Akademische Freiheit oder akademische Frechheit? Studentische Identität, universitäre Konflikte und obrigkeitliche Disziplinierung vom Spätmittelalter bis zur Gegenwart

Ort
Paris
Veranstalter
Deutsches Historisches Institut Paris
Datum
23.06.2014 - 27.06.2014
Von
Johan Lange, Deutsches Historisches Institut Paris; Nora Sinn, Saarbrücken

Vom 23.-27. Juni 2014 luden Marian Füssel (Universität Göttingen), Johan Lange (Deutsches Historisches Institut Paris) und Jean-Luc Le Cam (Université de Bretagne Occidentale) zu einer Sommeruniversität unter dem Motto „Akademische Freiheit oder akademische Frechheit?“ ein, um den Forschungsstand der Universitätsgeschichte in Deutschland und Frankreich aufzuarbeiten sowie aktuelle Forschungsprojekte zu diskutieren.

MARCEL BUBERT (Göttingen) referierte über die Beziehungen der Pariser Scholaren zu ihrem städtischen Umfeld im 13. Jahrhundert, die sich in den gewaltsamen Auseinandersetzungen der Studenten mit der Pariser Stadtbevölkerung manifestierten. Die spannungsvollen und gewaltsamen Relationen der Pariser Scholaren zu anderen sozialen Gruppen der Stadt erfüllten Bubert zufolge bereits seit den Anfängen der Universität Paris eine identitätsstiftende Funktion, die sich als reziproke Profilierung sozialer Identitäten innerhalb des städtischen Milieus beschreiben ließe. Das gewaltsame Verhalten der Pariser Studenten, wie es in den Quellen geschildert wird, erscheint gleichsam als eine Artikulation von Ansprüchen auf sozialen Raum, der ihnen von ihrer tendenziell feindlichen Umgebung nicht per se zuerkannt und immer wieder streitig gemacht wurde.

IRENE RETTIG (Bern) untersucht die englisch-deutsche Nation der Pariser Universität. Die Veränderung der Herkunftsorte dieses politisch-sozialen Verbands lässt sich anhand der Libri procuratorum von 1333–1492 und der Libri receptorum von 1425–1494 gut untersuchen. Im Zeitraum 1333–1394 erreichten ca. 3.000 Mitglieder der englisch-deutschen Nation das Bakkalaureat, ca. 60 Prozent davon stammten aus dem Reich und ein Viertel aus der Kirchenprovinz Köln. Im Rahmen des Projekts „Repertorium Academicum Germanicum“ verfolgt Rettig die Laufbahn von Studenten und Magistern der englisch-deutschen Nation für das 15. Jahrhundert, um die Zirkulation von Personen und Wissen zwischen dem Rheinland und der Pariser Universität zu erforschen.

MARTINA HACKE (Düsseldorf) präsentierte ihre Forschungsergebnisse zu den Boten der Nationen der Universität von Paris. Die königlich privilegierten ‚Boten‘ transportierten für Studenten Päckchen, Briefe und verschiedene Güter wie z.B. Medikamente. Als größte Mitarbeitergruppe der Universität – auf 10.000 Studenten kamen 228 Bedienstete, von denen 160 Boten waren – besaßen sie auch das Privileg der Zoll- und Steuerfreiheit. So kam es im 15. Jahrhundert bald zu zahlreichen Missbrauchsvorwürfen. Die Zahl der Klagen stand aber in keinem Verhältnis zur Anzahl der nachweisbaren Missbräuche. Hacke schlussfolgerte, dass die Beschuldigungen als propagandistischer Versuch zu werten seien, um universitäre Rechte zu beschränken und Steuereinnahmen zu erhöhen.

MAXIMILIAN SCHUH (Heidelberg) untersuchte anhand überlieferter Vorlesungsmitschriften des 15. Jahrhunderts den Vorlesungsbetrieb an der Universität Ingolstadt. Behandelte Texte wurden üblicherweise vor Vorlesungsbeginn handschriftlich kopiert. In den Vorlesungen selbst glossierten die Studenten ihre Abschrift. Wenn die Glossierung über ein bis zwei Seiten abbricht, kann hieraus geschlossen werden, dass der Student eine Vorlesungsstunde verpasst hatte. Folglich wurde nur sehr wenig Lehrstoff in einer Vorlesung durchgenommen, dafür aber intensiv besprochen. Die als überlieferungswürdig eingestuften Vorlesungsnotizen wurden häufig ins Reine geschrieben. Es finden sich zahlreiche lebensnahe Beispiele, die auf die aktive Beherrschung des Lateinischen hinweisen, wie z.B.: „Die Universität Ingolstadt ist viel leistungsstärker als die Universität Leipzig“ oder „Johannes Stetmeister ist weitaus beliebter bei den Mädchen als die anderen Bakkalare“.

Die Studentenschaft der Vormoderne bildete eine Standeskultur auf Zeit, welche sich vor dem Hintergrund einer städtischen Lebenswelt als zwangszölibatäre Gemeinschaft junger Männer formierte. MARIAN FÜSSEL (Göttingen) zeigte, wie im Schutz der akademischen Gerichtsbarkeit hieraus eine spezifische studentische Standeskultur der Devianz entstand. Er stellte die Vielfalt, aber auch die oftmals stereotypen Rituale des studentischen (Alltags)lebens von der „Fuchsentaufe“ bis zum Duell vor. Für das Ende des 18. Jahrhunderts konstatierte Füssel einen Mentalitätswandel der Studentenschaft, der sich in einer zunehmenden Disziplinierung, Akademisierung und Gentrifizierung niederschlug. Forschungsbedarf besteht laut Füssel unter anderem im Rahmen der nach wie vor vernachlässigten Themenfelder der studentischen Migration und der spezifischen Praktiken des Lehrens und Lernens. Eine „Praxeologie studentischer Lebensweisen“ stehe nach wie vor aus.

Die Universität als Ort studentischen Scheiterns thematisierte JOHAN LANGE (Paris). Das 18. Jahrhundert zeigt im deutschsprachigen Raum einen breiten normativen Diskurs zum richtigen Studieren. Eine vergleichbare Ratgeberliteratur fehlt jedoch für Frankreich. Zur Erklärung verwies Lange auf das für die protestantischen Universitäten des Alten Reiches wesentliche Strukturmerkmal nur schwach ausgeprägter Kontroll- und Sanktionsmechanismen bei studentischem Fehlverhalten. Die auf Internalisierung von Verhaltensnormen angelegte Ratgeberliteratur füllte diese Lücke. Um 1800 verlor die Ratgeberliteratur weitgehend ihre moralische Dimension. Fehlverhalten wurde nun zu einem administrativen Problem, das in Universitätsreformschriften verhandelt wurde.

MIRIAM MÜLLER (Göttingen) untersuchte Selbstrechtfertigungen von Studenten anhand von Briefen und Autobiografien. Der eigene Fleiß wurde von Studierenden selbstbewusst gegenüber Eltern und Vormündern behauptet. Müller unterscheidet dabei ‚das Versprechen‘, ‚den Bericht‘ und ‚den Beweis‘ als die drei wesentlichen Inszenierungsstrategien, die Studierende nutzten, um sich als „fleißigen Studiosus“ zu präsentieren. Auf diese Weise versprachen die Briefeschreiber eifrig an ihren Studien festzuhalten, ließen ihren Förderern regelmäßig detaillierte Berichte über den Inhalt ihres alltäglichen Unterrichts zukommen oder bewiesen das gewonnene Wissen durch eigene Aufsätze oder den Gebrauch einer neu erlernten Fremdsprache.

Die studentischen Tumulte der Jahre 1735 bis 1806 untersuchte STEFFEN HÖLSCHER (Göttingen) für die Universitäten Jena, Halle, Göttingen und Gießen. Studentische Auszüge als Boykott von Stadt und Universität wie auch feierliche studentische Wiedereinzüge waren Formen einer symbolischen Kommunikation. Der Begriff der „akademischen Freiheit“ als semantischer Knotenpunkt für die Bezeichnung studentischer Ehrvorstellungen und Autonomieforderungen war omnipräsent, wohingegen das Vokabular der Französischen Revolution nur in Ausnahmefällen instrumentalisiert wurde. Das studentische Konkurrenzverhältnis zu Bürgern und dem örtlich stationierten Militär schlug sich in Gewaltexzessen nieder. Insbesondere ein gesteigertes studentisches Selbst- und Gruppenbewusstsein habe zu spontanen gewaltsamen Protesten und feierlichen Auszügen mit der Gründung von „Studentendörfern“ beigetragen. Der ökonomische Schaden für Stadt und Universität erwies sich als konkretes Druckmittel. Dennoch nahm die Durchsetzungsfähigkeit studentischer Proteste im Laufe der Zeit ab.

Die studentische Einflussnahme auf universitäre Karrieren in der Frühen Neuzeit darf laut KIRSTEN VAN ELTENs (Wolfenbüttel) Ausführungen nicht unterschätzt werden. Am Beispiel der Universität Helmstedt bemerkte sie vor allem beim Sprach- und Fechtunterricht eine aktive studentische Einmischung bei der Einsetzung von entsprechenden Lehrbeauftragten an der Universität. Die studentische Befürwortung von Dozenten und Professoren, die sich in hohen Hörerzahlen, „Applaus“ und zahlreichen Bittschriften zur Anwerbung eines bestimmten Bewerbers niederschlug, erscheint neben den Patronagenetzwerken und einer hohen Publikationszahl der Bewerber um einen Lehrstuhl als weiteres maßgebliches Einstellungskriterium. Der Berufungskompetenz des Fürsten kam im Falle Helmstedts ein großes Gewicht zu, weshalb studentische Petitionen für die Anstellung ihres Favoriten sich an die Landeshoheit und nicht an die Universität richteten.

JEAN-LUC LE CAM (Brest/Quimper) beschäftigte sich mit inner- und außeruniversitären Autoritätsvorstellungen und Herrschaftskompetenzen an deutschen protestantischen Universitäten im Verlauf der Neuzeit und identifizierte vier maßgebliche Typen von Autoritätskonflikten: die Auflehnung gegen die materiellen Bedingungen der Studenten, gegen Verletzungen ihrer Ehre oder ihres Status, die Revolte als politischer oder konfessioneller Aufruhr und die Konfrontation mit der Stadtverwaltung oder der städtischen Gesellschaft. Obwohl die zu beobachtenden Verhaltensweisen auch grundsätzlich im Rest der Gesellschaft nachweisbar seien, ist ihnen eine spezifisch universitäre Ausprägung eigen, ebenso wie sich jene Konflikte durch ihre soziale Differenzierung auszeichnen. Das Pochen auf die „akademische Freiheit“ führte immer wieder zu Konflikten zwischen der Stadtverwaltung und den Universitäten, die sich über ihre Gerichtshoheit und deren Ausübung einigen mussten.

CHRISTIAN GRÜNDIG (Dresden) thematisierte Konfliktfelder und Konfliktaustragungen im Spannungsfeld von Universität und Buchhandel am Beispiel der Universitätsstadt Leipzig im 18. Jahrhundert. Gründig zufolge betrat die akademische Freiheit durch die von Studenten genutzten Druckmedien die „Bühne der Medienwelt“. Die Leipziger Studenten bedienten sich im 18. Jahrhundert vermehrt der Druckerpresse, indem sie als Autoren von Schmähschriften auftraten. Als Kupferstecher und Korrektoren konnten Studierende zudem eine gewisse wirtschaftliche Autonomie erlangen, was ihnen zusätzliches Selbstbewusstsein in Konflikten sicherte.

ANGELA HEINEMANN (Duisburg) unternahm einen Vergleich des studentischen Verbindungswesens der Zeit um 1770 mit der späteren Burschenschaftsbewegung am Beispiel der Universität Jena. Während sich die Landsmannschaften der 1770er-Jahre vornehmlich geographisch definierten und deren Zusammenschlüsse häufig keine festen Strukturen besaßen, waren die seit 1770 gegründeten geheimen Studentenorden durch hierarchische Strukturen und das Lebensbundprinzip geprägt und mussten sich aufgrund ihres ‚Unruhepotenzials‘ bald gegen Sanktionierungsversuche der Obrigkeiten behaupten. Die Verfolgung der Studentenorden war vor allem moralisch und nicht politisch motiviert. Ein koordiniertes Vorgehen der protestantischen Universitäten 1793 konnte die Studentenorden unterdrücken. Im Vergleich zu den Landsmannschaften zeichnete sich die Urburschenschaft in Jena unter dem Einfluss der politischen Professoren der Universität in den Jahren 1815–1819 vor allem durch ihr nationalistisch-patriotisches „deutsches“ Bewusstsein aus. Die gewandelten Ehrvorstellungen der Landsmannschaften werden durch eine verringerte Anzahl von Duellen, Aufrufen zur Verbesserung der Sitten sowie durch zahlreiche friedliche kollektive Praktiken und Handlungen offenkundig (Singen, Turnen, Wartburgfest).

Die Rolle von Studentenorganisationen bei der Eingliederung der Studenten in die Gesellschaft hinterfragte ANTONIN DUBOIS (Heidelberg/Paris) am Beispiel der „Association Générale des Étudiants de Paris“ (AGEP) und der Burschenschaft „Allemannia“ zu Heidelberg in den Jahren 1870 bis 1914. Dubois kritisierte Émile Durkheims These[1], dass Studentenverbindungen keine dauerhaften Bindungen schufen, die für das spätere Leben von Relevanz seien. So konnte Dubois nachweisen, dass diese Organisationen den Studenten in die bürgerliche Gesellschaft eingliederten. Besondere Formen der Geselligkeit, politische Diskussionen und ein gemeinsames Auftreten in der Öffentlichkeit banden die Studenten an die männlichen Identitätskonstruktionen eines „echten Franzosen“ oder „wahren Deutschen“.

Der Wechsel der staatlichen Zugehörigkeit des Elsasses leitete in den 1870er-Jahren in Straßburg grundlegende Universitätsreformen und eine ambitiöse Baupolitik ein. LUCIE MARTIN IDRE (Paris) zufolge stand die Lehre in den Jahren zwischen 1872 und 1918 stets im Zwiespalt zwischen einer vaterländisch-patriotischen und damit politischen Aufgabe und ihrer wissenschaftlichen Bestimmung. Insbesondere die Geschichtswissenschaft wurde im Dienste der staatlichen Integrationsbemühungen instrumentalisiert, um dem elsässischen Volk eine deutsch-patriotische Gesinnung zu vermitteln. Dennoch hielt sich unter den sogenannten „Alsaciens de souche“, den elsässischen Studenten, ein Bewusstsein für ihr französisches Erbe, was sich in symbolischen Protesten und einer regelrechten politisch-sozialen Segregation im Freizeitverhalten der Studierenden feststellen ließ.

Eine Dekade vor den Studentenprotesten von 1968 wurden in der Geschichtsfakultät der Universität Amsterdam bereits jene sozialen und intellektuellen Konflikte virulent, die später zu den großen Studentenprotesten in den Niederlanden führten. NIELS GRAAFs (Amsterdam) Untersuchungen zufolge war einer der Gründe hierfür die steigende Zahl von Geschichtsstudenten aus den unteren sozialen Schichten seit 1950 und dem damit einhergehenden Mentalitätswandel der Studierenden. Die Anwesenheit dieser protestbereiten, teilzeitarbeitenden Studierenden führte zu einschlägigen Forderungen nach einer praxisorientierten Ausbildung und universitären Reformen zur politischen Partizipation der Studierenden, etwa im Bereich der Lehrplangestaltung.

Konflikte bei der Einführung des Frauenstudiums im deutschen Kaiserreich behandelte DIANA MORGENROTH (Chemnitz). Öffentlicher Widerstand gegen die Öffnung des Studiums für Frauen kam vor allem aus den Reihen der Professorenschaft. In einer Analyse der Bildungskarrieren der ersten Studentinnen zeigte Morgenroth, dass diese über außeruniversitäre Vorbildung durch Privatunterricht verfügten und in der Regel Patronage-Netzwerke aktivieren konnten – nicht selten über die eigenen Väter, die selbst Hochschullehrer waren. Der Zugang zu den Universitäten wurde Frauen dennoch durch bürokratische Hürden erschwert. Studentinnen waren oftmals gezwungen, sich mit zweitklassigen Studienbedingungen zu begnügen (Gasthörerschaft, keine Teilnahme an Seminaren, Immatrikulation auf „Probe“, Zugangsverbot zur Universitätsbibliothek, etc.).

KATRIN BAAS‘ (Münster) Vortrag zur studentischen Bewegung der 1970er-Jahre in Münster untersuchte Mittel der studentischen Abgrenzung. Als internationales Phänomen griff die 68er Bewegung von den USA zeitlich verzögert auf Europa und erst in den 1970er-Jahren auf die Universitäten in Nordrhein-Westfalen über. Daraufhin habe sich auch in Münster eine studentische linke Subkultur etabliert, deren alternativer Lebensstil Rückschlüsse auf Selbst- und Fremdbilder der Studierenden ermögliche. Unter dem Begriff „Subkultur“ versteht Baas eine studentische Minderheit, die sich durch ihre politisch-soziale Sprache und performative Akte wie z.B. Hausbesetzungen abgrenzte und dadurch einen exklusiven gemeinschaftlichen sozialen Raum der politischen Partizipation schuf. Neue Selbstinszenierungsformen einer linken studentischen Identität schlugen sich auch in performativen Aktionen wie Sit-ins, der Besetzung der philosophischen Fakultät im Juni 1969 und in der symbolischen Hausbesetzung in der „Frauenstraße 24“ nieder.

CHRISTOPHE LIPS (Versailles) stellte die Frage nach dem Zusammenhang von Tradition und Innovation im Bologna-Prozess und argumentierte gegen eine binäre Gegenüberstellung beider Begriffe. Im Gegenteil müssten Traditionen häufiger sogar als Motor von Innovationen analysiert werden, die diese nachhaltig inspirierten. In diesem Sinne stehe der Bologna-Prozess als Versuch einer Harmonisierung des europäischen Hochschulsystems nicht in einem generellen Widerspruch zur historischen Tradition, sondern könne etwa an das Vorbild der „peregrinatio academica“ anknüpfen. Bedauerlich sei, dass den Studierenden nach wie vor eine mindere Stellung bei der Beurteilung, Bereitstellung und Durchsetzung von Innovationen zukomme. Als „Hauptbetroffene von Innovationen“ bleiben die Partizipationsmöglichkeiten der Studierenden an Veränderungsprozessen bisher gering.

Gegner des Bologna-Prozesses nutzten in der Vergangenheit häufig die rhetorische Beschwörung eines „Humboldtschen Bildungsideals“, um Kritik an der Gegenwart historisch zu legitimieren. VALERIE SCHULT (Passau) drehte den Spieß um und fragte nach möglichen Übereinstimmungen in den bildungspolitischen Zielen Humboldts und des Bologna-Prozesses. Hierfür verglich sie die Bologna-Deklaration mit zwei von der Forschung wenig berücksichtigten Briefen Wilhelm von Humboldts an König Friedrich Wilhelm III. Als „Vater einer europäischen Erziehung“ sei demnach auch Humboldt an der Stärkung einer kollektiven europäischen Identität interessiert gewesen. Eine weitere Übereinstimmung liege in der Unterstützung der studentischen Mobilität, die nicht durch staatliche Grenzen beschränkt werden dürfte.

Als Fazit der Sommeruniversität bleibt festzuhalten, dass die Geschichte der Studierenden weiterhin zu wenig von der professionellen Geschichtswissenschaft untersucht wird. Obwohl sie zahlenmäßig die größte Gruppe der Universitätsangehörigen stellen und obwohl keine Universität ohne Zuspruch durch die Studierenden historisch Bestand haben konnte, bleibt das Spannungsverhältnis zwischen gesellschaftlichen (Ausbildungs-)Erwartungen und den Identitätsentwürfen der Studierenden unterbeleuchtet. Sowohl eine normativ ideengeschichtliche Perspektive wie auch eine Praxeologie des universitären Lehrens und Lernens stehen als Forschungsdesiderate im Raum. Die vorgestellten Forschungsreferate könnten Bausteine für eine in diesem Sinn erneuerte Universitätsgeschichtsschreibung liefern. Ausführlichere Informationen zu den vorgestellten Projekten finden sich auf dem wissenschaftlichen Blog des DHI Paris.[2]

Konferenzübersicht:

Sektion Mittelalter

Martin Kintzinger (Münster), Stand und Perspektiven der Universitätsgeschichtsschreibung der deutschen Mediävistik

Jacques Verger (Paris), État actuel et perspectives de la recherche sur les universités du Moyen Âge

Marcel Bubert (Göttingen), Pariser Scholaren als gewaltsame Akteure im 13. Jahrhundert. Überlegungen zur Frühgeschichte der Universität aus konfliktsoziologischer Perspektive

Irene Rettig (Bern), Studenten und Magister der englisch-deutschen Nation in Paris im 15. Jahrhundert

Martina Hacke (Düsseldorf), Die Boten der Nationen als Vertreter der Scholaren der Universität Paris (15. Jh.)

Maximilian Schuh (Heidelberg), Kopieren, zuhören, notieren. Zeugnisse des Vorlesungsbetriebs im Spätmittelalter

Sektion Frühe Neuzeit

Jean-Luc Le Cam (Brest/Quimper), Différences structurelles entre les deux systèmes d’enseignement supérieur en France et en Allemagne du XVIe siècle au XIXe siècle – pièges de vocabulaire et erreurs de perspective

Boris Noguès (Lyon), L’histoire des universités en France à l’époque moderne: un état de la recherche

Marian Füssel (Göttingen), Studentenkultur in der Frühen Neuzeit. Praktiken – Bilder – Konflikte

Johan Lange (Paris), Die Universität, ein gefährlicher Ort. Studentisches Scheitern im deutschsprachigen Diskurs des 18. Jahrhunderts

Miriam Müller (Göttingen), Der fleißige Studiosus. Rechtfertigung und Devianz in den Selbstzeugnissen frühneuzeitlicher Studenten

Steffen Hölscher (Göttingen), „Wer es mit der Academie patriotisch meynt...“ – Studentische Tumulte an Universitäten des 18. Jahrhundert als symbolischer Protest

Kirsten van Elten (Wolfenbüttel), Studentische Einflussnahme auf universitäre Karrieren in der Frühen Neuzeit

Dominique Julia (Paris), Les élèves de l’École normale en l’an III de la République (janvier–mai 1795), résultats d’une enquête prosopographique

Jean-Luc Le Cam (Brest/Quimper), Réflexions et pistes de recherche sur la notion d’autorité dans l’université protestante allemande d’époque moderne

Christian Gründig (Dresden), Konfliktpotenziale im Spannungsfeld von Universität und Buchhandel. Das Beispiel Leipzig im 18. Jahrhundert

Sektion 19. Jahrhundert

Jean-François Condette (Lille), L’université française du XIXe siècle

Klaus Ries (Jena), Student und Politik im langen 19. Jahrhundert

Angela Heinemann (Duisburg), Konflikt versus Harmonie? Ein Vergleich der studentischen Lebenswelt um 1770 mit der Zeit der Burschenschaft (1815–1819) an der Universität Jena

Antonin Dubois (Paris/Heidelberg), Préserver l’élite masculine, défendre l’État-nation. Les organisations étudiantes en France et en Allemagne (1870–1914)

Rudolf Stichweh (Bonn), Wandel der Bildungsidee und gesellschaftliche Differenzierung im 18. und 19. Jahrhundert

Lucie Martin Idre (Paris), Étudiants de l’université de Strasbourg 1871–1918: conflits de nationalité

Sektion Zeitgeschichte

Jean-Philippe Legois (Paris-Aubervilliers), L’historiographe française de l’époque contemporaine sur les mouvements étudiants

Niels Graaf (Amsterdam), Changing Backgrounds, Changing Past. History Students in Amsterdam 1945–1970

Diana Morgenroth (Chemnitz), Das Frauenstudium im deutschen Kaiserreich

Katrin Baas (Münster), Verbotene Diskurse, performative Aktionen und Hausbesetzungen als Mittel der Abgrenzung. Die studentische Subkultur der 1970er-Jahre am Beispiel der Universität Münster

Christophe Lips (Versailles), Photographie actuelle des universités du processus de Bologne entre traditions et innovations

Valerie Schult (Passau), Humboldt und der Bolognaprozess – nicht alles ist falsch

Anmerkungen:
[1] Émile Durkheim, Rôle des universités dans l'éducation sociale du pays, in: Congrès international de l'éducation sociale, 26-30 sept. 1900, Paris 1901, S. 128–138, wieder abgedruckt in: Revue française de sociologie, 17-2 (1976), S. 181–189.
[2] Siehe <http://dhip14.hypotheses.org> (24.10.2014).

Zitation
Tagungsbericht: Akademische Freiheit oder akademische Frechheit? Studentische Identität, universitäre Konflikte und obrigkeitliche Disziplinierung vom Spätmittelalter bis zur Gegenwart, 23.06.2014 – 27.06.2014 Paris, in: H-Soz-Kult, 12.11.2014, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-5660>.