion II: Mehr als nur das Geld – Der Einfluss wirtschaftlicher Interessen

Rüdiger Hachtmann: Betriebliche Rationalisierungsbewegung und arbeitswissenschaftliche Grundlagenforschung. Das Kaiser-Wilhelm-Institut für Arbeitsphysiologie 1913-1945

Bernd Gausemeier: Die medizinisch-biologischen Institute der Akademie der Wissenschaften in Berlin-Buch (1947-1989): Ressourcenkämpfe auf dem Weg zum ‚Weltniveau’.

Christian Fleck: Im Pakt mit dem Teufel. Paul Lazarsfeld und das Bureau of Applied Social Research erforschen Mitte der 1970er Jahre das Verhalten von Rauchern und Philipp Morris zahlt

Kommentar und Diskussion: Paul Nolte

Sektion III: Wissenschaft und Politik / Wissenschaftspolitik

Florian Schmaltz: Ressourcenmobilisierung der Aerodynamischen Versuchsanstalt und ihrer Vorläuferorganisationen in komparativer Perspektive (1909-1950 )

Sören Flachowski: Das Reichsamt für Wirtschaftsausbau als Forschungsbehörde im NS-System im Vergleich zu DFG und Reichsforschungsrat

Thomas Etzemüller: Zur Symbiose von Wissenschaft und Politik. Subkutane soziale Wirkungen (natur-)wissenschaftlicher Arbeit am Beispiel der biologischen Anthropologie in Deutschland (1850-1980)

Sektion IV: Globalisierte Welt – globalisierte Wissenschaft?

Christiane Kuller: Das Weltbevölkerungsproblem. Perspektiven auf die Formierung eines „globalen“ Forschungsfeldes (1930-1970)

Anne Kwaschik: The cooperative pooling of interests. Area Studies in den USA oder wie ein Paradigma gesetzt, gefördert und gelenkt wird

Mark Schalenberg: Exportschlager 'Humboldt'? Überlegungen zur Konstruktion und Funktion von Universitätsmodellen

Kommentar und Abschlussdiskussion : Rüdiger Hachtmann

Zitation
Tagungsbericht: Follow the Money? Wissenschaftspolitik und Wissenschaftsgeschichte in internationaler und globaler Perspektive, 19.04.2013 – 20.04.2013 Berlin, in: H-Soz-Kult, 05.06.2013, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-4839>.