Okkultismus im Gehäuse. Institutionalisierung der wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem Paranormalen im 20. Jahrhundert im internationalen Vergleich

Ort
Freiburg im Breisgau
Veranstalter
Anna Lux / Sylvia Paletschek, DFG-Forschungsverbund: Innovation durch ,nichthegemoniale‘ Wissensproduktion: ,Okkulte‘ Phänomene zwischen Mediengeschichte, Kulturtransfer und Wissenschaft
Datum
15.10.2014 - 17.10.2014
Von
Michael Seelig, Fachbereich Geschichte und Kulturwissenschaften, Philipps-Universität Marburg

„Okkultes“ ist ein fester Bestandteil unseres Alltags. Zwar dürften den meisten Menschen okkulte Phänomenen eher aus fiktionalen Filmen, Serien oder Romanen bekannt sein als aus realen Weltbildern und Lebensstilen, aber dennoch gehört in beiden Fällen Okkultes und Esoterisches zu unserer (Populär-)Kultur. In Großbritannien, Frankreich und den USA widmet sich die historische und kulturwissenschaftliche Forschung bereits seit einigen Jahrzehnten der Erforschung von Okkultismus, Spiritismus und Esoterik – unter anderem deshalb, weil es sich hier um breitere Massenphänomene handelte als in Deutschland. Dennoch spielte das Okkulte auch in der deutschen Geschichte seit etwa 1900 keine unbedeutende Rolle. So wendet sich seit ca. zehn Jahren ebenfalls die deutsche Forschung stärker dem Komplex von Okkultismus, Spiritismus und Esoterik zu.[1] Um dieses Themengebiet weiter zu erforschen, hat sich vor kurzem der interdisziplinäre, internationale und von der DFG geförderte Forschungsverbund „Innovation durch ,nichthegemoniale‘ Wissensproduktion: ,Okkulte‘ Phänomene zwischen Mediengeschichte, Kulturtransfer und Wissenschaft“ gegründet.[2] Vom 15. bis zum 17. Oktober 2014 veranstaltete der Verbund unter Leitung von Sylvia Paletschek und Anna Lux in Freiburg eine Tagung zum Thema „Okkultismus im Gehäuse. Institutionalisierung der wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem Paranormalen im 20. Jahrhundert im internationalen Vergleich“. Sie widmete sich der Herausbildung von Parapsychologie und Psychical Research sowie den Möglichkeiten und Grenzen ihrer Institutionalisierung.

Die Historikerin ANNA LUX (Freiburg im Breisgau) stellte in ihrer Einführung das Konzept der Tagung vor: Das Ziel der Konferenz sei es, in internationaler Perspektive die institutionelle Verankerung des Okkultismus zu untersuchen. Im Mittelpunkt stünde dabei die Parapsychologie als Wissenschaft vom Okkulten bzw. „Paranormalen“. Das besondere Augenmerk gelte den Versuchen, die Parapsychologie als anerkannte Wissenschaftsdisziplin zu etablieren. So richte sich die Aufmerksamkeit der Tagung auf Fragen der Disziplinbildung und Institutionalisierung – daher die auf Rüdiger vom Bruch zurückgehende Bezeichnung „Okkultismus im Gehäuse“. Von besonderem Interesse seien dabei auch historische Phasen der Institutionalisierung und Deinstitutionalisierung der Parapsychologie. Der Fokus der Tagung liege auf der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, da sich bereits 2013 eine andere Tagung vorrangig dem 19. Jahrhundert und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gewidmet hatte.[3]

Anschließend gab die Psychologin ELISABETH VALENTINE (London) einen konzisen Überblick über die Entwicklung des Psychical Resarch in Großbritannien seit den 1870er-Jahren. Obwohl die Parapsychologie in den Zwischenkriegsjahren von 1918 bis 1939 eine wahre Blüte erlebte, hätten es die AkteurInnen niemals vermocht, ihre Forschung als anerkannte Wissenschaft zu etablieren. In der Diskussion wurde allerdings angemerkt, dass 1985 der Arthur-Koestler-Lehrstuhl für Parapsychologie eingerichtet wurde, der mit Robert Morris besetzt wurde; daher gelte Großbritannien heute im Grunde als Beispiel für eine erfolgreiche Akademisierung der Parapsychologie – inklusive Lehrbüchern und Studiengang. Außerdem sei die 1882 gegründete „Society for Psychical Research“ dank ihrer Repräsentanten durchaus eine anerkannte, wenn auch lange nicht akademisch etablierte, Institution gewesen (im Gegensatz zur „American Society for Psychical Research“ in den USA, in der zwischenzeitlich Spiritisten sehr einflussreich waren). Eine Antwort auf diese Streitfrage dürfte nicht zuletzt von der Definition zentraler Bewertungskriterien wie ,wissenschaftliche Anerkennung‘ und ,wissenschaftlicher Erfolg‘ abhängen. Valentine merkte in ihrem Vortrag weiterhin an, die Institutionalisierung der Parapsychologie sei in Großbritannien relativ gering geblieben, da vorrangig in privat finanzierten Gesellschaften und „research groups“ geforscht worden sei. Außerdem gab sie den wichtigen Hinweis, dass sich die Abfolge historischer Phasen anhand von Paradigmenwechseln und dem Wechsel von Begrifflichkeiten aufzeigen und erklären lasse.

Der Psychologe RENAUD EVRARD (Strasbourg) stellte das Ringen der französischen Schulpsychologie mit der Parapsychologie – auch „métapsychique“ genannt – um diskursive Hegemonie an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert dar. Er erkannte einen deutlichen Trend zur „Orthodoxisierung“ der Psychologie, durch den die Parapsychologie als heterodox erklärt und an die Ränder der als seriös geltenden Wissenschaften gedrängt worden sei. So sei die Parapsychologie in Frankreich zu einer „Pseudowissenschaft“ geworden, die sich nicht in demselben Maße wie in Deutschland habe institutionalisieren können.

Die unterschiedlichen Phasen der Institutionalisierung und Deinstitutionalisierung der Parapsychologie in den Niederlanden zeichnete die Soziologin und Wissenschaftshistorikerin INGRID KLOOSTERMAN (Utrecht) nach. Nachdem erste Untersuchungen des Paranormalen bereits 1890 eingesetzt hatten, blühte die Forschung seit den 1930er-Jahren mit privaten Vorlesungen an den Universitäten Utrecht und Leiden auf. In den 1950er-Jahren erlebte die niederländische Parapsychologie ihren ersten Höhepunkt, als 1953 eine außerplanmäßige Professur in Utrecht eingerichtet wurde. 1974 setzte sich dieser Trend fort, indem nun eine erste ordentliche Professur folgte und damit bis 1986 zwei Professuren für Parapsychologie gleichzeitig bestanden. Hierbei, so Kloosterman, handle es sich aber nur vordergründig um eine Erfolgsgeschichte, denn die Parapsychologie sei in den Niederlanden trotz aller institutioneller Anbindung immer randständig und umstritten geblieben. Das habe sich letztlich sinnfällig darin niedergeschlagen, dass 2007 die planmäßige Professur für Parapsychologie in einen Lehrstuhl für „exzeptionelle Wahrnehmungen“ umbenannt und an eine weniger renommierte Universität verlagert worden ist.

Wie sich die Parapsychologie zwischenzeitlich erfolgreich in den USA und in der Bundesrepublik Deutschland als universitäre Disziplin etablieren konnte, betrachtete ANNA LUX (Freiburg im Breisgau) in einem internationalen Vergleich. Sie diskutierte, welche Erkenntnisse aus den Institutionalisierungs- und Akademisierungsprozessen gezogen werden können, die das 1935 von Joseph B. Rhine an der Duke University gegründete „Parapsychology Laboratory“ und die 1954 an der Universität Freiburg eingerichtete und von Hans Bender bekleidete Professur für „Grenzgebiete der Psychologie“ durchliefen. Während Rhine eine Strategie des boundary work verfolgt habe, die stets auf die Unabhängigkeit seines Instituts bedacht gewesen sei, habe Bender sich zum Ziel gesetzt, sein Forschung in die Universität zu integrieren und in der Psychologie aufgehen zu lassen. Beide Strategien seien nur bedingt erfolgreich gewesen, so dass die Forschungen letztlich nur eine begrenzte Zeit im Rahmen der Universität stattfinden konnten: 1965 führten Rhines Unabhängigkeitbestrebungen zur Ausgliederung seines Instituts von der Universität, und 1998 wurde Benders Professur postmortem einem anderen Forschungsgegenstand gewidmet.

Die Religionspsychologin JÚLIA GYIMESI (Budapest) warf einen Blick auf die ungarische Parapsychologie im 19. und 20. Jahrhundert. Sie hob hervor, dass die Beschäftigung mit dem „Übernatürlichen“ in Ungarn weniger von wissenschaftlichen, sondern vielmehr von religiösen Motiven geprägt gewesen sei. So hätten die historischen Protagonisten auch nicht den Begriff ,psychical research‘ verwendet, sondern sich als „wissenschaftliche Spiritisten“ bezeichnet. Bis weit in das 20. Jahrhundert hinein sei in Ungarn ein Spiritismus Kardecscher Prägung vorherrschend gewesen, der sich zwischen Wissenschaft und Religion bewegt habe. Unter kommunistischer Herrschaft sei die Forschung auf Betreiben einiger einflussreicher Wissenschaftler unterdrückt worden, obwohl das Regime der Parapsychologie nicht prinzipiell feindlich gesinnt gewesen sei. Nachdem das Paranormale in den 1980er-Jahren durch eine populäre Fernsehserie wieder an Aufmerksamkeit gewonnen habe, seien seit der ,Wende‘ 1989 erneut parapsychologische Forschungen betrieben worden.

Mit dem prekären Status der Parapsychologie in der Sowjetunion beschäftigte sich die Slavistin BIRGIT MENZEL (Mainz). Obwohl dem „Übersinnlichen“ in Russland traditionell mit größerer Offenheit begegnet werde als in Mittel- und Westeuropa, habe sich die Erforschung des Paranormalen unter der kommunistischen Herrschaft in einer schwierigen Lage befunden. Drei Phasen seien feststellbar, in denen die parapsychologische Forschung ein ambivalentes Dasein gefristet habe: (1) Nachdem in den 1920er-Jahren paranormale Phänomene noch ungehindert untersucht werden konnten, sei zwischen 1930 und 1960 jegliche Forschung staatlich unterbunden worden. (2) Vor dem Hintergrund der Kybernetik-Welle und der „PSI Wars“ sei die Parapsychologie seit den 1960er-Jahre von den staatlichen Behörden wieder wohlwollender behandelt worden, ohne dass sie ihren prekären Status habe überwinden können: Partielle Förderung und fortschreitendes öffentliches Interesse seien mit offiziellen Verboten einhergegangen. So kam es zwar durchaus zur Gründung mancher Institutionen, die aber vor allem im Geheimen tätig waren. (3) Dieser Trend setzte sich in den 1980er-Jahren fort, als im militärisch-geheimdienstlichen Bereich parapsychologische Forschungen angestrengt wurden. Insgesamt führte die Parapsychologie in der Sowjetunion eine „Doppelexistenz“, die zwischen Förderung und Unterdrückung changierte.

Die SoziologInnen MICHAEL SCHETSCHE und INA SCHMIED-KNITTEL (beide Freiburg im Breisgau), behandelten den Umgang der DDR mit „paranormalen Wissenbeständen“. Ihr wissenssoziologisch fundierter Vortrag zeichnete nach, wie die ideologische Staatsdoktrin des dialektischen Materialismus und Szientismus paranormale Phänomene als Bestandteile eines bedenklichen „Irrationalismus“ delegitimierte und aus dem offiziellen Diskurs über Wissenschaft und Wissenschaftlichkeit ausschloss. Damit sei eine Institutionalisierung der Parapsychologie unmöglich gewesen. Dennoch habe es in den Nischen des privaten Alltags durchaus paranormale Erfahrungen und magisch-esoterische Praktiken gegeben. Entgegen der offiziellen Doktrinen seien so im „okkulten Untergrund“[4] „privatistische Heterodoxien“ entstanden. Ob und inwiefern es dabei zu staatlicher Verfolgung kam, ist beim gegenwärtigen Stand der Forschung, die von Andreas Anton im Rahmen eines Dissertationsprojekts betrieben wird, noch nicht bekannt.

Anschließend berichtete EBERHARD BAUER (Freiburg im Breisgau), Psychologe und Vorstandsmitglied des IGPP, anhand der Geschichte der „Parapsychological Association“ (PA) und der „Parapsychology Foundation“ (PF) über internationale Bestrebungen um eine Professionalisierung und Institutionalisierung der Parapsychologie. Die PA wurde 1957 von Joseph B. Rhine an der Duke University gegründet, die PF bereits 1951 von den Stifterinnen – einem durchaus nicht unüblichen weiblichen Rollenmodell – Eileen Garrett und Frances P. Bolton in New York. Die PA sollte sich zu einer der wichtigsten professionellen Institution der internationalen Forschung entwickeln, während sich die PF der Forschungsförderung verschrieb. Beide Einrichtungen sind aus Jahrzehnte langen Bemühungen hervorgegangen, die Parapsychologie auch auf internationaler Ebene als institutionalisierte Disziplin zu etablieren.

UWE SCHELLINGER (Freiburg im Breisgau), Historiker und Archivar des IGPP, skizzierte den Einsatz telepathischer Medien in österreichischen und deutschen Kriminalfällen – die sogenannte „Kriminaltelepathie“ – während der 1920er- und 1950er-Jahre. Er wies auf das Forschungsdefizit hin, dass über den Okkultismus im ,Dritten Reich‘ nur wenig bekannt sei. Da er leider auch die Zeit unter dem Nationalsozialismus aussparen müsse, beschränkte sich sein Vortrag auf die etwa zwei Jahrzehnte vor und nach dem ,Dritten Reich‘. Schellinger beschrieb die Kriminaltelepathie als „praktischen Okkultismus“ bzw. „praktische Parapsychologie“. Er kam zu dem Ergebnis, dass die Relevanz und Legitimität solcher Untersuchungen immer wieder neuausgehandelt werden mussten, da sie stets von der Kriminalstatistik und Kriminalwissenschaft in ihrer Seriosität angefochten wurden. Im gesamten Zeitraum stand der Anspruch der Kriminaltelepathie auf Wissenschaftlichkeit in Frage. Damit teilte sie das allgemeine Schicksal der Parapsychologie.

Im letzten Vortrag ging die Medien- und Kulturwissenschaftlerin NATASCHA ADAMOWSKY (Freiburg im Breisgau) am Bespiel des Spielfilms „Stone Tape“ (1972) auf die Darstellung wissenschaftlicher Auseinandersetzung mit dem Okkulten im Film ein. Sie zeigte, wie am Anfang der 1970er-Jahre Vorstellungen von einer „nekromantischen Medientechnik“, die die Stimmen Verstorbener aufzeichnen könne, Einzug in das Horrorgenre hielten. Bereits in den 1960er-Jahren war in der Parapsychologie unter dem Rubrum „Stone-Tape-Theorie“ darüber spekuliert worden, ob gewisse Steine als Speichermedien für paranormale Phänomene dienen könnten. Adamowsky zog das Fazit, dass gewöhnlich in Horrorfilmen vom Scheitern der modernen Wissenschaften erzählt werde, da sich vormoderne Mächte, die im Verborgenen überlebt hätten, dem modernen Menschen als überlegen erwiesen. In Science-Fiction-Filmen, in denen die Protagonisten mit übermächtigen Außerirdischen konfrontieren werden, sei hingegen eine diametral entgegengesetzte Erzähllogik zu finden: Nun erfahre die bedrohte Menschheit ihre Rettung allein durch Wissenschaft und Technik.

In einer Podiumsdiskussion stellten HELMUT ZANDER (Fribourg), DIETHARD SAWICKI (Paderborn), ERHARD SCHÜTTPELZ (Siegen), EBERHARD BAUER und GERHARD MAYER (beide Freiburg im Breisgau) verschiedene Formen aktueller institutioneller Beschäftigung mit dem Okkulten und Paranormalen vor. Dabei wurden folgende Einrichtungen und Disziplinen behandelt: die „European Society for the Study of Western Esotericsm“ (ESSWE), die Geschichtswissenschaft, das DFG-Projekt „Gesellschaftliche Innovation durch ,nichthegemoniales‘ Wissen“, das IGPP sowie die „Gesellschaft für Anomalistik“ (GA). In der Diskussion hob Helmut Zander hervor, dass nicht nur ein transnationaler, sondern auch ein transkontinentaler bzw. transkultureller Zugriff notwendig sei, um Okkultismus, Spiritismus und Esoterik erforschen zu können. So müssten unter anderem außereuropäische Einflüsse mehr Beachtung finden.

Zuletzt schloss sich an die Podiumsdiskussion eine Abschlussdiskussionen an, in der auf unterschiedlichste Aspekte eingegangen und zum Teil noch einmal zentrale Fragen der Tagung aufgegriffen wurden: die Fragen nach (1) historischen Phasen und Konjunkturen, (2) Akteuren und Akteurinnen, (3) Grenzziehungen und boundary work sowie dabei entstehenden Konflikten, (4) Ressourcen im finanziellen und medial-öffentlichen Sinne sowie (5) der Nachhaltigkeit der vollzogenen Institutionalisierung. So wurde zum Beispiel über die Nützlichkeit und Grenzen des analytischen Begriffs ,boundary work‘ diskutiert. Dabei wies Helmut Zander darauf hin, dass den historischen ProtagonistInnen oft nicht daran gelegen gewesen sei, Grenzen zwischen den Wissenschaften zu ziehen, sondern sie zu beseitigen. Als ein wichtiges Ergebnis der Tagung kann festgehalten werden, dass die Institutionalisierungsbemühungen der Parapsychologie nicht als eine lineare Geschichte der Erfolge oder Misserfolge erzählt werden können. Vielmehr müssen, wie auch Christian Kassung (Berlin) anmerkte, gleichzeitige sowie aufeinander abfolgende Prozesse der Institutionalisierung und Deinstitutionalisierung in den Blick genommen und narrativ miteinander verknüpft werden.

Damit ging einen anregende und ertragreiche Tagung zu Ende, die allein durch ihre Interdisziplinarität zu beeindrucken wusste. Einmal mehr zeigte sich, dass Phänomene wie ,Okkultismus‘ und ,Esoterik‘ nur mit interdisziplinären, ja wenn nicht sogar transdisziplinären Zugriffen angemessen verstanden, beschrieben und erklärt werden können. Aus historisch-kulturwissenschaftlicher Perspektive stellt sich dabei jedoch weniger die Frage, ob die untersuchten Ansätze der Parapsychologie ,richtige‘ Wissenschaft, ,richtige‘ Psychologie, ,richtige‘ Parapsychologie oder etwas anderes seien, wie es manchmal von Seiten der PyschologInnen hieß. Viel mehr gilt es, danach zu fragen, was jeweils konkret dieses „Andere“ in seinem historischen Kontext ausmachte, dieses hybride Etwas zwischen – im Sinne der Postcolonial Studies „in-between“ – (Natur-)Wissenschaft, Philosophie, Metaphysik und Religion. Als ein Forschungsdesiderat bleibt, die Andersartigkeit von Okkultismus, Spiritismus und Esoterik in ihrer eigenen Qualität wahrzunehmen, (kultur-)wissenschaftlich zu verstehen, zu beschreiben und damit letztlich historisch ernst zu nehmen.

Konferenzübersicht:

Anna Lux (Freiburg im Breisgau), Einführung

Elisabeth Valentine (London), Institutionalization and the history of psychical research in Great Britain in the 20th century

Stadtführung:
Freiburg als „locus occultus” (durchgeführt von Studierenden des Historischen Seminars der Universität Freiburg)

Renaud Evrard (Strasbourg), The orthodoxization of psychology in France at the turn of the 20th century

Ingrid Kloosterman (Utrecht), In the mirror of academic psychology: A contextualized institutional history of Dutch parapsychology in the 20th century

Anna Lux (Freiburg im Breisgau), „Die völlige Integration der Parapsychologie”? Historische Perspektiven auf das Verhältnis von Parapsychologie und Universität in Deutschland und den USA

Júlia Gyimesi (Budapest), The institutionalization of psychical research and parapsychology in Hungary in the 20th century

Birgit Menzel (Mainz), Parapsychologie im sowjetischen und postsowjetischen Raum: Status, Erforschung, Experimente

Michael Schetsche / Ina Schmied-Knittel (Freiburg im Breisgau), Institutionalisierung ausgeschlossen… Zum Umgang mit paranormalen Wissensbeständen, Erfahrungen und Praktiken in der DDR

Eberhaurd Bauer (Freiburg im Breisgau), Zur Geschichte der internationalen Professionalisierung und Unterstützung parapsychologischer Forschung im 20. Jahrhundert am Beispiel der „Parapsychological Association“ (PA) und der „Parapsychology Foundation“ (PF)

Uwe Schellinger (Freiburg im Breisgau), Integrationsversuche okkulter Fähigkeiten in die Polizeiarbeit: „Kriminaltelepathie“ und „Hellsehdetektive“ im deutschsprachigen Raum (1920-1960)

Natascha Adamowsky (Freiburg im Breisgau), Spooked, haunted or just paranormal – zum Verhältnis von Wissenschaft und Okkultismus im Film

Podiumsdiskussion:
Das Okkulte im Gehäuse? Gegenwärtiger Stand der Entwicklung und Perspektiven der Institutionalisierung von Forschung zum Paranormalen

Abschlussdiskussion

Führung durch das „Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene“ (IGPP)

Anmerkungen:
[1] S. z.B. die Pionierstudie von Diethard Sawicki, Leben mit den Toten. Geisterglauben und die Entstehung des Spiritismus in Deutschland 1770-1900, Paderborn u.a. 2002, sowie das jüngst erschienen Themenheft „Okkultismus in der Moderne“, Historische Anthropologie 21 (2013), hg. v. Anna Lux, Sylvia Paletschek und Susanna Burghartz.
[2] Homepage der DFG-Paketgruppe <http://www.okkultemoderne.phil.uni-siegen.de/> (01.12.2014).
[3] Das Tagungsprogramm und Podcasts finden sich unter <http://www.culture.hu-berlin.de/occult/> (01.12.2014).
[4] Vgl. James Webb, Die Flucht vor der Vernunft. Politik, Kultur und Okkultismus im 19. Jahrhundert, Wiesbaden 2009 [engl. The Occult Underground].

Zitation
Tagungsbericht: Okkultismus im Gehäuse. Institutionalisierung der wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem Paranormalen im 20. Jahrhundert im internationalen Vergleich, 15.10.2014 – 17.10.2014 Freiburg im Breisgau, in: H-Soz-Kult, 13.12.2014, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-5728>.