Deutsche illustrierte Magazine – Journalismus und visuelle Kultur in der Weimarer Republik

Ort
Erfurt
Veranstalter
Forschungsprojekt „Deutschsprachige Illustrierte Magazine der Klassischen Moderne“ SLUB Dresden / Universität Erfurt
Datum
04.07.2013 - 05.07.2013
Von
Louisa Reichstetter, Friedrich-Schiller-Universität Jena; Verena Zeiner, Universität Karlsruhe

Mit nur wenigen Worten eröffnete Patrick Rössler (Erfurt) am Donnerstag, den 4. Juli 2013 die Tagung, zu der das Forschungsprojekt „Deutschsprachige Illustrierte Magazine der Klassischen Moderne“ der SLUB Dresden und der Universität Erfurt eingeladen hatten, denn: War ursprünglich nur ein Arbeitsgespräch geplant, so hatte der „Call for Papers“ solche Resonanz erfahren, dass eine zweitägige Tagung mit über 30 Vorträgen entstand. Im Stile eines „kick-off meetings“ wollte man neue Forschungsperspektiven abstecken. Illustrierte Magazine wurden dabei sowohl unter allgemeinen als auch themenspezifischen Aspekten analysiert und in der Diskussion immer wieder die verschiedenen Perspektiven der beteiligten geisteswissenschaftlichen Disziplinen zusammengeführt sowie die medienhistorische Bedeutung der Magazine unterstrichen.

ROLAND JAEGERs (Hamburg/Berlin) Keynote umriss die visuelle Kultur der Weimarer Republik arbeitete speziell die Prägnanz des Mediums Fotografie heraus. Zum einen stellte der Kunsthistoriker anhand der weniger bekannten „Schünemanns Monatshefte“ (1927-1929) die von bürgerlicher Normalität geprägte Fotopresse vor und zum anderen verdeutlichte er am Beispiel des Fotografen Arvid Gutschow die Funktion der Fotopresse für die Werkreproduktion.

PETER HANISCH (Oxford) plädierte im anschließenden ersten Vortrag für eine komparativ-synchrone Analyse der illustrierten Magazine zur Sichtbarmachung der Zeitschriftenkultur als „Gesellschaft innerhalb der Gesellschaft“. Trotz politischer Unterschiede im liberal-konservativen „Simplicissimus“ und im deutsch-nationalen „Kladderadatsch“, betonte der Kulturwissenschaftler die Überscheidungen in Bezug auf Autoren, Illustratoren und Werbeannoncen. Sie müssten im Kontext der Magazine zwar unterschiedlich gelesen werden, könnten aber dennoch als gemeinsame, geteilte Kultur verstanden werden, sodass man zukünftig stärker die Beziehungen der Zeitschriften untereinander und zur Gesellschaft untersuchen solle.

Die Literaturwissenschaftlerin MADLEEN PODEWSKI (Berlin) verstand die Publikumszeitschrift als „eine Art Behälter mit hintergründiger Eigenlogik“; eine Quelle, in der verschiedenste Themen fokussiert werden können. Die erste medienspezifische Gliederung innerhalb dieser Sammlungsorte erfolge durch die Themenauswahl und diverse formale Gestaltungsprinzipien. Darüber hinaus seien aber auch Bild und Text gemeinsam zu analysieren, um die Rollen der illustrierten Magazine in der Weimarer Republik zu untersuchen.

BERND SÖSEMANN (Berlin) stimmte seiner Vorrednerin bezüglich der ganzheitlichen Betrachtung von Magazinen zu. Seine Analyse der „Berliner Illustrirten Zeitung“ als Längsschnitt durch deren gesamten Erscheinungszeitraum, alle Sparten und die Funktionszusammenhänge von Text und Bild veranschaulichte er an konkreten Beispielen und betonte, dass sich das Magazin durch einen äußerst sensiblen Umgang mit Illustrationen ausgezeichnet habe. Ferner ging Sösemann dem politischen Selbstverständnis der Redaktion nach.

KONRAD DUSSEL (Mannheim) thematisierte mit seinem Vortrag ein weiteres wichtiges Medium für die Verbreitung von Bildmedien in der Weimarer Republik: die illustrierten Zeitungsbeilagen. Anhand von vier Zeitungsbeilagen aus dem Jahr 1926 zeigte er, wie sich die äußerlich ausgesprochen ähnlich aufgebauten regionalen Beilagen inhaltlich in politischer und konfessioneller Prägung unterschieden.

Offen für interdisziplinäre Anregungen fragten OLAF GISBERTZ (Braunschweig) und ULRICH KNUFINKE (Braunschweig) in ihrem Beitrag nach der Rolle der illustrierten Magazine für die Popularisierung der Architekturdebatte. Sie zeigten, dass programmatische Texte zur Architektur in illustrierten Magazinen durchaus nichts Ungewöhnliches waren und diese dem „Neuen Bauen“ ein großes Forum boten, ohne dass sich in ihnen Architekturpolemiken hätten finden lassen.

STEPHANIE GEISE (Erfurt) machte sich auf die Suche nach Arbeiterdarstellungen in den Fotografien der bürgerlichen Massenpresse und fand diese – weitestgehend – nicht vor. Ob diese geringe Zahl an Funden inhaltliche Aussagekraft besäße oder dem methodischen Zugang der „standardisierten Bild-Analyse“ geschuldet sei, führte anschließend zu einer für die Tagung insgesamt ungewöhnlich kontroversen Diskussion.

Ebenfalls um Arbeiterfotografie ging es WOLFGANG HESSE (Dresden). Anhand von über 5000 im DFG-Projekt „Das Auge des Arbeiters“ erschlossene Aufnahmen rekonstruierte er Verbindungen zwischen amateurhafter Fotopraxis und der Bildwelt der illustrierten Magazine und illustrierte dies exemplarisch mit 12 Amateurfotografien aus der Zeitschrift „Der Arbeiter-Fotograf“.

Der Fotohistoriker ANDRÉS MARIO ZERVIGÓN (New Brunswick) analysierte in seinem Vortrag die „Arbeiter-Illustrierten-Zeitung“ im Kontext der sich in der Zwischenkriegszeit verändernden Verwendung von Fotografie und Layout. Er ging davon aus, dass die visuelle Vorreiterrolle der Redaktion unter Willi Münzenberg in erster Linie nicht von avantgardistischen Künstlern geprägt wurde, sondern politisch motivierte Interessen die Fotografie als unterschwelliges Illustrationsmedium zu propagandistischen Zwecken einsetzte.

Auch VERA CHIQUET (Basel) setzte sich mit der „Arbeiter-Illustrierten Zeitung“ auseinander und analysierte die bislang meist isoliert untersuchten Fotomontagen von John Heartfield im Gesamtkontext des „intermedialen Spielfeldes“ illustrierter Magazine. Indem sie exemplarisch zeigte, wie Heartfield sich auch von der Werbung inspirieren ließ, plädierte sie schlüssig dafür, Heartfields Fotomontagen nicht mehr nur als avantgardistische und politische Kunstwerke zu verstehen.

ELKE GRITTMANN (Lüneburg) und THOMAS BIRKNER (Münster) erweiterten die Betrachtung der illustrierten Magazine um den Aspekt des modernen Fotojournalismus. Ihr Forschungsprojekt wendet die Feldtheorie Bourdieus auf die Fotopublizistik der Weimarer Republik an und strebt an. Mittels systematischer Auswertung der beruflichen Profile einzelner Fotografen soll ein Gesamtbild des Berufsfelds entwickelt und das fotografische Selbstverständnis als „soziales Kapital“ einbezogen werden.

ARNULF KUTSCH (Leipzig) fragte in Zusammenarbeit mit Friederike Sterling und Robert Fröhlich (ebenfalls Leipzig) nach der Herkunft von Illustrationen, Bildmaterialien und Texten, welche die Bilderdienste verwandten. Dafür werteten die Kommunikationswissenschaftler Korrespondenzen aus und folgerten, dass die Auswahl besonders durch Aspekte der Kommerzialisierung und der so genannten „Fixkostendegression“ erfolgte. Mit der wachsenden Relevanz und Reichweite von Illustrationen ging eine inhaltliche Spezialisierung einher, die sich in der Ausdifferenzierung der Pressestruktur und einem eigenständigen Arbeitsmarkt für den Bildredakteur äußerte.

KARL KNOEFERLE (Eichstätt-Ingolstadt) beschäftigte sich mit der Fotoreportage zwischen 1925 und 1935. Er konnte zeigen, dass die bisherige Annahme, Stefan Lorent sei der alleinige Erfinder der modernen Fotoreportage, überdacht werden muss. Ebenso plädierte Knoepferle dafür, die Veränderungen ab 1933 so zu beschreiben, als dass die propagandistischen Inhalte in den mehrseitigen Reportagen zwar massiv zunahmen, man aber nicht von einem Zusammenbruch des Bildjournalismus in Deutschland sprechen könne.

ECKHARDT KÖHN (Frankfurt am Main) näherte sich in seinem Vortrag Leben und Werk eines einzelnen Fotografen: Baron Mario von Bucovich, über dessen Biografie man bis dato wenig wusste. Seine vier Fotobücher über Metropolen sowie unzählige Prominentenportraits weisen ihm jedoch durchaus einen Platz unter den Fotografen der Zwischenkriegszeit zu. Köhn konnte durch seine Recherchen einige Lücken in der Biografie des Künstlers schließen und rekonstruieren, dass der verschollen geglaubte Fotograf 1947 bei einem Autounfall in Mexiko verstarb.

RACHEL EPP BULLER (North Newton) schloss die Vortragsreihe des ersten Tages, indem sie ebenfalls auf eine einzelne Künstlerbiografie einging. So lässt sich, nach Eppbuller, die Politisierung der bisher wenig beachteten Grafikerin Alice Lex zu ihren zuvor eher privat motivierten Fotomontagen mit ihrem kommunistischen Engagement ab 1928 kontextualisieren.

Den Auftakt zu insgesamt 15 Vorträgen am Freitag, den 5. Juli 2013, bildete PATRICK RÖSSLER (Erfurt). Ihn interessierte, wie illustrierte Magazine Filmdiven thematisieren. In seiner Analyse zeigte der Kommunikationswissenschaftler, dass sich neben den Fotos, die das Bild der „Neuen Frau“ – sexy und unabhängig – unterstützten, auch ungeheuer viele ebenso üppig fotografisch bebilderte „Homestories“ fanden. Diese wiederum zeigten die Schauspielerinnen allerdings von einer bewusst harmlosen und natürlichen Seite.

Die Kunsthistorikerin ÄNNE SÖLL (Potsdam) hingegen interessierte, ob es auch einen „Neuen Mann“ gab. Ihre Analyse bisher in der Forschung weitestgehend unbeachteter Männermagazine wie „Der Junggeselle“ oder „Der Modediktator“ unterstrich, dass in den Magazinen ein eher traditionelles Rollen- und ideales Männerbild vermittelt wurde, nämlich das des heterosexuellen, perfekt gekleideten „Connaisseurs“, der klug auswählt und damit die Antipode zu „Fashion Victim“ oder „Dandy“ darstelle.

HELEN BARR (Frankfurt am Main) untersuchte bebilderte Reportagen des „Frankfurter Illustrierten Blattes“ im Zeitraum zwischen 1925 und 1932. Dabei konnte die Kunsthistorikerin herausarbeiten, wie das „Neue Sehen“ und der Einfluss der „sequentiellen Künste“ (Comic und Film) die Bildgestaltung veränderte, ja sich die Erzählstrategien ab 1930 merklich denen des Films annäherten.

In einem größeren Quellencorpus von Printmedien – nämlich auch in Tageszeitungen – machte sich ANGELA SCHWARZ (Siegen) auf die Suche nach dem Wochenende. Dabei zeigte die Historikerin, wie das Zusammenwirken aus Presseartikeln und spezifischer Werbung das Wochenende überhaupt erst konstruierte und so Samstag wie Sonntag als vom Wochentag getrennter Erlebnisraum immer mehr jenen durchgetakteten Charakter annahmen, dem städtische Arbeiter und Angestellte eigentlich zu entfliehen suchten.

SUSANN TRABERT (Gießen) gab in ihrem Paper wiederum einen Einblick in ein Forschungsprojekt, das noch ganz am Anfang steht und ein Sample aus den im Rahmen des Veranstalterprojekts digitalisierten Quellen auf „interkulturelle Einflüsse“ hin durchforstet. Für den Vortrag wählte die Historikerin vor allem Beispieltexte und -bilder, die den afrikanischen Kontinent als „Fremdkultur“ thematisierten und kam zu dem Schluss, dass die Darstellungen weit stärker durch das Selbstbild einer deutschen Gesellschaft als denn von reportagehafter Ergebnisoffenheit geprägt waren.

Quellengrundlage des Vortrags von ECKARD LEUSCHNER (Erfurt) bildete „Das Magazin“ zwischen 1927 bis 1932 – eine Auswahl die ausschließlich seiner privaten Sammlung entspräche. Dennoch konnte der Kunsthistoriker schlüssig zeigen, welcher Umgang mit kunstgeschichtlichen Themen typisch war: Kenntnisreich geschriebene Beiträge wurden stets mit Aktdarstellungen bebildert. Ferner thematisierte das Blatt die Abstraktionskraft und ästhetischen Qualitäten der Malerei gerade auch gegenüber der immer stärker aufkommenden Fotografie und alternierte somit die Frage nach der Definition von Kunst.

Mit DETLEF LORENZ' (Berlin) Vortrag gewann das Konferenzpublikum schließlich Einblick in ein ungewöhnliches Forschungsprojekt, das jenseits der Institutionen aufgrund von persönlichem Engagement heranwächst. Lorenz hatte sich die Frage gestellt, warum man über manch berühmt gewordenen Karikaturisten sehr viel, über andere oft nicht minder häufig in den Magazinen der Weimarer Republik publizierende Pressezeichner jedoch hingegen fast gar nichts weiß. Seine Datenbank beinhaltet bis dato biografische Informationen zu über 5000 Pressezeichnern, aus denen sich beispielsweise ablesen lasse, dass die meisten Zeichner nur im Nebenberuf für die Presse arbeiteten, weil sie von dieser Tätigkeit allein nicht hätten leben können.

Die Germanistin JULIA MEYER (Dresden) zeigte sodann, dass man jedoch auch von berühmten Autoren noch nicht alles weiß: Mascha Kaléko, vom „Querschnitt“-Herausgeber Hermann von Wedderkop gefördert, veröffentlichte ab 1929 Kabarettlyrik in der Zeitschrift. Diese frühen Gedichte in Berliner Dialekt wurden bisher weitestgehend ignoriert, lassen jedoch bereits jene humoristisch-kontrastierenden Modi erkennen, welche Aufbau und Stilmittel von Kalékos späteren, bekannteren Werken auszeichnen – weswegen Meyer dafür plädierte, die Wurzeln der Autorschaft Kalékos neu zu definieren.

Ebenfalls um den „Querschnitt“ ging es KATJA LÜTHY (Zürich). Die Kommunikationswissenschaftlerin lotete vor allem die Ursprünge der Zeitschrift aus, welche einerseits als Vorzeigeorgan der Flechtheim Galerie und später des Propyläen-Verlages gelten kann, andererseits ein unabhängiges und durchaus anspruchsvolles Feuilleton im Spannungsfeld der nicht geringfügig restriktiven Mediengesetzgebung der Zwischenkriegszeit zu produzieren suchte – eine Qualität, von der man sich erst mit dem definitiven Ende der Pressefreiheit 1933 verabschiedete.

Daran anknüpfend untersuchte DANIELA GASTELL (Mainz) dasselbe Blatt aus buchwissenschaftlicher Sicht. Sie konnte zeigen, dass Propyläen das Magazin 1924 von Flechtheim zwar mit dem Hintergrund übernahm, sein Profil als anspruchsvollen Literatur- und Kunstverlag zu unterstreichen und somit die Marktanteile des ansonsten für Massenpublikationen bekannten Ullstein-Verlags in diesem Segment zu steigern. Die Redaktion wurde jedoch nie zum Sprachrohr des Verlages, sondern bis zu 24.000 Abonnenten lassen, so Gastell, eher auf einen großen „wechselseitigen Nutzen“ zwischen Kunstzeitschrift und Pressekonzern schließen.

Ein wieder anderer fachlichen Zugang wohnte dem Vortrag von JULIA BERTSCHIK (Bonn/Berlin) inne. Die Germanistin arbeitete heraus, dass im „Querschnitt“ überaus zahlreich österreichische Autoren publizierten und dass jene Beiträge sehr verschiedene Facetten hatten. Dies deutete Bertschik als „paradoxe Parallelmontage aus altösterreichisch-nostalgischen Klischeebildungen und gegenläufig-avantgardistische Positionen“ der Neuen Sachlichkeit und erklärte dies mit der für den Ullstein-Konzern „typischen Heterogenität“.

Analytisch näherte sich ANDREAS ZEISING (Siegen) den charakteristischen Bildpaaren in der Zeitschrift. Diese zeigten oft an sich sehr Unterschiedliches, zusammen veröffentlicht lassen sich die Analogien jedoch systematisieren und als in der zeitgenössischen Presse neuartige humoristische Zeitkritik deuten. Der Kunsthistoriker konnte am Beispiel der Ausgaben des Jahres 1929 zeigen, wie diese „absurde Bildkombinatorik“ ein „subtiles Netz assoziativer Bedeutungen“ sponn, welches die multiplen Identitätsfragen der späten Weimarer Republik reflektierte und zugleich für ein Publikum von bisher unterschätzter Medienkompetenz entworfen schien.

Einen Ausflug zu einem anderen regionalen Beispiel unternahmen die Ausführungen von NICOLA HILLE (Tübingen), die die „a bis z“ und damit das Organ der „Kölner Progressiven“ auswertete. Der Künstlerzusammenschluss entwickelte zwischen 1920 und 1933 in der Rheinmetropole einen eigenständigen Stil, der ab 1929 einem breiteren Publikum mittels Zeitschrift näher gebracht werden sollte, wobei sich die „a bis z“ in puncto Inhalt, Bildauswahl und Layout mühelos zu den avantgardistischen Blättern der Zwischenkriegszeit zählen lasse, so Hille.

Auch ULRIKE MAY (Frankfurt am Main) ordnete ein regionales Blatt – „Das Neue Frankfurt“ – in die Presselandschaft der Zwischenkriegszeit ein. Dabei argumentierte die Kunsthistorikerin, dass sich die von 1926 bis 1933 erscheinende Zeitschrift gerade als Mittlerin zwischen Künstleravantgarde, Architekten wie einem größeren Publikum verstand und dies durch eine breite Themenwahl, die von Film und Fotografie über Sport bis zu Architektur reichte, sowie eine zeitgenössische Gestaltung umzusetzen versuchte.

Schließlich beleuchtete DAVID OELS (Mainz) mit der „Koralle“ noch ein Medium, dessen Anspruch zwischen Naturwissenschaftsvermittlung und Unterhaltung changierte und das besonders mit seiner „drucktechnischen Opulenz“ Leser gewinnen wollte. Der Buchwissenschaftler skizzierte die Geschichte der Zeitschrift, deren Konzept zwischen 1924 und 1933 dann auch ziemlichen Erfolg hatte. Während nach der Machtergreifung die Auflage stieg und stieg, verließ „Die Koralle“ allerdings jeglicher wissenschaftlsjournalistische Anspruch und sie wurde auf ausschließlich amüsante Inhalte umgestellt.

KATJA LEISKAU (Dresden) ging es dann nicht darum, Ergebnisse der Tagung zusammenzufassen oder einen eigenen wissenschaftlichen Vortrag zu halten. Ihr Beitrag wollte die Teilnehmer unterhaltend verabschieden und so griff sie aus dem reichhaltigen Datensatz der Webseite <http://www.illustrierte-magazine.de> Beispiele auf, in denen sich Diskussionen spiegelten, welche heute noch – oder wieder – in der Presse aktuell sind: Ob Europaskepsis, Gleichberechtigungsfragen, Rauchen oder Weltwirtschaftskrise – hat sich auf den ersten Blick in fast einem Jahrhundert denn nichts geändert? Ein zweiter Blick aber zeigte: In den 1920er-Jahren wurde das Rauchen als ästhetischer wie emanzipierter Genuss dargestellt – und selbst Geldströme ließen sich damals noch zeichnen.

Zusammenfassend ist zu betonen, dass es nun Herausforderung einer möglichen Publikation sein wird, die Vielzahl der Beiträge stärker zu sortieren und zu kommentieren. Die Tagung selbst leistete dies bewusst noch nicht: Diskussionen waren nur punktuell nach einem, zwei oder maximal drei Vorträgen eingeplant und fielen ob des extrem straffen Programms recht kurz aus – weshalb ihrer Verläufe hier nicht wiedergegeben werden konnten. Zudem waren die Panels nur bedingt nach Leitfragen gegliedert und auf themenumspannende Kommentare wurde ebenfalls verzichtet.

Eines unterstrich die Konferenz jedoch sehr eindrücklich: Die Quellengattung Zeitschrift in der Zwischenkriegszeit birgt immer noch und, nicht zuletzt dank des gastgebenden Digitalisierungsprojektes, immer wieder ein riesiges Potential für verschiedenste Disziplinen geisteswissenschaftlicher Forschung. Nicht zuletzt ganz im Sinne von Diethart Kerbs, in dessen memoriam die Tagung veranstaltet wurde, darf als ein wichtiges Zwischenfazit der Tagung schon jetzt das Plädoyer einiger Forscher gelten, die Diskrepanzen zwischen Bild- und Textwissenschaft zu überwinden. Anders gesagt: Es sollte zukünftig noch selbstverständlicher werden, interdisziplinär zu arbeiten, um nicht mehr einzelne Bestandteile von Zeitschriften – etwa Fotografien, Karikaturen, Gedichte oder Artikel – aus ihrem medialen Kontext herauszulösen, sondern verstärkt Fragen an die Zeitschriften als Ganzes zu stellen, also sowohl visuelle wie textbasierte Inhalte und mithin sogar auch die Werbekomponenten sowie Verflechtungsaspekte zwischen den Medien zu untersuchen.

Konferenzübersicht:

1. Illustriertenpublizistik in ihrer Zeit

ROLAND JAEGER (Hamburg/Berlin)
„Mehr als 1000 Worte. Die fotoillustrierte Presse als Quellenmaterial der fotohistorischen Forschung“

PETER HANISCH (Oxford)
„Zeitschriftenkultur? Überlegungen zur gesellschaftlichen Funktion der Zeitschrift der Weimarer Republik“

MADLEEN PODEWSKI (Berlin)
„Zwischen Sichtbarem und Sagbarem: Illustrierte Magazine als Verhandlungsorte visueller Kultur“.

2. Millionenauflagen: Zeitungs-Illustrierte und Beilagen

BERND SÖSEMANN (Berlin)
„Gezeichnet und photographiert 'fällt es mehr ins Auge'. Die Weimarer Republik in der 'Berliner Illustrirten Zeitung'“

KONRAD DUSSEL (Mannheim)
„Getrennte Welten? Illustrierte Zeitungsbeilagen in der Weimarer Republik als Mittel soziokultureller Segregation“

OLAF GISBERTZ (Braunschweig) und ULRICH KNUFINKE (Braunschweig)
„Fehlanzeige? Das Neue Bauen im Spiegel der deutschen Illustrierten Magazine“

3. Arbeiterfotografen und Amateurknipser

STEPHANIE GEISE (Erfurt)
„Der Blick der Anderen? Die sozialdemokratische Arbeiterfotografie im Spiegel der bürgerlichen Illustrierten Massenpresse der Weimarer Republik“.

WOLFGANG HESSE (Dresden)
„'Tendenz’ oder ‚Erinnerung'? Zur Dialektik von Privat- oder Pressefotografie“.

ANDRÉS MARIO ZERVIGÓN (New Brunswick)
„Die Arbeiter-Illustrierte Zeitung 1921-1938: Eine Geschichte der anderen Avant-Garde der Weimarer Republik“

VERA CHIQUET (Basel)
„Die Illustrierte als intramediales Spielfeld für John Heartfields Fotomontagen“

4. Bildjournalismus in der Weimarer Republik

ELKE GRITTMANN (Lüneburg) und THOMAS BIRKNER (Münster)
„Fotojournalismus in der Weimarer Republik – Berufsfeld und Selbstverständnis“

ARNULF KUTSCH (Leipzig) in Zusammenarbeit mit Friederike Sterling (Leipzig) und Robert Fröhlich (Leipzig)
„Bilderdienste in der Weimarer Republik. Lieferanten und Wegbereiter der Presseillustration“

KARL KNOEFERLE (Eichstätt-Ingolstadt)
„Die Fotoreportage in Deutschland von 1925 bis 1935. Eine empirische Studie“

5. Finissage: Bürgerliche Zeitbilder – Die illustrierten Magazine der Weimarer Republik

ACHIM BONTE (Dresden)
„Eröffnung der Finissage“

ECKHARDT KÖHN (Frankfurt am Main)
„'Ich bin teuer... ' Wer war Baron Mario von Bucovich?“

RACHEL EPP BULLER (North Newton)
„From Popular Culture to Political Activism: Alice Lex’s Shifting Usage of Weimar Periodicals“

6. Bildjournalismus in der Weimarer Republik

PATRICK RÖSSLER (Erfurt)
„Stars und Sternchen – Magazine und die 'neue Frau' im Film“

ÄNNE SÖLL (Potsdam)
„Der neue Mann? Die Lifestyle- und Modemagazine für Männer in der Weimarer Republik“

HELEN BARR (Frankfurt)
„Arrangierte Bilder. Ausweitung und Wandel visueller Erzählstrategien in Reportagen des Frankfurter 'Illustrierten Blattes'“

7. Die Welt im Magazin

ANGELA SCHWARZ' (Siegen)
„Erfindung des Wochenendes in der Weimarer Republik“

SUSANN TRABERT (Gießen)
„Das unbekannte Andere? Die Darstellung von Fremdkulturen in den illustrierten Magazinen der Weimarer Republik“

ECKARD LEUSCHNER (Erfurt)
„'Verwandte Motive': Das Magazin und die Kunstgeschichte“

8. Jenseits der Fotografie

DETLEF LORENZ' (Berlin)
„PRESSEZEICHNER UND PRESSEILLUSTRATIONEN. EIN ÜBERBLICK“

JULIA MEYER (Dresden)
„'Mariechen schreibt'. Kabarettlyrik von Mascha Kaléko in der Zeitschrift 'Der Querschnitt'“

9. Das Flaggschiff: Der Querschnitt

KATJA LÜTHY (Zürich)
„Der Querschnitt – Struktur und Sinn eines Phänomens“

DANIELA GASTELL (Mainz)
„Der Querschnitt im Propyläen-Verlag“

JULIA BERTSCHIK (Bonn/Berlin)
„Zwischen Neuer Sachlichkeit und habsburgischem Mythos – Parallelmontage des 'Querschnitt' (1921-1936)“

ANDREAS ZEISING (Siegen)
„Zusammenbruch der Codes. Bildkonfrontationen im 'Querschnitt'“

10. Magazintypen von der Avantgarde zum Massenmarkt

NICOLA HILLE (Tübingen)
„Künstlerzeitschrift 'a bis z' (1929-1933) – ein illustriertes Magazin der 'Kölner Progressiven'“

ULRIKE MAY (Frankfurt)
„Das Neue Frankfurt. Fachpublikation, Avantgardezeitschrift und Illustriertes Blatt?“

DAVID OELS (Mainz)
„Die Koralle – eine populärwissenschaftliche Illustrierte im Ullstein Verlag“

11. Ausklang der Tagung

KATJA LEISKAU (Dresden)
„Europamüdigkeit – Raucherkonkurrenz – Gleichberechtigung. Über Schlagzeilen der illustrierten Magazine und ihre Déjà-vu-Effekte heute“

Zitation
Tagungsbericht: Deutsche illustrierte Magazine – Journalismus und visuelle Kultur in der Weimarer Republik, 04.07.2013 – 05.07.2013 Erfurt, in: H-Soz-Kult, 13.09.2013, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-5002>.
Redaktion
Veröffentlicht am
13.09.2013
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