DARIAH-DE Workshop „Forschungsdaten für Andere“

Ort
Mainz
Veranstalter
Leibniz-Institut für Europäische Geschichte, Mainz; Deutsches Archäologisches Institut, Berlin; DARIAH-DE (Digital Research Infrastructure for the Arts and Humanities)
Datum
12.06.2014 - 13.06.2014
Von
Marcus Held, Leibniz-Institut für Europäische Geschichte Mainz

Durch das enorm gewachsene Interesse am offenen Zugang zu Forschungsdaten bzw. deren Bereitstellung in den historisch arbeitenden Wissenschaften, wird es immer dringlicher eine Regelung für die offene Frage der Urheber- und Verwertungsrechte an Forschungsdaten zu finden, da Forschungsdaten Grundpfeiler wissenschaftlicher Erkenntnis darstellen und Grundlage weiterer Forschung sind.[1] Angesichts des Wunsches möglichst freie, überregionale und langfristige Zugriffe auf Daten zu gewährleisten, sind gerade Lizenzen ein unumgänglicher Teil im Prozess der globalen Austausches. Allerdings erscheinen Lizenzprozesse und -entscheidungen für viele Wissenschaftler ein kaum zu bewältigendes und überschaubares Minenfeld zu sein. Dies führt teilweise zu falschen Entscheidungen in Bezug auf die Lizensierung, so dass eine freier, überregionaler und langfristiger Zugang schwierig ist, oder es wird keine Lizenz vergeben, ohne zu bedenken, dass ohne eine explizierte Lizenz die Weiterverwendung stark beschränkt ist.

Lizenzen als Teil des immer sich dringender stellenden Anforderungsprofils von Drittmittelgebern an das „Datenmanagement“[2], ermöglichen und regeln sowohl die Verfügbarkeit und den Zugang, die Weiterverwendung und die Umverteilung, sowie die Universal-Teilnahme. Lizenzen – so könnte man es positiv formulieren – sollen es ermöglichen Daten(sätze)und Datafakten innerhalb der Grenzen der geltenden Gesetze so öffentlich verfügbar zu machen wie möglich. Demgegenüber stehen die Unsicherheiten und die Unkenntnis darüber, was überhaupt lizensiert werden kann und darf, was die diversen Lizenzen auf dem Markt zu leisten vermögen, wie sich die jeweiligen Lizenzen in welchem Punkt unterscheiden. Auch herrscht meist Unklarheit darüber, wie Schutzkraft von Lizenzen einzuschätzen ist. Was schließen die jeweiligen Lizenz ein und was schließen sie aus? Wo liegen die jeweiligen Stärken und Schwächen, Chancen und Grenzen der Lizenz und wie komme ich überhaupt an diese?

Diese und andere Fragen wurden auf dem Workshop behandelt, welchen das Leibniz-Institut für Europäische Geschichte in Mainz zusammen mit dem Deutschen Archäologischen Institut in Berlin als Partner in DARIAH-DE (Digital Research Infrastructure for the Arts and Humanities)[3] am 12. Und 13.06.2014 ausrichtete. Der Workshop war explizit zur Lizensierung von Forschungsdaten und Datafakten für die historisch arbeitenden Wissenschaften gedacht. In theoretischer und praktischer Perspektive wurden die Lizensierungsmöglichkeiten, die Lizensierungsprozesse und –entscheidung in den Blick genommen und diskutiert.

Am ersten Tag wurde mit Experten in Input-Talks auf die Grundlagen der Forschungsdatenlizensierung eingegangen und die Themenkomplexe Urheberrecht, Nutzungsrechte und Datenschutz behandelt. Einzelne Projekte und Einrichtungen stellten ihre Modelle und Lösungen mit Lizenzierungsentscheidungen und –prozessen für den nationalen und internationalen Datenaustausch vor.

Zunächst stellte WIBKE KOLBMANN (Berlin) das Infrastrukturprojekt DARIAH-DE vor und verdeutlichte die Notwendigkeit an und von europäischen Infrastrukturprojekten sich stärker als bisher mit Fragen rund um die Lizensierung von Forschungsdaten zu beschäftigen.[4]

JOHANNES PAULMANN (Mainz) als Direktor des Leibniz-Instituts für Europäische Geschichte unterstrich in seinem Grußwort die Dringlichkeit der Fragen nach den sozialen und wissenschaftlichen Regeln für Bereitstellung und Nutzung von Daten. Er verwies dabei auf die Notwendigkeit des freien Zugangs zu Forschungsdaten und Publikationen in Form von Open Access und Open Data. Er schilderte die eigenen Erfahrungen mit dem Projekt „Europäische Geschichte Online“[5] und den in diesem Projekt bereitgestellten Metadaten zu Beiträgen und Multimediaelementen. So wies er darauf hin, dass die Beiträge zumeist unter einer Creative-Commons-Lizenz veröffentlicht würden und dadurch potentiellen Nutzern die Bedingungen für die (Weiter-)Nutzung deutlich gemacht würde bzw. eingeräumt werden könnte.

Der Jurist und Kulturmanager PAUL KLIMPEL (Berlin) gab einen Überblick über die rechtlichen Rahmenbedingungen für wissenschaftliche Daten. Er machte nochmals deutlich, dass zunächst wissenschaftliche Daten nicht grundsätzlich einem urheberrechtlichen Schutzbereich angehören und damit diese nicht per se geschützt sind. Vielmehr tritt hier die Notwendigkeit von Lizenzen und Lizensierungsprozessen zutage[6], denn in juristischer Hinsicht sind Lizenzen rechtsverbindliche Verträge, die den Gebrauch und Nutzung von Daten(-beständen) eindeutig regeln. So machte Klimpel auch darauf aufmerksam, dass der Lizenzhinweis ein wichtiges Element darstellt, insbesondere dann, wenn dieser maschinenlesbar ist (z.B. als RDF), da dieser dann als rechtliches Metadatum gelten könne.

Die Leiterin des Arbeitspaktes „Standards und Richtlinien“ im Projekt APEx [7] (ArchivPortal Europa Exzellenznetzwerk) am Bundesarchiv SUSANNE WAIDMANN (Berlin) vertiefte den Aspekt zur Angabe des Lizenzhinweises anhand von archivischen Daten im Kontext des Archivportals Europa und dem Europeana-Projekt. Sie erläuterte anhand der Aufarbeitung der archivischen Daten in XML-Dateien das Format EAD (Encoded Archival Description) und die anschließende Konvertierung in das Europeana Daten Modell (EDM), wobei in diesem Schritt die Rechteinformationen mit in die Dateien eingebaut würden. Auch in Bezug auf die Metadaten kann METS (Metadata Encoding and Transmission Standard) als Containersystem für digitale Objekte und deren Präsentation in Kombination mit METSRights eine Einbindung von Rechteinformationen über digitale Objekte erreicht werden. Allerdings gäbe es keine Einigkeit über die Nutzung von Lizenzen(so z.B. bei Europeana CC) bei Erschließungsangaben bzw. Informationen, was allerdings teils auch an den nationalen Gesetzgebungen liegen würde, so dass auf CC-By-Lizenzen zurückzugreifen wäre, wie es auch das Bundesarchiv mit CC BY-NC-SA mache. Hierüber könnten aber keine generellen Aussagen gemacht werden, sondern die Handhabung hänge immer noch stark vom jeweiligen Einzelfall ab, was ein zeit- und kostenintensives Unternehmen wäre.

ALINE DEICKE und ANNA NEOVESKY (Mainz) von der Digitalen Akademie[8] verdeutlichten in ihrem Vortrag zu OpenAccess im Akademienprogramm zunächst die Rahmenbedingungen von OpenAccess und Lizensierungen unter der spezifischen Perspektive der Akademieprogramme. Sie berichteten aus den aktuellen Projekten im Umgang mit dem Einsatz von Lizenzen und stellten sowohl grundlegende Gedanken an und brachten diese in Zusammenhang mit gewonnenen Erfahrungen aus dem Arbeitsalltag. Sie machten darauf aufmerksam, dass es keinen Automatismus zwischen der Online-Verfügbarkeit und OpenAccess gäbe, insbesondere wenn die zur Verfügung gestellten Daten unter keine Lizenz gestellt wurden, da die Unklarheit der rechtlichen Lage zur Nicht-Nutzung führen würden. In den Projekten in den Akademieprogrammen würden sich Tendenzen zu CC-Lizenzen in der Form von CC-BY-SA abzeichnen, aber die Entscheidung über Lizenzen würde immer wieder auf die Erfordernisse des Projektes abgestimmt. Einige Projekte haben für eine Entscheidung die General Public License genutzt, um zu einem Ergebnis zu kommen. Für Deicke/Neovesky ist allerdings offen, wie es mit Lizenzen, Entscheidungen und Prozessen von kollaborativen Projekten bestellt ist und wie die Lizensierung sich auch auf die Möglichkeiten der Langzeitarchivierungsstrategien auswirken wird.

Als Leiter des Referates perspectivia.net[9] bei der Max Weber Stiftung wies MICHAEL KAISER (Bonn) in seinem Beitrag „Wissen, Bewusstsein, Praktikabilität“ auf die rechtlichen Implikationen des digitalen Publizierens hin. Er zeigte dies an dem von ihm betreuten Projekt perspectivia.net und zeigte, dass im Durchlaufen der Phasen von der Konzeptionierung bis zum Alltagsbetrieb die lizenzrechtliche Klärung immer ein wichtiges Element darstelle, wobei immer auch die Rollenverteilung zwischen den beteiligten Akteuren eine wichtige Rolle spiele. Er konstatierte, dass die Akzeptanz von und das Bewusstsein für Lizenzen noch steigerungsbedürftig seien, wobei oft der Aspekt des Designs der Lizenzierung in den Hintergrund gerät und das Spektrum der angebotenen Lizenzen bei weitem nicht genutzt wird. Er machte am Schluss seiner Ausführung darauf aufmerksam, dass auch die Internationalisierung von Lizenzen bisher noch unzureichend bedacht und umgesetzt ist, so dass sich Probleme bei dem Umgang mit der Mehrsprachigkeit und Konflikten mit ausländischen Rechtsnormen noch zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt würde, wenngleich dies nicht zu einem Alarmismus führen sollte.

Am zweiten Tag wurden verschiedene Tools zur Lizenzentscheidung und –erstellung vorgestellt. THOMAS KOLLATZ (Essen) stellte Creative Commons Lizenzen und deren Chancen und Grenzen [10] ebenso vor, wie deren Lizensierungsportal “Choose a license“.[11] Er zeigte auf, wie die CC-Lizenzen in verschiedenen Datenformaten Verwendung finden können (z.B. TEI, (x)html, EDM XML). NIKO BEER (Paderborn) stellte das „Licensing decision tool“ als Teil des OER IPR Support Project vor.[12] In diesem Projekt werden umfangreiche Informations- und Hilfsmaterialien, sowie Werkzeuge zur Verfügung gestellt und verschiedenste Wege der Offenheit der Daten und ihrer Lizensierung können mit bedacht werden. WIBKE KOLBMANN (Berlin) stellte den „Public Domain Calculator“ des Projektes „Europeana Connect“ vor.[13] Dieser entstand im Zuge der Suche nach einem Europeana Licensing Framework und soll die Klärung der Rechtslage und Empfehlung für Datenanbieter im Hinblick auf die Lizenzierung ihrer Daten für Europeana fördern. Er ist ein Instrument zur Bestimmung, ob Schutzfristen für ein Werk ausgelaufen sind, ob anderweitige Fakten vorliegen oder ob es sich um ein neu entstandenes Werk handelt, welches freiwillig als gemeinfrei veröffentlich werden kann. Allerdings wies Kolbmann in ihren Ausführungen nochmals darauf hin, dass der Anwendungsbereich des Tools durch die Auswahl der Medienformate eingeschränkt und zudem nicht für die Evaluierung von Metadaten geeignet ist.

Abschließend testeten die Teilnehmer an eigenen Rechnern die vorgestellten Tools, die sie bei der Lizenzentscheidung und -erstellung unterstützen können anhand ihrer eigenen Daten. Jeweilige Anwendungsfragen konnten direkt mit den jeweiligen BeraterInnen von DARIAH-DE diskutiert und gelöst werden.

In der Abschlussdiskussion wurde nochmals deutlich, dass es einen enormen Bedarf an Aufklärungs- und Beratungsarbeit in Bezug auf die Entscheidungsprozesse für oder wider eine Lizenzart gibt. Es war allgemeiner Konsens, dass es eine zentrale Stelle geben sollte, um sich bei Fragen der Lizensierung von Daten und Datafakten in den historisch arbeitenden Wissenschaften beraten zu lassen. Grundsätzlich wurde aber die Notwendigkeit für die Verwendung und den Nutzen der Lizenzierung von Forschungsdaten nicht mehr in Frage gestellt, was wiederum auch ein wichtiges Ergebnis des Workshops darstellt.

Konferenzübersicht:

Johannes Paulmann (Mainz), Begrüßung

Einführung
Wibke Kolbmann (Berlin), Lizenzen als Thema von Infrastrukturprojekten - DARIAH-DE

Theorie und Praxis - Perspektiven und Herausforderungen der Datenlizenzierung

Paul Klimpel (Berlin), Rechtliche Rahmenbedingungen für wissenschaftliche Daten – Ein Überblick

Susanne Waidmann (Berlin), Rechteangaben rund um archivische Daten im Archivportal Europa und Europeana

Aline Deicke / Anna Neovesky (Mainz), OpenAccess im Akademienprogramm – Anwendung und Herausforderungen

Michael Kaiser (Bonn), Wissen, Bewusstsein, Praktikabilität – rechtliche Implikationen des digitalen Publizierens

Methoden und Tools – Praktische Perspektiven der Datenlizenzierung

Thomas Kollatz (Essen), creative commons 4.0

Niko Beer (Paderborn), OER Licensing Decision Tool

Wibke Kolbmann (Berlin), Public Domain Calculator

Fragen und Perspektiven
Hands-on-Session mit den vorgestellten Tools anhand von eigenen Daten und Datafakten und anschließender Diskussion mit Teilnehmern und Veranstaltern.

Anmerkungen:
[1] So die Wissenschaftsallianz in ihren „Grundsätzen zum Umgang mit Forschungsdaten, <http://www.allianzinitiative.de/de/handlungsfelder/forschungsdaten/grundsaetze.html> (23.07.2014). Die DFG sieht hierin auch die Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis, <http://www.dfg.de/download/pdf/dfg_im_profil/reden_stellungnahmen/download/empfehlung_wiss_praxis_1310.pdf> (23.07.2014)
[2] Konkrete Empfehlungen z.B. von Uwe Jensen, Leitlinien zum Management von Forschungsdaten. GESIS-Technical Report 2012/07, <http://www.gesis.org/fileadmin/upload/forschung/publikationen/gesis_reihen/gesis_methodenberichte/2012/TechnicalReport_2012-07.pdf> (23.07.2014); Jens Ludwig / Harry Enke (Hrsg.), Leitfaden zum Forschungsdaten-Management. Handreichungen aus dem WissGrid-Projekt, <http://www.wissgrid.de/publikationen/Leitfaden_Data-Management-WissGrid.pdf> (23.07.2014)
[3] DARIAH-DE, <https://de.dariah.eu/> (23.7.2014).
[4] Vgl. Nikolaos Beer u.a., Datenlizenzen für geisteswissenschaftliche Forschungsdaten – Rechtliche Bedingungen und Handlungsbedarf, in: DARIAH-DE Working Papers 6, <http://webdoc.sub.gwdg.de/pub/mon/dariah-de/dwp-2014-6.pdf >(23.07.2014); vgl. auch ders. u.a., in: DARIAH-De Working Papers 3, <http://webdoc.sub.gwdg.de/pub/mon/dariah-de/dwp-2014-3.pdf> (23.07.2014).
[5] Europäische Geschichte Online, kurz: EGO <http://ieg-ego.eu> (23.07.2014). EGO ist eine, transkulturelle Geschichte Europas im Internet, die sich aus multimedialen Wissenseinheiten zu europäischen Transferprozessen von der Mitte des 15. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts zusammensetzt. Autoren und Fachreferenten rekrutieren sich aus der internationalen Wissenschaftsgemeinschaft. EGO will die unterschiedlichen, teilweise nebeneinander herlaufenden Debatten verschiedener Forschungsperspektiven und Sprachräume zusammenführen. Das Projekt vernetzt die Träger und Nutzer der internationalen historischen Europaforschung und vollzieht gleichzeitig einen Medienwechsel für analytisch-problembezogene Gesamtdarstellungen in den historisch arbeitenden Wissenschaften.
[6] John H. Weitzmann / Paul Klimpel, Handreichung: Rechtliche Rahmenbedingungen für Digitalisierungsprojekte von Gedächtnisinstitutionen, <dx.doi.org/10.12752/2.0.002.1> (23.07.2014)
[7] Archiv Portal Europa Exzellenznetzwerk <http://www.bundesarchiv.de/archivgut_online/laufende_projekte/apenet> (23.07.2014)
[8] Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz, Digitale Akademie, <http://www.digitale-akademie.de> (23.7.2014)
[9] perspectivia.net, Publikationsplattform der Geisteswissenschaften, <http://perspectivia.net> (23.07.2014)
[10] Paul Klimpel, Freies Wissen dank Creative-Commons-Lizenzen. Folgen, Risiken und Nebenwirkungen der Bedingung «nicht-kommerziell – NC», <http://irights.info/wp-content/uploads/userfiles/CC-NC_Leitfaden_web.pdf> (23.07.2014)
[11] Creative Commons <https://creativecommons.org/choose> (23.07.2014)
[12] OER IPR Support Project <http://www.web2rights.com/OERIPRSupport/> (23.07.2014)
[13] Public Domain Calculator, Europeana Connect <http://outofcopyright.eu/> (23.07.2014)

Zitation
Tagungsbericht: DARIAH-DE Workshop „Forschungsdaten für Andere“, 12.06.2014 – 13.06.2014 Mainz, in: H-Soz-Kult, 15.08.2014, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-5512>.
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Veröffentlicht am
15.08.2014
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