The Political Cult of the Dead in Ukraine. Traditions and Dimensions from Soviet Time to Today

Ort
München
Veranstalter
Guido Hausmann; Iryna Sklokina
Datum
09.07.2015 - 11.07.2015
Von
Boris Ganichev / Michael Störk, Historisches Seminar, Ludwig-Maximilians-Universität München

In den 1990er-Jahren veröffentlichten George Mosse und Reinhart Koselleck bahnbrechende Werke zum politischen Totenkult, die auf Westeuropa, besonders auf französische und deutsche Traditionen im 18. Jahrhundert, fokussiert waren. Jüngst wandten sich auch Osteuropahistoriker dem Thema zu. Die Untersuchungen betrachteten vorrangig den Kult um politische Führer wie Lenin, Stalin oder Piłsudski sowie den Gefallenenkult des Zweiten Weltkrieges und seine politische Instrumentalisierung durch die sozialistischen Regime nach 1945. Nur selten widmeten sich die Forscher anderen Themenfeldern. Ziel der gemeinsam von Guido Hausmann (München) und Iryna Sklokina (Lwiw) organisierten Tagung war es, darüber hinaus zu gehen und analytische Zugänge zum politischen Totenkult in der Ukraine zu erarbeiten, seine Traditionen und regionalen Dimensionen zu betrachten und die Opfer des Euromaidan in einen breiteren historischen Kontext einzuordnen.

In seiner Eröffnungsrede zum ersten Panel zum Konzept und der Entstehung des politischen Totenkultes in der Ukraine problematisierte GUIDO HAUSMANN (München) die Anwendung der für Westeuropa entwickelten Konzepte auf die osteuropäische, im Besonderen die ukrainische, Geschichte. So seien diese nicht in der Lage, den politischen Totenkult in der Ukraine hinreichend zu erklären. Die spezifisch ukrainischen Gedenktraditionen zu verstehen, bedeute die geschichtlichen und politischen Traditionen, die religiöse Ausdifferenzierung, die starke Rolle der Regionen und den niedrigen Grad nationaler und kultureller Integration einzubeziehen und die Vorstellung einer strikten Trennung zwischen ziviler und militärischer Sphäre in der Ukraine zu hinterfragen.

CHRISTOPH MICK (Warwick) zeigte in seinem Vortrag auf, wie der Erste Weltkrieg in Zwischenkriegspolen bedeutungsvoll aufgeladen und dabei die ukrainischen und jüdischen Minderheiten entfremdet wurden. Im Kontrast zu Westeuropa spielte der Erste Weltkrieg in Polen keine Rolle im offiziellen Staatsgedenken. Erinnerungspraktiken zielten auf die Schlachten ab, die der neue polnische Staat mit den Nachbarstaaten um seine Grenzen geschlagen hatte. Der auf die polnischen Opfer fokussierte politische Totenkult schloss die ukrainischen Opfer aus und begünstigte somit die Erstarkung der Idee eines unabhängigen ukrainischen Staates in der Region.

Das Panel schloss mit dem Vortrag von ANDRIY LJUBARETS (Kiew), der das Konzept einer dualistischen Sicht auf die moderne ukrainische kulturelle Erinnerung in Frage stellte und das hohe Maß der Instrumentalisierung und Politisierung der Schlacht von Kruty, die 1918 zwischen Truppen der Bolschewik und der Ukrainischen Volksrepublik geschlagen wurde, aufzeigte. So hatte die ukrainische Regierung 1918 versucht, die Kritik an ihrer Schuld am Tod der Kämpfer abzudämpfen, indem sie Neubestattungen vornahm. Sowohl in den 1930er-Jahren als auch heute feiern Nationalisten Kruty als Sieg. Nach 1991 wurde das Gedenken an die Schlacht unter der Präsidentschaft Wiktor Juschtschenkos in Form von Gedenkmärschen gefördert.

Das zweite Panel zum Erbe des Zweiten Weltkrieges in und über die Ukraine hinaus wurde von SERHY YEKELCHYK (Victoria) eröffnet. Er analysierte die Entwicklung sowjetischer Erinnerungspolitik in Bezug auf den Zweiten Weltkrieg anhand des Parks des ewigen Ruhms in Kiew. So zeigte er auf, wie das Gedenken nach einer kurzen Phase ohne zentralisierte Erinnerungspolitik vom sowjetischen Staat unter Stalin übernommen wurde. Unter Chruschtschow und Breschnew wandelte sich der Park nochmals und wurde zum symbolischen Zentrum des Kriegsgedenkens in der Ukrainischen Sowjetrepublik. Unter Wiktor Juschtschenko wurde der Park durch die Errichtung eines Denkmals und eines Museums für die Opfer des Holodomor als Gedenkort nochmals umgedeutet.

EKATERINA MAKHOTINA (München) zeigte in ihrem Vortrag auf, wie offizielle Monumente und Denkmäler an gefallene Soldaten genutzt wurden, um den Zweiten Weltkrieg in der Sowjetunion und im post-sowjetischen Russland mit Sinn zu versehen. Sie demonstrierte, dass der Prozess der Schaffung der Erinnerung durch Denkmäler in der Sowjetunion vielmehr eklektisch und vieldeutig war, als zentralisiert und vom Staat kontrolliert. Im zweiten Teil zeigte sie, wie sich die materialisierte Erinnerung im post-sowjetischen Russland durch ihre geopolitische Nutzung wandelte und gewandelt wurde. So wurde der Sieg der sowjetischen Menschen zu einem Sieg und Triumph des Russischen Staates umgedeutet.

OLEKSANDRA GAIDAI (Kiew) betrachtete, wie die unabhängige Ukraine sich dem kommunistischen Erbe in materieller und geistiger Form stellte. Im Fokus ihrer Untersuchung stand die Entfernung von Leninstatuen in der post-sowjetischen Ukraine. Sie skizzierte, wie die öffentliche Meinung gegenüber diesen Statuen von politischen Umständen bestimmt wurde und identifizierte unterschiedliche Phasen, die größtenteils nicht von zentralstaatlicher Politik, sondern eher von lokalen Behörden bestimmt waren. Der „Leninopad“ (Leninfall) von 2013/14 stand in direkter Verbindung zum Euromaidan und zeigt, wie die vergessenen Leninstatuen in den Städten als Symbole sowjetisch-russischer Unterdrückung „wiederentdeckt“ wurden.

KATERYNA KOBCHENKO (Kiew) beleuchtete, wie weibliche Soldaten der Roten Armee nach dem Zweiten Weltkrieg als Heldinnen gefeiert wurden und hob die Transformation dieser politischen Totenkulte in der heutigen Ukraine hervor. Sie wies den Heldinnen eine wichtige Funktion als symbolische Personifikation des Mutterlandes und als Mittel zur Popularisierung der weiblichen Beteiligung am Krieg zu. Die Ehrung von Frauen als Heldinnen des Krieges ist in der unabhängigen Ukraine immer noch sichtbar. Mit der Konstruktion eines modernen nationalen Kriegsnarratives vollzog sich jedoch eine „Ukrainisierung“ der Helden und Heldinnen des Zweiten Weltkriegs, was auch eine Rehabilitierung jener Frauen bedeutete, die als Feinde des sowjetischen Staates stigmatisiert worden waren.

Das dritte Panel zum sowjetischen Erbe in der Ukraine wurde von OKSANA MYSHLOVSKA (Genf) eröffnet, die den Banderakult in der Ukraine zwischen 1991 und 2015 untersuchte. So habe sich das Gedenken und die Monumentalisierung Banderas in den letzten 20 Jahren über jene Gebiete hinaus ausgebreitet, in denen er gelebt und aktiv gewirkt hat. War die Popularisierung Banderas zuvor noch maßgeblich von der Svoboda Partei geprägt, wurden Symbole und Slogans der OUN (Organisation Ukrainischer Nationalisten) und der UPA (Ukrainische Aufständische Armee) während des Euromaidans breiter zur Mobilisierung genutzt. Allerdings wurden diese uminterpretiert und in neue Rituale des Gedenkens an die Opfer des Euromaidan und der „antiterroristischen Operation“ in der östlichen Ukraine integriert. Zugleich biete die Heroisierung keinen Raum, um auf lokaler Ebene kontroverse Fragen zu problematisieren.

POLINA BARVINSKA (Odessa) analysierte die Nutzung der Vergangenheit am Beispiel der gefallenen Soldaten und Matrosen im heutigen Odessa. Angesichts dessen, dass Odessa unter den ersten als Heldenstadt der Sowjetunion ausgezeichneten Städten war, hatte das Gedenken an die Verteidiger und Befreier stets eine große Bedeutung in der Stadt. Seit der Unabhängigkeit der Ukraine spielten auch neue Akteure eine Rolle in der Gedenkkultur und bestimmte Denkmäler in Odessa wurden von unterschiedlichen Gruppen mit teils gegenteiligen Ansichten und Werten genutzt. So führte beispielweise die Nationalisierung des Gedenkens in Odessa zu Zusammenstößen mit pro-sowjetischen Aktivisten. Seit 2014 zeichnet sich eine Dekommunisierung, jedoch keine Deheroisierung des sowjetischen Militärs ab, was eine weitere Transformation für die Stadt verspricht.

IRYNA SKLOKINA (Lwiw / Charkiw) betrachtete die regionale Diversität im Gedenken an die in Afghanistan gefallenen ukrainischen Soldaten mit Fokus auf Zhytomyr, Charkiw und die Donbas Region. Sie zeigte auf, wie es der organisierten Bewegung der Afhantsi gelang, trotz des negativen Images des Afghanistankrieges, ab 1991 eine positive Erinnerungskultur zu schaffen und sie in den Kontext des neuen nationalen Geschichtsnarratives einzubetten. Sie hob die regionalen Differenzen des Gedenkens hervor, welches in der Region Charkiw bis zum Euromaidan von der grenzüberschreitenden Kooperation mit russischen Veteranenorganisationen des Afghanistankrieges beeinflusst war. Zugleich würden die Afhantsi regionenübergreifend als eng mit den Veteranen des Zweiten Weltkrieges verbunden und als ihre Nachfahren betrachtet sowie als „Väter“ der neuen Veteranen des Euromaidan und der „antiterroristischen Operation“ in der östlichen Ukraine.

Das Panel schloss mit dem Vortrag von MARIANA HAUSLEITNER (Berlin) zum multikulturellen Gedenken in der Stadt Tscherniwzi seit 1993. Vor dem Zweiten Weltkrieg waren 40 Prozent der Stadtbevölkerung jüdisch, die meisten wurden im Holocaust getötet. Nach dem Krieg stieg die ukrainische Bevölkerung von zehn auf 80 Prozent und die multikulturelle Geschichte der Stadt fand keinen Platz in der offiziellen Erinnerungspolitik. Die Unabhängigkeit der Ukraine brachte aber nicht nur das Gedenken an die jüdische Vergangenheit mit sich, sondern auch an die deutsche und rumänische Geschichte der Stadt: unterschiedliche Denkmäler für jüdische, deutsche und rumänische Autoren, die von ausländischen Spenden bezahlt wurden, sind seit 1991 errichtet worden. Zugleich werden frühere Kämpfer der OUN und UPA, von denen einige mit der Wehrmacht kollaborierten, als Märtyrer für die Freiheit des Landes gefeiert.

Das abschließende Panel zur Ukraine in Revolution und Krieg 2013-2015 wurde von einem Beitrag ANDRIY PORTNOVs (Berlin) zum post-Maidan Dnipropetrovsk eröffnet. Seine Untersuchung zeigte auf, wie die Stadt nach der Annexion der Krim und dem Kriegsausbruch in der angrenzenden Donbas Region überraschend zur Bastion zivilen ukrainischen Nationalismus wurde. Er demonstrierte, wie unterschiedliche Akteure aus Grassroots Bewegungen, aber auch private und zum Teil auch staatliche Akteure eine wichtige Rolle bei der Formierung des pro-ukrainischen Nationalismus spielten. Schließlich sprach er sich auch dafür aus, eine neue analytische Sprache zur Untersuchung der Ukraine zu entwickeln, die Heterogenität und kontroverse Fragen nicht als Zeichen der Schwäche ansieht.

OLESYA KHROMEYCHUKs (London) Vortrag behandelte das Dilemma des Gedenkens an nationalistische militärische Organisationen im Zweiten Weltkrieg in der heutigen Ukraine, konkret der Waffen-SS Division „Galicia“. Sie zeigte auf, wie die Division seit 1991 in die mnemonische Landkarte eingetragen wurde. Allerdings nur als Kämpfer, die einen marginalen Beitrag zur Unabhängigkeit des Landes leisteten. Sie hob hervor, dass die neuerlichen Ereignisse wie das „Gesetz zum legalen Status und zur Ehrung der Erinnerung der Kämpfer für die ukrainische Unabhängigkeit im 20. Jahrhundert“ die periphere Rolle der Division verstärkten, da sie weder offen ausgeschlossen, noch in das heroische Narrativ eingeschlossen würde.

Im letzten Vortrag behandelte MILENA MILENINA (Kiew) den tanathologischen Diskurs der Revolution der Würde in der Ukraine. Sie analysierte mündliche Texte, die während Leichenmahlen oder Friedhofsbesuchen für die Opfer der Euromaidanproteste geäußert wurden. Diese trugen die Züge volksnektrotischer Texte einer modernen Stadt und beinhalteten biographische Geschichten über die Verstorbenen. Die Auslegung der Biographie der Verstorbenen war abhängig von der Einschätzung des Euromaidan durch den Sprechenden. Nach den Ereignissen in der Instytutskastraße, während derer zahlreiche Menschen getötet wurden, ließ sich eine Stärkung der Unterstützung der Euromaidanbewegung verzeichnen. Auch eine Veränderung der den „Himmlischen Hundert“ gewidmeten Texte lässt sich seit dem Erfolg des Euromaidan und seiner offiziellen Anerkennung durch die neue Regierung feststellen.

In der Abschlussdiskussion wurden zahlreiche zentrale Aspekte von den Teilnehmern kommentiert. Zunächst wurde die Unterscheidung zwischen zivilem und militärischem Gedenken problematisiert, die für die historische Untersuchung von Bedeutung und besonders im Falle des sowjetischen Gedenkens von Nutzen ist. Des Weiteren wurde nach der Definition des Politischen gefragt, also danach, ob es eine strikte Trennung geben kann und ob es Sinn macht politischen und öffentlichen Totenkult zu trennen oder ob nicht die Idee eines hybriden Kults in Betracht gezogen werden sollte. Auch der Begriff des Opfers (sacrifice) bedürfe einer präziseren Definition, da es Unterschiede zwischen einem persönlichen Opfer und einer Person, die von anderen geopfert wird, gebe. Festgehalten wurde, dass man im Falle der Denkmäler kaum von einem distinktiven sowjetisch-ukrainischen politischen Totenkult sprechen könne. Darüber hinaus wurde das Fehlen von Untersuchungen zum politischen Totenkult in ländlichen Gegenden als wichtiges Forschungsdesiderat für die Zukunft identifiziert. Zusammenfassend hat die Tagung eine neue analytische Perspektive auf ein bisher unbeachtetes Thema geworfen, die sowohl historisch als auch für die aktuelle Situation in der Ukraine relevant ist.

Konferenzübersicht:

Panel I: The Concept and the Formation of the Political Cult of the Dead in the Ukrainian Lands in the First Half of the 20th Century

Guido Hausmann (München), How to Apply the Concept of the Political Cult of the Dead to the History of Ukraine

Christoph Mick (Warwick), War Remembrance in Inter-War Poland

Andriy Ljubarets (Kiew), How to Exploit the Dead: The Commemoration of the Dead of Kruty 1918 and Today

Panel II: The Legacy of World War II in and beyond Ukraine

Serhy Yekelchyk (Victoria), The Park of Eternal Glory in Kyiv from the late 1950s to Independent Ukraine

Ekaterina Makhotina (München), The 1991 Divide in Russia: From the Soviet to the Russian Cult of the Fallen Soldier

Oleksandra Gaidai (Kiew), Statues of Lenin in the Politics of Memory and Collective Memory of Residents of Central Ukraine

Kateryna Kobchenko (Kiew), Soviet Heroines of World War II: Women in the Symbolic Honorable Hierarchy

Panel III: The Soviet Legacy in Various Regions of Ukraine

Oksana Myshlovska (Genf), The Bandera Cult in Western Ukraine 1991-2015

Polina Barvinska (Odessa), Uses of the Past. The Fallen Soviet Soldiers and Sailors in Odesa

Iryna Sklokina (Lwiw / Charkiw), Regional Diversity in the Commemoration of the Fallen Afghanistan Soldiers in Ukraine: Zhytomyr, Kharkiv, Donbas

Mariana Hausleitner (Berlin), Commemorating Multiculturally in Chernivtsy since 1993

Panel IV: Ukraine in Revolution and War 2013-2015

Andriy Portnov (Berlin), Post-Maidan Dnipropetrovsk. Commemorative Practices, Self-Representation, Ideologies

Olesya Khromeychuk (London), The Dilemmas of Remembering Nationalist Military Organisations of the Second World War in Contemporary Ukraine

Milena Milenina (Kiew), Tanathological Discourse of the Revolution of Dignity in Ukraine

Zitation
Tagungsbericht: The Political Cult of the Dead in Ukraine. Traditions and Dimensions from Soviet Time to Today, 09.07.2015 – 11.07.2015 München, in: H-Soz-Kult, 08.09.2015, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-6148>.