Schule und Bildung in Frauenhand: Anna Vorwerk und ihre Vorläuferinnen

Ort
Wolfenbüttel
Veranstalter
Herzog August Bibliothek; Leitung: Gabriele Ball, Wolfenbüttel; Juliane Jacobi, Potsdam
Datum
23.10.2013 - 25.10.2013
Von
Juliane Jacobi, Department Erziehungswissenschaft, Universität Potsdam; Gabriele Ball, Herzog August Bibliothek, Wolfenbüttel

„Schule und Bildung in Frauenhand: Anna Vorwerk und ihre Vorläuferinnen“ war das Thema des Arbeitsgesprächs, das anlässlich der Wiedereröffnung des Anna-Vorwerk-Hauses, dem ehemaligen Wohnhaus der Reformpädagogin, vom 23. bis zum 25. Oktober 2013 an der Herzog August Bibliothek stattfand.

Die neben Vorwerk bekannteste Wolfenbütteler Schulgründerin im 19. Jahrhundert war zweifellos Henriette Schrader-Breymann (1827–1899). BRIGITTE AUGUSTIN (Delmenhorst) zeichnete nach, wie die von Vormärz und der Revolution von 1848 geprägte junge Frau ein Pensionat gründete, das sich seit 1865 in Wolfenbüttel befand. Breymann beteiligte sich in der kleinen Residenzstadt maßgeblich an der Gründung eines Vereins für Erziehung, der im Schloss einen Kindergarten und Elementarklassen für Mädchen in Anlehnung an die Ideen Friedrich Fröbels ins Leben rief. Ein Konflikt um die Ausrichtung dieser Erziehungsanstalten wurde gegen Breymann und zugunsten Anna Vorwerks Idee einer allgemeinbildenden höheren Mädchenschule entschieden. Breymann verfolgte daraufhin ihr Konzept einer spezifisch weiblichen Bildung und Ausbildung mit großem Erfolg im von ihr gegründeten Pestalozzi-Fröbel-Haus in Berlin.

CORNELIA NIEKUS MOORE (Fairfax) zeigte auf, dass Magdalena Heymair (ca. 1535 – nach 1586), eine „teutsche Schulhalterin“ aus dem 16. Jahrhundert, als private Hauslehrerin, städtische Schulmeisterin und fürstliche Schullehrerin alle Möglichkeiten ausschöpfte, in diesem von konfessioneller Konkurrenz geprägten Jahrhundert als protestantische Frau zu unterrichten. Mit ihren biblischen Nacherzählungen in Liedform hinterließ Heymair ein bleibendes literarisch-didaktisches Erbe.

Nach der Reformation bildeten die Nonnen der im 16. und frühen 17. Jahrhundert gegründeten katholischen Lehrorden die größte Gruppe weiblicher Lehrer. Von den weltlichen Schulmeisterinnen grenzten sich die geistlichen Lehrerinnen, die zumeist aus den städtischen Oberschichten stammten, deutlich ab. Am Beispiel der Ursulinen und ihrer Entwicklung diskutierte ANNE CONRAD (Saarbrücken) die Frage „Lehrerinnen oder Nonnen?“ und zeigte den Wandel des Selbstverständnisses von der Katechetin zur Elementarlehrerin auf. Die Schulorden trugen in den konfessionellen Auseinandersetzungen im 17. Jahrhundert maßgeblich zur Durchsetzung und Befestigung des Katholizismus bei.

Mit Gräfin Anna Sophia von Schwarzburg-Rudolstadt, geb. Anhalt (1584–1652) stellte GABRIELE BALL (Leipzig / Wolfenbüttel) eine adelige gelehrte Dame und Leiterin der „Tugendlichen Gesellschaft“ vor, die mit einer Schulgründung an ihrem Witwensitz Kranichfeld mitten im Dreißigjährigen Krieg in Zusammenarbeit mit dem Pädagogen Wolfgang Ratke innovative Bildungsziele verfolgte. Erstmals wurde belegt, dass ihr Neffe, der anerkannte Schulreformer Ernst der Fromme, Anna Sophia in bildungspolitischer Hinsicht beerbte.

Ganz andere Ziele verfolgte Herzogin Anna Sophia von Braunschweig-Wolfenbüttel (1598–1659) als Schulgründerin, die ebenfalls Mitglied der oben genannten größten Frauensozietät des 17. Jahrhunderts war. SIEGRID WESTPHAL (Osnabrück) zeigte, wie die Brandenburgerin in ihrem Witwensitz Schöningen das von ihr gestiftete Gymnasium dazu nutzte, sich gegenüber dem in schulpolitischen Fragen engagierten Herzog August dem Jüngeren von Braunschweig-Wolfenbüttel bei Stellenbesetzungen und Stipendienvergaben durchzusetzen.

Motive und Ziele, die am Übergang zum 18. Jahrhundert zur Gründung der Maison Royale de Saint Louis in Saint Cyr (1684) führten, unterschieden sich, so JULIANE JACOBI (Potsdam), von denen der bisherigen geistlichen und fürstlichen Schulgründerinnen. Die zweite (morganatische) Ehefrau Ludwigs XIV., Françoise d’Aubignan Madame de Maintenon (1635–1719) konnte mit Unterstützung des Sonnenkönigs nicht nur biografisch begründete Interessen an der Erziehung verarmter weiblicher Adeliger verfolgen, sondern auch die Tatsache kompensieren, dass sie am Versailler Hof keine offizielle Funktion ausübte. Saint Cyr wurde zum Modell für weibliche Elitenbildung in verschiedenen europäischen Staaten und wirkte bis in die napoleonischen „Maisons d'éducation de la Légion d’Honneur“ fort.

Etwa zeitgleich mit der Gründung von Saint Cyr wurde 1698 in Halle das pietistische Gynäceum als Erziehungsanstalt für Töchter aus adligen und bürgerlichen Familien gegründet. ULRIKE WITT (Göttingen) fragte nach der Rolle von Henriette Katharina von Gersdorf (1648–1726) bei dieser Schulgründung. Die gelehrte Freifrau setzte zunächst eigene ökonomische Mittel wie auch ihr Netzwerk im sächsischen Adel zur Förderung der Schule ein. Sie erkannte jedoch bald, dass sich ihre Ziele nicht mit dem religiös engen Bildungsprogramm der Hallenser Pietisten deckten, was schließlich zu ihrem Rückzug aus dem Projekt und 1705 zur Gründung des Magdalenenstifts für adelige Mädchen in Altenburg führte.

In ihrem Rückblick auf die Frühe Neuzeit wies HEIDE WUNDER (Kassel) darauf hin, dass die Erziehungs- und Bildungsvorstellungen dieser Epoche nicht adäquat gewürdigt werden können, wenn sie mit Maßstäben moderner Erziehungsverhältnisse gemessen werden. Unterricht wurde vor allem in privaten Schulen oder im Haus erteilt, und Bildungsprogramme orientierten sich an den pragmatischen Bedürfnissen der Abnehmer und Abnehmerinnen. In privaten Winkelschulen versahen bis ins 18. und frühe 19. Jahrhundert Lehrerinnen oft als Arbeitspaar mit ihren Ehegatten oder mit anderen männlichen Familienangehörigen den Elementarunterricht.

JENS BRUNING (Wolfenbüttel / Göttingen) widmete sich den Bildungsmöglichkeiten für Mädchen in Helmstedt im 18. und 19. Jahrhundert. Bis zur Schließung der Universität (1810) erzogen Professorenfrauen in ihrem Haushalt gemeinsam mit ihren Männern neben den eigenen Söhnen und Töchtern häufig noch weitere Kinder. Bereits 1817 wurde eine öffentliche Töchterschule gegründet, an der Lehrerinnen vor allem in den „weiblichen Arbeiten“ unterrichteten. Wesentlich kurzlebiger war die Mehrheit der acht weiteren im 19. Jahrhundert nachweisbaren privaten höheren Mädchenschulen, die überwiegend von Frauen betrieben wurden.

Eine Führung durch das Wolfenbütteler Schloss leitete zum Lebenswerk Anna Vorwerks (1839–1900) über, das JULIANE JACOBI (Potsdam) darstellte. Vorwerk baute im Schloss die Elementarklassen für Mädchen auf eigenes ökonomisches Risiko zu einer höheren Mädchenschule aus und organisierte im Verein Christlicher Lehrerinnen wissenschaftliche Fortbildungskurse an der Universität Göttingen und Institutionen zur Altersvorsorge. Soziale Herkunft aus Honoratiorenkreisen, ökonomische Unabhängigkeit und organisatorisches Geschick ermöglichten dieser Wolfenbüttelerin, die Frauenbildung in der Provinz nachhaltig zu fördern und zu prägen.

Die zwanzig Jahre ältere Pauline von Mallinckrodt (1817–1881) gilt als Pionierin der Blindenbildung. Unter dem Einfluss der Konvertitin Luise Hensel strebte die junge katholische Adelige, so FRANZISKA DÖSINGER (Hannover), nach sozialer Wirkung und gründete 1840 eine Kleinkinderbewahranstalt, die sie sukzessive in eine Blindeneinrichtung umwandelte. Mit der Gründung einer religiösen Frauengemeinschaft, den Schwestern der christlichen Liebe, stellte sie die Einrichtungen organisatorisch auf eine feste Basis und ermöglichte in Kooperation mit hohen preußischen Beamten deren Expansion.

Am Beispiel der Privatschulgründerinnen Ottilie von Steyber (1804–1870) und Emma Louise Ihle (geb. 1811) in Leipzig konnte EDITH GLASER (Kassel) zeigen, dass das unternehmerische Handeln von Schulleiterinnen im 19. Jahrhundert auf die Finanzierung ihres Unternehmens beschränkt blieb, die Ausgestaltung von Schule und Unterricht war durch die Vorschriften der Schulbehörde geregelt.

Die von ELKE KLEINAU (Köln) vorgestellten Schulgründerinnen in Hamburg der Paulsenstiftschule waren fest im liberalen Deutschkatholizismus verankert und verfolgten entsprechende Ziele. Obwohl diese Mädchenschule über Jahrzehnte von Anna Wohlwill, einer jüdischen Pädagogin geleitet wurde, kamen die Schülerinnen überwiegend aus dem protestantischen mittleren und unteren Bürgertum, jüdische und katholische Schülerinnen gab es so gut wie keine und auch die hauptamtlichen Lehrinnen gehörten mehrheitlich der protestantischen Konfession an.

JULIA HAUSER (Göttingen) machte mit der „heimlichen Gründerin“ des Kaiserswerther Mädchenwaisenhauses in Beirut, Melita Carabet (1832–1902), bekannt, denn ohne diese hätten die deutschen Diakonissen keinen Zugang zu ihren arabisch sprechenden Schülerinnen gefunden. Die berufliche Existenz Carabets als Englisch- und Arabischlehrerin wurde zwar durch die expansiv-imperiale Dimension europäischer Bildungsexporte im 19. Jahrhundert erst ermöglicht, ihr Lebensleistungen aber gleichzeitig dadurch verdeckt und historisch verdrängt.

Für viele Frauen, so ein Ergebnis der Tagung, die sich als Mäzeninnen, Schulgründerinnen oder Lehrerinnen etablierten, waren religiöse Impulse ausschlaggebend. Bei anderen dominierten pragmatische Aspekte. Dies gilt nicht nur für die Frühe Neuzeit, sondern auch für das 19. Jahrhundert, nun ergänzt durch eine kirchenkritische Dimension. Zugang zu ökonomischen Mitteln gehörte neben den intellektuellen, pädagogischen und organisatorischen (Schulleitungs-)Fähigkeiten zu den notwendigen Bedingungen, denn sozialer Status durch Bildung allein war für Frauen nicht zu erringen. Eine Unterstützung durch mächtige und einflussreiche Männer oder Trägergruppen war vielfach für den Erfolg von Schulgründungen und Lehrtätigkeit verantwortlich.

Konferenzübersicht:

Brigitte Augustin (Delmenhorst), Henriette Schrader-Breymann

Cornelia Niekus Moore (Fairfax), Magdalena Heymair, eine „teutsche Schulhalterin“ aus dem 16. Jahrhundert

Anne Conrad (Saarbrücken), Lehrerinnen oder Nonnen? Zum (pädagogischen) Selbstverständnis katholischer Schulgründerinnen im 17. Jahrhundert

Gabriele Ball (Wolfenbüttel), Die Schulgründungsbestrebungen Gräfin Anna Sophias von Schwarzburg-Rudolstadt

Siegrid Westphal (Osnabrück), „… das einzige Gymnasium in der Welt, welches von einer Dame gestiftet ward …“: Herzogin Anna Sophia von Braunschweig-Lüneburg als Schulgründerin im Amt Schöningen

Juliane Jacobi (Potsdam), Eine europäische Modellschule: Madame de Maintenon und Saint-Cyr

Ulrike Witt (Göttingen), Henriette Katharina von Gersdorf und das hallesche Gynäceum: ein pietistischer Bildungsversuch

Heide Wunder (Kassel), Ein Rückblick auf die Frühe Neuzeit

Juliane Jacobi (Potsdam) für Karin Ehrich (Hannover), Anna Vorwerk: Mittlerin und Mäzenin in der Mädchenbildung

Franziska Dösinger (Hannover), Pauline von Mallinckrodt: eine westfälische Ordens- und Schulgründerin unter den Vorzeichen des Kulturkampfes

Edith Glaser (Kassel), Lehrerinnen als Unternehmerinnen

Jens Bruning (Wolfenbüttel / Göttingen), Zwischen Universität, Stadt und privatem Haushalt: Bildungsmöglichkeiten für Mädchen in Helmstedt im 18. und 19. Jahrhundert

Elke Kleinau (Köln), Schulgründerinnen und höhere Bildungseinrichtungen für Mädchen in Hamburg

Julia Hauser (Göttingen), Eine vergessene Gründungsfigur: Melita Carabet und die Anfänge eines protestantischen Mädchenwaisenhauses im spätosmanischen Beirut

Schlussdiskussion

Zitation
Tagungsbericht: Schule und Bildung in Frauenhand: Anna Vorwerk und ihre Vorläuferinnen, 23.10.2013 – 25.10.2013 Wolfenbüttel, in: H-Soz-Kult, 24.04.2014, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-5332>.