Jugendbewegungsforschung im Archiv der deutschen Jugendbewegung

Ort
Witzenhausen
Veranstalter
Yorck Müller-Dieckert, Northeim; Archiv der deutschen Jugendbewegung, Witzenhausen
Datum
04.04.2014 - 06.04.2014
Von
Maria Daldrup, DFG-Projekt „Julius Groß“ im Archiv der deutschen Jugendbewegung, Witzenhausen; Elija Horn, Allgemeine Erziehungswissenschaft, Universität Hildesheim

Zum zweiten Mal in Folge trafen sich vom 4. bis 6. April 2014 Nachwuchsforscher/innen im Archiv der deutschen Jugendbewegung (AdJb) auf der Burg Ludwigstein unweit Witzenhausens. Damit war dem Wunsch nach Fortsetzung des 2013 erfolgreich verlaufenen, interdisziplinär ausgerichteten Workshops zum Austausch über Forschungsarbeiten zur historischen Jugendbewegung sowie personellen Vernetzung entsprochen worden. Eingeladen hatte in diesem Jahr Yorck Müller-Dieckert (Northeim), begrüßt und unterstützt wurde die Veranstaltung von der Leiterin des AdJb Susanne Rappe-Weber (Witzenhausen) sowie Jürgen Reulecke (Gießen) als Vertreter der Stiftung Dokumentation der Jugendbewegung und des wissenschaftlichen Archivbeirats.

Der Geschäftsführer der Jugendbildungsstätte der Jugendburg Ludwigstein, STEPHAN SOMMERFELD (Witzenhausen), zeichnete als Einstieg in den Workshop eine Collage der aktuellen Entwicklungen um die Burg und erläuterte die Hintergründe, die im November vergangenen Jahres zu der Entscheidung eines einjährigen Verbots jeglicher bündischer Veranstaltungen geführt hatten. Bereits in der nachfolgenden, kontroversen Diskussion wurde deutlich, wie schwierig Grenzziehungen gerade hinsichtlich von (noch oder nicht mehr) vertretbaren Wertvorstellungen einzelner bündischer Gruppierungen sind und wie wichtig ein offenes Gespräch auch in Zukunft bleiben muss, um das demokratisch-plurale Miteinander auf der Burg als anerkannter Bildungsstätte und Treffpunkt junger Menschen zu sichern.

In seiner Darstellung biographischer und institutioneller Entwicklungen verdeutlichte KNUT BERGBAUER (Wuppertal) das noch immer bestehende Forschungsdesiderat einer Geschichte der jüdischen Jugendbewegung. Diese war keineswegs losgelöst von der sogenannten ‚bürgerlichen‘ Jugendbewegung in den 1910er-Jahren entstanden, wie beispielsweise die Referenz auf die „Meißner-Formel“ belegt; zugleich waren sozialistische und zionistische Ideen gerade in den 1930er-Jahren von zunehmender Bedeutung. Mit Blick auf Breslau, einem der drei Zentren der jüdischen Jugendbewegung neben Berlin und Hamburg, verfolgte Bergbauer die strukturellen und inhaltlichen Dynamiken von den Gründungsjahren der jüdischen Jugendbewegung bis zu den mitunter erfolgreichen Bemühungen einzelner Gruppierungen, wie etwa der Werkleute, während des Nationalsozialismus den Mitgliedern die Möglichkeit zur Emigration zu bieten.

ULRICH LINSE (München) näherte sich in seinem Gastvortrag einem Ausschnitt der Biographie Walther G. Oschilewskis (1904-1987) bis 1933. Im Alter von 14 Jahren war „Oschi“, Sohn einfacher Berliner Arbeiter, erstmals zu einer Wandervogelgruppe gekommen. Aus der Verbindung dieser proletarischen Herkunft mit dem Zugehörigkeitsgefühl zum bürgerlichen Wandervogelmilieu resultierte ein Spannungsverhältnis, das durchaus Chancen des sozialen Aufstiegs barg, wie Linse in seiner Charakterisierung Oschilewskis als „Vorzeige-Bildungsbürger“ verdeutlichte. Trotz weitgehender Verweigerung schulischer Leistung erhielt Oschilewski über jugendbewegte Strukturen Zugang zu politischem bis literarischem Bildungsgut. Erste schriftstellerische Gehversuche unternahm er in romantisierenden Schilderungen über das Leben von „Tippelbrüdern“, das er über einige Monate teilte. Prägend sei auch der Aufenthalt an der Heimvolkshochschule Dreißigacker, einer reformpädagogisch geprägten Lern- und Lebensgemeinschaft, gewesen. Anschließend habe ihn ein „Bildungsfimmel“ gepackt, mit der Schriftstellerkarriere hingegen habe es vorerst nicht geklappt. Zu Beginn der 1930er-Jahre konnte er sich im Umfeld der Rabenpresse doch noch publizistisch etablieren. In seinen Erinnerungen deutete Oschilewski die Geschichte der Jugendbewegung als Bildungsgeschichte, was einerseits mit seiner Skepsis am bürgerlichen Bild vom Menschen als „individuellem Entfaltungswesen“ zusammenhänge; andererseits sei diese Deutung wohl seiner persönlichen Geschichte geschuldet, wie Linse konstatierte.

HAGEN STÖCKMANN (Göttingen) thematisierte die nationalsozialistischen Ordensburgen, die als Teil der NSDAP den „Führernachwuchs“, sogenannte NS-Ordensjunker, ausbilden sollten. Konzeptionell habe man sich nicht nur an Kadettenschulen, sondern auch an britischen Public Schools oder an reformpädagogischen Ideen wie Erlebniserziehung orientiert. Stöckmann betonte, dass zwar die Führungsebene der NSDAP jugendbewegtes Gedankengut ablehnte, unter den Lehrkräften aber viele in der Jugendbewegung sozialisiert worden waren. Verbindungslinien zwischen Jugendbewegung und Nationalsozialismus lassen sich, so seine These, insbesondere anhand der Kategorie des Raumes aufzeigen. Damit verknüpft ist die Frage nach den Konsequenzen von Indoktrination, oder allgemeiner: nach den Implikationen von Sozialisierungsräumen. Zugleich nahm er so die Bedeutung von Räumen institutioneller Erziehung als „Prestige-Orten“ in den Blick, im Gegensatz zu jenen, in die man nach der Ausbildung „wandert“. Im Fall der Ordensjunker waren das häufig die als „nicht zivilisiert“ geltenden Gebiete Osteuropas, wo sie in verschiedenen Funktionen – vom Verwaltungsbeamten bis hin zum Exekutionsausführer – eingesetzt wurden. Inhaltlich sollten die Ordensjunker in rassenideologischen Fragen sowie diplomatischen Umgangsformen oder Verwaltungstätigkeiten ausgebildet werden. Letztlich seien sie jedoch „Komparsen des Nationalsozialismus“ gewesen, denn an den Ordensjunkern, die aus nahezu allen sozialen Milieus kamen, sollte gelingender sozialer Aufstieg demonstriert werden. Anhand der Biographien zweier jugendbewegt geprägter Akteure verdeutlichte Stöckmann, dass die Ordensjunker auch in einem spannungsreichen Verhältnis zur nationalsozialistischen Ideologie stehen konnten.

Katholische Jugendgruppen im Zweiten Weltkrieg standen im Fokus des Vortrages von VERENA KÜCKING (Köln). Auch nach ihrer zwangsweisen Auflösung Ende der 1930er-Jahre und der räumlichen Entzerrung durch den Kriegseinsatz ihrer Mitglieder, so Kückings zentrale These, bestanden viele dieser Gruppen fort. Ihre Kommunikation untereinander erfolgte vielfach über Feldpostbriefe, die im Rahmen des laufenden Dissertationsprojekts untersucht wurden. Dieser Quellenbestand – von der klassischen Feldpost zwischen Mitgliedern einer Pfarrjugend, Briefen eines Jugendkaplans bis zu Rundbriefen des Bundes Neudeutschland – erlaubte es, Netzwerk- und Raumdynamiken zu rekonstruieren und Themensetzungen wie etwa Literatur oder religiöse Fragen innerhalb der verlagerten Kommunikationsräume in den Blick zu nehmen. Solche Korrespondenznetzwerke nahmen, wie Kücking überzeugend darlegte, eine existentielle, vergemeinschaftende Bedeutung für ihre Mitglieder ein und vermochten es, den Fortbestand der Gruppe trotz Verbotes zu sichern.

Ein kontroverses Thema stellte SVEN REISS (Kiel) in der Präsentation seines Dissertationsvorhabens vor: „Päderastie“ als kulturelles Phänomen in der Jugendbewegung. Aktuellen Anlass dazu gaben erst jüngst öffentlich bekannt gewordene sexuelle Übergriffe in jugendbewegten Kontexten der vergangenen Dekaden. Reiss nähert sich der Frage aus kulturhistorischer Sicht vor dem Hintergrund ungeklärter Fragen, beispielsweise ob die Jugendbewegung signifikant gefährdeter sei als andere Räume (Sportvereine, Jugendzentren etc.) oder ob spezifische Strukturen in der Jugendbewegung „Päderastie“ ermöglichen bis befördern. Referenzen sind dabei die Thesen zum mann-männlichen Eros Hans Blühers, das Eros-Konzept Gustav Wynekens, aber auch Biographien von weniger bekannten Akteuren, die bis weit in die 1990er-Jahre ihre Neigung zu älteren Jungen bzw. jungen Männern (teils offen) zeigten. Mit dem „Päderastie“-Begriff, den er als einen kulturellen definiert, will sich Reiss von medizinischen bzw. juristischen Perspektiven absetzen. In der anschließenden, teils sehr lebhaften Debatte stand insbesondere die Gewichtung von „Päderastie“ für eine Bewertung der Jugendbewegung insgesamt im Vordergrund. Reiss‘ differenzierter Zugriff auf das Thema verdeutlichte demgegenüber die Notwendigkeit einer historischen Entflechtung bislang unsachgemäß vermengter Diskurse mit dem Ziel, mehr Klarheit über das Phänomen als solches herzustellen.

Ein anderes Phänomen der historischen Jugendbewegung nahm ELIJA HORN (Hildesheim) in den Blick: die Rezeption Indiens. Diese Hinwendung zur indischen Kultur war innerhalb der Jugendbewegung nicht ungewöhnlich und zeigte sich beispielsweise auf einer religiös-philosophischen Ebene, wie sie in Publikationen der Freideutschen Jugend zum Tragen kam. In den Selbstbeschreibungen einer Indienfahrt (1927) des ohnehin für seine sogenannten „Grenzlandreisen“ bekannten Nerother Wandervogels lassen sich denn auch typische Narrative eines Orientalismus- und Exotismus-Diskurses erkennen: Bekannte Ost-West-Dichotomien durchsetzt mit rassistischen Implikationen sowie Abenteuer- und Gemeinschaftserlebnissen werden hier vor einer indischen Kulisse reproduziert. Diese dienen im Fall der Nerother einer Demonstration der eigenen kulturellen Überlegenheit sowie eigener Männlichkeitskonzepte. In Freideutschen Kontexten wurden orientalistische Diskurse zur Selbstverortung und -legitimation genutzt, meist um Auswege aus einer als krisenhaft wahrgenommenen Gegenwart zu finden.

KATHARINA SCHULZ (Berlin) bot eine Gesamtschau jüdischer Pfadfinderbünde in der Zwischenkriegszeit. Dazu zählen unter anderem Kadimah, Zofim, Das Schwarze Fähnlein oder Makkabi Hazair. Ausführlich stellte sie die Gruppen anhand geographischer Verortung, Mitgliederzahlen und von Vergleichen, beispielsweise bezüglich der Ausrichtung einzelner Bünde (Ost- oder Westjudentum, zionistisch bis loyal dem Deutschen Reich gegenüber etc.) vor. In ihrer im Werden begriffenen Masterarbeit möchte Schulz jüdische Pfadfinder nicht nur in den Kontext der jüdischen Jugendbewegung Deutschlands einordnen, sondern in eine deutsche Pfadfindergeschichte, sodass auch eine Kontrastierung mit nicht-jüdischen Bünden erfolgte. Schulz konstatierte insbesondere eine Zäsur hinsichtlich der inhaltlichen Ausrichtung der jüdischen Pfadfinder 1933: Ab jenem Jahr habe die Verwendung jüdischer Begriffe in den Organen maßgeblich zugenommen und die Verwirklichung des Chaluz-Gedanken sei stärker in den Vordergrund getreten.

Die Figur Otto Abetz beleuchtete MATTHEW PEAPLE (Karlsruhe) in seinem biographisch ausgerichteten Vortrag. Zentral war hierbei nur am Rande dessen bedeutende wie kontrovers zu interpretierende Rolle in der Geschichte deutsch-französischer Beziehungen während der Zwischenkriegszeit, sondern vielmehr ein Rekurs auf Abetz‘ Biographie vor 1933. Diese Phase stellt ein bislang unterbelichtetes Kapitel seines Lebens dar, ihre Wirkung ist jedoch kaum zu unterschätzen – nicht zuletzt, weil er als Mitglied des Wandervogels diese Zeit nachträglich als „entscheidendes Jugenderlebnis“ bezeichnete. Gerade über Denk- und Wertvorstellungen aus seiner jugendbewegten Selbstverortung lässt sich seine Tätigkeit im Nationalsozialismus deutlicher konturieren und einordnen. Hierzu zeigte Peaple einerseits den Verlauf von Kindheit und Jugend Abetz‘ bis hin zu den Jahren als Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Karlsruher Jugendbünde von 1927 bis 1933. Andererseits beleuchtete er dessen politische Vorstellungen über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Deutschen Reiches anhand von autobiographischen Texten, immer mit Blick auf die Verbindungen zur Jugendbewegung und ihrer möglichen Prägekraft auf sein „Menschenbild“.

MARIA DALDRUP (Witzenhausen) eröffnete einige Einblicke in das im AdJb angesiedelte laufende DFG-Projekt zur Digitalisierung und Erschließung des Fotografennachlasses von Julius Groß (1892-1986). Dafür stellte sie zunächst den Gegenstand vor: Eine Sammlung von ca. 40.000 Bildern aus den Jahren 1908 bis 1933 wird für die wissenschaftliche Nutzung über die Online-Datenbank HADIS zugänglich gemacht. In einem Überblick über Biographie und Werk von Groß wies Daldrup auf die Zusammenhänge zwischen der typischen Bildästhetik des wohl wichtigsten Wandervogel-Fotografen und seinen persönlichen, stark jugendbewegt geprägten Ansichten hin: Romantisch stilisierte Abbildungen der Natur und des Wander- und Gemeinschaftserlebnisses gehen Hand in Hand mit zivilisationskritischen Perspektiven und auf Ganzheitlichkeit abhebende Sehnsüchte im Wandervogel. Schließlich machte die Rednerin auf verschiedene Herausforderungen der für die Erschließung notwendigen Arbeitsschritte aufmerksam und erläuterte, wie sie und ihr Projektkollege Marco Rasch hiermit umgehen. Auch verwies sie auf die Potentiale, die gerade in einer seriellen Auswertung der Groß’schen Fotografien liegen. Das gezeigte Bildmaterial sprach nicht nur für sich, sondern unterstrich Daldrups implizite Aufforderung, diesen sukzessive bis Juli 2015 vollständig online stehenden Nachlass intensiv für wissenschaftliche Arbeiten zu nutzen.

In einem abschließenden Kommentar verwies JÜRGEN REULECKE (Gießen) noch einmal auf die Notwendigkeit einer differenzierten historischen Jugendbewegungsforschung insbesondere im Hinblick auf kulturgeschichtliche Fragestellungen. Zugleich betonte er die Bedeutung der Sammlung und Sicherung archivalischer Quellen zur Jugendbewegung, wie sie etwa im AdJb betrieben wird, und ihrer fachgerechten Vermittlung im gesellschaftlichen Kontext.

Gerade im Windschatten aktueller Diskussionen um die Jugendburg Ludwigstein ist es unabdingbar, sich weiterhin besonders mit den personellen, institutionellen und ideellen Kontinuitäten und Brüchen der historischen Jugendbewegung dezidiert auseinanderzusetzen und zugleich Einzelphänomene wie Raumkonstrukte, Emotionen oder Subjektivierungsformen in den Blick zu nehmen. Hierfür wird auch 2015 im Rahmen des geplanten dritten Workshops zur Jugendbewegungsforschung wieder genügend Raum geboten.

Konferenzübersicht:

Susanne Rappe-Weber (Witzenhausen); Yorck Müller-Dieckert (Northeim): Begrüßung.

Stephan Sommerfeld (Witzenhausen): Aktuelle Entwicklungen um die Burg und die Bünde.

Knut Bergbauer (Wuppertal): Die Jüdische Jugendbewegung.

Ulrich Linse (München): „Die Sozialisierung des Geistes“. Vom Proleten zum Schriftsteller: Walther G. Oschilewski (1904-1987) und die Jugendbewegung.

Hagen Stöckmann (Göttingen): Jugendträume – Gewaltträume. Die NS-Ordensjunker, ihre Generation und der Holocaust.

Verena Kücking (Köln): Feldpostbriefe des Zweiten Weltkrieges aus dem Kontext (ehemaliger) katholisch-jugendbewegter Gruppen.

Sven Reiß (Kiel): Päderastie in der deutschen Jugendbewegung.

Elija Horn (Hildesheim): Indienrezeption und Orientalismus in der deutschen Jugendbewegung während der 1920er- und 30er-Jahre.

Katharina Schulz (Berlin): Jüdische Pfadfinder in der Zwischenkriegszeit.

Matthew Peaple (Karlsruhe): Otto Abetz und die deutsche Jugendbewegung, 1916-1958.

Maria Daldrup (Witzenhausen): Vorstellung und erste Eindrücke des DFG-Projekts zur Digitalisierung und Erschließung des Fotografennachlasses von Julius Groß im AdJb.

Jürgen Reulecke (Gießen): Kommentar.

Zitation
Tagungsbericht: Jugendbewegungsforschung im Archiv der deutschen Jugendbewegung, 04.04.2014 – 06.04.2014 Witzenhausen, in: H-Soz-Kult, 04.06.2014, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-5405>.
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04.06.2014
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