HT 2014: Ein verlorenes Jahrzehnt? Die 1970er-Jahre in Frankreich und Großbritannien

Ort
Göttingen
Veranstalter
Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHD); Verband der Geschichtslehrer Deutschlands (VGD)
Datum
23.09.2014 - 26.09.2014
Von
Arne Hordt, SFB 923 "Bedrohte Ordnungen", Eberhard Karls Universität Tübingen

Krisenzeiten sind goldene Zeiten für HistorikerInnen. Diese ‚überzeitliche‘ Wahrheit wurde durch die Sektion von Sonja Levsen und Jörg Arnold über „Die 1970er-Jahre in Frankreich und Großbritannien“ bestätigt. Der vergleichende Blick in die französischen und britischen Erzählungen über die 1970er-Jahre schützt davor, spezifisch deutsche Verläufe und Debatten vorschnell zu europäischen Entwicklungen zu erklären. Dementsprechend fragten alle Vortragenden nach der Funktion von Bedrohungsdiagnosen in ihrer jeweiligen Zeit. So wird Frankreich im Jahr 2014 vor allem in der deutschen Tagespresse zum „kranken Mann“ Europas erklärt. Die Vorgeschichte dazu lautet, dort habe man jene strukturellen Reformen verpasst, die Großbritannien unter Margaret Thatcher oder Deutschland unter Gerhard Schröder zu darlings der globalisierten Ökonomie gemacht hätten. Doch gelten die „années d’Estaing“ in Frankreich selbst als eine Periode erfolgreicher Modernisierung. Margaret Thatcher hingegen konnte im Jahr 1979 mit der Diagnose eines umfassenden Niedergangs der britischen Gesellschaft sogar Premierministerin ihres Landes werden.

Bereits in ihrer konzisen Einführung machte SONJA LEVSEN (Freiburg im Breisgau) deutlich: Es ist zwar sinnvoll die 1970er-Jahre als Zeitraum zu betrachten, dabei sollte aber weder einer simplen Dekadologie gehuldigt, noch bloße Dekonstruktion nationalgeschichtlicher Diskurse betrieben werden. Vielmehr komme es darauf an, die jeweilige Position von zeithistorischen Narrativen zu Vergangenheit und Gegenwart auszuloten. Mit Blick auf Großbritannien lasse sich dann einerseits ein „declinism“ in der Kultur der 1970er-Jahre diagnostizieren[1], andererseits ist zu fragen, warum sich gerade jene pessimistischen Selbstbeschreibungen durchsetzten.[2] In der französischen Zeitgeschichte scheinen die 1970er-Jahre gar nicht als eigene Dekade vorzukommen. In Standardwerken werden sie zumeist als Phase eines kulturellen Wandels in Folge des Jahres 1968 („l’entre-deux-Mai“[3]) oder als zweiter Modernisierungsschub ab Mitte der 1960er-Jahre („Les Vingt Décisives“[4]) aufgefasst. Vorstellungen von einem ‚Ende der Industriegesellschaft‘ konnten in Frankreich ebenso wenig reüssieren wie Ingleharts These vom „Wertewandel“[5]; erstaunlicherweise bestimmte nicht einmal die – aus deutscher Sicht typisch-französische – Diagnose einer „Postmoderne“ die öffentliche Debatte. In Frankreich blieben Selbstwahrnehmungen bis in die 1980er-Jahre auf Zukunft und technischen wie sozialen Fortschritt hin ausgerichtet.

In diesem Sinne sprach sich CHRISTIANE REINECKE (Paris / Hamburg) dafür aus, auch die Vorgeschichte der 1970er-Jahre umzuschreiben. In Frankreich dominiere für diese Zeit bis heute der Begriff „les trentes glorieuses“ nach Jean Fourastié.[6] Fourastié war ein regierungsnaher Sozialwissenschaftler, der die industrielle und soziale Modernisierung Frankreichs wissenschaftlich begleitete. Bei seiner Deutung handelt es sich also um eine gesellschaftliche Selbstbeschreibung, die in der Auseinandersetzung mit den Gegnern jenes Wandels entstanden sei. Neuere französische Arbeiten zeigten daher, wie das Bild einer konsensualen Nachkriegsgesellschaft in Wahrheit erst aus zeitgenössischen Konflikten am Ende jener drei Jahrzehnte entstand.[7] Reinecke stützte diese Neubewertung mit einer empirischen Untersuchung von Diskursen über die bidonvilles, Elendssiedlungen, die in ganz Frankreich bis in die 1970er-Jahre zum Bild der Großstädte gehörten und in denen vor allem Rück- und Zuwanderer aus Nordafrika unterkommen mussten. Die Diskussionen über jene Quartiere begannen Mitte der 1960er-Jahre und dauerten bis Mitte der 1970er-Jahre, sie überbrückten also den Strukturbruch und dienten primär dazu, ein Selbstbild Frankreichs als fortschrittliche, westliche Wohlstandsgesellschaft zu etablieren.

JÖRG ARNOLD (Nottingham) zeichnete dann einen Diskursstrang der britischen Kultur- und Sozialgeschichte nach, der gängigen Interpretationen der 1970er-Jahre als Krisenjahrzehnt zuwiderläuft. Den britischen Bergarbeitern gelang es, nach massenhaften Schließungen und Lohnverschlechterungen in den 1960er-Jahren, zu Beginn der 1970er-Jahre ihren Status zu heben. Sie erreichten durch Streiks massive Lohnerhöhungen und die politische Bedeutung der Steinkohle als einheimische Energiereserve stieg nach der ersten Ölkrise an. Dieser Wandel bot bereits in den 1970er-Jahren Anlass für Selbstverständigungsdebatten und neue Allianzen: Waren die erstarkten Bergarbeiter die Vorhut einer revolutionären Arbeiterbewegung oder ein Zeichen überbordender Gewerkschaftsmacht? Neue soziale Bewegungen und linke Sozialwissenschaftler unterlegten den ‚Gewinnen‘ der Bergleute eine positive politische Botschaft. Konservative Kräfte dagegen sahen darin eine Mahnung, die Macht der Gewerkschaften einzuschränken. Mit dem großen Streik von 1984-85 spitzten sich die Identifikationsbedürfnisse erneut zu. Die Niederlage der Gewerkschaft National Union of Mineworkers machte die Bergleute für viele zu „Leidensfiguren einer untergehenden Welt“, für andere verkörperten sie jetzt stärker als zuvor Werte wie Solidarität, Opferbereitschaft und „Gemeinschaft“. In den Augen ihrer Gegner bestätigte sich 1985 endgültig das Bild einer obsoleten, historisch zu überwindenden Form von Industriearbeit. Wiewohl Arnolds Argument insgesamt überzeugt, sei eine Anmerkung gestattet: Das schlechte Image des Steinkohlebergbaus in den 1960er-Jahren könnte überzeichnet sein. Zumindest in Bergbauregionen und im Unternehmen National Coal Board selbst herrschte während der 1960er-Jahre das Bild einer sich modernisierenden Industrie vor.[8]

Mit HÉLÈNE MIARD-DELACROIX (Paris) betrat anschließend eine Meisterin des Faches die Bühne. Miard-Delacroix wies zu Beginn auf die Bedingtheit aller zeithistorischen Fragestellungen hin: Einerseits präge die Wahrnehmung durch die Zeitgenossen die heutige Forschung, andererseits rühre das Interesse an der Vergangenheit aus heutigen Problemen her. In Frankreich seien die 1970er- und frühen 1980er-Jahre Zeiten eines dynamischen Wandels gewesen. Angesichts der Verfestigung neuer Teilidentitäten in der französischen Gesellschaft seit den 1980er-Jahren sei hervorzuheben: Sowohl das rechte als auch das linke politische Lager verfolgten in den 1970er-Jahren dynamische Integrationsversprechen für die gesamte Nation. Plakativ könne man sagen, Giscard d’Estaing sei eher mit Willy Brandt als mit Charles de Gaulles zu vergleichen. Erst seit 1979 seien die wirtschaftlichen Probleme „nach dem Boom“ nicht mehr als konjunkturelles, sondern als strukturelles Problem gesehen worden. Zugleich habe es im linken Lager – im Gegensatz zu Deutschland – erst Mitte der 1970er-Jahre eine breite Bewegung für Reformismus und Pragmatismus gegeben. Zentral erscheint Miard-Delacroix’ Hinweis, dass in der französischen Gesellschaft und Geschichtswissenschaft nach wie vor ein ungebrochenes Verhältnis zu „Modernität“ vorherrsche. Allgemeine Fortschrittskritik stand als Diskursfigur nicht zur Verfügung, weshalb die Wahrnehmungen eines Niedergangs in Frankreich sowohl bei linken als auch bei rechten Kräften in Form nationaler Rhetorik verarbeitet werden mussten. Bestimmte Bedrohungsdiagnosen in der französischen Gesellschaft seien schließlich selbst zu Faktoren von sozialem Wandel geworden, indem sie eine Renationalisierung politischer Gruppenidentitäten und Diskurse bewirkten.

NICOLE KRAMER (Frankfurt am Main) analysierte anschließend die Geschichte der Altenpflege in Großbritannien im Spannungsfeld zwischen etablierten Hilfsorganisationen und einem Sozialstaat im Wandel seit den 1970er-Jahren. Sie zeigte wie bestimmte Vorstellungen von Zivilgesellschaft und Selbsthilfe in Großbritannien mit nationalen Selbstbeschreibungen zusammenhängen. So gilt etwa die viktorianische Epoche zugleich als ein golden age der Philanthropie. Nach 1945 kam der sogenannte voluntary sector jedoch von zwei Seiten unter Druck. Zum einen beanspruchte der britische Sozialstaat nun, zahlreiche wohltätige Aufgaben im Rahmen staatlicher Fürsorge zu erledigen. Zum anderen herrschte innerhalb der zivilgesellschaftlichen Organisationen ein inhärenter Drang zur Professionalisierung. In den 1970er-Jahren lag die Altenpflege allerdings quer zu hergebrachten, emanzipativen Diskursen der Arbeiter- und Frauenbewegung: Hier arbeiteten Frauen – häufig unbezahlt und ohne große Anerkennung – im häuslichen Bereich, aber es war sowohl aus sozialreformerischer als auch aus feministischer Perspektive schwer, sich mit dieser Gruppe zu identifizieren. Thatcher verstand es, die freiwillige Hilfe von Frauen für Familienangehörige rhetorisch als moralische Stütze der Gesellschaft aufzuwerten. Doch faktisch gingen auch in ihrer Regierungszeit der Ausbau des Sozialstaats und die Professionalisierung der Altenpflege ungebremst weiter. Zum Schluss präsentierte Kramer divergierende Deutungen. Einerseits lasse sich eine gewisse Politisierung des Privaten beobachten; in den 1970er-Jahren wurden bestimmte Bereiche von Sozialstaatlichkeit zunehmend als individuelle Handlungsräume aufgefasst. Andererseits wurde die Arbeit von Hilfsorganisationen für alte Menschen depolitisiert, indem Fragen nach Gleichheit und Finanzierung zugunsten moralischer Deutungsmuster in den Hintergrund traten.

Im Kommentar zeigte DIETMAR SÜSS (Augsburg) vor allem weiterführende Perspektiven auf. Süß hob hervor, dass alle Beiträge eine Absage an glatte Erzählungen wie die „lost decade“ enthielten. Stattdessen hätten zu Recht Dynamiken von Wandel und Transformationsprozesse im Mittelpunkt der Untersuchungen gestanden. Klar sei herausgekommen, wie sich Zeitdiagnosen als Selbstbeschreibungen einer sozialwissenschaftlichen Elite in Konflikten um die Modernität von nationalen Gesellschaften entwickelt hätten. Süß stellte sieben konkrete Fragen an die einzelnen Beiträge und an die Sektion als Ganze: 1. Welche Rolle kommt dem Staat als Akteur in den 1970er-Jahren zu? 2. Welche Rolle spielten Gewalt und Militanz für das Selbstverständnis von Arbeitern in Konflikten? 3. Wie lassen sich Figuren der politischen Linken historisch verorten? Ließe sich z. B. eine Geschichte sozialer Bewegungen anhand von verschiedenen „Typen“ wie Francois Mitterand und Arthur Scargill erzählen? 4. Welche Rolle spielte das postkoloniale Erbe Frankreichs und Großbritanniens im Nexus von sozialem Wandel, Wohlfahrtsstaat und Konflikten? 5. Woher kamen die Schlüsselbegriffe der zeitgenössischen Debatten in Deutschland – „Fordismus“, „Ende der Zuversicht“, „Wandel der Arbeitsgesellschaft“ – wenn sie in den anderen Ländern kaum eine Rolle spielten? 6. Welchen Mehrwert bringt der britisch-französische Vergleich gegenüber Vergleichen, die von Deutschland ausgehen? 7. Welche Blindstellen produziert eine Geschichte von Wissensgesellschaften gegenüber einer akteurszentrierten Erfahrungsgeschichte?

Die Diskussion verlief insgesamt kontrovers. Viele ZuhörerInnen bestanden darauf, dass es in den 1970er-Jahren in ganz Europa durchaus sowohl revolutionäre Strukturbrüche als auch eine gemeineuropäische Krise des Reformsozialismus gegeben habe. Miard-Delacroix entgegnete, in Frankreich sei es in den 1970er-Jahren eben keineswegs um „soziale Demokratie“ gegangen, sondern darum, ob es überhaupt einen nicht-revolutionären Sozialismus geben könne. Reinecke betonte, dass die von ihr beschriebenen Mechanismen vor allem als moralisch aufgeladene Selbstbeschreibungen verstanden werden müssten, die eine neue Dynamik in reale soziale Prozesse hineingebracht hätten. Arnold differenzierte für Großbritannien zwischen verschiedenen Zeitebenen des industriellen Strukturbruchs: Die Krisendiagnosen der 1970er-Jahre hätten eine bestimmte Industriepolitik der Regierung Thatcher hervorgebracht, die in den 1980er-Jahren in einer massiven Deindustrialisierung resultierte. Das ursprüngliche Ziel der Reformen sei aber die Modernisierung der britischen Industrie gewesen. Mit Blick auf solche nichtintendierten Nebenfolgen politischen Handelns sei es sinnvoller, nicht bloß einen Strukturbruch zu Beginn der 1970er-Jahre zugrunde zu legen.

Die kontroverse Diskussion am Schluss zeigte, dass die Sektion inhaltlich und methodisch erfolgreich war. Denn alle Vortragenden machten Zeitlichkeit selbst zum Thema ihrer Untersuchungen und so lief hinter den empirisch fundierten Fallstudien stets die Frage nach den temporalen Selbstverortungen der Akteure mit: Wer bezeichnete was mit welchen Absichten als zeitgemäß und modern? Eine solche ‚chronopolitische‘ Doppelbödigkeit mag auf den ersten Blick einer ‚soliden’ historischen Analyse zuwiderlaufen; dieser Eindruck drängte sich zumindest nach einigen Fragen aus dem Publikum auf. In Wahrheit ergänzt sie aber das zeithistorische Methodenarsenal und verleiht Fragen nach „Gewinnern und Verlierern“ oder „verlorenen Jahrzehnten“ erst eine produktive historische Tiefenschärfe. In diesem Sinne war die Sektion eine Lehrstunde darin, wie eine kritische Zeitgeschichte etablierte Deutungsmuster aufbrechen kann, um daraus neue Erkenntnisse zu gewinnen.

Sektionsübersicht:

Sektionsleitung: Jörg Arnold (Nottingham) / Sonja Levsen (Freiburg im Breisgau)

Sonja Levsen (Freiburg im Breisgau), Einführung

Christiane Reinecke (Paris / Hamburg), Die dunkle Seite des Wachstums. Zu einer Neubewertung der „Trente Glorieuses“ in der französischen Zeitgeschichte

Jörg Arnold (Nottingham), Vom Verlierer zum Gewinner – und zurück. Der „coal miner“ als Schlüsselfigur der britischen Zeitgeschichte

Hélène Miard-Delacroix (Paris), Zwischen Bewegung und Versteifung. Frankreich in den 1970er-Jahren

Nicole Kramer (Frankfurt am Main), Kehrseiten des Krisenjahrzehnts. Neue Herausforderungen und gesellschaftliche Innovationen in Großbritannien

Dietmar Süß (Augsburg), Kommentar

Anmerkungen:
[1] Jim Tomlinson, Inventing ‚Decline’, iin: English Historical Review 49 (1996), S. 731–757.
[2] Lawrence Black/Hugh Pemberton/Pat Thane (Hrsg.), Reassessing 1970s Britain, Manchester 2013.
[3] Pascal Ory, L´Entre-Deux-Mai. Histoire culturelle de la France. Mai 1968 - Mai 1981, Paris 1983.
[4] Jean-François Sirinelli, Les vingt décisives, 1965-1985. Le passé proche de notre avenir, Paris 2007.
[5] Ronald Inglehart, The Silent Revolution. Changing Values and Political Styles among Western Publics, Princeton NJ 1977.
[6] Jean Fourastié, Les trente glorieuses: ou la revolution invisible de 1946 à 1975, Paris 1979.
[7] Céline Pessis/Sezin Topcu/Christophe Bonneuil (Hrsg.), Une autre histoire des “trente glorieuses”. Modernisation, contestations et pollutions dans la France d’après guerre, Paris 2013.
[8] William Ashworth, The History of the British Coal Industry Volume 5. 1946-1982: The Nationalized Industry, Oxford 1986, hier S. 320–328.

Zitation
Tagungsbericht: HT 2014: Ein verlorenes Jahrzehnt? Die 1970er-Jahre in Frankreich und Großbritannien, 23.09.2014 – 26.09.2014 Göttingen, in: H-Soz-Kult, 31.10.2014, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-5644>.