Wissensgeschichte der Störung

Ort
Siegen
Veranstalter
ERC-Starting Grant „The Principle of Disruption“, Universität Siegen
Datum
13.12.2013 - 14.12.2013
Von
Moritz Mutter, ERC-Starting Grant „The Principle of Disruption“, Universität Siegen

Was sind, was waren Störungen? Vor welchen Ordnungen – des Wissens, der Gesellschaft, der Macht – wurden und werden sie jeweils erst als Störungen erkennbar? Diese und weitere Fragen sollten auf dem Workshop „Wissensgeschichte der Störung“, der am 13. und 14.12.2013 von der ERC Starting Grant Forschergruppe „The Principle of Disruption“ (Siegen) im Siegener Museum für Gegenwartskunst veranstaltet wurde, aus verschiedenen disziplinären Richtungen angegangen werden. Im Rahmen des Workshops wurde zum einen der historische Umgang mit Störungen diskutiert und zum anderen eine Diskursivierung von Brüchen und Zäsuren mit gesellschaftlichen Debatten verbunden: Wie lassen sich Konzeptionen zu Sicherheitsdispositiven, zur Regulation von Bevölkerungen, zum Ausnahmezustand, zur Prognostik oder zur Kommunikation in verteilten Netzwerken in Abhängigkeit von Störungsphänomenen denken? Auf welche Art und Weise hängen Gesellschaftsstruktur und Selbstbeschreibungen mit der Störung als Prinzip zusammen? Ist „Störung“ möglicherweise der Normalfall kultureller Dynamik?

Im Vorfeld wurde ein Reader mit den zu diskutierenden Texten an alle Teilnehmenden verteilt; schon hier fielen Interferenzen zwischen den verschiedenen Feldern auf, die sich in den Vorträgen und Diskussionen bestätigen sollten. Der Workshop sollte, so die Veranstalter, einen expliziten „Arbeitscharakter“ tragen. Die ReferentInnen waren daher als Diskussionsgrundlage um Textvorschläge gebeten worden, zu denen lediglich jeweils kurze Einführungsvorträge gehalten wurden. Das Format zeigte seine große Stärke letztendlich in den lebhaften und pointierten Diskussionen.

LARS KOCH, Principal Investigator von „Principle of Disruption“, stellte zusammen mit TOBIAS NANZ, ANNA SCHÜRMER und MORITZ MUTTER (alle Siegen) in der Einleitung die Grundzüge des Anfang 2013 gestarteten Projekts vor, dem es darum gehe, anhand der Kategorie der Störung eine neue Form „funktionaler Kulturkritik“ zu entwerfen. Aufgebaut werde dabei auf medientheoretische Vorarbeiten zum Begriff der Störung. Diese solle als „multiperspektivische Metakategorie der kulturwissenschaftlichen Beschäftigung mit den politisch-sozialen, epistemischen und medialen Konstitutionsbedingungen von Wirklichkeits- und Gesellschaftsbildern“ etabliert werden. Das in die drei Module „Wissensgeschichte der Störung“, „Imaginationen der Störung“ und „Praktiken der Verstörung“ gegliederte Projekt untersucht Evidenzstrategien gesellschaftlicher Selbstbeschreibungen und identifiziert in Momenten der Störung „epistemologische Ereignisse“, die die Kontingenz von Selbstbeschreibungen erscheinen lassen und diese so kritisierbar machen.

HANS CHRISTIAN VON HERRMANN (Berlin) unterzog Jean Baudrillards Essay Kool Killer oder Der Aufstand der Zeichen (frz. Orig. 1975) einer Störungslektüre. Bei Baudrillard, so von Herrmann, gebe es streng genommen kein Wissen von der Störung, da „Störung“ ausschließlich ereignishaft gedacht werde und sich so jedem Wissen immer schon entziehe.

In Kool Killer gehe es um eine grundsätzliche Verhandlung von Urbanität. Dabei seien die „sinnlosen“ Graffiti-Zeichen konzipiert als Störung der „Semiokratie“, die durch die kommunikationswissenschaftlichen Sozialwissenschaften befördert werde und sich in der funktionalen Gliederung der kybernetischen (amerikanischen) Stadt verkörpere. In dieser Stadt sei nach dem Ende der großen Aufruhre ein Aufstand nur noch als „Aufstand der Zeichen“ möglich. Dabei orientiere sich Baudrillards Kritik der „kybernetischen Stadt“ weniger an der tatsächlichen damaligen Form der Kybernetik (oder der amerikanischen Stadt), sondern eher an deren utopischen Phantasien, namentlich an Nicolas Schöffers La ville cybernétique von 1969. Baudrillard überspitze die Gegenwart mithin futuristisch, um so gewissermaßen aus der Zukunft eine „fundamentale Störung“ (v. Herrmann) der Gegenwart herbeizuführen.

In der darauf folgenden Debatte wurde jedoch von mehreren TeilnehmerInnen die Referenzlosigkeit der Graffiti angezweifelt; zumindest müsse man die Möglichkeit bedenken, dass auch diese Zeichen noch in die Logik der kybernetischen Stadt integrierbar seien.

SUSANNE KRASMANN (Hamburg) stellte Auszüge aus Eyal Weizmans The Least of All Possible Evils. Humanitarian Violence from Arendt to Gaza (2011) vor. Moderner Regierung, so Krasmann im Anschluss an Michel Foucault, stelle sich Zukunft als „Interventionsbedarf“ dar. Damit werde die Frage aufgeworfen, ob es möglich sei, „das Mögliche der Regierung zu entziehen.“ Vor allem über „Szenarien“ werde Zukunft als Bedrohungsraum operationalisiert; fraglich sei jedoch immer, welche Welt man in spezifischen Szenarien voraussetze, welche Störungen man für möglich halte und welche nicht. Grundsätzlich werde die Wirklichkeit in Szenarien jedoch als diskontinuierliche Ereignishaftigkeit imaginiert, in der alles möglich sei; so werde es für Techniken der Regierung instrumentalisierbar. Krasmann beschrieb das Kriegs- und Völkerrecht als Legitimationsfigur, die lediglich das technisch Mögliche mit dem Erlaubten koordiniere. Moderne Kriegstechnologien tendierten dazu, Störungen des Ablaufs durch Individuen auszuschalten, zum Beispiel durch netzwerkförmige Organisation mit „simple agents“, welche in den Theorien und Praktiken des Netwars eine immer wichtigere Rolle spielen. Auch hier sei jedoch seit der Petraeus doctrine eine Umformierung zu beobachten, bei der den agents immer mehr abverlangt werde, so ein Ergebnis der Diskussion.

Um die „Störung im psychiatrischen Diskurs“ ging es in ARMIN SCHÄFERs (Hagen) Vortrag, dem als Textbasis Auszüge aus der dritten Auflage des Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM-III, 1980) dienten. In der heutigen Psychiatrie, so Schäfer, spreche man nicht mehr von Krankheiten, sondern nur noch von „disorders“ oder „Störungen“. Dem entspreche die deskriptive Ausrichtung des DSM-III. Unter dem Term „Störung“ werde ein expliziter Verzicht auf die Angabe von Ursachen betrieben. Umso dringlicher stelle sich hier nun aber die Frage nach der Differenzier- und Erkennbarkeit klar abgegrenzter Störungsbilder. Diese Frage werde jedoch reflexiv nicht eingeholt, sondern mit Bezug auf eine als evident begriffene, nicht einmal explizit festgelegte Funktionalität beantwortet. Gerade dieser selbstverständliche Begriff von Funktionalität sei auf seine impliziten normalistischen Voraussetzungen zu hinterfragen.

In der Diskussion zeigte sich exemplarisch der gap zwischen den two cultures. Der Versuch einer rein „deskriptiven“ Herangehensweise wurde scharf kritisiert; Störung sei immer schon und unhintergehbar ein systemischer Begriff. Es müsse außerdem die Frage nach dem Gegenbegriff zur Störung gestellt werden: „Therapie“, „Heilung“ – oder eben einfach „Entstörung“? Armin Schäfer wies hier darauf hin, dass das DSM-III dazu keine Angaben enthalte. Therapieempfehlungen seien schlicht kein Teil des Konzepts. Die Sektion endete mit einer Anregung zu einer Mediengeschichte der Psychiatrie, die die Medien und Untersuchungsmethoden der WissenschaftlerInnen mit den wissenschaftlichen Erkenntnissen, den Krankheits- respektive Störungsbildern und dem Wechsel im Denkstil koppelt.

„Wie weit trägt die Störungs-Epistemologie?“, fragte anschließend CORNELIUS BORCK (Lübeck). Als Textbasis dienten ihm drei Texte: Kurt Goldstein, Über den Einfluß motorischer Störungen auf die Psyche (1924), Alfred Nordmann, Im Blickwinkel der Technik: Neue Verhältnisse von Wissenschaftstheorie und Wissenschaftsgeschichte (2012) sowie der eigene Text Scheiternde Versuche (2007). Mit seinen Einwänden gegen eine Epistemologie der Störung zielte Borck auf eine der Grundannahmen des ERC-Projekts: Habe die Medientheorie und Wissenschaftsgeschichte zur Kategorie der Störung nicht schon alles gesagt? Und zeige nicht gerade der Begriff der Technowissenschaft, wie ihn Nordmann konzipiere, das implizite Ende aller Störungen im Forschungsprozess an? Die episteme der Störung, so Borcks Pointe, sei damit an ihr Ende gekommen.

Damit stellte sich notwendigerweise die Frage nach dem Beginn ebenjener episteme; laut Borck ist diese auf die Etablierung geregelter Experimentalanordnungen im 19. Jahrhundert zu datieren. In der Diskussion wurde dagegen vorgeschlagen, die episteme der Störung als eine Phase zu begreifen, in der davon ausgegangen werden konnte, dass Störung und Entstörung austauschbar seien. Ergänzend wurde debattiert, inwieweit der Störungsbegriff an technische Dispositive gebunden sei und ob er nicht lohnender Weise auch in die allgemeinen Bedingungen der Lebenswelt nach Alfred Schütz (der sich auf Kurt Goldstein bezieht) zu verlegen wäre, denn schon hier herrsche die Stabilitätsbedingung des „Undsoweiter“. In Erhard Schüttpelz’ Vortrag über Harold Garfinkel sollte diese Diskussion wieder aufgegriffen werden.

Über Alfred Schütz’ Das Problem der Relevanz informierte im Anschluss LUDWIG JÄGER (Aachen) eingehend. Grundthema Schütz’ sei die Fragilität der natürlichen Einstellung. Schon ein Explizit-Machen von Sinn bzw. Reflexion könnten hier als Störungen begriffen werden. Insofern seien Störungen für Schütz der Normalfall. Anhand des Beispiels des Verlustes „thematischer Relevanz“, die Schütz als eine der „Störungen des Sedimentierungsprozesses“ beschreibe, explizierte Jäger die Relativität und Relationalität des Störungsbegriffes, die schon Armin Schäfer in seinem Vortrag medizinhistorisch belegt hatte. Im Grunde sei der Verlust thematischer Relevanz genauso gut zu beschreiben als ein Verlust von Gestört-Sein. Das Explizieren von Sinn könne, abweichend von Schütz’ eigener Auffassung, als Störung der natürlichen Einstellung begriffen werden. Entsprechend sei Kommunikation mit Schütz zu begreifen als ein ständiges Changieren zwischen vertrautem und unvertrautem Sinn, das heißt zwischen Transparenz und Störung. Eine Theorie der Ästhetik sei aus diesem Grund nur möglich auf dem Grund einer Theorie der Störung, denn Ästhetik sei gerade der Modus, in dem Objekte sich weigerten, in den Modus transparenter Unauffälligkeit zurückzufallen.

In der Diskussion wurde einmal mehr der Bogen zu den einleitenden Überlegungen geschlagen: Störungen können als epistemische Ereignisse aufgefasst werden, insofern sie im Umschlag von Transparenz in Opazität die medialen, epistemologischen, normativen Konstitutionsbedingungen der Bezugnahme auf Welt beobachtbar werden lassen. Genau hier setzen die ästhetischen Störverfahren der Avantgarden oder des postdramatischen Theaters an.

Auf Schütz wiederum bezieht sich Harold Garfinkel mit seinen breaching experiments (ins Deutsche meist übersetzt als „Krisenexperimente“). ERHARD SCHÜTTPELZ (Siegen) zeichnete die Experimentalisierung von Schütz’ Theorie durch Garfinkel nach. Dabei ging es gleichzeitig um die Experimentalisierung eines Grundbegriffes der Soziologie, „Anomie“. Mit der Beschreibung der an Schütz orientierten vier Kooperationsbedingungen war Garfinkel, so Schüttpelz, auf die Etablierung eines „Störungsprinzips“ aus, mit dem die Bedingungen bestimmt werden konnten, unter denen soziale Systeme schwerwiegende Störungen erleiden und konsolidieren. Unter dem Titel des Störungsprinzips dreht Garfinkel somit das Verhältnis der Soziologie zum Begriff der Ordnung um: Seine Methode ist es, „to start with a system that shows stable features and ask what can be done to make for trouble”.[1] Eine der Grundfragen der Soziologie, „Wie ist soziale Ordnung möglich?“, wird also anhand der alternativen Frage, „Wie und unter welchen Bedingungen ist soziale Unordnung möglich?“, über den Umweg der Störung beantwortet. Gleichzeitig wird der Begriff des fait social durch den der accountability, das heißt wechselseitiger Zurechnungsprozesse in der Interaktion, reformuliert.

In der Diskussion wurden unter anderem Garfinkel und Niklas Luhmann gegenübergestellt; der Begriff der doppelten Kontingenz (in der Luhmannschen Form) sei weit besser geeignet, den Aufbau nicht-personaler sozialer Ordnung zu erklären, so ein Einwand. Außerdem gehe Garfinkel immer schon von organisierten Systemen aus; seine Theorie sei also im Grunde Organisationssoziologie. Nur vor diesem Hintergrund könne die Frage nach den Bedingungen der Möglichkeit von Unordnung dann überhaupt als sinnvoll stellbar erscheinen.

SEBASTIAN VEHLKEN (Lüneburg) warf einen medienhistorischen Blick auf Techniken des Sonars. Als Textbasis stellte er dazu einen eigenen Text von 2011, Schallbilder. Acoustic Visualization im Ozean, zur Verfügung. Als Ausgangspunkt diente Vehlken die schon von Ludwig Jäger und Armin Schäfer angesprochene, hier nun jedoch medienhistorisch situierte Relativität der Störung: Allein durch den Austausch von Signal und Störung entstünden verschiedene Formen der Sonartechnik. So gelten im Sonar von Kriegsschiffen Fischschwärme als reine Störungen, während diese im Fischereisonar gerade das zu Ortende sind. Gleichermaßen werden Ortungsapparate aus der Zeit des Kalten Krieges heute zur Messung der Wärmeverteilung in den Ozeanen genutzt. Störung und Signal könnten hier nur durch eine nachträgliche, visualisierende Reinigungsarbeit unterschieden werden. Und jede Störung, so zeigte Vehlkens Beitrag deutlich, kann unter einer anderen Perspektive zum Signal werden.

An dieser Stelle wurde in der Diskussion ein Rückbezug auf Borcks Kritik an einer Epistemologie der Störung akut. In solchen Technologien gebe es im engen Sinne gar keine Störungen mehr, die nicht herausgerechnet werden könnten.

Ergänzend wurde weiter nach der medienhistorischen Einordnung gefragt: Schließlich sei die Praxis von Datenkonstruktion und dem Herausrechnen von Fehlern und Störungen ein weit allgemeineres Problem, als dass es eine historische Einengung auf solch konkrete Medientechnologien zulasse.

Als letzter Redner beschäftigte sich NIELS WERBER (Siegen) mit „Gestörten Homöostasen“ anhand zweier Texte des berühmten Entomologen Edward O. Wilson: Auszüge aus dem Roman Anthill (2010) und dem wissenschaftlichen Werk Sociobiology (1980). Homöostasen werden in beiden Texten genutzt, um Ökosysteme als Ganzheiten mit einer gewissen Störungstoleranz zu beschreiben. In Anthill führt eine genetische Mutation jedoch dazu, dass bei einer einzelnen Ameisenkolonie die Fähigkeit zur internen Ausdifferenzierung in einzelne Populationen verloren geht. Dadurch wird die Homöostase des lokalen Ökosystems aus der Balance gebracht; in der Folge beschreibt Wilson, wie die entstehende „Supercolony“, die keine Grenzen anderer Kolonien mehr respektiert, „Schulden“ gegenüber dem Ökosystem anhäuft und dieses dadurch „leidet“. Anthropomorphe Anleihen sind unschwer zu erkennen. Dabei handelt es sich nicht um eine erst durch die literarische Form ins Spiel gebrachte Übertragung von der Menschen- auf die Ameisengesellschaft. Vielmehr sei es in der Ameisenforschung seit langem verbreitet, so Werber, einerseits mit soziologischem Vokabular zu arbeiten und andererseits Ameisengesellschaften selbst als Modell menschlicher Gesellschaften zu begreifen. Experimente mit Ameisengesellschaften, so die Argumentation der Ameisenforschung, erlaubten einen distanzierteren, vorurteilslosen Blick auf die reine Funktionalität von Kommunikation und Gesellschaft. Ameisenpopulationen können im Ganzen fundamentalen Störungen unterworfen werden; so werden Experimente mit vollständigen Gesellschaften möglich. Auch hier werde mit narrativen Plausibilisierungsstrategien gearbeitet, die einer gegenseitigen Übertragung und Verleihung von Glaubwürdigkeit dienten.

In der Diskussion wurde an Wilsons Argumentation kritisiert, dass hier eine schwerwiegende Vermischung von allgemeiner Kommunikation und menschlicher Sprache zu konstatieren sei: So sei zum Beispiel bei Ferdinand de Saussure die langue zwar als Homöostase konzipiert, gerade dadurch werde aber jeder Gebrauch zur Störung. Sprache sei somit eine „Störungsverarbeitungsmaschine“. Gerade davon könne beim kybernetischen und biologischen Begriff von Kommunikation nicht ausgegangen werden.

Insgesamt machte der erste Projekt-Workshop deutlich, dass die Störungskategorie über das technische Paradigma hinaus eine wertvolle Kategorie kulturwissenschaftlicher Forschung zu werden verspricht, mit Hilfe derer sich in den kommenden Jahren sicherlich noch zahlreiche weitere thematische Zusammenhänge erschließen lassen. Einige Grundlinien einer Wissensgeschichte der Störung ließen sich schon jetzt ausmachen. Dazu gehören die Virulenz von Störungsbegriffen seit dem Ende des 19. Jahrhunderts, die grundsätzliche Relativität und Relationalität von Störungen, die einen erweiterten Ökologiebegriff herausfordern, sowie die Relevanz kybernetischer und informationstheoretischer Denkfiguren – je nach Sichtweise als Fluchtpunkt, zumindest aber als epistemologischer Wendepunkt der episteme der Störung.

Die Störung hat sich in den interdisziplinären Diskussionen als eine Figur bewiesen, die Prozesse bei Menschen, Tieren und Insekten, in Gesellschaften sowie in technologischen Systemen auslöst und reguliert. Die Produktivität der jeweiligen Zäsuren, die von der Wissenschaftsgeschichte und der kulturwissenschaftlichen Medientheorie seit geraumer Zeit sehr überzeugend postuliert wird, zog sich durch alle Debatten – sei es bei Fragen zum Wandel eines Denkstils, bei politischen Aktionen und der Veränderung von Gesellschaften oder bei menschlichen Selbstregulationsmechanismen. Die Figur der Störung betrifft sowohl kultur- als auch naturwissenschaftliche Disziplinen, die allesamt von Störfällen, Krisen und Katastrophen heimgesucht werden und sich nur bedingt mit Sollbruchstellen absichern können.[2]

Konferenzübersicht:

Lars Koch, Moritz Mutter, Tobias Nanz, Anna Schürmer (Siegen), Einführung.

Hans-Christian von Herrmann (Berlin), Die kybernetische Stadt.

Susanne Krasmann (Hamburg), Das Mögliche denken: als das Bedrohliche, als Fluchtlinie, als Störung.

Armin Schäfer (Hagen), Die Störung im psychiatrischen Diskurs.

Cornelius Borck (Lübeck), Wie weit trägt die Störungs-Epistemologie?

Ludwig Jäger (Aachen), o.T. (über Alfred Schütz.)

Erhard Schüttpelz (Siegen), Harold Garfinkels Ringen um ein soziales Störungsprinzip.

Sebastian Vehlken (Lüneburg), Ambient Noise. Der Ozean als Störquelle.

Niels Werber (Siegen), Gestörte Homöostasen.

Anmerkungen:
[1] Harold Garfinkel, Common Sense Knowledge of Social Structures, Manuskript, 81 Seiten und 5 Seiten Anmerkungen (verteilt auf dem IV. Weltkongress für Soziologie in Stresa, Italien, am 12. September 1959).
[2] S. dazu auch Lars Koch / Christer Petersen / Joseph Vogl (Hrsg.), Zeitschrift für Kulturwissenschaften 2 (2011), Störfälle; Stephan Habscheid / Lars Koch (Hrsg.), Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik 173 (2014), Katastrophen, Krisen, Störungen. (In Vorbereitung.) Darin insbesondere der programmatische Aufsatz von Lars Koch / Tobias Nanz, Ästhetische Experimente. Zur Ereignishaftigkeit und Funktion von Störungen in den Künsten, S. 95–114.

Zitation
Tagungsbericht: Wissensgeschichte der Störung, 13.12.2013 – 14.12.2013 Siegen, in: H-Soz-Kult, 14.05.2014, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-5273>.
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Veröffentlicht am
14.05.2014
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