Verwalter des kulturellen Erbes. Bibliotheken, Museen und Forschungseinrichtungen im Nationalsozialismus

Ort
Salzburg
Veranstalter
Andreas Schmoller / Helga Embacher, Fachbereich Geschichte, Universität Salzburg
Datum
22.11.2013
Von
Robert Obermair, Fachbereich Geschichte, Universität Salzburg

Unter dem Titel „Verwalter des kulturellen Erbes – Bibliotheken, Museen und Forschungseinrichtungen im Nationalsozialismus“ wurde am 22. November 2013 eine Tagung am Fachbereich Geschichte der Universität Salzburg organisiert. Wie einer der OrganisatorInnen, der Historiker ANDREAS SCHMOLLER (Salzburg) in seiner offiziellen Begrüßung erklärte, stellte diese Tagung den Abschluss eines Forschungsprojektes zur Geschichte der Universitätsbibliothek Salzburg dar.

Schmoller präsentierte auch einige der aus dem Projekt gewonnenen Erkenntnisse im ersten Vortrag der Tagung („Im Dienste von Heimat und Wissenschaft – Das Selbstverständnis der Studienbibliothek Salzburg im Nationalsozialismus“) und eröffnete damit Panel I (Wissenschaftliche Bibliotheken – Chair: Markus Stumpf). Nach theoretischen Überlegungen zur Funktion von Bibliotheken als „Schatzkammern“ und Ausführungen zum Zusammenhang zwischen den institutionellen sowie persönlichen Sammlungsinteressen von BibliothekarInnen und Enteignungsabläufen im Nationalsozialismus, kam Schmoller auf Ernst von Frisch, den Leiter der Studienbibliothek in den Jahren von 1919 bis 1946, zu sprechen. Wie er konstatiere, erwies sich die Bibliothek unter Frischs Führung bei der Übernahme von aufgelösten Klosterbibliotheken für die Gauleitung Salzburg als verlässlicher Partner, da beide Seiten großes Interesse daran hatten, die Bibliotheksschätze in Salzburg zu halten.

Im zweiten Beitrag dieses Panels setzte sich die Historikerin SUSANNE WANNINGER (München) mit Rudolf Buttmann („Bibliothekar und Politiker zwischen bürgerlicher Tradition und Nationalsozialismus“) auseinander. Als einer der Gründer des „Völkischen Rechtsblock“ in Bayern war er bereits 1925 der wiedergegründeten NSDAP beigetreten (Mitgliedsnummer 4) und gehörte in der Folge zu den sogenannten „Reichsrednern“ der NSDAP. Von 1933 bis 1945 war er Mitglied des Reichtags. Neben Buttmanns politischer Karriere im NS-Staat verwies Wanninger besonders auf seine Tätigkeit bei der bayrischen Staatsbibliothek, wo er ab 1935 als Generalsekretär fungierte. Wie Recherchen ergaben, wurden trotz Buttmanns nationalsozialistischen Hintergrunds nur ca. ein Prozent der Neuerwerbungen der bayrischen Staatsbibliothek während der nationalsozialistischen Herrschaft aus Raubgut requiriert.

Mit ihrem Vortrag „Kunstsammeln in Oberdonau. Zur Karriere des Kunsthistorikers Justus Schmidt im Oberösterreichischen Landesmuseum zwischen 1937 und 1949“ eröffnete die Historikerin BIRGIT KIRCHMAYR (Linz) Panel II (Museen – Chair: Helga Embacher). Das Oberösterreichische Landesmuseum hatte unter der Leitung Schmidts geraubte Kunstwerke aus ganz Österreich sowie aus besetzten Gebieten erhalten. Auch an „Arisierungen“ in Linz war man beteiligt. Neben Ausführungen zum Museum an sich, beschrieb Kirchmayr den Werdegang Schmidts, der ab 1941 stellvertretender Kulturbeauftragter des Gauleiters und ab 1943 am Aufbau des geplanten Führermuseums beteiligt war. Schmidt stilisierte sich nach 1945 selbst zum „Nazi-Gegner“ und war, wie Kirchmayr anschaulich zeigte, weiterhin angesehen und konnte seine Karriere fortsetzen.

ROBERT HOFFMANN (Salzburg) leitete den zweiten Block zum Thema des Salzburger „Hauses der Natur“ ein („Ein Museum für Himmler. Das Salzburger ‚Haus der Natur‘ im Nationalsozialismus, Provenienzforschung und Restitution“). Er berichtete über das laufende Forschungsprojekt, das sich mit der Rolle des „Hauses der Natur“ während der NS-Zeit und vor allem auch mit Paul Eduard Tratz, dem Leiter des Hauses, auseinandersetzt. Neben einer kurzen Darstellung des Forschungsprojektes und des Forschungsstands erläuterte Hoffmann die langwierige Geschichte der Aufarbeitung der NS-Vergangenheit des „Hauses der Natur“ nach 1945. Ergänzt wurden die Ausführungen Hoffmanns durch den Vortrag des Biologen ROBERT LINDNER (Salzburg), der ebenfalls am Forschungsprojekt zum „Haus der Natur“ beteiligt ist. Lindner bot einen kurzen Überblick über die Gründungsgeschichte des Museums und über die Aneignungspraktiken während der NS-Zeit. Darüber hinaus erläuterte er die Schwierigkeiten in der Provenienzforschung im Bereich naturkundlicher Sammlungen. Diese Problematik wurde auch in der anschließenden Diskussion intensiv diskutiert und auf den kulturhistorischen Bereich ausgedehnt. Nachdem Hoffmann die provokante Frage in den Raum gestellt hatte, ob SammlerInnen von Kunst oder wertvollen Büchern per se amoralische Menschen seien, entwickelte sich eine spannende und lebhafte Diskussion, in der ungeklärt blieb, wieweit über die Trophäenjagdmentalität hinaus das Momentum des bewussten Schädigens bzw. Enteignens eines anderen Sammlers bzw. Besitzers (vor allem des jüdischen) Triebfeder des Handelns war.

Da Dirk Rupnow leider krankheitsbedingt verhindert war, wurde Panel III (Forschungseinrichtungen – Chair: Alexander Pinwinkler) von der Volkskundlerin ULRIKE KAMMERHOFER (Salzburg) im Alleingang bestritten. In ihrem Bericht über „Das Institut für germanisch-deutsche Volkskunde im Ahnenerbe der SS Heinrich Himmler in Salzburg“ bot sie einen umfassenden Überblick über die Forschungsgeschichte zum Institut und zur damit eng verbundenen Person Richard Wolfram. Sie ging auch auf den Konflikt zwischen „Ahnenerbe“ und „Amt Rosenberg“ ein, der sich vor allem im Rahmen der „Außenstelle Süd-Ost des Ahnenerbes in Salzburg“ manifestierte.

In der anschließenden Diskussion wurde unter anderem die Frage nach der Resonanz der ideologischen Umdeutungsversuche des „Ahnenerbes“ aufgegriffen. Die „Germanisierung“ der Volkskunde insgesamt und einzelner alpiner Brauchtümer dürften in der Bevölkerung wenig wahrgenommen worden sein, sind jedoch von späteren unseriösen LaienhistorikerInnen und -volkskundlerInnen tradiert worden.

Die einzelnen Tagungsbeiträge sowie die Diskussion verdeutlichten, dass in einem doppelten Sinn von „VerwalterInnen des kulturellen Erbes“ in der NS-Zeit zu sprechen ist. Neben den materiellen Werten, die oft nicht nur die BesitzerInnen sondern damit auch ihren Bedeutungskontext (Stichwort: cultural displacement) wechselten, sind darunter Neuinterpretationen immaterieller Werte – etwa von Geschichtsnarrativen – durch die Wissenschaft zu verstehen. Erstaunlich ist dabei jeweils die Kontinuität der Akteure und Akteurinnen.

Konferenzübersicht:

I Bibliotheken
Chair: Markus Stumpf

Andreas Schmoller (Salzburg), Im Dienst von Wissenschaft und Heimat. Das Selbstverständnis der Studienbibliothek Salzburg im Nationalsozialismus

Susanne Wanninger (München), Rudolf Buttmann. Bibliothekar und Politiker zwischen bürgerlicher Tradition und Nationalsozialismus

II Museen
Chair: Helga Embacher

Birgit Kirchmayr (Linz), „Kunstsammeln in Oberdonau“. Zur Karriere des Kunsthistorikers Justus Schmidt im Oberösterreichischen Landesmuseum zwischen 1937 und 1949

Robert Hoffmann / Robert Lindner (Salzburg), Ein Museum für Himmler. Das Salzburger „Haus der Natur“ im Nationalsozialismus, Provenienzforschung und Restitution

III Forschungseinrichtungen
Chair: Alexander Pinwinkler

Ulrike Kammerhofer (Salzburg), Das Institut für germanisch-deutsche Volkskunde im Ahnenerbe der SS Heinrich Himmler in Salzburg

IV Abschlussdiskussion
Moderation: Helga Embacher / Andreas Schmoller

NS-Forschungsprojekte zu Biografien und Institutionen im Spannungsfeld von Wissenschaft, Politik und Gesellschaft

Zitation
Tagungsbericht: Verwalter des kulturellen Erbes. Bibliotheken, Museen und Forschungseinrichtungen im Nationalsozialismus, 22.11.2013 Salzburg, in: H-Soz-Kult, 23.05.2014, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-5382>.