Vom Nutzen des Edierens

Ort
Wien
Veranstalter
Institut für Oesterreichische Geschichtsforschung
Datum
03.06.2004 - 05.06.2004
Von
Martin Scheutz; Herwig Weigl

Das 1854 gegruendete Institut fuer Oesterreichische Geschichtsforschung in Wien (IOeG), Ausbildungsstaette fuer Archivare und Forschungsinstitut mit einem Schwerpunkt auf den historischen Hilfswissenschaften, veranstaltete als erste seiner beiden Jubilaeumstagungen [1] vom 3.-5. Juni 2004 im verregneten Wien den Kongress "Vom Nutzen des Edierens". Das Thema wurde, so der Direktor Karl Brunner in seinen Eroeffnungsworten, gewaehlt, um die derzeit weithin als unmodern - und daher immer weniger als foerderungswuerdig geltende - Editionstaetigkeit ins Rampenlicht zu stellen und zu zeigen, dass die Zahl derer, fuer die das Edieren eine selbstverstaendliche Aufgabe von HistorikerInnen ist und bleibt, gar nicht klein ist. Um mehr Gaeste zu Wort kommen zu lassen, verzichteten die editorisch aktiven Institutsangehoerigen auf eigene Referate. Dadurch wurden auch Aktivitaeten, deren Produkte ja nur selten unter der Flagge des IOeG, sondern oft in Publikationsreihen anderer Institutionen erscheinen, weniger sichtbar als der Anlass nahegelegt haette.

Fuer die auch wirklich ueberaus gut besuchte Tagung waehlte man anstelle eines engeren Zugangs, bei dem Spezialisten unter sich gewesen waeren, sowohl chronologisch wie thematisch einen breiten und versuchte, ein weites Spektrum an "Edierbarem" einigermassen ab- und gemeinsame Fragen und Probleme aufzudecken. Auf solche wies in pointierter Weise - und aus der reichen Erfahrung eines Editorenlebens schöpfend - R. B. C. Huygens (Leiden) in seinem Eroeffnungsvortrag hin.

Die Sektion "Edition des ‚authentischen' Textes - Edition als authentischer Text" ging anhand einiger Einzelbeispiele der Frage nach, was unter "authentisch" zu verstehen sei und wie eine vorliegende Edition ihren Text zum "authentischen" machen koenne. Anne Duggan (London) stellte diese Probleme anhand des von ihr edierten Briefcorpus des Maertyrer-Erzbischofs Thomas Becket von Canterbury vor, dessen Briefe von unterschiedlichen Mitarbeitern verfasst wurden und in unterschiedlichen Kontexten ueberliefert sind. Pascale Bourgain (Paris) ging in ihrem Referat ueber die Texterstellung der Frankengeschichte Gregors von Tours vor allem auf die Probleme ein, die Spracheigenheiten des Autors aus den spaeteren Ueberlieferungen herauszuloesen. Die Germanistin Edith Wenzel (Aachen) stellte die Frage, ob angesichts technischer Moeglichkeiten, Texte in mehrfachen Ueberlieferungsvarianten zu publizieren, ueberhaupt noch nach "Originalfassungen" gesucht werden muesse, und kam zum Ergebnis, dass editorische Entscheidungen nach wie vor noetig bleiben. Wilfried Hartmann (Tuebingen) analysierte Synodalstatuten des 9. Jahrhunderts und fuehrte vor, wie sich manchmal der "authentische" Text der Beschluesse rekonstruieren laesst, sich in anderen Faellen aber zeigt, dass ein solcher nie existierte und die Teilnehmer die Synoden schon mit unterschiedlichen Fassungen im Gepaeck verliessen. Bei der Ueberlieferung der Werke Hugos von St. Viktor spielt die nach seinem Tod einsetzende Redaktionstaetigkeit seines Konvents eine zentrale Rolle, doch steht dem auch eine Massenueberlieferung der Schriften gegenueber, die ihre Rezeption dokumentiert, wie Rainer Berndt SJ (Frankfurt a. M.) ausfuehrte. Beide Straenge sind von editorischer Relevanz. Ueber den Seiltanz zwischen kritischer Textedition und Dokumentation der Verhandlungen auf den Reichsversammlungen (1556-1662), wo schon die nachvollziehbare Definition der heranzuziehenden Quellencorpora grundlegende Entscheidungen forderte, berichtete Maximilian Lanzinner (Bonn), waehrend sich Martin Steiner (Praha) bei der Edition der Werke des Jan Comenius zwar auf die Letztbearbeitung des Autors stuetzen kann, dessen enormer Bildungshorizont aber hoechste Anforderungen an die Bearbeiter der kritischen Ausgabe stellt, um ihm gerecht zu werden.

Der Bewaeltigung von Massenquellen durch Edition und/oder Erschliessung, bei der bereits angesprochene Probleme sich noch viel schaerfer stellen, war eine eigene Sektion gewidmet. Unter Massenquelle wurde dabei sowohl "Vieles und Vielerlei gleicher Provenienz" wie auch "viel vom Gleichen" gefasst. Ludwig Schmugge (Zuerich) stellte die teils dem Muster des Repertorium Germanicum folgende Regestierungsmethode vor, mit der die im 15. Jh. einsetzenden Register der paepstlichen Poenitentiarie, einer erstrangigen Quelle zur spaetmittelalterlichen Sozialgeschichte, deren Spannweite von seriellen Quellen bis zu "Ego-Dokumenten" reicht, erschlossen und mit TUSTEP verarbeitet werden. Angesichts der enormen Menge fruehneuzeitlicher Polizeygesetze aus dem Reich, die den Gedanken an kritische Editionen illusorisch werden laesst, entschloss man sich im Institut fuer Europaeische Rechtsgeschichte, wie Karl Haerter (Frankfurt a. M.) ausfuehrte, zu einer Doppelstrategie: Erstellung eines gedruckten Repertoriums und Erstellung einer beschreibenden Datenbank, die bereits mehr als 100.000 Policeygesetze erfasst und auch quantifizierende Abfragen ermoeglicht. Imre Ress (Budapest) praesentierte, ebenfalls unter dem mehrfach angesprochenen Aspekt der Machbarkeit, drei digitale Editionsunternehmen aus Ungarn, die "Libri Regii" des Ungarischen Staatsarchivs aus der ungarischen Hofkanzlei in Wien (1527-1848), die Ministerratsprotokolle (1867-1944) und die seriellen Protokolle der Leitungsgremien der Staatspartei aus den Jahren 1956-1989. Einen Schritt weiter, zeigte Frank Bischoff (Marburg) den Aufwand auch nur einer ersten archivischen Erschliessung von NS- und Kriegsfolgeakten. Die aus der Masse resultierenden Schwierigkeiten, die der hier notwendige EDV-Einsatz nicht aus der Welt schaffen kann, belegte er mit eindrucksvollen Zahlen, die auch verstaendnislos fordernden Verwaltungen und Politikern entgegengehalten werden koennen.

Weniger unter dem Gesichtspunkt der Quellen als unter dem der Verarbeitung und Praesentation naeherten sich die Referate der Sektion: Edition und Neue Medien den Problemen. Paul Bertrand und Annie Dufour (Paris/Orleans) praesentierten die Digitalisierung von Urkunden als gangbare Alternative zur immer schwerer leistbaren Edition. Nora Gaedeke (Hannover) beschrieb die Internet-Praesentation der Leibniz´schen Werke als eine Moeglichkeit, das Erscheinen verwendbarer und abfragbarer Texte zu beschleunigen. Klaus Graf (Freiburg) wies einmal mehr nicht nur auf die Vorteile des open access fuer Benuetzer, sondern auch fuer die von der dadurch moeglichen Vernetzung profitierende Forschung hin. Manfred Thaller (Koeln) brachte - ausgehend von der Feststellung, dass die digitale Faksimilierung von Quellen nunmehr billiger ist als jede editorische Bearbeitung - seine reflektierten Beobachtungen zur Auswirkung der Digitalisierungsmoeglichkeiten auf die Editions- und Forschungspraxis ein. Besser als vielleicht geplant, schloss sich daran eine Sektion an, deren Thema die "Edierbarkeit" bildlicher und dinglicher Quellen war. Walter Koch referierte (Muenchen) darin ueber Inschriften, also Texte auf spezifischen Texttraegern, und die Arbeit der Inschriftenkommissionen, Axel Bolvig (Kopenhagen) ueber die elektronische Publikation und Praesentation von Wandmalereien, Rolf Nagel (Duesseldorf) ueber Wappenbucher und Vincenc Rajsp (Ljubljana/Wien) anhand der luxurioesen slowenischen Edition der Josephinischen Landesaufnahme aus dem spaeten 18. Jh. ueber historische Karten.

Wie weit Editionen vorgegebenen Bahnen der Forschung folgen und wieweit sie ihrerseits diese lenken, war Thema eines weiteren Referatblocks. Zunaechst aeusserte Theo Koelzer (Bonn) sein Missfallen ueber den apologetischen Grundtenor der Tagung, um dann mit Beispielen aus seiner Edition der Merowinger-Urkunden vorzufuehren, wie tief deren Ergebnisse - v. a. die zahlreichen neuen Faelschungsbefunde - in bisherige Interpretationen einschneiden und neue Fragen aufwerfen. Olivier Guyotjeannin (Paris), der leider verhindert war und dessen Beitrag verlesen wurde, untersuchte die Edition und die Wahl ihrer Gegenstaende als "Tochter ihrer Zeit" und ihre Rueckwirkungen auf die Historiographie, wie auch den konstruierten Gegensatz zwischen "Historiker" und "Editor". Den prinzipiellen Wert von Editionen strich Winfried Schulze (Muenchen) zwar einerseits heraus, jedoch betonte er andererseits, angesichts des von ihm dargelegten Gegensatzes von einschlaegiger Monographie oder Edition, vor allem den bleibenden Wert der Monographie. Die Geschichte als Wissenschaft koennte nach seinem das Fuer und Wider abwaegenden Beitrag prinzipiell auch ohne Editionen leben. Werner Welzig (Wien) stellte aus germanistischer Sicht vor allem konkrete Editionen und deren Kommentierungsstrategien in den Mittelpunkt seiner Ausführungen, betonte aber die Wichtigkeit der Edition für die Germanistik, die haeufig erst die Interpretationsarbeit ermoegliche.

Auch die Frage nach den Adressaten von Editionen wurde gestellt. Die beiden Beitraege, die sich mit dem Einsatz von Editionen in der universitaeren Lehre befassten, kamen aus den USA und England. Danuta Shanzer, klassische Philologin in Urbana-Champaign, praesentierte die Ergebnisse einer Umfrage an nordamerikanischen Universitaeten, in der erhoben wurde, ob und wie Studierende mit Fragen der Textkritik und -ueberlieferung konfrontiert werden und wie es um die Vermittlung editorischer Taetigkeit durch Universitaetslehrende steht. Brenda Bolton (St Albans/London) widerlegte aus langjaehriger Lehrpraxis unter Einsatz von Quellen zur Geschichte Papst Innocenz' III. oft gehoerte Unkenrufe, man koenne Studierende nicht an die Lektuere (edierter) Quellen heranfuehren, und diskutierte - als Vertreterin der Mediaevistik, fuer die Latein unverzichtbar ist - den Nutzen von Uebersetzungen. Ueber den Einsatz von Editionen lokalgeschichtlicher Quellen auch im Schul- und Kulturbetrieb referierte Rita Voltmer (Trier), und Brigitte Hamann als "Benuetzerin" und Vermittlerin zeigte Moeglichkeiten auf, ein breites Publikum anzusprechen.

Die Tagung unterstrich, jedenfalls fuer die Teilnehmenden, die Attraktivitaet und den Nutzen des Edierens, zeigte die Beduerfnisse und Probleme in breiter Streuung und stellte Fachvertreter der Mediaevistik und der Neueren und Neuesten Geschichte, Arbeitende "auf Papier" und "im Netz", Praktizierende unabdingbarer klassischer Textkritik und unabdingbarer elektronischer Verarbeitung einander vor. Der Preis dafuer war, dass die Diskussionen der Referate und bei den beiden ebenfalls gemischt besetzten Round Tables nur vereinzelt intensiv wurde und Aussprachen ueber "Fach"grenzen hinweg eher inoffiziell erfolgten.

Die Publikation der Beitraege in einem Ergaenzungsband der Mitteilungen des Instituts fuer Oesterreichische Geschichtsforschung ist geplant (zum letzten Band der Reihe: http://www.univie.ac.at/Geschichtsforschung/egbd45.htm).

[1] Die Zweite Tagung zum Thema: Das Osmanische Reich und die Habsburgermonarchie in der Fruehen Neuzeit findet vom 22.-25. September 2004 in Wien statt (http://www.univie.ac.at/Geschichtsforschung/osmandt.htm).

Zitation
Tagungsbericht: Vom Nutzen des Edierens, 03.06.2004 – 05.06.2004 Wien, in: H-Soz-Kult, 06.07.2004, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-510>.
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Veröffentlicht am
06.07.2004
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