Ort
Zürich
Veranstalter
Flavian Imlig / Thomas Ruoss, Institut für Erziehungswissenschaft, Universität Zürich; Catherina Schreiber, Universität Luxembourg
Datum
13.05.2014 - 14.05.2014
Von
Christina Rothen, Institut für Erziehungswissenschaft / Historische Bildungsforschung und Steuerung des Bildungssystems (HBS), Universität Zürich

Neue digitale Medien und Werkzeuge bringen sowohl Potenziale als auch ungelöste Fragen mit sich, die es bei der Erarbeitung geschichtswissenschaftlicher Forschungs- und Qualifikationsarbeiten zu beachten gilt. Im Rahmen des Workshops „Digital History“ wurden als zentral erachtete Bedingungen sowie die sich daraus ergebenen epistemologischen Folgen für die Geschichte als Wissenschaft thematisiert und diskutiert. Nachwuchsforscherinnen und -forscher präsentierten – am Beispiel ihrer konkreten Forschungsarbeit – Argumente für und wider die Verwendung digitaler Quellen, unterschiedliche Formen der Kontextualisierung und Interpretation digitaler bzw. digitalisierter Quellen, Konsequenzen aus der Verwendung digitaler Tools sowie Fragen zur digitalen Quellenaufbereitung.

Eröffnet wurde der Workshop mit einem Gastreferat von CATHERINA SCHREIBER (Luxembourg), in welchem sie die Entwicklung der digital humanities seit den 1960er-Jahren anhand illustrierender Beispiele aufzeigte. So wurde die Erfassung des Werkes von Thomas von Aquin mittels IBM-Technik durch Roberto Busa, die Einführung des Personal Computers als historische Workstation in den 1980er-Jahren sowie der Übergang vom Digitalen als Werkzeug zum Medium in den 1990er-Jahren beschrieben. Darauf folgte eine methodologische Abhandlung zum Umgang mit digitalisierten sowie „born digital“ Quellen. Dabei betonte Schreiber, dass durch die neuen Herausforderungen mit digitalen Quellen das Bewusstsein für die prozessualen sowie multimodalen Eigenschaften aller Quellen geschärft würde und diese Charakteristika bei der Quellenkritik zu beachten seien.

Der Workshop wurde von PASCAL FÖHR (Basel) eröffnet mit einem Beitrag zur Frage, ob genuin digitale Objekte als Quellen verwendet werden dürfen. Er legte dar, dass aufgrund der Volatilität und der fehlenden Authentizität die Nachvollziehbarkeit digitaler Objekte nicht gewährleistet sei, weshalb diese als Quelle nicht geeignet wären. Als Reaktion darauf wies Schreiber darauf hin, dass eine Verwendung digitaler Quellen durchaus sinnvoll sei und sich bezüglich des quellenkritischen Zugangs wenig von nicht genuinen digitalen Quellen unterscheiden würde. Die grundsätzliche Frage nach der historischen Nutzbarkeit digitaler Objekte führte von Anfang an zu einer engagierten Diskussion, wobei der moralischen Frage nach dem Verwendendürfen eine sorgsame Quellenkritik, welche einen wissenschaftlichen Umgang mit fehlenden Angaben zur Autorenschaft oder mit Unkenntnis des Originalzustandes des Objektes kennt, gegenüber gestellt wurde.

Digitale Objekte entbehren ihrer Materialität, woraus sich epistemologische Konsequenzen ergeben könnten. LUKAS BOSER (Lausanne) fragte nach den Auswirkungen von digitalisierten Quellenbeständen wie beispielsweise google books auf die Erfassung des Kontextes. RAHEL KATZENSTEIN (Bern) erzählte aus ihrer Forschungspraxis, handschriftliche Quellen per Digitalfotografie zu digitalisieren. Dabei stellte sie zur Diskussion, ob die fehlende Haptik nicht eine zusätzliche Gefahr für Anachronismen mit sich bringe. MARIANNE HELFENBERGER (Zürich) sprach über die Schwierigkeit, analoge Archivstrukturen in digitale Ordnungsprinzipien zu übertragen, wobei sich technische und inhaltliche Anforderungen nicht per se sinnvoll ergänzen würden. PATRICK KAMMERER (Zürich) beschrieb den Trend weg von der Kliometrie hin zu verstärkter Aufarbeitung von Verwendungs- und Entstehungskontexten quantitativer Datensammlungen. Am Beispiel des Onlineprojektes „historical statistics of switzerland online“ stellte er die Frage, wie Entstehungs- und Verwendungskontexte bei digitalisierten Quellenbeständen für die Forschung sinnvollerweise zu fassen und einzubeziehen seien. INGRID BRÜHWILER (Lausanne) zeigte anhand der Onlineedition zur Schweizerischen Schulumfrage von 1799, wie zusätzliche Kontext- oder Metadaten kaum hinreichend online zu erschließen sind und deren Zugang per se noch keine Kontextualisierung ermöglichen würde.

Mit der Digitalisierung geht in einigen Bereichen bereits eine Kategorisierung einher. Zentral ist dabei die Frage, welche Auswirkungen digitale Tools und Medien auf die Kategorisierung haben. MARKUS HEINZER (Bern) stellte eine selbst entwickelte Datenbank zur direkten Kategorisierung beim Durchgehen großer Datenmengen vor. Die effiziente und bereits abstrahierte Dateneingabe wurde dabei vor der quellennahen Erfassung priorisiert. Dem gegenüber betonte GIORGIA MASONI (Locarno) die epistemologischen Folgen, welche sich bei der Kategorisierung digital bereitgestellter Quellenbestände ergeben. Sie argumentierte dahingehend, dass diese Neuorientierung der historischen und geschichtsdidaktischen Epistemologie weiterer Reflexion benötigt. RAPHAEL ZAHND (Zürich) zeigte, wie durch die Verwendung zweier Verfahren (Text Mining und natural laguage proceedings) die Bearbeitung sonst kaum überschaubarer digitaler Archivbestände machbar wird. Obwohl durch die beiden Tools die Kategorisierung in fremde bzw. numerische Hände gegeben wird, können die beiden Werkzeuge gut zur Visualisierung und entsprechend zur inhaltlichen Quellenselektion dienen. ANNE STISSER (Göttingen) und ANNE HILD (Göttingen) berichteten über ihre Erfahrung mit einer virtuellen Forschungsumgebung (Semantic-CorA) zur erziehungswissenschaftlichen Lexikonanalyse. Dabei stellten sie die Fragen zur Diskussion, inwiefern Transparenz bei offenen Kategorisierungstools gewährleistet werden kann und welche Versuchungen durch das Arbeiten mit Datenbanken entstehen können.

FLAVIAN IMLIG (Zürich) verdeutlichte am Beispiel des Onlineprojekts „Bildungsgeschichte Schweiz“, dass die digitale Aufarbeitung historischer Quellen immer mit vorweggenommenen Entscheidungen verbunden ist, wobei die inhaltliche Prästrukturierung zu einer inhaltlichen Rigidität führt und das postulierte Vetorecht der Quelle infrage stellt. Weiter würde durch das niederschwellige Publizieren in digitalen Foren eine erhöhte Granularität von Ergebnissen ermöglicht. Dabei sei die granulare Information ein notwendiger, aber nicht hinreichender Teil des historischen Erkenntnisprozesses. THOMAS RUOSS (Zürich) schloss die Reihe der Kurzbeiträge ab und problematisierte ebenfalls anhand des Onlineprojekts „Bildungsgeschichte Schweiz“ die Entscheidungen rund um die Granularität einzelner Informationen, deren gegenseitiger Vergleichbarkeit und die Schwierigkeit allgemeingültige Kategorien zu bilden.

Trotz oder vielleicht gerade wegen der vielfältigen Beiträge stand am Schluss eher eine verdichtete Fragestellung, als dass konkrete Antworten gefunden wurden. Zwischen den einzelnen Beiträgen kreiste die Diskussion um Eingrenzung sowie Charakterisierung des Begriffes „digital“, um Möglichkeiten des quellenkritischen Zugangs, um Probleme der Authentizität und Nachvollziehbarkeit, um Schwierigkeiten der Kontextualisierung sowie der Kategorisierung. Daneben standen Fragen nach der digital literacy sowie den Auswirkungen digitaler Zugänge auf die epistemologische Funktion der Narration im Fokus. Immer wieder kurz, und am Schluss der Veranstaltung etwas drängender, tauchten Fragen zur Finanzierung großer Inventarisierungsprojekte sowie deren Mehrwert für die Geschichtswissenschaft angesichts der Problematik von Datenfriedhöfen auf. Die Problematik nachhaltiger Archivierung digitaler Quellenbestände sowie die lückenhafte Überlieferung seit dem digital turn wurden kaum angeschnitten, würden aber möglicherweise die Frage nach Problemen und Perspektiven weiter konkretisieren.

Einigkeit bestand in der Annahme, den digital turn insofern mitzutragen, als dass digitale Medien und Werkzeuge in der Disziplin verwendet werden. Gleichzeitig will man sich den epistemologischen Konsequenzen gegenüber wachsam und kritikfähig verhalten. Um die eigene Wachsamkeit zu schulen und gleichzeitig die methodischen Herangehensweisen bei konkreten Forschungsvorhaben zu definieren, ist ein Austausch – gerade unter Nachwuchsforschenden – zu begrüßen.

Konferenzübersicht:

Eröffnung durch Gastreferat
Catherina Schreiber (Luxembourg): Doing history im digitalen Zeitalter. Probleme, Potenziale, Perspektiven

Pascal Föhr (Basel): Dürfen wir digitale Objekte als Quelle verwenden?

Catherina Schreiber (Luxembourg): Digitale Objekte und historisches Quellenverständnis

Lukas Boser (Lausanne): Full Text auf Kosten des Kontexts? Probleme bei der Kontextualisierung digital verfügbarer Quellen – ein Erfahrungsbericht

Rahel Katzenstein (Bern): Verleiten digitale Quellentranskriptionen zu Anachronismen?

Marianne Helfenberger (Zürich): Die Erklärung historischer Zusammenhänge und historischen Wandels – eine Frage der Quantität digitaler Daten?

Markus Heinzer (Bern): Datenbank zur historischen Analyse großer Mengen serieller Quellen

Giorgia Masoni (Locarno): Wichtigkeit der Kategorisierung von Quelleninformationen

Patrick Kammerer (Zürich): "digital historical statistics" - Theorie, Praxis und Wissensbestände digitaler historiographischer Editionen.

Raphael Zahnd (Zürich): Text Mining und natural language processing

Anna Stisser / Anne Hild (Göttingen): Das Arbeiten mit der semantischen Wikitechnologie Semantic-CorA

Ingrid Brühwiler (Lausanne): Die Metadatenerstellung zu Stapfer-Quellen

Flavian Imlig (Zürich): Digitale Strukturierung

Thomas Ruoss (Zürich): Fährten legen, Spuren suchen: Herausforderungen für digitale Forschungsinfrastrukturen

Zitation
Tagungsbericht: Digital History, 13.05.2014 – 14.05.2014 Zürich, in: H-Soz-Kult, 18.07.2014, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-5462>.
Redaktion
Veröffentlicht am
18.07.2014