Flüchtlingslager im Nachkriegsdeutschland

Ort
Berlin
Veranstalter
Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde
Datum
12.04.2013
Von
Thomas Drerup, Die Exponauten – Ausstellungen et cetera; Clemens Villinger, Stiftung Berliner Mauer

Am 14. April 1953 wurde das Notaufnahmelager Marienfelde von Bundespräsident Theodor Heuss eröffnet. 60 Jahre später richtete die dort angesiedelte Erinnerungsstätte im ehemaligen Speisesaal des Notaufnahmelagers am 12. April 2013 eine wissenschaftliche Tagung unter dem Titel „Flüchtlingslager im Nachkriegsdeutschland“ aus, die sich den Themen Flucht, Migration und Integration im Kontext des Kalten Krieges näherte.

Die mit „Flüchtlingslager während des Kalten Krieges“ überschriebene erste Sektion eröffnete HELGE HEIDEMEYER (Berlin) mit einem Vortrag, in dem er das Notaufnahmelager Marienfelde in seiner Entstehungsphase als Bühne der Politik beschrieb. Verschiedene Politiker nutzen Auftritte im Lager zur Selbstinszenierung. Durch ihr öffentliches Eintreten für die Fürsorge für und die Akzeptanz von Ausgewanderten aus der SBZ/DDR in der westdeutschen Gesellschaft untermauerten sie den bundesrepublikanischen Alleinvertretungsanspruch für alle Deutschen, so Heidemeyer. Nach dem Bedeutungsverlust der Notaufnahmelager in Folge des Mauerbaus 1961 verlor Marienfelde seine Attraktivität als Ort politischer Inszenierungen. PATRICE POUTRUS (Wien) richtete in seinem Beitrag den Fokus zunächst auf die europäischen Migrationsbewegungen in Folge des Zweiten Weltkrieges, die er als entscheidend für die Prägung der Wahrnehmung von Migrantinnen und Migranten in den aufnehmenden Gesellschaften bewertete. Er bemerkte, dass die Aufnahme von Flüchtenden in der bundesdeutschen Öffentlichkeit von jeher umstritten war, was sich in den von Misstrauen geprägten Aufnahmeverfahren und der Asylgesetzgebung niederschlug. Deswegen machte er sich dafür stark, die jeweiligen Annahme- und Ablehnungskriterien von Ausgewanderten als Vergleichskategorie anzulegen, um Migration in seiner europäischen Dimension zu begreifen. In ihrem Vortrag zur Entstehungsgeschichte des Notaufnahmelagers Gießen widmete sich JEANNETTE VAN LAAK (Gießen) den schwierigen politischen Aushandlungsprozessen zwischen kommunalen und bundespolitischen Akteuren, die der Einrichtung des Lagers vorangingen und seine Konstituierungsphase begleiteten.

Auf Nachfrage wurde in der Diskussion zur ersten Tagungssektion näher auf den Umgang mit im Notaufnahmeverfahren abgelehnten SBZ/DDR-Flüchtlingen eingegangen. Offen blieb, inwieweit die langfristige Stationierung der alliierten Besatzungstruppen in Deutschland als eine Sonderform von Migration verstanden werden kann.

Die zweite Sektion beleuchtete anhand von drei Fallanalysen das Verhältnis von Notaufnahme- und Durchgangslagern zu ihrer lokalen Umwelt. ENRICO HEITZER (Oranienburg) illustrierte mittels ausgewählter Flüchtlingslager in West-Berlin die komplexe Infrastruktur die notwendig war, um die Flüchtlinge in der geteilten Stadt zu versorgen. In gleichzeitig bis zu 80 Lagern mussten bis in die sechziger Jahre zu jedem Zeitpunkt zehntausende Menschen untergebracht werden. Die Auslastung des Fürsorgesystems kann, so Heitzer, als Seismograph der jeweiligen politischen Situation in der DDR verstanden werden. Zwar versuchte die DDR-Berichterstattung die schwierigen Lebensbedingungen in den Notunterkünften zu skandalisieren, in der westlichen Öffentlichkeit wurden die Bewohnerinnen und Bewohner jedoch weiterhin positiv und als Opfer der deutschen Teilung wahrgenommen. Heitzer konstatierte, dass die Bedeutung Marienfeldes bei der Bewältigung dieser Situation in der Rückschau häufig überbewertet wird, da eine Vielzahl von Fürsorge- und Unterbringungseinrichtungen von nichtstaatliche Organisationen wie DRK, ASB und AWO betrieben wurden.

ARNE HOFFRICHTER (Göttingen) konzentrierte sich in seinem Vortrag auf die Entstehungsphase des Durchgangs- und Notaufnahmelagers Uelzen Bohldamm. Am Beispiel der Berichterstattung über ein von abgelehnten Antragsstellerinnen und Antragstellern errichteten „Waldlagers“ zeigte er die unterschiedlichen Wahrnehmungen und Diskussionen um den Umgang mit Abgelehnten auf der lokalen, regionalen und nationalen Ebene auf und verglich diese miteinander. Als ein Ergebnis dieses Vergleichs nannte Hoffrichter, dass die überregionale Berichterstattung von Mitleid mit den Betroffenen, die lokale hingegen von Abstumpfung und Ignoranz geprägt war.

Einen aktuellen Bezug stellte THOMAS PRENZEL (Rostock) her. Er berichtete zunächst über die Vorgeschichte und den Ablauf der Pogrome im Umfeld der Zentralen Aufnahmestelle für Asylbewerber und Asylbewerberinnen (ZAST) in Rostock-Lichtenhagen im Jahr 1992. Den darauf folgenden sogenannten Asylkompromiss zur Beschränkung von Zuwanderung beschrieb er als das Ergebnis einer bundesweiten Debatte, in der die Ursachen für die Gewalteskalation nicht in rassistischen Ressentiments der deutschen Bevölkerung, sondern vielmehr in der Migration selbst gesucht wurden. Hiernach ging Prenzel auf die bis heute andauernden Auseinandersetzungen um die Deutungshoheit der damaligen Ereignisse ein. Dabei skizzierte er die divergierenden Interessenslagen und Konfliktpotentiale, die den Umgang mit der Erinnerung der Ereignisse dominieren. Im Abschlussgespräch zur zweiten Sektion wurde unter anderem die Frage diskutiert, ob gewaltsame Übergriffe wie in Rostock-Lichtenhagen auch in den Flüchtlingslagern der Nachkriegszeit vorkamen und welche Rolle Zuschreibungen von Nationalität und „Volksgemeinschaft“ dabei spielten.

Zum Auftakt der dritten Sektion ging ANDREA GENEST (Rotenburg/Wümme) den Überlagerungen verschiedener Zeit- und Bedeutungsschichten nach, die konstitutiv für die Entstehung der Gedenkstätte Lager Sandbostel waren. Zunächst als Kriegsgefangenenlager errichtet, diente es bei Todesmärschen von KZ-Häftlingen als Durchgangslager, später als Strafgefangenenlager der britischen Besatzungsbehörden, anschließend als Auffanglager für jugendliche DDR-Flüchtlinge und ab 1963 als Depot der Bundeswehr. Besonderes Augenmerk richtete sie auf das private Engagement, die periphere Lage und die langjährige Nichtbeachtung des historischen Ortes als besondere Merkmale der Entstehungsgeschichte dieser Gedenkstätte.

JOACHIM BAUR (Berlin) gab anschließend einen Einblick in die Vorbereitungen zur Errichtung einer Erinnerungsstätte im Grenzdurchgangslager Friedland. Er skizzierte den Ort als permanentes Provisorium mit einer komplexen Geschichte von wechselnden Funktionen und verschiedensten Gruppen von im Lager betreuten Personen. Heute ist es vor allem im kommunikativen Familiengedächtnis und weniger im kulturellen Gedächtnis verankert . Die neue Dauerausstellung setzt sich zum Ziel, die Verbindung von Erinnerungsort und gelebtem Ort in ein konstruktives Verhältnis zu setzen. BETTINA EFFNER (Berlin) fragte in ihrem Vortrag nach der Beschreibung des Notaufnahmelagers Marienfelde als Erinnerungsort. Sie kontextualisierte ihre Darstellung des Aufbaus einer Erinnerungsstätte in Marienfelde mit einer Analyse der öffentlichen Wahrnehmung des Notaufnahmelagers während seines Betriebes und gegenwärtiger Erinnerungen. Marienfelde sei, so ihr Befund, im historischen Diskurs als symbolischer Ort sehr präsent gewesen, während der Erinnerungsort Notaufnahmelager heute - ähnlich wie Friedland - hauptsächlich im kommunikativen Gedächtnis der ehemals Betroffenen verankert ist.

Als Abschluss der Tagung erörterte ARND KOLB (Köln), der Geschäftsführer des Dokumentationszentrum und Museum über die Migration in Deutschland e.V. (DOMiD), den Stand und die Desiderate der historischen Migrationsforschung in Deutschland am Beispiel verschiedener Ausstellungen zum Thema. Weiterhin beschrieb er die in diesen Ausstellungen gewählten Ansätze zur Darstellung von Migrationsphänomenen. In seiner Schlussfolgerung sprach er sich dezidiert für die Einrichtung eines zentralen Migrationsmuseums in Deutschland aus.

Die Tagung verdeutlichte, dass das Gebiet der heutigen Bundesrepublik durchgehend als Schauplatz verschiedenartiger Wanderungsbewegungen bewertet werden muss. Die Vergangenheit und Gegenwart von Migrationen lassen sich besonders eindrucksvoll an Orten veranschaulichen, an denen staatliche und zivilgesellschaftliche Fürsorge und behördliche Kontrolle institutionalisiert und in dort lesbaren historischen Sedimenten angelagert wurden. Das aktuelle Entstehen und Wachsen von Ausstellungen, Museen und Gedenkstätten an solchen Orten verspricht für die Zukunft weitere interessante Impulse in diesem Themenfeld. Zudem veranschaulichten die Vorträge, welche reichhaltigen Potentiale die Beschäftigung mit Migration für die Geschichte des Kalten Krieges und das Deutschland der Nachkriegszeit noch bereithält.

Konferenzübersicht

Einführung und Begrüßung: Axel Klausmeier (Berlin)

I. Sektion: Flüchtlingslager während des Kalten Krieges

Helge Heidemeyer (Berlin): Flüchtlingslager als Bühne der Politik

Patrice G. Poutrus (Wien): Asyl im Kalten Krieg. DDR und Bundesrepublik im Vergleich

Jeannette van Laak (Gießen): Die Entstehungsgeschichte des Notaufnahmelagers Gießen

II. Sektion: Stadt, Land und Lager

Enrico Heitzer (Oranienburg): Flüchtlingslager in West-Berlin bis 1961

Arne Hoffrichter (Göttingen): Das Durchgangs- und Notaufnahmelager Uelzen-Bohldamm 1945 bis 1963, mit einem Ausblick auf das Lagerumfeld

Thomas Prenzel (Rostock): Die Zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber in Rostock-Lichtenhagen und die Übergriffe der Bevölkerung 1992

III. Sektion: Lager als Erinnerungsorte

Andrea Genest (Rotenburg/Wümme): Die Gedenkstätte Lager Sandbostel

Joachim Baur (Berlin): Das Grenzdurchgangslager Friedland

Bettina Effner (Berlin): Die Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde

Arnd Kolb: Migrationsgeschichte im Museum – Stand und Desiderate

Zitation
Tagungsbericht: Flüchtlingslager im Nachkriegsdeutschland, 12.04.2013 Berlin, in: H-Soz-Kult, 09.07.2013, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-4900>.