Zahnärzte und Dentisten vor, während und nach der Zeit des Nationalsozialismus

Ort
Aachen
Veranstalter
Institut für Theorie, Geschichte und Ethik der Medizin, Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen
Datum
17.03.2015 - 18.03.2015
Von
Jan Kleinmanns, Institut für Theorie, Geschichte und Ethik der Medizin, Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen

Nach der Eröffnung der Tagung durch Enno Schwanke (Aachen) und Matthis Krischel (Aachen/Göttingen) leitete DOMINIK GROSS (Aachen) die Konferenz mit einem Vortrag zum ehemaligen Präsidenten der Deutschen Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (DGZMK) Hermann Euler und dessen Rezeptionsgeschichte ein. Groß skizzierte hierfür die verschiedenen Phasen der Rezeption und dokumentierte dabei vor allem die Wirkmacht von Eulers Autobiographie, welche die Rezeptionsgeschichte über lange Zeit maßgeblich prägte. So konnte er an Beispielen aufzeigen, dass dieses rezeptionsgeschichtliche Narrativ erst am Ende des 20. Jahrhunderts aufgebrochen wurde und dessen Revision bis heute andauert.

Dieser Vortrag und auch der Folgende von CARIS-PETRA HEIDEL (Dresden) schlugen damit den Kurs in Richtung des von Krischel und Schwanke postulierten Wegs für die Tagung ein. Ziel sollte es sein, derzeit bestehende Forschungsdesiderate aufzuzeigen, Impulse zu sammeln und auf diese Weise im Rahmen eines kommunikativen Miteinanders neue Ansätze und Zugänge zu entwickeln. Heidel zeichnete in ihrem Vortrag Gleichschaltung und Selbstgleichschaltung als Form und Mittel zahnärztlicher Verwaltung und Selbstverwaltung unter dem Reichszahnärzteführer Ernst Stuck nach. Damit stellte dieser Konferenzbeitrag einen Brückenschlag zwischen der biographischen Perspektive des Eröffnungsbeitrags von Groß und den folgenden Ausführungen von Enno Schwanke dar, der sich ebenfalls in einer Facette seines Vortrags mit dem Aspekt der Gleichschaltung und Ausschaltung bei den Dentisten befasste.

ENNO SCHWANKE (Aachen) argumentierte für eine Theoretisierung des Untersuchungsgegenstandes und zeigte dies an der Darstellung der unterschiedlichen Ideen und Vorstellungen von Volksgemeinschaft bei den Reichsdentistenführern auf. Gerade im Vergleich zu den Zahnärzten gebe es bei den Dentisten, so Schwanke, noch weitaus größere Forschungslücken, die es zu schließen gelte. Besonders hinsichtlich der Forschungsmethodik sei hier noch viel Potential, das abgerufen werden könne, sodass auf diese Weise neue Impulse ermöglicht würden. Schwanke legte dar, dass ein wesentlicher Mehrwert im praxeologischen Zugang zum Volksgemeinschaftskonzept liegen kann.

Auch NORBERT GUGGENBICHLER (Bad Homburg vor der Höhe) befasste sich in seinem Vortrag mit einem Aspekt der Gleichschaltung, doch rückte er dabei die Kontinuitäten vor und nach dem obligatorischen Zäsurjahr 1933 in den Fokus der Betrachtung. Guggenbichler, der sicherlich eine Pionierrolle auf diesem Themengebiet für sich geltend machen darf, schmückte detailreich die personellen und strukturellen Kontinuitäten zu dieser Zeit aus und erläuterte diese. Faktengesättigt zeigte er die personellen Veränderungen um das Jahr 1933 in den berufspolitischen Verbänden auf und formulierte aus dieser personellen Verstrickung den moralischen Auftrag zu weiterer Forschung.

Anschließend knüpfte FLORIAN BRUNS (Berlin) an die bisher vorgetragenen biographischen Ansätze an und wagte mit seinem Beitrag zu Walter Artelt, einem Arzt, Zahnarzt und langjährigen Medizinhistoriker, eine Annäherung an das Verhältnis von Zahnheilkunde, Medizingeschichte und Nationalsozialismus. Bruns betonte im Rahmen seines Vortrags die Untauglichkeit von Mitgliedschaften für die Bewertung der Rolle von Akteuren im Nationalsozialismus und veranschaulichte dies an der Biografie Artelts. Die Ausschnitte in biographischer Perspektive, die Bruns für aufschlussreiche Einblicke einerseits und methodische Schlussfolgerungen andererseits präsentierte, rundeten den Vortrag ab und bereiteten gleichsam das Feld für STEFAN PAPROTKA (Berlin). Paprotka referierte seine mikrohistorische Studie zu Walter Hofmann-Axthelm und rückte damit abermals die Frage nach der Kategorisierung in der Täterforschung in das Betrachtungsfeld der Tagungsteilnehmer. Für die Vorstellung seines Protagonisten Hofmann-Axthelm, der seine Karriere als Nationalsozialistisches Kraftfahrkorps (NSKK)-Standartenarzt begonnen hatte und dann später Medizinhistoriker wurde, wählte Paprotka einen alltagsgeschichtlichen Zugang in biographischer Perspektive und schloss damit methodisch an die vorherigen Vorträge an. Er führte die Zuhörer dabei mittels zahlreicher Primärquellen zu den bislang blinden Flecken der NS-Forschung und wusste diese mit Finesse und eingängigen Fallbeispielen zu beheben. Seine Ausführungen bildeten zudem das Ende des ersten Tagungstages.

Der zweite Tagungstag begann mit dem Vortrag von XAVIER RIAUD (Nantes). War am ersten Tag noch die Perspektive auf die Täter dominierend, so widmeten sich die Vortragenden am zweiten Tag vor allem den Opfern des Nationalsozialismus, gleich beginnend mit der Geschichte des geraubten Zahngoldes. Von Riaud wurde der Weg des geraubten Goldes von dessen bestialischer Gewinnung im Konzentrationslager bis zu seinem Verbleib am Kriegsende nachgezeichnet und anhand zahlreicher Originaldokumente die Rolle des Goldes als Teil der Devisen hinsichtlich der Kriegswirtschaft besprochen.

Zur alltagsgeschichtlichen Perspektive zurückkehrend, widmete sich OTMAR SEEMANN (Wien) in seinem Vortrag der Wiener Zahnärzte- und Dentistenschaft in den Jahren von 1938 bis in die 1950er-Jahre hinein. Seemann zeichnete ein detailreiches und bunt ausgeschmücktes Bild des Alltagslebens im Wien der späten 1930er-Jahre und beleuchtete den Einfluss des jüdischen Lebens auf diese zerbrechliche Lebenswelt. Darüber hinaus ging er auf das Spannungsfeld zwischen Zahnärzten und Dentisten ein und skizzierte die facettenreiche Welt der Zahnheilkundler. Sein Schwerpunkt lag dabei auf der Praxis der Berufsausübung und den damit verknüpften Konflikten nach dem „Anschluss“ Österreichs.

Die biographischen Impulse der Vorredner aufnehmend, referierte WOLFGANG KIRCHHOFF (Marburg) über die Widerstandprofile und Biographien der Zahnärzte Ewald Fabian, Paul Rentsch und Helmut Himpel, die alle auf verschiedene Weise Widerstand gegen die nationalsozialistische Herrschaft und die damit einhergehenden Verbrechen leisteten. Er zeigte dafür die Motivlage der Akteure auf, deren widerständiges Verhalten und auch die damit verbundenen Risiken und Konsequenzen. Kirchhoff verfolgte dabei die Idee, Personen gegenüber den Strukturen in den Vordergrund zu rücken und reihte sich damit ideal in das Tagungsprofil ein. Den letzten streng thematischen Beitrag der Tagung präsentierte GISELA TASCHER (Heusweiler). Sie ging in ihren Ausführungen der Frage nach, welche Rolle die zahnärztlichen Standesorganisationen einnahmen. In ihrem Vortrag, der auf dem Arbeitsstand eines verknüpften Aufarbeitungsprojekts beruht, ließ Tascher den Blick der Zuhörer über die nationalsozialistische Umformung des Ärztewesens schweifen und schnitt die Frage nach inhaltlichen, strukturellen und personellen Kontinuitäten nach 1945 an.

MATTHIS KRISCHEL (Aachen/Göttingen) präsentierte in seinem Impulsvortrag die Bilanz der Tagung und bereitete dabei mit seinem Fragenkomplex „Aufarbeitung – warum erst jetzt, warum jetzt noch?“ das Feld für die Abschlussdiskussion. In zusammenfassender Absicht formulierte Krischel nochmals die Verantwortlichkeit der Wissenschaft für die Benennung der Täter und daraus auch die gesellschaftliche und standespolitische Pflicht zur Anerkennung von Verantwortung. Er plädierte im Rahmen dieser Ausführungen für ein breit aufgestelltes Aufarbeitungsprojekt, das die Zahnmedizin als Erinnerungsort formulieren und etablieren sollte. Hierbei sei vor allem auf eine ausgewogene Opfer-Täter-Parität zu achten wie auch den personellen Kontinuitäten über 1945 hinaus Rechnung zu tragen. Diese Tendenz wurde in der anschließenden Abschlussdiskussion bestätigt, sodass gleichsam ein Apell zu weiterer gemeinsamer Forschung breite Zustimmung unter den Tagungsteilnehmern fand.

Konferenzübersicht:

Dominik Groß (Aachen), Hermann Euler (1878-1961) und der Nationalsozialismus – eine besondere Rezeptionsgeschichte?

Caris-Petra Heidel (Dresden), Die Durchsetzung von Gleichschaltung und Führerprinzip in der Zahnärzteschaft unter Ernst Stuck

Enno Schwanke (Aachen), Radikalisierung durch Konkurrenz? Die Rolle der Reichsdentistenführer und ihr Verhältnis zur Zahnärzteschaft

Norbert Guggenbichler (Bad Homburg vor der Höhe), Berufsüberfüllung, Gleichschaltung, Ausschaltung – zur politischen Entwicklung der Zahnärzteschaft vor und nach 1933

Florian Bruns (Berlin), Wer war Walter Artelt? Eine Annäherung an das Verhältnis von Zahnheilkunde, Medizingeschichte und Nationalsozialismus

Stefan Paprotka (Berlin), Walter Hofmann Axthelm – Vom NSKK Standartenzahnarzt zum Medizinhistoriker – Mitläufer, Mittäter, Karrierist?

Xavier Riaud (Nantes), Nazi dental gold: from dead bodies in Nazis concentration camps till Swiss banks

Otmar Seemann (Wien), Die jüdischen Zahnärzte und Dentisten Wiens/ Die Wiener Zahnärzte- und Dentistenschaft in den Jahren 1938 bis in die frühen 1950er-Jahre

Wolfgang Kirchhoff (Marburg), Politischer Widerstand einzelner Zahnärzte in der Zeit des Nationalsozialismus und oppositionelle hessische Zahnärzte/-innen im Zugriff der politischen Strafjustiz

Gisela Tascher (Heusweiler), Die zahnärztlichen Standesorganisationen und das „Forschungsinstitut für Geschichte der Zahnheilkunde“ im Spannungsfeld zwischen NS-Vergangenheit und machtpolitischen Interessen

Matthis Krischel (Aachen/Göttingen), Impulsvortrag und Abschlussdiskussion: Aufarbeitung – warum erst jetzt, warum jetzt noch?

Zitation
Tagungsbericht: Zahnärzte und Dentisten vor, während und nach der Zeit des Nationalsozialismus, 17.03.2015 – 18.03.2015 Aachen, in: H-Soz-Kult, 09.05.2015, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-5962>.
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Veröffentlicht am
09.05.2015
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