HT 2014: Gewinner und Verlierer im medialen Geschichtsunterricht: Personalisierung von historischen Persönlichkeiten in den öffentlich-rechtlichen Medien

Ort
Göttingen
Veranstalter
Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHD); Verband der Geschichtslehrer Deutschlands (VGD)
Datum
23.09.2014 - 26.09.2014
Von
Niko Lamprecht, Bundesvorstandsmitglied Verband der Geschichtslehrer Deutschlands, Wiesbaden

Der Verband der Geschichtslehrer (VGD) stellte in Fortführung der Mediensektion von Mainz 2012 beim Göttinger Historikertag die laufenden Kooperationsprojekte vor. Nach wie vor ist es das Ziel, geeignete multimediale Angebote für einen aktuellen und zeitgemäßen Geschichtsunterricht zu entwickeln und auszubauen.

Zahlreiche Studien sowie allgemeine Unterrichtsbeobachtungen belegen den rapiden Vormarsch und die evolutionäre Dynamik der Neuen Medien (Smartphones, Tablets etc.). In der gut besuchten Sektion wurden Kooperationsprojekte mit den Medienpartnern MDR und ZDF vorgestellt. Dabei wurden diese in gebotener Kürze präsentiert und auf ihre didaktische Wirksamkeit hin analysiert. Im nachfolgenden Plenum bestand Einigkeit, dass im Internet-Zeitalter multimediale Angebote für einen aktuellen und an die Lebenswirklichkeit der Jugend anknüpfenden Unterricht unverzichtbar seien. Detail-, Rezeptions- und Reflexionsprobleme bleiben natürlich bei jedem dieser Vorhaben bestehen.

In zwei knappen Einführungen zeigten Sektionsleiter CHRISTIAN JUNG (Bietigheim-Bissingen) und VGD-Bundesvorstandsmitglied und Co-Sektionsleiter NIKO LAMPRECHT (Wiesbaden) aus verschiedenen Perspektiven die mediale Wirklichkeit sowie die Einwirkung der medienaffinen (wenn nicht sogar medienfixierten) Jugend auf die Unterrichtsführung auf. Christian Jung erwähnte an Beispielen aus der Unterrichtspraxis die Gefahren unreflektierter Internetrecherchen, die z.B. zu über Google, Wikipedia oder Youtube sowie bewusst ins Netz gestellten, aber für junge Menschen nicht immer als solche zu erkennende Fehlinformationen gewonnenen Legenden führen können. Die Lehrkraft wäre hierdurch immer stärker in der Verantwortung, einen medialen Lotsendienst anzubieten – und trotzdem den Griff zur traditionellen Schriftquelle zu erhalten oder zu befördern. Auch Niko Lamprecht betonte die nötige Vernetzung neuer internetgebundener Unterrichtschancen (Medien als „Gewinnerthema“) mit den traditionell üblichen Aneignungswegen (über das „Verliererthema“ Buch, welches in der Verknüpfung dann wiederum neue Relevanz gewinnt). Neue Studien belegten aus seiner Sicht die Dringlichkeit einer Ein- und Umstellung des Geschichtsunterrichts auf die „revolutionäre“ Veränderung des Mediennutzungsverhaltens. Jugendliche zwischen zwölf bis 19 Jahren lösten ihre Hausaufgaben und Bildungsbedürfnisse mittlerweile mit täglich 48 Minuten im Internet – die vergleichbaren Print-Lektürezeiten seien deutlich niedriger. [1] „Sehr dynamisch ist auch der Anstieg der Online-Nutzung in der benannten Alterskohorte – von 2006 zu 2013 stieg dieser Gesamtwert von 2006 (40 Minuten) über 2012 (132 Minuten) bis 2013 dramatisch an (auf 180 Minuten!)“, betonte Lamprecht.

Unsere Schülerinnen und Schüler würden dabei durch ihr Nutzerverhalten auch zeigen, dass neben dem „Altmedium“ Buch selbst das Fernsehen in den Hintergrund tritt. Der Geschichtsunterricht müsse daher diese Lebenswirklichkeit aufgreifen und – trotz etwaiger Konflikte zwischen dem tendenziell unterhaltenden Medium Film/Multimediaportal und dem tendenziell „trocken“ belehrenden Schulunterricht – moderne Verknüpfungen und Angebote generieren. Auf diesem in der Regel motivierenden Weg sei durchaus die Rückkopplung zu den traditionellen Quellen bzw. Informationswegen nötig.

Inhaltlich ging es in der Folge um ein seit einem Jahr fertig gestelltes Internetportal zur DDR-Geschichte („Eure Geschichte“, MDR) und um die Anschlussprojekte des ZDF nach der erfolgreichen Serie „Die Deutschen“.

JOACHIM HORN (Leipzig) stellte als Geschichtsredakteur des MDR das in Kooperation von VGD und MDR entstandene Lernportal zur DDR-Geschichte „Eure Geschichte“ vor. Dieses entstand mit großzügiger Unterstützung der Bundesstiftung Aufarbeitung der SED-Diktatur und habe zu einer erstaunlich hohen und stabilen Online-Nutzung geführt. Der MDR wolle hierdurch seinem öffentlich-rechtlichen Bildungsauftrag nachkommen und sein Portal „Damals im Osten“ sinnvoll ergänzen. Deshalb seien die verfügbaren Audio- und Videodateien (DDR-Archivbestände und neuere Zeitzeugeninterviews) von PädagogInnen und MedienmacherInnen gemeinsam didaktisiert worden. Das entstandene Portal biete mit den nach Themenfeldern geordneten Bausteinen ein vernetztes und komplettes Angebot, welches direkt und flexibel im Unterricht einsetzbar sei. Horn wies auf die unterschiedlichen Perspektiven der Opfer (Verlierer vor 1989) und Täter (oft Verlierer nach 1989) und die unterschiedlichen Verarbeitungswege und -zyklen der Nach-NS- und DDR-Zeit hin. Ein Vierteljahrhundert nach der Wende sei es nach wie vor notwendig, generell aufzuklären – und gleichzeitig die unterschiedliche Rezeption der ehemals Betroffenen bzw. in Ost und West zu beachten. „Eure Geschichte“ habe hierbei eine gesamtdeutsche Zielgruppe.

Nachfolgend präsentierte Horn einen DDR-Filmausschnitt zum Evangelischen Kirchentag 1987 (Ostberlin), welcher durch flankierende Online-Angebote zu den Hintergründen (Verhältnis Staat und Kirche) und weiteren Fragestellungen didaktisiert wurde. Das Format der Videos und Audiodateien sei generell knapp (zwischen 3-7 Minuten) bemessen worden, um dem Nutzerverhalten von Jugendlichen entgegenzukommen.

Die Rückmeldungen von ganz unterschiedlichen BenutzerInnen des Portals und die Nutzerzahlen zeigten nach wie vor, dass die gewünschte Motivationsebene mit „Eure Geschichte“ herstellbar sei. „Das Portal wird sehr stetig angenommen“, so Joachim Horn. Für weitere Resonanz aus dem Schulbereich sei der MDR offen und auch dankbar, ein Relaunch des Portals sei für 2015 geplant.

STEFAN BRAUBURGER (Mainz), Leiter der ZDF-Redaktion Zeitgeschichte, stellte nach einer kurzen Darstellung der Erfolge und hohen Nutzerquoten bei der zum Klassiker gewordenen „Die Deutschen“-Serie neue Projekte des ZDF vor. Neben einer Reihe zum Ersten Weltkrieg und dem Zeitzeugen-Portal „Gedächtnis der Nation“ (mit Unterrichtsangeboten des VGD) sei besonders die Reihe „Frauen, die Geschichte machten“ (mit sechs Persönlichkeiten von Kleopatra bis Sophie Scholl) erwähnenswert, zu welcher VGD-Autoren didaktische Angebote für das Internet beisteuerten.

Brauburger arbeitete in seinem Vortrag heraus, dass die Partner VGD und ZDF das gemeinsame Ziel verfolgen, jüngere Menschen für Geschichte zu gewinnen und trotz unterschiedlicher Herangehens- und Arbeitsweisen dabei voneinander profitieren könnten. Das ZDF erreiche über die Geschichtsfilme jüngere Menschen (vergleiche die sonstige Überalterung der TV-Nutzer), der VGD bzw. die Schule über das Mittel der filmischen Personalisierung bzw. Inszenierung motivationale Zugänge im Unterricht.

Nachfolgend zeigte Brauburger Filmausschnitte zu Sophie Scholl, bei denen neue Filmszenen, historische Einblendungen und narrative Elemente (Ich-Erzählung) sich ergänzen würden.

Für Brauburger steht die Vermittlung von Geschichte durch Medien und Unterrichtspartner unter dem Vorzeichen, je nach thematischer Ausrichtung auch Unterhaltung und Wissenstransfer zu verbinden, dies treffe bei einigen Folgen der Frauen-Reihe mehr zu, bei anderen weniger. Insgesamt habe aber z.B. der Sophie Scholl-Film auch ohne Historiker-Kommentare (vgl. „Die Deutschen“) den aktuellen Forschungsstand einbezogen, ein breites Publikum erreicht und gerade durch den persönlichen Zugang das Potenzial besessen, „nachdenklich zu machen“.

RALPH ERBAR (Mainz), seit dem Historikertag 2012 neuer stellvertretender Bundesvorsitzender des VGD, analysierte als nächster Referent die didaktischen Aspekte zu den ZDF-Projekten. „Ohne Zweifel besteht auch weiterhin ein gewisses Spannungsverhältnis, aber keineswegs ein Widerspruch zwischen der Darstellung historischer Ereignisse und Persönlichkeiten in den Medien, hier beschränkt auf das ZDF, und den Aufgaben des Geschichtsunterrichts“, sagte Erbar.

Am Beispiel von Sophie Scholl zeigte er das Kernproblem der medialen Darstellung auf – was wird gezeigt, woher kommt dieses „Bild“ bzw. diese „Erzählung“, wieso wird Sophie Scholl in Ost- und Westdeutschland zu einer Art „Seele“ des Widerstands? An verschiedenen Belegen (Briefmarken der DDR / Bundesrepublik, Sichtweisen und biographische Deutungen der „Weiße Rose“-Überlebenden zu den Geschwistern Scholl) zeigte er die mögliche Differenzierung hinter dem naturgemäß vereinfachenden ZDF-Film auf und hinterfragte auch eine der Schlüsselszenen – das Filmzitat aus der Verhörszene (O-Ton Sophie Scholl: „Ich hätte mich wahrscheinlich herausreden können!“) sei nicht nachweisbar, wodurch z.B. die Frage nach dem bewussten Widerstands-Status der „Ikone“ Sophie Scholl schwer klärbar sei.

Allerdings würden die im Bundesarchiv erreichbaren Protokolle einen sinngemäßen Bezug zum Filmzitat decken, und gerade die über den Film unterrichtlich anzustoßende Frage- und Reflexionshaltung („Stimmt das eigentlich…?“) sei eine der Chancen der schulischen Nutzung des ZDF-Films. Das reflexive „Fragen nach der Geschichte“ wäre also über den Film genauso erreichbar wie bei anderen Quellen, ebenso bei entsprechender Medienkompetenz von Lehrkräften und/oder SchülerInnen die Frage nach Deutungshoheiten oder Setzungen der Erinnerungskultur – und somit die Problematisierung der Entstehung von Gewinner- und Verliererthemen oder -personen.

Film und Internetangebot als „Interpretation von Wirklichkeit“ würden somit Chancen bieten, die bei einem problembewussten, didaktisch reduzierten und zielgeführten Unterrichtseinsatz zum Erfolg führen könnten.

Der Kommentar von VADIM OSWALT (Gießen) umriss das Bezugsfeld der Medienprojekte anhand aktueller Entwicklungen (bspw. Web 2.0 oder auch MrWissen2go über Youtube) und der verschwimmenden Grenzen von Fiktion und Fakten in Film und Internet. Die virtuelle Welt werde längst „zum primären Referenzraum für Bildungserfahrungen“, Geschichtsbilder würden längst außerhalb von Schule geprägt.

Die Frage nach „Kollision oder Komplementarität“ der Kooperation von Medien und VGD sei insofern differenziert zu betrachten. Die sicherlich eintretende Nutzbarkeit und „Wechselwirkung“ sollte hierbei aber sauber die Fiktionalität und auch Verkürzung medialer Konstruktionen beachten, ein „Muster kognitiver Betrachtung“ sei in jedem Fall als eine Art „Filter“ notwendig. Bei der Serie „Große Frauen“ (ZDF) seien hier z.B. bei Sophie Scholl deutliche Hinweise auf die unterschiedlichen Filmebenen (Originalausschnitte aus NS-Wochenschauen, neue Spielszenen, fiktionale Ich-Erzählung) notwendig, wie von Erbar geschildert. Hierdurch könne ein „eigenes Feld historischer Urteilsbildung“ entstehen, außerdem ein Übungsraum zum Kompetenzfeld Medienanalyse.

Die Unterrichtsmaterialien des VGD würden diese nötige Reflexionsebene ansprechen, was aber noch stärker wünschenswert bzw. zu betonen sei. Im Sinne der Begegnung historischen Lernens und geschichtskultureller Institutionen seien die Überlegungen und Projekte zur Kooperation „formeller“ und „informeller“ Bildungspartner aber sicher zeitgerecht.

Die Sektion führte im letzten Teil zu Fragen aus dem Plenum, die neben einzelnen thematisch orientierten Rückmeldungen ebenso die Frage nach der Sachgerechtigkeit der gezeigten Filmdarstellungen oder auch nach der Messbarkeit ihrer Wirkung aufwarfen. Zu letzterer Frage antwortete Stefan Brauburger in dem Sinn, dass man – bei aller berechtigen Detailkritik und trotz der Schwierigkeit objektiver Befunde zu den Auswirkungen – beim ZDF ein Bekenntnis „zur Emotionalität“ der Geschichtsfilme ablege. Nur so seien Zugänge und weiterführende Anstöße erreichbar. Andere Beiträge dokumentierten eher das Verständnis für die Nutzung der Neuen Medien im Geschichtsunterricht. Aus Zeitgründen konnten leider nicht alle Fragen beantwortet werden.

Der Geschichtsunterricht sollte sich aus Sicht der VGD-Sektionsleiter somit weiterhin intensiv dem Thema der Mediendidaktik widmen, um wenigstens in Sichtweite der medialen Lebenswelt unserer Schülerschaft zu bleiben. Auch hierbei bleibe es natürlich das Kerngeschäft der Lehrkräfte, Orientierungs- und Deutungshilfen zu geben!

Sektionsübersicht:

Sektionsleitung: Christian Jung (Bietigheim-Bissingen) / Niko Lamprecht (Wiesbaden)

Christian Jung (Bietigheim-Bissingen), Einführung

Niko Lamprecht (Wiesbaden), „Von der Personalisierung von historischen Personen bis zur gelungenen Unterrichtsstunde”. Materialien des VGH im Rahmen der bisherigen Kooperationen mit dem MDR und dem ZDF

Joachim Horn (Leipzig, MDR), Wenn Verlierer und Gewinner ihre Geschichten erzählen und Jugendliche erreichen sollen. „Eure Geschichte“. Das Schulprojekt zur DDR (MDR)

Stefan Brauburger (Mainz, ZDF), Die Ich-Perspektive in der medialen Geschichtsdarstellung. „Sophie Scholl – Frauen, die Geschichte machten“ und aktuelle Angebote zum Ersten Weltkrieg (ZDF)

Ralph Erbar (Mainz), Sophie Scholl. Die Seele des Widerstands? Über Gewinner und Verlierer in der medialen und schulischen Erinnerungskultur

Vadim Oswalt (Gießen), Kommentar. Wenn Siege oder das historische Scheitern zur Unterhaltung werden. Neue Medienprodukte und Geschichtsunterricht aus geschichtsdidaktischer Perspektive

Anmerkung:
[1] Philipp Sickmann, „Immer online, nie mehr allein“, im “Tagesspiegel“ vom 22.3.2014: <http://www.tagesspiegel.de/medien/mediennutzung-von-jugendlichen-immer-online-nie-mehr-allein/9652054.html> (12.7.2014); Internationales Zentralinstitut für das Jugend- und Bildungsfernsehen / IZI-Studie 2013/14: <http://www.br-online.de/jugend/izi/deutsch/Jugend_Medien_2014_final.pdf> (12.7.2014); JIM-Studie über: Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest: <http://www.mpfs.de/index.php?id=624> (12.7.2014)

Zitation
Tagungsbericht: HT 2014: Gewinner und Verlierer im medialen Geschichtsunterricht: Personalisierung von historischen Persönlichkeiten in den öffentlich-rechtlichen Medien, 23.09.2014 – 26.09.2014 Göttingen, in: H-Soz-Kult, 14.11.2014, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-5654>.
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Veröffentlicht am
14.11.2014
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