Nachkrieg und Medizin in Deutschland im 20. Jahrhundert. II. Tagung des Zentrums Medizin und Gesellschaft der Universität Ulm

Ort
Ulm
Veranstalter
Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin (GTE) / Zentrum Medizin und Gesellschaft (ZMG), Universität Ulm
Datum
10.06.2014
Von
Felicitas Söhner, Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin, Universität Ulm

Das Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin (GTE) veranstaltete am 10. Juni 2014 in Zusammenarbeit mit dem Zentrum Medizin und Gesellschaft (ZMG) der Universität Ulm eine wissenschaftliche Tagung, mit der die Reihe „Nachkrieg und Medizin in Deutschland im 20. Jahrhundert“ fortgesetzt wurde. Forscherinnen und Forscher aus dem Bereich der Medizin- und Militärgeschichte stellten Forschungsfragen und -ansätze vor und diskutierten im Plenum zu prüfende Thesen und Zielsetzungen aktueller Projekte. Die Referenten beschäftigten sich insbesondere mit der Rolle der Militärmedizin nach den beiden Weltkriegen.

Angesichts der medialen Präsenz der Thematik im Erinnerungsjahr an den Beginn des Ersten Weltkriegs 1914 passte sich die Veranstaltung in eine Reihe zahlreicher diesjähriger Publikationen und Veranstaltungen ein und setzte gleichzeitig frische Impulse. Die thematische Breite der einzelnen Beiträge ermöglichte neue Einblicke und Perspektiven auf ein immer noch aktuelles Thema.

Die Konferenz war in zwei thematische Sektionen geteilt, denen als Auftakt die Begrüßung des Institutsleiters Heiner Fangerau (Ulm) und ein inhaltlicher Überblick des Organisators Peter Steinkamp (Ulm) vorangingen. Während sich das erste Panel mit medizinhistorischen Aspekten nach dem Ersten Weltkrieg beschäftigte, befassten sich die Beitragenden im zweiten Panel mit Themen der Nachkriegszeit nach dem Zweiten Weltkrieg.

Im ersten Vortrag sprach NICO AMEND (Ulm) zu „Giftgas - Die Behandlung von kampfstoffverletzten deutschen Soldaten“. Neben der Analyse zeitgenössischer Dienstanweisungen zur Kenntnis und Belehrung der Gasvergiftung, die sich mit den umfangreichen Darstellungen der therapeutischen Möglichkeiten zu „Grünkreuz“- (Lungengifte) und „Gelbkreuz“-Vergiftungen (Senfgas) sprach, befasste sich der Referent mit der Darstellung individueller ärztlicher Erfahrungsberichte am Beispiel des Militärarztes Reinhardt van der Velden. Er verfasste Abhandlungen zur Therapie der „Gelbkreuzvergiftung“ und ergänzte damit die Vorgaben der Dienstanweisung durch eigene Erkenntnisse. Anhand zahlreicher Akten aus dem Militärarchiv in Freiburg im Breisgau untersuchte Amend die Gasvergiftung im Spiegel der Krankenakten. Das Plenum erhielt einen umfassenden Einblick in deren Aufbauschema und diagnostische Auslegung.

Anschließend referierte PETER STEINKAMP (Ulm) zur „Spanischen Grippe im Spiegel von Krankenakten – Zur Behandlung erkrankter deutscher Soldaten“. In dem Arbeitsbericht zu einem Projekt in der Antragsphase wurden erste Ergebnisse anhand von Stichproben präsentiert und an einzelnen exemplarischen Einzelfällen unterschiedliche Haltungsmuster im persönlichen und familiären Umgang mit der Krankheitswelle dargestellt. Insbesondere die unterschiedliche Bewertung der vermutlich noch nicht als Pandemie erkannten Krankheit liegt im Interesse des Projekts und lässt erste Rückschlüsse zu anhand von Äußerungen wie „Schnaps als wirksamstes Mittel gegen die Spanische“. Der Vortragende warf einen Blick auf hier zu untersuchende Forschungsfragen und mögliche Vorgehensweisen des geplanten Forschungsprojekts.

In der zweiten Sektion begann CLAUDIA BADE (Berlin/Hamburg) mit der Skizzierung ihres aktuellen Forschungsprojekts zu einer Gruppenbiographie von Truppenärzten der Wehrmacht. Darin ging Bade auf die Rolle des Truppenarztes als „Rädchen im System“ ein und stellte anhand eines konkreten Fallbeispiels den Umgang mit mutmaßlichen Simulanten und Selbstverstümmlern innerhalb der Wehrmacht ein. Auch beleuchtete die Vortragende Aufgabenbereich und Selbstverständnis der Truppenärzte innerhalb ihres seinerzeitigen Tätigkeitsfelds.

Im anschließenden Beitrag referierte PHILIPP RAUH (Erlangen/Freiburg) unter dem Titel „Sadisten, Weltanschauungstäter oder ganz normale Deutsche?“ zu seiner Forschung in einem Projekt zu Karrieren von KZ-Ärzten im Dritten Reich, in der BRD und der DDR. Der Vortragende beschrieb strukturelle Entwicklung und Tätertypisierungen in der NS-Medizin. Anhand der Auseinandersetzung mit NS-Täterschaft in den Nachkriegsprozessen (Nürnberger Prozesse, Eichmann-Prozess, Frankfurter Prozesse) erläuterte Rauh den im gruppenbiographisch angelegten Forschungsprojekt untersuchten Paradigmenwechsel in der Motivationsforschung heraus.

Zum Abschluss der Konferenz stellte PETER STEINKAMP (Ulm) unter dem Titel „Am Krieg zerbrochen – Extremes Handeln von Kriegstraumatisierten in den 1940er- bis 1960er-Jahren“ Ursachen, Vorgänge und Auswirkungen des Kriegstraumas im Nachkriegsdeutschland vor. Hierzu arbeitete Steinkamp anhand überlieferter Krankenakten und Obduktionsberichte von Suizidfällen. Unter anderem stellte der Historiker eine ungleiche Behandlung der Kriegsteilnehmer in Abhängigkeit des jeweiligen Dienstgrades fest. Anhand der Zeitzeugenaussage „wir mussten Deutschland wieder aufbauen, hatten dafür keine Zeit gehabt“ spiegelte der Referent einen seinerzeitig tabuisierenden Nicht-Umgang mit dieser Problematik wider.

Die Tagung vermittelte über die vielfältigen Beiträge dem Plenum einen tiefgründigen Einblick in die medizinische und psychiatrische Versorgung von Truppenangehörigen. Daneben schuf die Konferenz als Teil der Ulmer Veranstaltungsreihe „Nachkrieg und Medizin in Deutschland im 20. Jahrhundert“ dem sowohl wissenschaftlich wie auch persönlich interessierten Publikum die Möglichkeit sich mit Wissenschaftlern zu aktuellen Forschungsergebnissen und Fragestellungen auseinanderzusetzen. Die Gelegenheit zur Debatte um die Rolle von Medizin in den beiden Nachkriegsphasen wurde lebhaft angenommen und spiegelt damit das allgemeine Interesse wider, das nach wie vor zur Thematik –und nicht nur wegen des aktuellen Erinnerungsjahres zu 1914 – existiert.

Konferenzübersicht:

Begrüßung:
Heiner Fangerau (Direktor Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin) / Peter Steinkamp (Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin)

Panel 1: „Erster Weltkrieg“

Nico Amend (Ulm), Giftgas! – Die Behandlung von kampfstoffverletzten deutschen Soldaten

Peter Steinkamp (Ulm), Die Spanische Grippe im Spiegel von Krankenakten – Zur Behandlung erkrankter deutscher Soldaten

Panel 2: „Zweiter Weltkrieg“

Claudia Bade (Berlin/Hamburg), Projektskizze einer Gruppenbiographie von Truppenärzten der Wehrmacht

Philipp Rauh (Erlangen/Freiburg), Sadisten, Weltanschauungstäter oder ganz normale Deutsche? KZ-Ärzte im Spiegel der nationalsozialistischen Täterforschung

Peter Steinkamp (Ulm), Am Krieg zerbrochen – Extremes Handeln von Kriegstraumatisierten in den 1940er- bis 1960er-Jahren

Zitation
Tagungsbericht: Nachkrieg und Medizin in Deutschland im 20. Jahrhundert. II. Tagung des Zentrums Medizin und Gesellschaft der Universität Ulm, 10.06.2014 Ulm, in: H-Soz-Kult, 30.07.2014, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-5483>.