Wisent-Reservat und UNESCO-Welterbe. Referenzen für den Białowieża-Nationalpark (Belavežskaja Pušča)

Ort
Gießen
Veranstalter
Thomas Bohn / Markus Krzoska/ Aliaksandr Dalhouski, Historisches Institut, Justus-Liebig-Universität Gießen
Datum
24.04.2015 - 25.04.2015
Von
Julian Mühlbauer, München

Dass der Geruch des Konservativismus, welcher den Geschichtswissenschaften lange anhaftete, zur Geschichte des Faches selbst zu rechnen ist, beweisen die Etablierung neuer Forschungsrichtungen und -ansätze, innovative Methoden und die Fokussierung auf neue Forschungsgegenstände jenseits der klassischen Politikgeschichte schon seit Längerem. In dieser Hinsicht stellte auch der im Rahmen des Gießener DFG-Projekts „Der Białowieża-Nationalpark. Mensch, Tier und Umwelt in der polnisch-weißrussischen Grenzregion“ abgehaltene Workshop vielversprechende Diskussionen in Aussicht: Ausgehend von der Geschichte des wenig bekannten „letzten Tiefland-Urwalds“ in Europa, der verschiedene territoriale Ansprüche und Herrschaftsmodelle überdauernd ein gewisses Maß an Urwüchsigkeit bewahrte und nach dessen Wiederauswilderung auch dem Wisent als prototypische Heimat gilt, sollten Schnittstellen zwischen der Osteuropäischen Geschichte und umweltgeschichtlichen Betrachtungen, den Human-Animal-Studies und naturwissenschaftlichen Disziplinen ausgelotet werden. Die Vorträge nahmen hierzu verschiedene Nationalparks und deren soziokulturelle, ökologische und ökonomische Bedeutung aus lokaler, nationaler und internationaler Perspektive in den Blick und beleuchteten die Interessenverflechtungen im Umgang zwischen Mensch und Umwelt sowie kulturelle und identitätsbezogene Aspekte von Mensch-Tier-Beziehungen.

Im Einführungsvortrag machte sich KLAUS GESTWA (Tübingen) für die Umweltgeschichte als eines der produktivsten Felder der Geschichtswissenschaft stark und verteidigte deren methodische und thematische Heterogenität als Chance, neue Forschungsfelder zu erschließen. Ihr hohes Innovationspotenzial zeige sich einerseits in den Fragestellungen und Gegenständen gegenwärtiger umweltgeschichtlicher Untersuchungen. Andererseits böte sie auch explizit für die Osteuropäische Geschichte Anschlussmöglichkeiten und neue Perspektiven etwa im Hinblick auf den Zerfall des Sowjetimperiums. Zugunsten einer international anschlussfähigen Umweltgeschichtsschreibung plädierte er dafür, von konkreten lokalen Verhältnissen und Akteuren ausgehend zu abstrahieren und das Wechselspiel lokaler, nationaler und globaler Kräfte zu verorten. Dabei sollten anthropozentrische Blickwinkel der Sozial- und Kulturwissenschaften erweitert und die Tier-, Pflanzen- und Dingwelt ebenso als Partizipanten historischer Entwicklung wahrgenommen werden, um dergestalt die Umweltgeschichte effektiver mit der Allgemeinen Geschichte zu synchronisieren.

THOMAS BOHN (Gießen) reflektierte den Urwald-Begriff und dessen Berechtigung bezogen auf den Wald von Białowieża ebenso wie das Format „Nationalpark“ und akzentuierte die Belavežskaja Pušča als polnisches nationales Projekt einerseits und Objekt der Forstwirtschaft und des Partisanenmythos sowjetischerseits, in dessen Geschichte zugleich faszinierende Aspekte lokaler Identitäten, transnationaler Beziehungen und des Verhältnisses Mensch-Tier-Natur zu entdecken seien. Die Katastrophengeschichte Białowieżas verlange danach, die 600-jährige umweltpolitische Erfolgsgeschichte wie auch das Wisent als Ikone zu dekonstruieren, während der Nationalpark als Kontaktzone und Zufluchtsort mit seinen spezifischen Überlebensbedingungen unter diktatorischer Herrschaft zu ergründen sei.

Das erste Panel widmete sich der Natur als Ressource und den hinter menschlichen Eingriffen in natürliche Gefüge stehenden Interessenskonstellationen. So beleuchtete ALIAKSANDR DALHOUSKI (Gießen) die Bedingungen für Mensch, Flora und Fauna im Wald von Białowieża unter nationalsozialistischer Besatzung und die antagonistischen Bestrebungen von Wirtschaftsinstitutionen, Militärführung und den Anhängern einer expliziten Umwelt-Bewahrung zu Zeiten sowjetischer Verwaltung. In seinem Beitrag exemplifizierte er den widersprüchlichen Umgang des Menschen mit urwüchsigen Waldgebieten zwischen Ressource und Reservat. Den 1.200 Kilometer südwestlich gelegenen Bayerischen Wald wählte MARIUS MAYER (Greifswald) als Exempel für die ökonomische Dimension von Nationalparks als touristische Attraktion. Dabei kam er zu dem Schluss, dass die Einrichtung eines Nationalparks zwar Opportunitätskosten verursache, gleichzeitig aber auch touristische Wertschöpfung und erheblichen gesamtgesellschaftlichen Nutzen nach sich ziehe. Die Veränderungen der „timber frontier“ in Europa bedingt durch schwankenden Holzbedarf und neue Transportmittel am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts sowie die Erörterung von Nachhaltigkeitskonzepten in internationalen Expertennetzwerken beschrieb CHRISTIAN LOTZ (Marburg). BIANCA HOENIG (Basel) gab einen Einblick in die aus der Etablierung des Tatra-Nationalparks in den Jahren 1949 bzw. 1954 resultierenden Eigentumskonflikte und die „Vertreibung“ der ortsansässigen Bevölkerung durch Zugriffsverweigerung auf die natürlichen Ressourcen. In ihrem Kommentar plädierte VERONIKA WENDLAND (Marburg) dafür, den Wechselwirkungen zwischen menschlichen und tierischen Artefakten in der historischen Forschung einen größeren Stellenwert einzuräumen und den Begriff „Ressource“ weiter zu fassen, indem etwa das Wissen über Ressourcen in die Betrachtung einbezogen werden solle. Aufgrund der ökonomischen Konnotation der Vokabel solle über eine konzeptionelle Erweiterung in Richtung „Ressourcenkulturen“ nachgedacht werden.

Der zweite Abschnitt der Tagung zielte auf soziale Konflikte und ökologische Komplikationen in vom Menschen geschaffenen Reservaten. Die Umweltanthropologin EUNICE BLAVASCUNAS (Maine) berichtete von nicht leicht zu dechiffrierenden lokalen Identitäten im polnischen Teil des Białowieża-Nationalparks. Die Bevölkerung hielte sich demnach weit weniger strikt an die geistigen Barrieren, die nationalstaatlichen Grenzen meist immanent sind. Selbstreferentiellen Abgrenzungen zwischen polnisch und belarussisch, katholisch oder orthodox komme eine untergeordnete Rolle zu und Konflikte würden weniger aus der „letzten Diktatur Europas“ in östlicher Nachbarschaft abgeleitet, denn aus dem „letzten Urwald Europas“ selbst, dessen Schutz mit staatlichen Eingriffen in traditionelle Lebensweisen und -welten einhergehe. EU-Vorgaben und staatliche Naturschutzbestrebungen kollidierten dabei mit den Interessen der Lokalbevölkerung, die ihren Jahrhunderte alten Sonderstatus ebenso bewahren wolle, wie die Zugriffsmöglichkeit auf „ihren“ Wald. Der Biologie-Didaktiker HANS-PETER ZIEMEK (Gießen) rekurrierte auf das Watt, die Biosphäre mit der weltweit höchsten biologischen Produktivität, als Gegenmodell zum Wald, als Flächen, auf denen nichts zu finden ist und der Mensch keine ökonomischen Interessen geltend mache. Dabei arbeitete er die gegensätzlichen Ansatzpunkte der Halligen-Bewohner, lokaler Vogelschützer, den großen Volksparteien und anderer Akteure in der Gründungsgeschichte des Wattenmeer-Schutzgebietes heraus. Der Beitrag von FELIX SCHÜRMANN (Kassel) hatte dagegen nur indirekt mit Wasser zu tun. Er beschrieb Auswilderungsprojekte auf der ökologisch weitestgehend intakt gebliebenen Insel Rubondo inmitten des völlig verseuchten Viktoriasees. Deutlich wurden die Schwierigkeiten, vor welche sich der Mensch in seinen anfänglichen Versuchen der Umsiedlung von Wildtieren gestellt sah, wie auch die Kehrseiten menschlicher Planbarkeitsphantasien – durch gestalterische Eingriffe in den natürlichen Lauf der Dinge werden eben nicht historisch entstandene Naturräume bewahrt, sondern vielmehr neue Ökosysteme geschaffen. MIEKE ROSCHER (Kassel) warf in ihrem Kommentar eine Reihe von Fragen aus Sicht der Human-Animal-Studies auf, welche einen Perspektivenwechsel in Bezug auf das Verhältnis von Mensch und Tier anmahnten. So stelle sich etwa die Frage, ob im Rahmen einer „politischen Tiergeschichte“ nicht vielmehr der Mensch als Störfaktor tierischer Lebenswelten in den Mittelpunkt gerückt und nach tierlichen Erinnerungsorten gesucht werden müsse. CLAUDIA KRAFT (Siegen) verwies auf die Schwierigkeiten in der Errichtung von Reservaten, welche sich aus unterschiedlichen Vorstellungen von „richtiger“ und „natürlicher“ Entwicklung unter den involvierten Akteuren ergäben. Da sich diese Konflikte stets auf die Eigentumsfrage, das „Wem gehört die Natur?“ oder „Wer hat die Verfügungsgewalt über die Ressourcen inne“, zurückführen ließen, seien in der Beziehung Mensch–Tier–Kultur die Eigentumsrechte oder -kulturen genauerer Betrachtung zu unterziehen. Die geschilderten Fallbeispiele vom Menschen motivierter Naturreservate zeigten zudem auf, dass Versuche des „ecological engineering“ durch den Paternalismus der Behörden gegenüber den Ortsansässigen zugleich immer auch Momente des „social engineering“ beinhalteten.

Das abschließende Panel widmete sich den visuellen Zugängen zum Verhältnis von Mensch und Tier, der Symbolkraft einzelner Spezies sowie der internationalen Dimension des Białowieża-Nationalparks. ANDREA REHLING (Mainz) stellte die politischen Implikationen des UNESCO-Programms dar, die in dessen Genese vor dem Hintergrund der Emanzipationsbestrebungen ehemals kolonialisierter Staaten oder im deutlichen Ungleichgewicht zwischen Weltkultur- und Weltnaturerbestätten anklingen. So seien auch die Eintragungen der beiden polnischen Bewerbungen um Aufnahme in die UNESCO-Liste als Ausnahmen zu werten – die rekonstruierte Altstadt Warschaus (1978) in Anerkennung der Leiden des polnischen Volkes und der Białowieski Park Narodowy in seiner Beispielhaftigkeit als einziges Weltnaturerbe auf dem europäischen Kontinent. RAF DE BONT (Maastricht) berichtete aus einer Fallstudie über die Geschichte der Internationalen Gesellschaft zur Rettung des Wisents und die darin zum Ausdruck kommende, sich verändernde Rolle von Wissenschaft sowie über räumliche Dynamiken in der Zucht vom Aussterben bedrohter Tierarten. Die polnische Sicht auf den Wald von Białowieża und die Rolle von Einzelpersonen und Expertennetzwerken im Naturschutz erörterte MARKUS KRZOSKA (Gießen) und regte an, kolonialen und imperialen Funktionen und Strukturen in diesem Zusammenhang mehr Aufmerksamkeit zu schenken. ANNA-KATHARINA WÖBSE (Bremen) zeigte anhand internationaler Tierschutzkampagnen die Funktion und Verwendungsformen von Tierikonen im Rahmen einer visuellen Verwertungslogik. Diese müssten mit Bedrohung und Bedürftigkeit aufgeladen werden, um die nötige Empathie zu generieren, womit sich ein Spannungsfeld zwischen suggerierter Gefährdung und der den bedrohten Arten zugeschriebenen Stärke oder Erhabenheit auftäte. BERNHARD GISSIBL (Mainz) stellte in seinem Kommentar die Relevanz von nationalen Diskursen im Kontext umweltkonservatorischer Maßnahmen heraus, wobei etwa in der Etablierung des Białowieża-Nationalparks ein Akt polnischer Selbstversicherung zu erkennen sei. Darüber hinaus monierte er, dass den Vorträgen in der Betrachtung von Tieren als Spezies und Repräsentanten die Untersuchung der „agency“ lebender Organismen gefehlt habe. In einem weiteren Kommentar zu diesem Panel plädierte FRANK UEKÖTTER (Birmingham) für eine Aufweichung festgefügter territorialer Begrenzungen durch stärkere Vernetzung der Osteuropäischen Geschichte mit der Umweltgeschichte, wenngleich die hierbei naturgemäß unterschiedlichen Brennweiten und Perspektiven nicht zwangsläufig in Übereinstimmung gebracht werden müssten. Zudem forderte er ein deutlicheres Hinterfragen von Begriffen, beispielsweise des Urwald-Topos, der Eigeninteressen thematisierter Akteure, von Degenerations-Metaphern und nationalen Symboliken ein.

Das Konzept des Workshops hielt die Beitragenden zu Gunsten einer breiten Debatte methodisch-struktureller Fragen und anschlussfähiger Konzepte in interdisziplinärer und transnationaler Sicht zu äußerster Kürze an, wofür ein Versand der Konferenzpaper im Vorfeld sicherlich zuträglich gewesen wäre. Dennoch bewährte sich die stringente Begrenzung der Vortragszeit und bot den nötigen Raum, das Für und Wider umweltgeschichtlicher Ansätze, methodische Reflexionen über Human-Animal-Studies und das Potenzial naturwissenschaftlicher Anleihen für den historiografischen Erkenntnisgewinn zu erörtern. Erwartungsgemäß kontrovers wurde unter anderem diskutiert, ob die Umweltgeschichte mehr Mode oder Methode sei und welche Möglichkeiten und Grenzen aus einer Vernetzung der vertretenen Disziplinen resultieren können.

Dass die angestrebte Interdisziplinarität des Workshops wie auch des zugrundeliegenden Forschungsprojekts keine rein antragsstrategische Erwägung zur Einwerbung von Drittmitteln darstellte, war evident. Obwohl Vertreter aus der Referenzregion Polen–Belarus fehlten, zeigte die Zusammensetzung doch, dass das Gießener Projekt sich nicht auf eine mikrogeschichtliche Detailstudie beschränken möchte und im ersten Jahr seiner Laufzeit bereits international vernetzt ist. Die im Rahmen des Workshops andiskutierten Fragestellungen nach der Rolle von Planbarkeitsutopien, der Erzeugung von Entscheidungskompetenzen im Kontext des Naturschutzes oder den Strategien verschiedener Akteure, die Deutungshoheit über umweltschutzrelevante Territorien zu erlangen, erscheinen lohnenswerte Objekte weiterer Untersuchungen und Fachdiskussionen. Die Veranstalter stellten hierzu in Aussicht, die Inhalte und Ergebnisse des Workshops der Fachöffentlichkeit zur Verfügung stellen zu wollen.

Konferenzübersicht:

Einführung
Moderation: Markus Krzoska (Gießen)

Klaus Gestwa (Tübingen), Umweltgeschichte und Osteuropäische Geschichte: Beziehungen und Herausforderungen

Kommentar: Thomas Bohn (Gießen)

Panel 1: Ressourcen
Moderation: Thomas Bohn (Gießen)

Aliaksandr Dalhouski (Gießen), Verteilungskämpfe im Wald von Białowieża (1939-1945)

Christian Lotz (Marburg), Internationale forstwissenschaftliche Kongresse und die „timber frontier“ in Europa (1870-1914)

Bianca Hoenig (Basel), Wem gehört die Tatra? Eigentumskonflikte im Tatranationalpark

Marius Mayer (Greifswald), Nationalparks als touristische Attraktionspunkte und deren ökonomische Bewertung

Kommentar: Veronika Wendland (Marburg)

Panel 2: Reservate
Moderation: Hans-Jürgen Bömelburg (Gießen)

Eunice Blavascunas (Maine), Never True Peasants, Not Now Proletariats: Refashioning the Local Population of Białowieża

Hans-Peter Ziemek (Gießen), Vom europäischen Randmeerlebensraum zum transnationalen Politikprojekt – das Wattenmeer und seine Schutzgebiete

Felix Schürmann (Kassel), Wildern und Auswildern in Tansania: Das nachkoloniale Ostafrika als Experimentierfeld für Artenschutzverfahren

Kommentare: Mieke Roscher (Kassel) / Claudia Kraft (Siegen)

Panel 3: Images
Moderation: Stefan Rohdewald (Gießen)

Andrea Rehling (Mainz), Białowieża im Kontext des UNESCO-Weltnaturerbes

Markus Krzoska (Gießen), Internationaler Wisent- und Wildpferdschutz und nationale Ideologie. Die polnische Sicht der Dinge

Raf de Bont (Maastricht), Extinct in the Wild: A Spatial History of Wisent Preservation

Anna-Katharina Wöbse (Bremen), Charismatische (Tier-)Ikonen in den internationalen Naturschutz-Kampagnen des 20. Jahrhunderts

Kommentare: Frank Uekötter (Birmingham) / Bernhard Gißibl (Mainz)

Zitation
Tagungsbericht: Wisent-Reservat und UNESCO-Welterbe. Referenzen für den Białowieża-Nationalpark (Belavežskaja Pušča), 24.04.2015 – 25.04.2015 Gießen, in: H-Soz-Kult, 17.07.2015, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-6072>.