belgica – terra incognita? Resultate und Perspektiven der historischen Belgienforschung im deutschsprachigen Raum. 1. Workshop des Arbeitskreises Historische Belgienforschung

Ort
Düsseldorf
Veranstalter
Arbeitskreis Historische Belgienforschung
Datum
05.07.2013 - 06.07.2013
Von
Susanne Brandt, Institut für Geschichtswissenschaften II, Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf

Der frisch gegründete Arbeitskreis Historische Belgienforschung bewies gleich bei seiner ersten Tagung, wie vielfältig die Themen, wie ertragreich die Erkenntnisse, aber auch: wie kompliziert die Geschichte dieses kleinen Landes ist. Die Referenten und Organisatoren (Sebastian Bischoff (Berlin), Christoph Jahr (Düsseldorf) und Jens Thiel (Berlin)) boten dem interessierten Publikum, das sich aus Kennern der belgischen Geschichte und solchen, die es werden wollen, zusammensetzte, viele interessante und weiterführende Vorträge, Einblicke in aktuelle Forschung und angeregte Diskussionen. „How can one not be interested in Belgian History?“ diese Frage wurde den Teilnehmern des Workshops mehrfach gestellt – und es wurden etliche Argumente für die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der nicht immer konfliktfreien Geschichte eines zwar kleinen, aber dennoch nicht leicht zu durchschauenden Landes geboten. Die Organisatoren stiegen ohne Umschweife mit dem Großen Krieg ins Thema ein. Mit CHRISTOPH ROOLF (Düsseldorf, Thema: Deutsche Besatzungspolitik in Belgien 1914-1918), THOMAS L. GERTZEN (Berlin, Thema: "Der verlorene Sohn"? Das Engagement des deutschen Ägyptologen F. W. Freiherr von Bissing im besetzten Belgien während des Ersten Weltkrieges) und SEBASTIAN BISCHOFF (Berlin, Thema: Belgien und Belgienbilder in der deutschen Kriegsöffentlichkeit 1914-1918) traten drei Kenner der jüngeren belgischen Geschichte an. Roolf konzentrierte sich auf die Merkmale der deutschen Besatzungsherrschaft. Sein Forschungsinteresse leitete sich aus der These der Kaiserreichforschung ab, es handele sich um ein handlungsunfähiges politisches System in einer Sackgasse. Wie sei es dann erklärbar, dass trotzdem eine oft zielgerichtete, zum Teil erstaunlich flexible, handlungsfähige und ziemlich leistungsfähige Herrschaft im besetzten Belgien über vier lange Jahre hinweg ausgeübt werden konnte? Roolf unterstrich, dass die Beamten im besetzten Belgien über große Handlungsfreiräume verfügten und mit anderen Beamten in Konkurrenz standen. Und genau diese Gemengelage habe auf der einen Seite totalisierenden Tendenzen Vorschub geleistet, sie unter Umständen aber auch gemildert: Der Umstand, dass beinahe auf jedem Handlungsfeld der Besatzungspolitik zahlreiche (institutionelle) Akteure um Kompetenzen, Mitsprache und Einfluss rangen (was nicht selten zu Selbstblockade, Verzögerung und Stillstand führte), entfaltete im Umkehrschluss eine zivilisierende und einer Totalisierung der Besatzungsherrschaft entgegenstehende Wirkung. Gehemmt wurden totalisierende Tendenzen auch dann, wenn das Handeln der deutschen Besatzungsbehörden auf belgischer Seite auf Institutionen traf, die von den Folgen von Krieg und Besatzung im Kern unberührt geblieben waren, was namentlich für die Beamtenschaft in den Ministerien und vor allem in den Kommunen sowie für die katholische Kirche galt.

Thomas Gertzen richtete den Blick auf den Ägyptologen von Bissing, Sohn eines der Generalgouverneure in Belgien. Gertzen legte dar, dass Bissing sen., auch wenn er eine enge Anbindung Belgiens auch nach dem Kriegsende im Blick hatte und sich aus diesem Grund gegen eine Ausbeutung „seines“ Generalgouvernements stellte, dennoch die Deportation der Zwangsarbeiter zugelassen habe. Sein Sohn wollte sich mit der Flamisierung der Universität Gent profilieren, doch das Projekt scheiterte. Der Vortrag verdeutlicht mit Blick auf einzelne Akteure, wie das Nebeneinander von unerbittlicher Besatzungspolitik und schmeichelnder Versuche, einzelne Bevölkerungsgruppen für die Besatzer zu gewinnen, erklärt werden kann. Wichtige Hintergrundinformationen bot das konfliktträchtige Vater-Sohn-Verhältnis. In der Diskussion betonte Jens Thiel, dass v. Bissing sen. sich – so gut er konnte - gegen die Deportationen wehrte, dass er sie "zuließ" – betonte Thiel - sei sicher sachlich richtig, aber es war doch schon sehr (!) gegen seinen Willen.

Sebastian Bischoff schließlich wandte sich den Vorstellungen über Belgien zu, die in der deutschen Presse und anderen Medien verbreitet wurden. Besonders intensiv lässt sich in der deutschen Presse die Debatte um belgische Franktireur nachzeichnen. Bischoff zeigte, dass sich das Thema (vor allem die Ereignisse in Löwen) in den gesamten Kriegsjahren in der Berichterstattung wiederfindet, allerdings mit veränderten Vorzeichen. Aus dem Strafgericht wurde schnell ein Akt der Notwehr. Bischoff unterstrich, dass während des gesamten Krieges eine Strategie des Widerlegens, des Verleugnens, des Relativierens und des Exterritorialisierens verfolgt wurde. Bischoff ergänzte seine Präsentation der Belgien“bilder“ und entfaltete vor den Zuhörern ein Mosaik aus stereotypen Frankreich-, Großbritannien- und auch Russlandbildern, die in der deutschen Öffentlichkeit verbreitet wurden. Feindbilder – das macht sein Vortrag deutlich – müssen zunächst differenziert beschrieben werden, es reicht nicht, sie als reine Propaganda abzutun, vielmehr müssen die dahinter stehenden Strategien beleuchtet werden.

Dass sich die Themen zur belgischen Geschichte noch weiter aufspalten und an Komplexität gewinnen, verdeutlichte die zweiten Sektion: WINFRIED DOLDERER (Berlin) wies in seinem Vortrag „Abschied vom Nationalstaat. Die Jahrzehnte 1950 bis 1970 als Transformationsperiode in der belgischen Geschichte“ darauf hin, in welchem Maß sich die belgische Gesellschaft segmentierte. Aus seiner Sicht ist dies eine Konstante der belgischen Geschichte. Dolderer zeigte anhand ausgewählter Konflikte (dem Schulstreit 1950, dem Winterstreik in Wallonien, der Sprachgrenzregelung und den Studentenunruhen), wie gravierend sich das Fehlen von Kommunikationskanälen über die Sprachgrenzen hinweg ausgewirkt habe. Ähnlich desillusionierend wirkten die Ergebnisse des Vortrags von ALEXANDER REINFELDT (Hamburg): „Belgien und Europa. Zur Rolle belgischer außenpolitischer Akteure in der Europäischen Politischen Zusammenarbeit (EPZ), 1970-1981“. Er unterstrich, dass die Politik zwar stark für Europa votierte, aber keine gemeinsame Europapolitik betrieben wurde. Vielmehr – und hier hob er vor allem die Afrikapolitik hervor – seien belgische und französische Interessen in den 1970er-Jahren absolut unvereinbar gewesen. Im Anschluss an den Vortrag von JENNY PLEINEN (Trier) zum Thema „Das Migrationsregime Belgiens seit 1945 aus kollektivbiografischer Perspektive“ wurde lebhaft diskutiert. Welche Gemeinsamkeiten gebe es jenseits der Steuererklärung und der Sozialversicherung in und für die belgische Gesellschaft fragte ein Zuhörer. Und Pleinen konstatierte, dass das letzte gesamtbelgische Ereignis die Dutroux-Affäre gewesen sei. Auch sie bilanzierte, dass eine Einheit in weiter Ferne liege, nicht zuletzt wegen der Provinzen, die quer zu den Sprachgrenzen verliefen, und aufgrund einer fehlenden einenden Verfassung. „Brüssel“ sei der gemeinsame Nenner – so das Fazit der Debatte – alle unangenehmen Themen seien an Brüssel delegiert worden (mit allen Vor- und Nachteilen einer solchen Lösung).

Der erste Tagungstag wurde beendet mit einem klar strukturierten Vortrag von HUBERT ROLAND (Louvain-la-Neuve). Er präsentierte sieben Thesen zur verflochtenen Geschichte der deutsch-belgischen Beziehungen. Mit seinem Vortrag, der auf Comics, Fritz Haber und den Pakt mit dem Teufel begann, wurde dem Publikum bewusst, dass im deutsch-belgischen Verhältnis ein komplexes Geflecht von Gemeinsamkeiten, Anziehungskräften und Abstoßungsreaktionen zusammenkomme. Brüche und Versöhnungen lägen nicht so eindeutig, wie es historische Ereignisse vermuten ließen, so Roland: schon 1916 gab es erste, tastende pazifistische Versöhnungsbestrebungen. Ebenso habe die gescheiterte Flamenpolitik im Ersten Weltkrieg eine kulturpolitische Annäherung gefördert. Der aus Berlin vertriebene Gründer des Anti-Kriegsmuseums, Ernst Friedrich, so unterstrich Roland, habe in Brüssel ein neues Museum eröffnen können – wenn auch nur für eine kurze Zeit. Dass die Wunden des Ersten Weltkrieges noch sichtbar und schmerzhaft seien, konstatierte Roland zum Schluss seines Vortrages mit Hinweis auf die Versöhnungsfeier in Dinant im Jahr 2001, die politisch heiß umstritten war.

Der zweite Tagungstag begann mit dem Vortrag von DOMINIK SCHOLZ (Berlin): „Mit Altstadt zur internationalen Metropole? Deutungskonflikte und politische Prozesse zur Stadtbildkonstruktion Brüssels (1952-1979) mit einem Vergleich zu Lyon“. Er zeigte, dass die Zerstörung der historischen Bausubstanz nach dem Zweiten Weltkrieg von den Stadtplanern verursacht worden sei – mit dem Ziel, eine vermeintlich historische Altstadt zu schaffen und dem Ergebnis, dass viele Bewohner vertrieben wurden. Hinter den (scheinbar) barocken Fassaden befänden sich moderne Bürogebäude, so Scholz über die 1998 zum Weltkulturerbe deklarierten Platz in der Altstadt Brüssels. Auf seine Frage, ob es ähnliche Beispiele aus anderen Städten gebe, nannten die Teilnehmer Peking, Mainz, Hildesheim, Dresden oder Freiburg als Beispiele für städtebauliche Rekonstruktion einer Vergangenheit, die es so nie gab.
HARRY WILLEKENS (Hildesheim) erklärte in seinem Beitrag „Belgien als Pionier des Kindergartenwesens. Ein historisches Rätsel“, warum Belgien, sonst stets hinter allen Entwicklungen hinterherlaufend, im Bereich der Kindergärten Vorreiter gewesen sei. Und vor allem: warum es später zu einem dramatischen „Kindergartensterben“ kommen konnte. Ganz einfach, so seine Analyse: Antiklerikale und katholische Kräfte haben ihren seit Ende des 19. Jahrhunderts brennenden Streit auch um die Seelen der Kleinkinder ausgefochten. Der Schulkampf wurde auf die Kindergärten vorverlagert. Der Besuch eines Kindergartens wurde zur Voraussetzung für einen erfolgreichen Schulbesuch. Der Sieg der laizistischen Kräfte 1903 zog dann das Kindergartensterben nach sich, weil damit das Verbot kirchlicher Schulen und das Verbot für Priester, zu unterrichten, einhergingen. Die Kindergärten waren nicht länger vorgelagerte Kampfplätze im Schulstreit.

Einem ganz anderen Berufsfeld widmete sich BART QUINTELIER (Menden). Er untersuchte die historische Entwicklung der belgischen Anwaltschaft von 1795 bis zur Gegenwart in vergleichender Perspektive. Er erläutert, wieso schon 1850 in Belgien auf 5.000 Bürger ein Anwalt kommt – ein Verhältnis, das Deutschland erst 100 Jahre später erreichte. Und als sei es nicht schon kompliziert genug in und mit dem kleinen Land, den Sprachgrenzen und verschiedenen Gruppen, erläuterte PETER M. QUADFLIEG (Aachen) den Stand der historischen Forschung über die Deutschsprachige Gemeinschaft Belgiens. Die DG sei ein weißer Fleck im unbekannten Land, so Quadflieg mit einem Augenzwinkern. Doch seit der Jahrtausendwende ändere sich dies, so sei die Zahl der Forschungsarbeiten deutlich gestiegen, wenn auch längst nicht alle – trotz hoher Qualität – publiziert würden. Quadflieg erklärte, dass die Forschung an belgischen Unis zunehme, weil auch das Interesse deutschsprachiger Studierender wachse. Nach dem Opferdiskurs der 1980er-Jahre haben seit den 90er-Jahren jüngere Forscher neue Fragen aufgeworfen.

Zum Schluss stellte TATJANA MROWKA (Köln) die Virtuelle Fachbibliothek Benelux vor. Die ViFa Benelux ist ein interaktives Recherche- und Informationsportal und vereine die Bestände mehrere Bibliotheken. Die ViFa biete eine attraktive Möglichkeit, Material komfortabel zu recherchieren, so Mrowka – und hoffte, mit dem Angebot weitere Forschung zu initiieren. Der Workshop hat gezeigt, wie viele Themen und Fragen zum „unbekannten Land“ offen sind. Zugleich bewiesen die Referenten und die engagierten Teilnehmer und Diskutanten, wie viele Ergebnisse und Antworten schon vorliegen. Wer sich dem Arbeitskreis Historische Belgienforschung, der das Ziel verfolgt, eine interdisziplinäre Vernetzung aller historisch zum Thema Belgien arbeitenden Forscher zu ermöglichen, anschließen möchte, wende sich an Jens Thiel (jens.thiel@geschichte.hu-berlin.de), an Sebastian Bischoff (sebastian.bischoff@gmx.net) oder an Christoph Jahr (Christoph.Jahr@uni-duesseldorf.de).

Konferenzübersicht:

Begrüßung durch Sebastian Bischoff (Berlin), Christoph Jahr (Düsseldorf) und Jens Thiel (Berlin)

Sektion 1: Belgien im Ersten Weltkrieg
Moderation: Jens Thiel (Berlin)

Christoph Roolf (Düsseldorf): Deutsche Besatzungspolitik in Belgien 1914-1918

Thomas L. Gertzen (Berlin): "Der verlorene Sohn"? Das Engagement des deutschen Ägyptologen F. W. Freiherr von Bissing im besetzten Belgien während des Ersten Weltkrieges

Sebastian Bischoff (Berlin): Belgien und Belgienbilder in der deutschen Kriegsöffentlichkeit 1914-1918

Sektion 2: Aspekte belgischer Geschichte nach 1945
_Moderation: Sebastian Bischoff (Berlin)

Winfried Dolderer (Berlin): Abschied vom Nationalstaat. Die Jahrzehnte 1950 bis 1970 als Transformationsperiode in der belgischen Geschichte

Alexander Reinfeldt (Hamburg): Belgien und Europa. Zur Rolle belgischer außenpolitischer Akteure in der Europäischen Politischen Zusammenarbeit (EPZ), 1970-1981

Jenny Pleinen (Trier): Das Migrationsregime Belgiens seit 1945 aus kollektivbiografischer Perspektive

Moderation: Christoph Jahr (Düsseldorf)

Hubert Roland (Leuven): Kulturtransfers, Identitätsbildung(en), Historiographie. Sieben Thesen zur verflochtenen Geschichte der deutsch-belgischen Beziehungen

Sektion 3: Kulturgeschichtliche Aspekte (in) der belgischen Geschichte
Moderation: Jakob Müller (Berlin)

Dominik Scholz (Berlin): Mit Altstadt zur internationalen Metropole? Deutungskonflikte und politische Prozesse zur Stadtbildkonstruktion Brüssels (1952-1979) mit einem Vergleich zu Lyon

Harry Willekens (Hildesheim): Belgien als Pionier des Kindergartenwesens. Ein historisches Rätsel

Bart Quintelier (Menden): Die historische Entwicklung der belgischen Anwaltschaft von 1795 bis zur Gegenwart in vergleichender Perspektive

Sektion 4: Forschungsfragen und Forschungsperspektiven
Moderation: Christoph Roolf (Düsseldorf)

Peter M. Quadflieg (Aachen): Die „terra incognita“ des belgischen Föderalstaates. Stand der historischen Forschung über die Deutschsprachige Gemeinschaft Belgiens

Tatjana Mrowka (Köln): Projektvorstellung. Die Virtuelle Fachbibliothek Benelux 12:00 Diskussion

Sitzung des Arbeitskreises Historische Belgienforschung

Zitation
Tagungsbericht: belgica – terra incognita? Resultate und Perspektiven der historischen Belgienforschung im deutschsprachigen Raum. 1. Workshop des Arbeitskreises Historische Belgienforschung, 05.07.2013 – 06.07.2013 Düsseldorf, in: H-Soz-Kult, 16.10.2013, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-5076>.
Redaktion
Veröffentlicht am
16.10.2013
Beiträger
Klassifikation
Weitere Informationen
Sprache Beitrag
Land Veranstaltung
Sprache Veranstaltung